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Fabeln von La Fontaine
Die Fabeln von La Fontaine sind 243 allegorische Fabeln des französischen Schriftstellers Jean de La Fontaine. Sie wurden zwischen 1668 und 1694 in drei Bänden …
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Kern und Aufbau
Die Fabeln von La Fontaine sind 243 allegorische Fabeln des französischen Schriftstellers Jean de La Fontaine. Sie erschienen zwischen 1668 und 1694 in drei Bänden. Eine Fabel ist eine kurze erzählende Form, die meist eine Lehre oder Moral vermittelt; allegorisch bedeutet, dass Figuren und Handlungen stellvertretend für allgemeine menschliche Eigenschaften oder gesellschaftliche Zustände stehen.
Die Texte beruhen überwiegend auf Fabeln von Äsop, Babrios und Phaedrus sowie auf indischer Literatur. Im Mittelpunkt stehen anthropomorphe Tiere, also Tiere mit menschlichen Eigenschaften, die sprechen, handeln und gesellschaftliche Rollen einnehmen. Die Fabeln sind in freien Versen geschrieben und enthalten eine Moral, die ausdrücklich genannt oder nur angedeutet wird. Diese Moral kann am Anfang oder am Ende der jeweiligen Fabel stehen.
Obwohl die Sammlungen den Nachkommen des königlichen Hofstaats gewidmet waren, richteten sie sich grundsätzlich an erwachsene Leserinnen und Leser. Seit dem 19. Jahrhundert wurden sie jedoch auch für pädagogische Zwecke herausgegeben. Bis heute gehören sie in französischen Grundschulen fest zum Lehrstoff.
Entstehung der drei Sammlungen
Der erste Band erschien 1668, einige Jahre nach John Ogilbys englischen Paraphrasen von Äsops Fabeln. Er war dem siebenjährigen Grand Dauphin gewidmet, dem Sohn des französischen Königs Ludwig XIV. La Fontaine gehörte damals zum Hofstaat von Margarethe von Lothringen, einer Tante Ludwigs XIV., und lebte bis zu ihrem Tod im Jahr 1672 in ihrem Wohnsitz im Palais du Luxembourg.
Die zweite Sammlung erschien 1678. Ihre Fabeln sind meist länger und dichterisch stärker ausgeschmückt als die früheren Texte. Teilweise beruhen sie auf Erzählungen aus der altindischen Sammlung Panchatantra, die La Fontaine dem indischen Weisen Pilpay zuschrieb. In dieser Sammlung tritt die Gesellschaftskritik deutlicher hervor, besonders in den sogenannten „Löwenfabeln“ wie Der Hof des Löwen, Der Löwe, der Affe und die beiden Esel oder Der Löwe, der in den Krieg ziehen wollte.
Die dritte und letzte Sammlung wurde 1694 veröffentlicht, wenige Monate vor La Fontaines Tod und nach einer schweren Krankheit des Autors. La Fontaine war zu diesem Zeitpunkt über siebzig Jahre alt, allgemein respektiert und Mitglied der Académie française. Er widmete das Werk dem Herzog von Burgund, einem Enkel Ludwigs XIV. Der damals zwölfjährige Prinz gab La Fontaine das Thema für eine seiner letzten Fabeln: Die alte Katze und die junge Maus.
Stil und literarische Bedeutung
Die meisten Fabeln La Fontaines sind in unregelmäßigen Versen geschrieben. Dadurch nähert sich ihr Stil der Prosa an. Es handelt sich aber nicht um reimlose freie Verse im modernen Sinn des 20. Jahrhunderts. Zwar wechselt die Silbenzahl von Vers zu Vers, doch verwendet La Fontaine immer zumindest eine Assonanz oder einen Reim. Eine Assonanz ist ein Gleichklang von Vokalen, der ähnlich wie ein Reim Klangverbindungen im Text schafft.
In der Vorrede zur ersten Ausgabe nannte La Fontaine selbst seine Vorbilder: Äsop, Phaedrus und den indischen Weisen Pilpay. Er erklärte außerdem seine Absicht, den Fabeln „durch einige Zutaten“ einen „neuen und frischen Reiz“ zu geben. Seine Hoffnung, dass andere das Unternehmen weiterführen würden, erfüllte sich: Im 18. Jahrhundert griffen unter anderem Christian Fürchtegott Gellert, Gotthold Ephraim Lessing, Iwan Andrejewitsch Krylow, Adam Naruszewicz und Félix María Samaniego die Fabeltradition auf. Im 20. Jahrhundert nutzten etwa Bertolt Brecht, Rudolf Kirsten, Wolfdietrich Schnurre und Helmut Arntzen Fabeln, um Schwächen der modernen Gesellschaft darzustellen.
Zusammen mit den Tragödien von Pierre Corneille und Jean Racine sowie den Komödien von Molière gehören La Fontaines Fabeln bis heute zum Grundbestand der stilistisch maßgeblichen französischen Klassik des 17. Jahrhunderts.
Gesellschaftskritik und Menschenbild
In La Fontaines Fabelwelt setzen sich häufig körperliche Stärke und List durch. Dadurch wird die Grausamkeit der absoluten Monarchie unter Ludwig XIV. sichtbar gemacht. Besonders in verhüllter Form kritisiert La Fontaine Willkür, Kriegspolitik, Rechtsverletzungen und die Ohnmacht der Schwachen.
Die Fabeln bewegen sich dabei zwischen Kritik und Loyalität. Sie sind eine maskierte Satire: Sie greifen gesellschaftliche und politische Zustände an, ohne sie immer direkt zu benennen. La Fontaine befürwortet jedoch keinen gewaltbereiten oder skrupellosen Machiavellismus. Als Humanist will er vielmehr unrealistische Vorstellungen von einer allgemein herrschenden menschlichen Güte korrigieren.