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Eva von Redecker

Eva Katharina von Redecker (* 2. Februar 1982 in Kiel) ist eine deutsche Philosophin, Longtermismus' angestrebte digitale Unsterblichkeit vollziehe.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Person und Bedeutung
  2. 2. Ausbildung und akademischer Weg
  3. 3. Öffentliches Engagement und persönliche Angaben
  4. 4. Revolution, Gewalt und sozialer Wandel
  5. 5. Phantombesitz, Freiheit und Faschismus
  6. 6. Wichtige Veröffentlichungen

Person und Bedeutung

Eva Katharina von Redecker (* 2. Februar 1982 in Kiel) ist eine deutsche Philosophin, Autorin und Publizistin. Ihre Arbeit liegt an der Schnittstelle von Kritischer Theorie und feministischer Philosophie. Kritische Theorie meint hier eine philosophische Richtung, die gesellschaftliche Machtverhältnisse und Formen von Unterdrückung untersucht; feministische Philosophie fragt unter anderem nach Geschlecht, Gleichheit, Macht und sozialer Gerechtigkeit.

Wichtige Themen ihrer Publikationen sind Eigentum, sozialer Wandel, das Verhältnis von Struktur und Handlungsfähigkeit sowie moralisches Urteilen. Mit „Struktur“ sind gesellschaftliche Bedingungen und Regeln gemeint, die Menschen prägen; „Handlungsfähigkeit“ bezeichnet die Möglichkeit von Menschen, trotz solcher Bedingungen aktiv zu handeln und Veränderungen anzustoßen.

Ausbildung und akademischer Weg

Von Redecker wurde in Kiel geboren und wuchs auf dem Biobauernhof Schoolbek in Kosel auf, den ihre Eltern betrieben. Nach dem Abitur am Jungmann-Gymnasium in Eckernförde studierte sie in Kiel, Tübingen, Cambridge und Potsdam Philosophie, Germanistik und Geschichte. Sie gibt außerdem an, begonnene Studien der Medizin und des Lehramts abgebrochen zu haben. 2009 schloss sie ihr Studium mit dem Magister im Hauptfach Philosophie ab.

Von 2009 bis 2019 arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für praktische Philosophie/Sozialphilosophie der Humboldt-Universität Berlin. Ab 2017 baute sie als stellvertretende Direktorin das Center for Humanities and Social Change mit auf. 2013 bis 2014 war sie Gastwissenschaftlerin am philosophischen Institut der Universität Cambridge; dort war Raymond Geuss ihr Mentor. Ihre Promotion schloss sie 2015 ab, betreut von Rahel Jaeggi und Raymond Geuss. Im Wintersemester 2015/2016 lehrte sie als Gastdozentin an der New School for Social Research in New York. 2020/21 hatte sie eine Marie-Skłodowska-Curie-Fellowship an der Universität Verona und forschte dort zum autoritären Charakter.

Sie ist assoziiertes Mitglied des Zentrums für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität Berlin und seit 2024 Mitglied des Kuratoriums der Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin. Zum Sommersemester 2026 ist sie als Vertretungsprofessorin für Philosophie an der Hochschule für bildende Künste Hamburg (HFBK) designiert.

Öffentliches Engagement und persönliche Angaben

Während der COVID-19-Pandemie gehörte Eva von Redecker zu den Erstunterzeichnerinnen der Zero-Covid-Kampagne. Diese Kampagne forderte eine Zero-Covid-Strategie, deren Ziel es war, das Coronavirus durch einen mehrwöchigen Total-Lockdown zu eliminieren.

Zur Europawahl 2024 war sie Erstunterzeichnende der Kampagne „Wir wählen links“. Mitte Juni 2024 forderte sie gemeinsam mit mehreren tausend weiteren Dozenten den Rücktritt der Bildungs- und Forschungsministerin Bettina Stark-Watzinger. Anlass waren deren damals stark kritisierte Erwägungen zur Sanktionierung von Hochschulangehörigen.

Von Redecker wurde christlich erzogen, bezeichnet sich als ungläubige Christin und lebt offen lesbisch. Sie ist in der Prignitz in Brandenburg ansässig.

Revolution, Gewalt und sozialer Wandel

In ihrem Buch „Praxis und Revolution“ entwickelt Eva von Redecker ein neues Verständnis von Revolution. Revolution meint bei ihr nicht nur einen plötzlichen Umsturz, sondern einen Prozess radikalen Wandels. Ihre These entsteht vor dem Hintergrund einer materialistischen Sozialtheorie. Eine materialistische Sozialtheorie erklärt Gesellschaft vor allem über konkrete soziale Praktiken, materielle Bedingungen und Machtverhältnisse.

Nach von Redecker entsteht radikaler Wandel prozessual: Abseitige Praxis, also zunächst randständige oder ungewöhnliche Formen des Handelns, wird schrittweise auf neue Paradigmen übertragen. Ein Paradigma ist ein grundlegendes Muster, nach dem Menschen denken und handeln. Revolution besteht demnach darin, dass neue Praktiken nach und nach tragfähig werden und gesellschaftliche Ordnung verändern.

Außerdem schrieb von Redecker eine Einführung in die Philosophie Judith Butlers. Darin stellt sie Butlers Gesamtwerk in verschiedenen Facetten als Analyse von „Gewalt vor der Gewalt“ dar. Gemeint ist, dass Gewalt nicht erst in sichtbaren Gewalttaten beginnt, sondern schon in gesellschaftlichen Bedingungen, Normen und Ausschlüssen vorbereitet sein kann. Daneben verfasste sie eine Monografie über Hannah Arendts Moralphilosophie.

Phantombesitz, Freiheit und Faschismus

Ein zentrales Konzept bei von Redecker ist der „Phantombesitz“. In „Revolution für das Leben“ und in akademischen Arbeiten definiert sie ihn als historisch begründeten „Verfügungswillen […], wo gar kein institutionell abgesicherter Herrschaftsanspruch mehr besteht“. Damit ist gemeint: Menschen oder Gruppen beanspruchen weiterhin Macht über andere, obwohl diese Macht rechtlich oder institutionell nicht mehr abgesichert ist.

Mit diesem Begriff erklärt von Redecker, warum verschiedene Formen von Diskriminierung und Unterdrückung intersektional fortbestehen. „Intersektional“ bedeutet, dass verschiedene Formen von Benachteiligung, zum Beispiel aufgrund von Geschlecht, Herkunft, Klasse oder Sexualität, zusammenwirken können. Im neoliberalen Kapitalismus würden frühere rechtliche Privilegien als eine Art Eigentum beansprucht. Dadurch könnten gesellschaftliche Backlashes, also Gegenbewegungen gegen Fortschritte, und individuelle Gewalttaten verständlich werden.

Auch die Entwicklung generativer „KI“ deutet von Redecker als Anspruch auf einen Phantombesitz an Intelligenz durch finanzstarke Personen und Unternehmen. Dies geschehe nach ihrer Darstellung durch offene Einhegung geistigen Eigentums und durch die in Teilen des Longtermismus angestrebte digitale Unsterblichkeit. Longtermismus bezeichnet hier eine Denkrichtung, die sich besonders auf sehr langfristige Zukunftsszenarien konzentriert.

In „Bleibefreiheit“ deutet von Redecker den Freiheitsbegriff zeitlich um. Freiheit wird normalerweise oft räumlich verstanden, also als Möglichkeit, sich frei zu bewegen. In Zeiten der Klimakrise und umweltschädlichen Mobilitätsverhaltens hält sie es für zukunftsfähiger, Freiheit als Möglichkeit zu verstehen, an einem Ort bleiben zu können. Diese „Bleibefreiheit“ soll Lebensgrundlagen erhalten und nicht zur Vereinzelung führen, sondern gemeinsame Verantwortung für die Umwelt fördern. Diese Umdeutung des Freiheitsbegriffs wurde kontrovers diskutiert.

In „Dieser Drang nach Härte“ beschäftigt sich von Redecker mit Faschismus. Sie urteilt, „die Sprache, mit der wir über den Faschismus reden, [scheine] kaputtgegangen zu sein“. Der Begriff sei durch seine Nutzung als gegenseitiger Vorwurf entwertet worden, müsse aber angesichts aktueller Phänomene neu bestimmt werden. Faschismus definiert sie nicht nur über die sozialdarwinistische Naturalisierung des Konkurrenzkampfes. Sozialdarwinistisch bedeutet, gesellschaftliche Konkurrenz fälschlich als natürliche Auslese zu deuten. Im Gegensatz zu früheren Definitionen, die Kollektivismus betonten, hebt von Redecker außerdem einen durch Individualität und Eigentum geprägten „Anspruch auf Destruktion“ hervor, der sich schließlich in „liquidierender Phantombesitzverteidigung“ äußere.

Wichtige Veröffentlichungen

Zu von Redeckers Monografien gehören „Zur Aktualität von Judith Butler. Eine Einleitung in ihr Werk“ (2011), „Gravitation zum Guten. Hannah Arendts Moralphilosophie“ (2013), „Praxis und Revolution. Eine Sozialtheorie radikalen Wandels“ (2018), „Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen“ (2020), „Bleibefreiheit“ (2023) und „Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus“ (2026). „Praxis und Revolution“ erschien 2021 auch auf Englisch als „Praxis and Revolution. A Theory of Social Transformation“. Gemeinsam mit Maja Göpel veröffentlichte sie „Schöpfen und Erschöpfen“ (2022), herausgegeben von Margarita Tsomou und Maximilian Haas.

Ihre wissenschaftlichen Aufsätze behandeln unter anderem Hannah Arendt, Autoritarismus, Phantom Possession, Geschlechterfragen, Anti-Genderismus, Marx, queeres Begehren und Formen zivilen Ungehorsams. Daneben schrieb sie Essays, darunter „Was wird jetzt aus der Freiheit?“ in „Die Zeit“ (13. Oktober 2021), „Brief aus dem Wald“ in „Le Monde diplomatique D“ (11. Februar 2021) und „Lesbisches Sehen“ (2017). Als Herausgeberin war sie unter anderem an „Lust an Komplexität und Irritation / Pleasures of Complexity and Confusion“ (2010) und an „Judith Butler: Krieg und Affekt“ (2009) beteiligt.

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