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Fokalisierung

Fokalisierung ist ein von Gérard Genette im Jahr 1972 geprägter Begriff aus der Erzähltheorie, der das Verhältnis zwischen dem Wissen eines Erzählers und dem …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundbegriff
  2. 2. Bewegliche Zuordnung
  3. 3. Nullfokalisierung
  4. 4. Interne Fokalisierung
  5. 5. Externe Fokalisierung
  6. 6. Kritik und Weiterentwicklung

Grundbegriff

Fokalisierung ist ein Begriff aus der Erzähltheorie, den Gérard Genette im Jahr 1972 geprägt hat. Er beschreibt das Verhältnis zwischen dem Wissen eines Erzählers und dem Wissen einer Figur. Es geht also darum, wie viel der Erzähler im Vergleich zu den Figuren weiß und mitteilt.

Genette unterscheidet drei Grundfälle: Bei der Nullfokalisierung sagt der Erzähler mehr, als jede Figur weiß. Bei der internen Fokalisierung sagt er genau das, was eine Figur weiß. Bei der externen Fokalisierung sagt er weniger, als die Figur weiß. Wichtig ist: Fokalisierung ist nicht dasselbe wie Erzählperspektive. Eine interne Fokalisierung kann zum Beispiel in der Ich-Erzählung vorkommen, aber auch in einer Erzählung in der dritten Person.

Bewegliche Zuordnung

Literarische Texte lassen sich nach Genette nicht immer eindeutig einem einzigen Fokalisierungstyp zuordnen. Die Fokalisierung kann sich im Verlauf eines Werkes ändern. Außerdem sind die Typen nicht immer scharf voneinander abzugrenzen.

Ein Beispiel für ein Abgrenzungsproblem ist die Nähe zwischen Nullfokalisierung und variabler interner Fokalisierung. Wenn die Bezugsfigur sehr schnell wechselt, kann der Eindruck entstehen, der Erzähler wisse sehr viel oder fast alles. Auch interne Fokalisierung durch eine Figur kann zugleich wie externe Fokalisierung auf andere Figuren wirken, weil deren Innenleben dann nicht direkt zugänglich ist.

Nullfokalisierung

Nullfokalisierung, auch unfokalisierte Erzählung genannt, liegt vor, wenn ein Text einen allwissenden Erzähler verwendet. Dieser Erzähler hat Einblick in die Gedanken und Gefühle aller Figuren und kann Zusammenhänge darstellen, die den einzelnen Figuren unbekannt sind. Diese Form ist zum Beispiel im Roman des 19. Jahrhunderts weit verbreitet.

Ein Textabschnitt ist genau dann als nullfokalisiert zu bezeichnen, wenn sich das Erzählte nicht aus einer klar identifizierbaren Perspektive ableiten lässt. Eine Perspektive gilt als klar identifizierbar, wenn die Passage intern oder extern fokalisiert wurde.

Der Begriff wurde später teilweise kritisiert. Der Grund: Ein Erzähler hat grundsätzlich einen eigenen Horizont und kann nicht als absolut objektive Instanz verstanden werden. Deshalb kann Nullfokalisierung auch als hypothetisches Konstrukt angesehen werden.

Interne Fokalisierung

Bei der internen Fokalisierung wird stark aus dem Blickwinkel einer einzelnen Figur erzählt. Dinge, die diese Figur nicht weiß, werden auch nicht erzählt. Ein Textabschnitt kann dann als intern fokalisiert bezeichnet werden, wenn das Erzählte aus der Perspektive einer Figur präsentiert wird.

Interne Fokalisierung darf nicht mit der Ich-Erzählung gleichgesetzt werden. Die Ich-Erzählung ist zwar ein häufiges Anwendungsfeld, aber interne Fokalisierung kann auch in Erzählungen in der dritten Person auftreten. Extremformen sind der innere Monolog und der Bewusstseinsstrom, bei denen Gedanken und Wahrnehmungen einer Figur besonders unmittelbar dargestellt werden.

Genette unterscheidet drei Typen: feste interne Fokalisierung, bei der eine Erzählperspektive niemals verlassen wird; variable interne Fokalisierung, bei der die Figur wechselt, durch die fokalisiert wird; und multiple interne Fokalisierung, bei der ein einziges Ereignis aus der Sicht verschiedener Personen erzählt werden kann, etwa im Briefroman. Die Figur, durch die fokalisiert wird, wird häufig mit dem englischen Begriff Focalizer bezeichnet.

Externe Fokalisierung

Bei der externen Fokalisierung hat der Erzähler keinen Einblick in das Innenleben einer Figur. Er beschreibt nur ihre Handlungen. Für Leserinnen und Leser können diese Handlungen zunächst unverständlich bleiben, weil Gedanken, Gefühle oder Absichten nicht direkt mitgeteilt werden.

Der Erzähler ist dabei nicht mit dem Autor gleichzusetzen. In dieser Form kennt der Erzähler das Innenleben von keiner einzigen Figur. Ein Textabschnitt kann als extern fokalisiert bezeichnet werden, wenn er von Figuren handelt, aber keine direkten Informationen über deren Mentalität oder mentale Zustände enthält.

Kritik und Weiterentwicklung

Mieke Bal kritisiert Genettes Modell und erweitert es um weitere Begriffe. Ihre Kritik richtet sich besonders gegen die externe Fokalisierung und die Nullfokalisierung. Sie argumentiert, dass nicht-fokalisierte Passagen nie völlig frei von subjektiven Perspektiven seien. Auch Einstellung, Stimmung oder ein eingeschränktes Sichtfeld beeinflussen, wie erzählt wird.

Bal schlägt deshalb vor, externe Fokalisierung und Nullfokalisierung unter dem Begriff externe Fokalisierung zusammenzufassen. In ihrer Erzähltheorie bedeutet externe Fokalisierung die Perspektive einer Instanz innerhalb der Geschichte, die sich aber nicht zwangsläufig schon in einer Figur befinden muss.

Lernvideos zu Fokalisierung

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