Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Exil in der Türkei 1933–1945
In der Zeit des Nationalsozialismus gingen mehrere hundert Verfolgte ins Exil in der Türkei. Diejenigen, die von Deutschland ausgebürgert wurden oder aus …
Inhalt4 Abschnitte
Exil in der Türkei: Bedeutung und Rahmen
Während des Nationalsozialismus fanden bis 1945 etwa 1.000 Exilanten aus dem deutschsprachigen Raum Zuflucht in der Türkei. Mehrere hundert Verfolgte gingen ins Land; Menschen, die aus Deutschland ausgebürgert oder staatenlos waren, erhielten teils den Passvermerk „heimatlos“. Daraus wurde das Synonym für ihren Status, das als haymatloz in die türkische Sprache einging.
Viele flohen wegen antisemitischer Verfolgung, beruflicher Ausschaltung oder anderer Gefährdungen. Die Abgrenzung zwischen regulärer Arbeitsmigration und politischem Exil ist jedoch teilweise schwierig. Die Exilierten nannten sich ironisch „Deutsche Kolonie B“, um sich von den „Reichs- und Volksdeutschen“ abzugrenzen.
Die Türkei hatte seit der Republikgründung unter Atatürk Reformen zur Verwestlichung eingeleitet. Bei der Universitätsreform von 1933 schloss sie im Juli erste Verträge mit deutschen Wissenschaftlern. Diese sollten Türkisch lernen und Lehrbücher auf Türkisch veröffentlichen; dafür erhielten sie meist gut dotierte Stellen an Hochschulen und Regierungsbehörden. Teilweise entstanden Institute unter Leitung von Exilanten. Nach dem Anschluss Österreichs folgten Emigranten aus Österreich, später auch aus besetzten Ländern. Ab 1937 zogen einige weiter, besonders in die USA und nach Großbritannien.
Zuflucht und Grenzen der türkischen Politik
Das Exil trug zur Entwicklung türkischer Universitäten, wissenschaftlicher Einrichtungen sowie der Künste und Musik bei. Zugleich war die türkische Flüchtlingspolitik widersprüchlich: Im Zusammenhang mit der Propagierung der türkischen Nation und dem Assimilationsdruck auf andere ethnische Gruppen erschwerte oder verweigerte die Türkei jüdischen Flüchtlingen die Einwanderung und diskriminierte auch eigene Staatsbürger jüdischen Glaubens.
Die Regierung in Ankara widersetzte sich etwa der Rückführung türkischer Juden aus Frankreich. Die restriktive Haltung der Türkei und Großbritanniens war mit ein Grund für die Versenkung der Struma durch ein sowjetisches U-Boot 1942; fast 800 Menschen starben. Einzelne türkische Diplomaten handelten gegen die offizielle Linie: Selahattin Ülkümen rettete auf Rhodos etwa 50 Juden vor der Deportation und wurde 1990 als Gerechter unter den Völkern geehrt. İsmail Necdet Kent ermöglichte als Generalkonsul in Marseille von 1942 bis 1945 zahlreichen Verfolgten mit türkischen Reisepässen die Ausreise in die Türkei.
Ein Teil der Exilanten beantragte erfolgreich die türkische Staatsbürgerschaft oder heiratete einheimische Partner. Bis 1949 waren etwa zwei Drittel in die Herkunftsländer zurückgekehrt, knapp 30 Prozent in die USA übergesiedelt und nur wenige in der Türkei heimisch geworden. Anpassungsprobleme und die autoritäre Beziehung des Staates zu Einwanderern förderten häufig die Weiterreise. Ein Angebot Albert Einsteins vom 17. September 1933, vierzig deutsche Professoren und Ärzte ein Jahr kostenlos arbeiten zu lassen, lehnte die Regierung ab; die Literatur vermutet als Grund, dass kein Projekt mit einer ausdrücklich jüdischen Organisation gewünscht war.
Kinder und Schule in Ankara
Zu den etwa 1.000 deutschsprachigen Flüchtlingen gehörten rund 275 Kinder. Etwa 53 lebten mit ihren Eltern in Ankara, weitere 10 wurden dort geboren. Die Väter der 63 genannten Kinder waren fast durchweg Akademiker, oft wegen ihres jüdischen Glaubens aus deutschen Hochschulen vertrieben, aber in Ankara als gefragte Fachkräfte tätig. Daher erlebten viele Kinder keinen unmittelbaren Fluchtweg, sondern einen geplanten Umzug. Eine auf Interviews beruhende Studie beurteilt ihre Kindheit im Exil überwiegend als Bereicherung statt grundsätzlich als traumatisch; ob dies für die gesamte Türkei gilt, bleibt offen.
Ankara hatte um 1935 etwa 120.000 Einwohner und lag in einer kahlen Steppe. Unbefestigte Straßen, Kamelkarawanen, heiße Sommer und das Nebeneinander bäuerlicher Gesellschaft und westlich orientierter Moderne prägten die Stadt. Für Kinder bot ihre überschaubare Größe viel Bewegungsfreiheit. Die Familien lebten in der Neustadt nach europäischen Standards, hielten engen Kontakt und bewahrten Traditionen. Die Türkei blieb bis drei Monate vor Kriegsende offiziell neutral; es gab zwar Lebensmittelrationierung und Verdunklung, aber keine unmittelbare Lebensgefahr. Kontakte zu türkischen Kindern blieben meist gering, weil nur wenige Exilantenkinder türkische Schulen besuchten.
In Ankara gab es damals keine deutsche Schule. Türkische Schulen waren für ausländische Schüler kaum vorbereitet; Sprachprobleme, lange Unterrichtszeiten, Uniformen, militärischer Drill, erlaubte Prügelstrafe und Klassen von etwa 65 Schülern erschwerten den Besuch. Außerdem wollten viele Familien später in die USA weiterziehen. Die kostenlose türkische Schule wurde deshalb vor allem bei finanziellen Schwierigkeiten besucht.
Leyla Kudrets Unterricht und Internierung
Die meisten Familien wollten eine Ausbildung nach deutschem System und eine Vorbereitung auf das Externen-Abitur an der Deutschen Schule Istanbul. Der deutsche „Schulzirkel“ in Ankara kam für die Emigranten nicht infrage. Diese Aufgabe übernahm Dr. phil. Leyla Kudret, geborene Doris Zernott (1895–1992), die als Privatlehrerin zunächst in Istanbul und ab 1934 in Ankara tätig war.
Sie unterrichtete altersgemischte Kinder in altershomogenen Lerngruppen und jahrgangsübergreifend, zunächst in ihrer Wohnung. Nach einem unbegründeten Spionageverdacht erhielt sie 1940 zeitweise Unterrichtsverbot; der Unterricht zog in Elternwohnungen um. Die Kinder lernten den Stoff von deutscher Grundschule, Mittelschule und Realgymnasium. Weil Schulbücher fehlten, mussten sie im Unterricht mitschreiben und die Notizen zu Hause ausarbeiten. Leyla Kudret unterrichtete unter anderem Physik, Mathematik, Englisch, Französisch, Latein, deutsche Literatur, Geschichte und Biologie sowie Schreibmaschine, Handelskunde und Stenografie. Kunst, Sport und Musik bot sie nicht an. Weitere Exilierte ergänzten den Unterricht, etwa Ernst Reuter in Geographie, Georg Rohde in Latein und Altgriechisch sowie Eduard Zuckmayer am Klavier.
Am 2. August 1944 brach die Türkei die Beziehungen zu Deutschland ab und forderte deutsche Staatsangehörige zur Ausreise auf. Wer nicht abreiste, wurde meist interniert; am 23. August kamen sie nach Kırşehir, Çorum oder Yozgat. Dort gab es kein reguläres Schulangebot, weshalb Akademiker, katholische Padres und Nonnen sowie in Çorum österreichische Lehrer Privatunterricht organisierten. Die achtzehnmonatige Internierung endete zu Weihnachten 1945. Leyla Kudrets Schule bestand weiter; sie lehrte später auch an der 1952 gegründeten Deutschen Schule Ankara, die seit 2002 Ernst-Reuter-Schule heißt. 1985 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz.