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Ein Überlebender aus Warschau

Ein Überlebender aus Warschau (Originaltitel A Survivor from Warsaw for Narrator, Men's Chorus and Orchestra), op. 46, ist ein Melodram von Arnold Schönberg …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Werk und historische Aussage
  2. 2. Entstehung und Aufführungsbeginn
  3. 3. Musikalische Anlage und Besetzung
  4. 4. Text, Form und musikalische Deutung
  5. 5. Stellenwert und Rezeption

Werk und historische Aussage

Ein Überlebender aus Warschau (Originaltitel: A Survivor from Warsaw for Narrator, Men’s Chorus and Orchestra), op. 46, ist ein etwa siebenminütiges Melodram von Arnold Schönberg aus dem Jahr 1947 für Sprecher, Männerchor und Orchester. Ein Melodram verbindet gesprochenen Text mit Musik. Das Werk behandelt die Niederschlagung des Aufstands im Warschauer Ghetto, der am 19. April 1943 begann. Zuvor hatte ab dem 23. Juni 1942 die „große Aussiedlung“ eingesetzt: Jüdinnen und Juden wurden meist nach Treblinka in Vernichtungslager deportiert.

Der Erzähler hat sich, halbtot geschlagen, in den Untergrund gerettet und berichtet als Augenzeuge. Er schildert Morgenappell, Gewalt, die Angst um Angehörige, das Niederschlagen der Menschen und den Zählappell für Transporte in die Gaskammern. Als die Gefangenen gezählt werden, steigert sich das Zählen immer mehr; schließlich beginnen sie das Schma Jisrael zu singen. Dieses jüdische Glaubensbekenntnis bildet den Schluss. Das Werk gilt als eine der wichtigsten und meistrezipierten musikalischen Auseinandersetzungen mit dem Holocaust.

Entstehung und Aufführungsbeginn

Schönberg hatte 1933 seine Stelle an der Preußischen Akademie Berlin aus rassistischen Gründen verloren, kehrte zum jüdischen Glauben zurück und emigrierte in die USA. Die erste Anregung kam Anfang 1947 von der russischen Choreografin Corinne Chochem, die ihm ein Partisanenlied mit englischer Übersetzung schickte. Eine geplante Auftragskomposition kam wegen unterschiedlicher Honorarvorstellungen nicht zustande; auch das Partisanenlied wurde deshalb nicht verwendet.

Ein Auftrag der Koussevitzky Music Foundation in Boston ermöglichte Schönberg die Umsetzung in veränderter Form. Der Text soll nach Willi Reich auf einem Zeugenbericht beruhen; Beat Föllmi zeigte jedoch, dass Schönberg die Vorlage, besonders durch Entkonkretisierungen, stark überarbeitete. Schönberg komponierte vom 11. bis 23. August 1947. Wegen seines schlechten Gesundheitszustands schrieb er nur das Particell, also eine verkürzte Partiturniederschrift; René Leibowitz vervollständigte die Partitur unter Schönbergs Aufsicht. Das Werk ist der Koussevitzky Music Foundation und Natalie Koussevitzky gewidmet.

Die Uraufführung erfolgte am 4. November 1948 in Albuquerque, New Mexico, mit Kurt Frederick, dem Albuquerque Civic Symphony Orchestra und dem Sprecher Sherman Smith. Nach einer Schweigeminute wurde das ganze Werk wiederholt. Die europäische Erstaufführung am 15. November 1949 in Paris leitete René Leibowitz.

Musikalische Anlage und Besetzung

Das Werk verwendet Zwölftontechnik: Sein musikalisches Material basiert auf einer festgelegten Folge aller zwölf chromatischen Töne, der Zwölftonreihe fis – g – c – as – e – dis – b – cis – a – d – f – h. Die Reihe ist in zwei sechstönige Hälften, Hexachorde, gegliedert. Sie enthält auch tonale Anknüpfungspunkte, darunter einen übermäßigen Dreiklang auf den Tönen 3–5, einen Moll-Dreiklang auf den Tönen 9–11 und einen verminderten Dreiklang auf den Tönen 10–12. Der übermäßige Dreiklang c – e – as kann als Symbol des Grauens gedeutet werden; kleine Sekunden können Seufzer der Opfer ausdrücken.

Die Musik wirkt oft dissonant, unregelmäßig und zerrissen; längere Melodielinien sind kaum hörbar. Zugleich ordnen Reihen, Intervalle, Motive, rhythmische Modelle und tonale Andeutungen den Verlauf. Auffällig sind wechselnde Rhythmen, teils innerhalb eines Taktes, sowie eine punktuelle, schnell wechselnde Instrumentation: einzelne Instrumente oder Gruppen treten jeweils kurz hervor.

Besetzt ist das Stück mit großem Streichorchester, Holzbläsern einschließlich Piccoloflöte, Flöte, Oboe, Klarinette und Fagott, vier Hörnern, drei Trompeten, drei Posaunen und Tuba. Hinzu kommen Harfe, umfangreiches Schlagwerk, ein Männerchor und ein Sprecher.

Text, Form und musikalische Deutung

Formal hat das Stück drei Teile: eine instrumentale Einleitung, die vom Sprecher vorgetragene und vom Orchester begleitete Erzählung sowie den Schlusschor mit Schma Jisrael. Inhaltlich werden sechs Stationen unterschieden: Einleitung, Tagesablauf, Brutalisierung, Tod, Abzählvorgang sowie Gebet und Auferstehung.

Der Text ist dreisprachig: Der Erzähler spricht Englisch, die deutschen Befehle des Feldwebels sollen scharf und schrill erklingen, und der Männerchor singt das Schma Jisrael auf Hebräisch. Die sprachliche Aufteilung trennt Bericht, Täter und Opfer. Die deutschen Kommandos, aggressives Blech und Schlagzeug sowie starre, motorische Rhythmen kennzeichnen die Gewalt der Besatzer. Streicher, häufig in kleinen Sekunden oder Halbtönen, vermitteln Empathie für die Leidenden.

Ab Takt 12 trägt der Sprecher den Text als Sprechmelodie vor: Die Notation zeigt relative Höhen an, darf nach Schönbergs Anweisung aber nie in Gesang übergehen. Die Rhythmen sind dagegen genau festgelegt. Das Fanfarenmotiv der Einleitung kehrt beim Morgen- und Zählappell leitmotivisch wieder. Der Sprachabschnitt gliedert sich um die zweimalige Aussage „I must have been unconscious“ in vier Teile: ruhige Erinnerung, hektischer Morgenappell und Misshandlung, erneute benommene Erinnerung sowie der beschleunigte Zählappell. Die Entwicklung führt vom Ich des Berichts über ein Du zur Gemeinschaft des Wir.

In den Takten 80–99 singt der Männerchor das Schma Jisrael unisono. Der Chor wird laut von Streichern und Blech begleitet und führt zum Schluss eine Gestalt der Zwölftonreihe vor. Die absteigende kleine Sekunde gis – g erinnert an ein Merkmal der jüdischen freygischen Tonleiter. Der übermäßige Dreiklang as – c – e auf den Worten „Adonoy elohenoo Adonoy ehod“ kann die Einheit und Unwandelbarkeit Gottes symbolisieren.

Stellenwert und Rezeption

Neu in Schönbergs Schaffen ist der unmittelbare Bezug auf den zeitnahen Holocaust. In einem Brief von 1948 beschrieb er das Werk als Warnung an Jüdinnen und Juden, nicht zu vergessen, was ihnen angetan worden sei. Es steht zugleich im Zusammenhang mit seinen früheren religiösen, jüdischen und politisch-menschlichen Themen.

Die Reaktionen waren zunächst unterschiedlich. René Leibowitz betonte 1949, die musikalische Konstruktion sei trotz des Programms eigenständig; viele Zuhörende seien tief erschüttert gewesen. Luigi Nono nannte das Werk ein Meisterwerk. In Deutschland lehnten konservative Kritiker wie Hans Schnoor es in den 1950er Jahren scharf ab. Theodor W. Adorno problematisierte 1962, ob nationalsozialistische Verbrechen zum Gegenstand eines Kunstwerks werden dürften, erkannte dem Werk aber zugleich zu, dass „nie Grauen in der Musik“ so wahr geklungen habe.

Spätere kritische Vorbehalte traten zurück. Heute gilt Ein Überlebender aus Warschau als eines von Schönbergs eindringlichsten Werken; es erschließt sich laut Artikel auch ohne genaue Kenntnis der komplexen Zwölftonstrukturen. Die Behandlung des Werks wurde außerdem in schulische Lehrpläne aufgenommen.

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