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Euthyphron-Dilemma

Allgemein ausgedrückt geht es um die Frage, ob etwas deswegen moralisch richtig ist, weil es dem Willen einer Gottheit entspricht, oder ob es an und für sich …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kern des Dilemmas
  2. 2. Platons Ausgangspunkt
  3. 3. Antworten des Mittelalters
  4. 4. Vernunft und Autonomie
  5. 5. Moderne Lösungsversuche und Kritik

Kern des Dilemmas

Das Euthyphron-Dilemma ist ein philosophisches und theologisches Problem über das Verhältnis von Moral und göttlichem Willen. Es fragt: Ist etwas moralisch richtig, weil eine Gottheit es will, oder wird es von der Gottheit gewollt, weil es an und für sich richtig ist? Damit berührt das Dilemma den Gegensatz zwischen der Befehlsstruktur religiöser Systeme und der Autonomie der Moral, also einer Moral, die sich durch Vernunft selbst begründet.

Beide Antworten bereiten theistischen Systemen Schwierigkeiten. Wird das Gute ausschließlich als das von Gott Gewollte definiert, haben die Begriffe „gut“ und „richtig“ keinen eigenständigen Inhalt. Ethische Aussagen lassen sich dann vollständig auf Aussagen über Gottes Willen zurückführen. Die Ethik besitzt keine eigenen Entscheidungskriterien, und der religiöse Mensch ist heteronom bestimmt, folgt also einem von außen gesetzten Willen.

Hat das moralisch Richtige dagegen eigene, vernünftig erkennbare Merkmale, ist Gottes Zustimmung kein notwendiger Bestandteil seiner Definition. Dann besteht eine Norm, an die auch Gott gebunden sein muss, wenn die Aussage „Gott ist gut“ sinnvoll sein soll. Diese Norm erscheint als höchste Instanz über dem göttlichen Willen. Das widerspricht theologischen Lehren, die kein von Gott unabhängiges und seine Allmacht begrenzendes Prinzip anerkennen. Außerdem scheinen göttliche Gebote für die Moral entbehrlich zu werden.

Platons Ausgangspunkt

In Platons literarischem Dialog „Euthyphron“ sprechen Sokrates und sein betont religiöser Mitbürger Euthyphron über das Wesen der Frömmigkeit. Der griechische Begriff τὸ ὅσιον (to hósion) bezeichnet „das Fromme“, also das Richtige oder Pflichtgemäße. Euthyphron schlägt als Definition vor: „Was also den Göttern lieb ist, ist fromm; was nicht lieb, ruchlos.“ Die Definition wird zunächst so präzisiert, dass fromm sei, was alle Götter lieben.

Sokrates fragt daraufhin: „Wird das Fromme von den Göttern geliebt, weil es fromm ist, oder ist es fromm, weil es geliebt wird?“ Nach seiner Auffassung darf das Fromme nicht einfach mit dem Gottgeliebten gleichgesetzt werden. Etwas ist gottgeliebt, weil die Götter es lieben; das Fromme lieben sie dagegen, weil es fromm ist. Die Aussage, etwas werde von den Göttern geliebt, beschreibt daher nicht das Wesen des Frommen, sondern nur, was mit ihm geschieht. Euthyphrons Definition erklärt folglich nicht, was Frömmigkeit selbst ist.

In der Forschung ist umstritten, ob alle Teile dieser Argumentation schlüssig sind; überwiegend gilt sie als Ganzes als nicht schlüssig. Platon selbst vertrat jedoch offenbar die klare Position, dass das ethisch Richtige nicht durch die Einstellung der Götter definiert werden könne. Für ihn war die Frage daher noch kein echtes Dilemma. Dazu wurde sie erst später in der christlichen Theologie, als die Autonomie der Ethik mit bestimmten Vorstellungen von Gott in Konflikt geriet.

Antworten des Mittelalters

Im lateinischsprachigen Mittelalter wurde das Problem ohne Bezug auf Platons damals dort unbekannten Dialog behandelt. Anselm von Canterbury ging davon aus, dass Menschen das Gute und Gerechte erkennen können und dass moralische Werte eine einheitliche transzendente Quelle haben: Gott. Das Gute ist nach Anselm keine beliebige Erfindung Gottes, sondern Ausdruck seiner Natur. Gott kann daher nichts Ungutes wollen und es allein durch seinen Willen gut machen; könnte er das, wäre er nicht Gott.

Thomas von Aquin entwickelte eine ähnliche Lösung. Sein „natürliches Gesetz“ umfasst die Prinzipien dessen, was für den Menschen richtig und gut ist. Es ist durch Gottes Willen in der menschlichen Natur angelegt und für die menschliche Einsicht zugänglich. Es ist jedoch nicht gut, weil Gott es will; vielmehr ist es an sich gut und wird deshalb von Gott gewollt. Gottes Gebote verlangen seine Befolgung. Das Gute existiert dabei nicht außerhalb Gottes, sondern ist Ausdruck seines eigenen Wesens. Gott kann nichts anderes als das Gute wollen, weil ein anderer Wille eine Veränderung seiner Natur und eine Beeinträchtigung seiner Vollkommenheit bedeuten würde, was Thomas grundsätzlich ausschließt.

Heinrich von Gent vertrat dagegen einen „theologischen Voluntarismus“. Danach ist Gottes Wille frei im Sinne von grundlos: Dass Gott etwas will, hat keinen anderen Grund als diesen Willen selbst; die Güte des Gewollten ist nicht die Ursache der göttlichen Entscheidung. In welchem Umfang Johannes Duns Scotus und Wilhelm von Ockham ebenfalls Voluntaristen waren, ist in der Forschung umstritten.

Vernunft und Autonomie

In der Frühen Neuzeit verteidigte René Descartes entschieden die voluntaristische Position. Nicolas Malebranche, Gottfried Wilhelm Leibniz, Benjamin Whichcote und Ralph Cudworth widersprachen ihr. Für sie gehört das moralisch Gute wie mathematische Gegebenheiten zu den ewigen Wahrheiten: Diese hängen nicht von Gottes Willen ab, sondern sind notwendigerweise so, wie sie sind.

Immanuel Kant forderte besonders konsequent die Autonomie des menschlichen Willens. Der Wille soll sich dem moralischen Gesetz unterwerfen, sich dabei aber selbst als dessen Urheber verstehen. Das Sittengesetz folgt allgemeinen Prinzipien und beansprucht allgemeine Gültigkeit; sein Grund liegt dennoch nicht in einer äußeren Autorität, sondern in der durch reine Vernunft gewonnenen Einsicht der handelnden Person. Entscheidend ist allein, was als Pflicht erkannt wird.

Wird eine Handlung durch eigene oder fremde Interessen oder durch göttliche Gebote erzwungen, ist sie nach Kant nicht moralisch motiviert und kann daher nicht als moralisch gelten. Den auf vermeintlich göttlichen Verordnungen beruhenden „statutarischen Glauben“ verurteilte er als „Religionswahn“: Er mache Gott zu einem Idol und seine Verehrung zum Frondienst.

Moderne Lösungsversuche und Kritik

Im frühen 19. Jahrhundert versuchte Johann Michael Sailer, Gott mit dem schlechthin Guten gleichzusetzen. Gott wählt demnach nicht das Gute, sondern ist seinem Wesen nach selbst das Gute. Das moralisch Gute ist deshalb nicht aufgrund eines Befehls gut, sondern in sich selbst.

Bertrand Russell nutzte das Dilemma 1927 in „Why I am not a Christian“ („Warum ich kein Christ bin“) gegen eine theistische Moralbegründung. Entsteht der Unterschied zwischen Gut und Böse erst durch Gottes Gebote, gibt es für Gott selbst keinen solchen Unterschied, und die Aussage „Gott ist gut“ verliert ihren Sinn. Soll diese Aussage sinnvoll bleiben, müssen Richtig und Falsch unabhängig von Gottes Befehlen Bedeutung besitzen und Gott logisch vorausgehen.

Die Position, nach der etwas durch Gottes Befehl moralisch gut wird, heißt Divine Command Theory. Die Gegenposition wird Natural Law Theory genannt. Eine bis heute andauernde Diskussion setzte ein, nachdem Philip Quinn 1978 eine Verteidigung der Divine Command Theory veröffentlicht hatte. Viele Theisten vertreten eine dritte Lösung: Gott sei zwar die Quelle des Guten, doch Moral beruhe nicht auf seinem Willen, sondern auf seiner unveränderlichen, vollkommen guten Natur. Dazu zählen William P. Alston, William Lane Craig, Robert Merrihew Adams und Norman Kretzmann.

Wes Morriston unterscheidet drei Varianten der Divine Command Theory: Die erste schließt schlechte göttliche Gebote wegen Gottes guter Natur aus. Die zweite verändert die Theorie so, dass ein schlechtes Gebot nicht befolgt werden müsste. Die dritte verlangt auch dessen Befolgung und verweist auf Gottes Transzendenz sowie auf Gründe, die Menschen nicht beurteilen könnten. Morriston hält alle drei Varianten für unzureichend. Linda Trinkaus Zagzebski verwirft ebenfalls alle Ansätze der Divine Command Theory und schlägt eine Divine Motivation Theory vor, die das moralisch Gute nicht von Gottes Willen, sondern von seiner Motivation abhängig macht.

Michael Schmidt-Salomon wandte das Dilemma 2005 gegen den „moralischen Gottesbeweis“ an. Wären Gebote allein deshalb gut, weil sie von Gott stammen, müsste gefragt werden, ob auch ein göttliches Gebot zum Foltern oder Ermorden von Kindern moralisch gerechtfertigt wäre. Wer erklärt, ein allgütiger Gott würde so etwas niemals gebieten, verwendet nach Schmidt-Salomon bereits eigene moralische Maßstäbe zur Beurteilung Gottes. William Lane Craig bezeichnete das Dilemma als falsch und erwiderte, Gottes Natur selbst sei das Gute; seine Anweisungen seien daher seinem Charakter entsprechend zwangsläufig gut. Morriston kritisierte, dies verschiebe das Problem nur: Ist Gott aufgrund einer ihm logisch vorausgehenden Eigenschaft gut, oder ist Güte allein deshalb gut, weil Gott sie besitzt?

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