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Gérard Genette
Gérard Raymond Genette (* 7. Juni 1930 in Paris; † 11. Mai 2018 in Ivry-sur-Seine) war ein französischer Literaturwissenschaftler, der seit der zweiten …
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Bedeutung und Arbeitsgebiet
Gérard Raymond Genette (1930–2018) war ein französischer Literaturwissenschaftler und einer der einflussreichen Vertreter der Erzähltheorie seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er untersuchte literarische Texte vor allem mit Methoden des Strukturalismus. Dabei werden Texte als Systeme betrachtet, deren einzelne Elemente durch ihre Beziehungen und Funktionen verständlich werden.
Genette entwickelte wichtige Begriffe und Modelle der Narratologie, also der wissenschaftlichen Untersuchung von Erzählungen. Seine Arbeiten befassen sich unter anderem mit der Rolle des Autors, den Beziehungen zwischen Texten, dem Aufbau erzählender Texte und der Frage, aus welcher Perspektive eine Geschichte vermittelt wird.
Zentrale Begriffe der Erzähltheorie
Genette prägte den Begriff Diegese neu. Damit ist die erzählte Welt gemeint, in der Figuren, Ereignisse und Handlungen einer Erzählung angesiedelt sind. Daraus entwickelte er Kriterien zur Untersuchung der Fokalisierung und der Erzählerposition. Fokalisierung bezeichnet den Blickwinkel beziehungsweise den Umfang des Wissens, aus dem die erzählte Welt dargestellt wird. Die Erzählerposition beschreibt, wie der Erzähler zur Geschichte und zur erzählten Welt steht.
Eine weitere grundlegende Unterscheidung betrifft „discours“ und „histoire“. Diese Begriffe trennen das Wie einer Erzählung von ihrem Was: „histoire“ bezeichnet den erzählten Inhalt, „discours“ dessen sprachliche und erzählerische Gestaltung. Im Englischen wird dies meist als „story vs. discourse“ bezeichnet; die russischen Formalisten verwendeten dafür „fabula vs. sujet“.
Genette erweiterte dieses zweigliedrige Modell zu den drei Aspekten „histoire“, „récit“ und „narration“. „Histoire“ ist die Geschichte beziehungsweise die Folge der dargestellten Ereignisse. „Récit“ bezeichnet den erzählenden Text oder Diskurs, in dem diese Ereignisse angeordnet und präsentiert werden. „Narration“ meint den Vorgang oder Akt des Erzählens.
Beziehungen zwischen Texten
Genette untersuchte Intertextualität, also Beziehungen eines Textes zu anderen Texten, sowie Paratexte. Paratexte sind begleitende Bestandteile und Rahmenelemente eines Werkes. Beide ordnete er dem umfassenderen Begriff „Transtextualität“ unter, der verschiedene Arten von Beziehungen zwischen Texten bezeichnet.
Diese Überlegungen entwickelte er auch in Auseinandersetzung mit den Arbeiten Julia Kristevas. Besonders behandelt werden sie in „Palimpsestes. La littérature au second degré“, das auf Deutsch als „Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe“ erschien.
Akademischer Werdegang
Genette wurde am 7. Juni 1930 im 20. Arrondissement von Paris geboren. Nach dem Lycée Lakanal studierte er erfolgreich an der École normale supérieure. Ab 1963 arbeitete er als Assistent, 1967 wurde er Professor für französische Literatur an der Sorbonne. 1969 erhielt er eine Gastprofessur an der Yale University, und 1970 war er an der Gründung der Zeitschrift „Poétique“ beteiligt.
Er lehrte außerdem als Maître de conférences an der École pratique des hautes études (EPHE). Nach der Verselbstständigung der École des Hautes Études en Sciences Sociales (EHESS) wurde er dort Professor im Rang eines Directeur d’études. Mit dieser Pariser Hochschule blieb er bis zu seiner Pensionierung 1994 eng verbunden.
Politisch gehörte Genette zunächst der Französischen Kommunistischen Partei (PCF) an. Aus Empörung über die Parteiausschlüsse von André Marty im Jahr 1952 und Pierre Hervé im Jahr 1956 verließ er sie. Von 1957 bis 1958 war er Mitglied der Organisation „Socialisme ou barbarie“. Genette starb am 11. Mai 2018 im Alter von 87 Jahren in Ivry-sur-Seine bei Paris.
Wichtige Veröffentlichungen
Zu Genettes zentralen französischsprachigen Veröffentlichungen gehören „Figures“ (1969), „Figures III“ (1972), „Mimologiques. Voyage en Cratylie“ (1976), „Introduction à l’architexte“ (1979), „Palimpsestes. La littérature au second degré“ (1982), „Seuils“ (1987), „Fiction et diction“ (1991) und „Épilogue“ (2014).
In deutscher Sprache erschienen unter anderem „Diskurs der Erzählung. Ein methodologischer Versuch“ und „Neuer Diskurs der Erzählung“ in dem von Jochen Vogt herausgegebenen Band „Die Erzählung“ (1998), außerdem „Einführung in den Architext“ (1990), „Fiktion und Diktion“ (1992), „Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe“ (1993), „Mimologiken. Reise nach Kratylien“ (1996), „Paratexte. Das Buch vom Beiwerk des Buches“ (1989) und „Metalepse“ (2018). Diese Werke behandeln insbesondere Erzählstrukturen, Textbeziehungen und die Rahmenbestandteile literarischer Werke.