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Entkopplung (Wirtschaftswachstum)

Unter Entkopplung versteht man in der ökologischen Ökonomik eine Abschwächung des Zusammenhangs zwischen Wirtschaftswachstum und Umweltschäden durch …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Ziel
  2. 2. Materialverbrauch und Umweltschäden
  3. 3. Relative und absolute Entkopplung
  4. 4. Politische Ansätze
  5. 5. Grenzen und Kritik

Grundidee und Ziel

Entkopplung bezeichnet in der ökologischen Ökonomik die Abschwächung des Zusammenhangs zwischen Wirtschaftswachstum und Umweltschäden durch neuartige Produktionsprozesse. Wirtschaftsleistung soll zunehmend unabhängig von Materialverbrauch und der Emission von CO₂-Äquivalenten werden. Damit soll weiteres Wachstum nicht zur Überschreitung planetarer Grenzen führen.

Unterschieden wird vor allem danach, was vom Wachstum entkoppelt werden soll, sowie danach, ob Belastungen nur langsamer wachsen oder tatsächlich sinken. Die Hoffnung hinter absoluter Entkopplung ist, die gegenwärtige Wirtschaftsweise beibehalten und dennoch innerhalb planetarer Grenzen bleiben zu können. Umstritten ist, ob ausreichend starke relative Entkopplung absolute Entkopplung erzeugen kann.

Die Umwelt-Kuznets-Kurve nahm an, Umweltbelastung steige zunächst mit der Industrialisierung und sinke später beim Übergang zur Dienstleistungsgesellschaft. Jüngere Forschung bestätigte dies jedoch nur für unmittelbar gesundheitsschädliche Stoffe; Treibhausgasemissionen und andere externe Effekte scheinen davon nicht erfasst zu werden.

Materialverbrauch und Umweltschäden

Resource decoupling bedeutet, Wirtschaftswachstum vom Rohstoff- und Materialverbrauch zu entkoppeln: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) soll steigen, während weniger Ressourcen verbraucht werden. Stoffstromanalysen untersuchen dazu beispielsweise die globale Nutzung von Biomasse, fossilen Energieträgern und Erzen. Eine höhere Materialeffizienz, Tertiärisierung – der Übergang zu einer Dienstleistungsgesellschaft – sowie ein größerer Finanzsektor können dazu beitragen.

Impact decoupling bedeutet, die durch Wachstum verursachten Umweltschäden möglichst gering zu halten. Es ist unabhängig von resource decoupling: Materialverbrauch kann vom Wachstum entkoppelt sein, obwohl Umweltzerstörung nicht entkoppelt ist, und umgekehrt. Neben Treibhausgasemissionen werden dabei unter anderem Landnutzung, Biodiversitätsverlust, Entnahme oder Verschmutzung von Trinkwasser, Luftverschmutzung und Entwaldung berücksichtigt.

Relative und absolute Entkopplung

Relative Entkopplung liegt vor, wenn Produktion von Gütern und Dienstleistungen sowie BIP wachsen, Ressourcenverbrauch oder klimaschädliche Emissionen aber weniger stark zunehmen. Die Umweltbelastung je Einheit Wirtschaftsleistung sinkt. Unternehmen haben einen Kostenanreiz, Ressourcenproduktivität zu erhöhen, also mit demselben Input mehr Output zu erzeugen. Daher sinkt weltweit die Energieintensität: Für dieselbe Wirtschaftsleistung wird weniger Primärenergie benötigt. Entsprechend kann auch die CO₂-Intensität des BIP sinken.

Absolute Entkopplung liegt vor, wenn das BIP wächst und Energie- oder Ressourcenverbrauch gleichzeitig abnehmen. Die durch relative Entkopplung erreichten Produktivitätsgewinne müssen dafür mindestens so stark wachsen wie das BIP; erst jeder zusätzliche Effizienzgewinn führt zu absoluter Entkopplung. Für planetare Grenzen und das 1,5-Grad-Ziel wäre sie global, kontinuierlich und ausreichend schnell nötig.

Als Beispiel nennt der Artikel eine Wirtschaftsleistung von plus 3 %: Steigt der Energieverbrauch nur um 2 %, ist dies relative Entkopplung; sinken Treibhausgasemissionen um 1 % jährlich, ist dies absolute Entkopplung. Energieeffizienz steigt dann um 1 % jährlich, Emissionen pro Energieverbrauch sinken um 3 %. Dennoch genügt dies nicht, wenn Emissionen um 3 % jährlich sinken müssten.

Absolute Entkopplung wird seltener als relative beobachtet und meist nur lokal oder zeitlich begrenzt. Bei CO₂-Emissionen ist sie vergleichsweise eher möglich, etwa durch den Wechsel von fossilen Brennstoffen zu erneuerbaren Energien, bislang aber vor allem in reicheren Ländern des globalen Nordens.

Politische Ansätze

Politische Entkopplungsstrategien zielen häufig auf Dekarbonisierung bei gleichzeitigem Wirtschaftswachstum. Vorgeschlagen werden Investitionen in umweltfreundlichere Produktionsprozesse, ein massiver Ausbau erneuerbarer Energien und technologische Innovationen. Rohstoffsteuern sollen Ressourcen verteuern und Unternehmen zum Sparen sowie zu effizienterer Produktion anregen. Ähnliche Wirkungen werden von der Abschaffung umweltschädlicher Subventionen erwartet. Recycling soll Abfälle verringern; ein CO₂-Preis soll CO₂-intensive Produkte verteuern und ihre Nachfrage senken.

Entkopplung wird als globale Aufgabe beschrieben. Die CO₂-Emissionen des globalen Südens stiegen zwischen 1990 und 2017 rapide. Strategien sollen deshalb ärmeren Ländern ermöglichen, den Lebensstandard direkt mit ökologisch nachhaltigen Produktionsprozessen zu erhöhen, statt den Industrialisierungsweg heutiger Industrieländer zu wiederholen. Ein Policy Brief der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit schlägt vor, im globalen Norden weniger und im globalen Süden mehr zu konsumieren, um planetare Grenzen einzuhalten und Armut abzubauen.

Grenzen und Kritik

Kritiker von grünem Wachstum betonen, dass bisher keine empirischen Belege für langfristige und hinreichende absolute Entkopplung bei CO₂-Emissionen oder Materialverbrauch vorliegen. Die globale relative Entkopplung sei zu schwach. Zwar gibt es regional absolute Entkopplung bei Treibhausgasen, ihre Reduktionsraten reichen jedoch nicht annähernd für das 1,5-Grad-Ziel. 2024 erreichten die weltweiten CO₂-Emissionen ein Rekordhoch. Eine finnische Metastudie sieht kaum Evidenz für absolute Entkopplung von Kohlendioxid-Emissionen und Wirtschaftsleistung. Beim Materialverbrauch zeige sich sogar, dass die Weltwirtschaft materialintensiver werde; nicht einmal relative Entkopplung sei erkennbar.

Technische Effizienz hat Grenzen: Geräte können nicht unbegrenzt kleiner, leichter oder materialärmer werden, ohne ihre Funktion zu verlieren. Nicholas Georgescu-Roegen verwies auf den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik und folgerte, eine dauerhaft steigende Ressourcennutzung müsse Erdkapazitäten erschöpfen. Als möglichen Ausweg nannte er eine stationäre Wirtschaft mit annähernd konstantem BIP.

Ergebnisse können außerdem durch Produktionsverschiebungen verzerrt sein. Strenge Umweltregeln können besonders umweltschädliche Produktion ins Ausland verlagern; importierende Länder erscheinen dann sauberer. In der Schweiz sanken die produktionsbezogenen CO₂-Emissionen pro Kopf von 1990 bis 2018 um 35 %, konsumbezogen stiegen sie jedoch um gut 20 % und damit etwas schneller als die Wirtschaftsleistung. Unter Einbezug des Handels lag nicht einmal relative Entkopplung vor.

Rebound-Effekte entstehen, wenn effizientere Produkte günstiger werden und deshalb häufiger oder intensiver genutzt oder mehr davon gekauft werden. Auch eingespartes Geld kann in anderen Konsum fließen. Dadurch können erwartete Einsparungen bei Emissionen und Materialverbrauch abgeschwächt oder überkompensiert werden.

Entkopplung betrachtet vor allem die Produktion, nicht den Konsum. Bei wachsender Weltbevölkerung und steigenden Einkommen müssen Effizienzgewinne auch den zusätzlichen Bedarf übertreffen. Deshalb fordern einige Forschende Suffizienz, also eine Verringerung des Konsums. Uwe Schneidewind nennt die Entkopplung von Lebensqualität und Wirtschaftswachstum „Entkopplung zweiter Ordnung“.

Lernvideos zu Entkopplung (Wirtschaftswachstum)

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