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Dresdner Barock
Der Dresdner Barock ist die spezifische Ausformung des Barock- und Rokokostils in der Zeit von 1696 bis 1763 unter August dem Starken und seinem Sohn …
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Begriff, Zeitraum und Bedeutung
Der Dresdner Barock ist die besondere sächsische Ausprägung von Barock und Rokoko zwischen 1696 und 1763. Er entstand vor allem unter August dem Starken und seinem Sohn Friedrich August II., die zugleich Kurfürsten von Sachsen und Könige von Polen waren. Deshalb heißt er auch Sächsischer oder Augusteischer Barock. Führende Vertreter waren der Architekt Matthäus Daniel Pöppelmann und der Bildhauer Balthasar Permoser.
Französische und besonders italienische Vorbilder prägten seine Formensprache. In ihr verbanden sich die eher gemäßigten Bauformen des protestantischen Nordens mit der prächtigen, gegenreformatorisch geprägten Kunst des katholischen Südens. Der Stil gilt als festlich, heiter, nobel und maßvoll; reiche, bewegte Formen verbinden sich mit einer vergleichsweise kühlen Ordnung.
Dresden wurde als Residenzstadt zu einem barocken Gesamtkunstwerk umgestaltet. Die Elbe wirkte dabei ähnlich dem venezianischen Canal Grande als von repräsentativen Gebäuden eingefasste Wasserstraße. Durch Augusts Erwerb der polnischen Königskrone 1697 stieg Dresden zu einer europäischen Metropole und zu einem kulturellen Bindeglied zwischen Ost und West auf. Der Stil verbreitete sich über Sachsen bis nach Warschau.
Herrschaft, Planung und Stilentwicklung
August der Starke hatte auf seiner Grand Tour von 1687 bis 1689 zahlreiche europäische Länder kennengelernt. Nach seinem Regierungsantritt 1694 förderte er zunächst Hoffeste, Gartenkunst und repräsentatives Kunsthandwerk. Große Bauvorhaben verzögerten sich durch die Kosten der polnischen Königskrone und des Großen Nordischen Krieges ab 1700. Sein erstes eigenes Bauwerk war daher das 1705–1708 für Constantia von Cosel errichtete Taschenbergpalais.
Die Baupolitik war Teil einer zentralistischen Herrschaft. Dresdner Vorschriften verlangten Steinbauten und regelten Geschosszahl, Gebäudehöhe und Putzfarben. Besonders die Neue Königsstadt, die heutige Neustadt, erhielt dadurch ein einheitliches Erscheinungsbild. August Christoph von Wackerbarth leitete ab 1697 das sächsische Bauwesen und wurde als „Regisseur des Dresdner Barock“ bezeichnet.
Pöppelmann vertrat den bewegten, italienisch beeinflussten Hochbarock und erhielt 1711 den Auftrag für den Zwinger. Zacharias Longuelune führte ab 1713 den französischen klassizistischen Barock ein. Johann Christoph Knöffel entwickelte daraus eine zurückhaltendere Form und begründete das sächsische Rokoko. Das Oberbauamt ließ häufig mehrere Architekten Entwürfe erstellen und verband anschließend einzelne Elemente miteinander. Auch der König und Wackerbarth wirkten daran mit. Dieses kollegiale Verfahren erklärt die Mischung verschiedener Einflüsse.
Wichtige Impulse kamen außerdem vom Kunsthandwerk. Seit 1710 ließ August Meißner Porzellan herstellen, das zu einem wichtigen Exportprodukt wurde. Die Goldschmiedekunst Johann Melchior Dinglingers und später die Porzellanfiguren Johann Joachim Kändlers machten den sächsischen Hof europaweit bekannt.
Dresden als barocke Residenz
Das bekannteste Werk ist der Dresdner Zwinger, ein Gemeinschaftswerk Pöppelmanns und Permosers. Zu den weiteren Hauptbauten gehören das Palais im Großen Garten, das Taschenbergpalais, das Japanische Palais, das Blockhaus, die Brühlsche Terrasse, das Kurländer Palais, das Coselpalais, das Landhaus und das Gewandhaus. Hinzu kamen Brunnen, die umgebaute Augustusbrücke sowie zahlreiche reich verzierte Wohn- und Geschäftshäuser. Bürgerhäuser besaßen häufig Erker, Mansarddächer und vom höfischen Stil beeinflusste Fassaden. Typisch wurden aufgemalte Lisenen – flache senkrechte Wandstreifen – und illusionistische Farbfelder zwischen den Fenstern.
Eine besondere Rolle spielten die beiden großen Kirchen der Altstadt. Die evangelische Frauenkirche wurde ab 1726 nach Plänen des Ratszimmermeisters George Bähr errichtet und von August dem Starken unterstützt. Ihre Emporen, also erhöhten Sitzbereiche, ermöglichten vielen Menschen die Teilnahme am lutherischen Predigtgottesdienst. Als katholisches Gegenzeichen ließ Friedrich August II. von 1739 bis 1755 die Hofkirche nach Plänen Gaetano Chiaveris bauen. Ein innerer Umgang erlaubte Prozessionen, die wegen des protestantischen Umfelds nicht im Freien stattfanden. Damit prägten zwei herausragende Kirchen beider Konfessionen gemeinsam das Stadtbild.
Unter Friedrich August II. entstanden außerdem das Altstädter Rathaus von 1741 bis 1745 und das Neustädter Rathaus von 1750 bis 1754. Seine Kunstankäufe steigerten Dresdens Bedeutung: 1746 kaufte er für 100.000 venezianische Zecchini, etwa 650 kg Gold, die 100 besten Werke der Sammlung des Herzogs Francesco III. d’Este für die Gemäldegalerie Alter Meister.
Der Siebenjährige Krieg beendete 1756 die Blütezeit. Bei der preußischen Belagerung von 1760 wurden etwa 400 Häuser und fünf Kirchen zerstört. Der Wiederaufbau und Neubauten wie Gewandhaus, Landhaus, Kreuzkirche und Annenkirche ließen den Dresdner Barock noch bis in die 1770er und 1780er Jahre nachwirken.
Ausstrahlung über Dresden hinaus
Zu den wichtigsten königlichen Anlagen außerhalb des Dresdner Zentrums gehören Moritzburg, Pillnitz, der Barockgarten Großsedlitz und Hubertusburg. Schloss Moritzburg wurde ab 1723 nach Entwürfen Augusts des Starken und Pöppelmanns von einem Renaissance-Jagdhaus zu einer großen Schlossanlage für Hofjagden ausgebaut. Teich, Zufahrtsallee und strahlenförmige Waldachsen bezogen die Landschaft in die Gestaltung ein.
Schloss Pillnitz wurde ab 1720 durch Pöppelmann und Longuelune erweitert. Wasserpalais und Bergpalais standen sich gegenüber; Ende des 18. Jahrhunderts verband das Neue Palais sie zu einer Dreiflügelanlage. Das Wasserpalais besitzt eine Anlegestelle für Prunkschiffe. Pillnitz gilt als europaweit größter barocker Bau im chinoisen Stil, also mit chinesisch inspirierten Formen. Der ab 1719 angelegte Barockgarten Großsedlitz zählt mit seinen erhaltenen Skulpturen zu den authentischsten Barockgärten Deutschlands.
Auch Bürger und Adlige ließen im ganzen Land barock bauen. Originale Bürgerhausensembles blieben besonders in Bautzen, Görlitz und Zittau erhalten. Leipzig war mit 30.000 Einwohnern die größte und als Messestadt reichste Metropole Sachsens. Typisch waren dort „Durchhäuser“, Geschäftshöfe mit Verbindungen zwischen Straßen. Adlige Landschlösser wurden meist von Hofarchitekten entworfen und von örtlichen Baumeistern ausgeführt.
Eine eigene Gruppe bilden die sächsischen Dorfkirchen. Ihre einfachen Baukörper bestehen häufig aus Kirchenschiff, östlichem Chor und Westturm. Kanzelaltäre verbinden Kanzel und Altar; Emporen stammen als Gestaltungsidee aus dem Theaterbau. In etwa 30 Dorfkirchen befinden sich Silbermannorgeln. Zentralbauten wie die Seiffener Kirche von 1776–1779 standen unter dem Einfluss von Bährs Frauenkirche.
In der Lausitz blieben katholische Klöster trotz der Reformation bestehen. St. Marienthal und St. Marienstern existieren seit 1234 beziehungsweise 1248 ohne Unterbrechung. Auch Neuzelle erhielt eine reiche barocke Ausstattung. In Warschau ließ August um 1700 die Sächsische Achse mit repräsentativen Bauten und Gärten anlegen; dort wirkte besonders Joachim Daniel Jauch.
Zerstörung und Wiederaufbau
Schon die Entwicklung Dresdens zur Großstadt am Ende des 19. Jahrhunderts führte zum Abriss zahlreicher Barockbauten. Die Luftangriffe des Zweiten Weltkriegs bewirkten dann nahezu den Untergang der historischen Barockstadt. Beim anschließenden Wiederaufbau wurden viele beschädigte Bürgerhäuser und bedeutende Bauwerke wie das Altstädter und das Neustädter Rathaus endgültig beseitigt.
Denkmalpfleger um Hans Nadler sicherten jedoch Ruinen des Residenzschlosses, der Semperoper, des Coselpalais, des Taschenbergpalais und der Dreikönigskirche für einen späteren Wiederaufbau. Die wiederaufbaufähige gotische Sophienkirche wurde dagegen 1962 auf Beschluss der DDR-Regierung gesprengt. Seit 2009 erinnert eine teilweise rekonstruierte Seitenkapelle, die Busmannkapelle, an sie.
Die Frauenkirche konnte später rekonstruiert werden, weil ihr Trümmerberg als Kriegsmonument erhalten geblieben war. Zwinger, Hofkirche und Kreuzkirche wurden früh restauriert; Landhaus, Gewandhaus und Palais im Großen Garten folgten in den 1960er Jahren. Moritzburg, Pillnitz und Großsedlitz hatten den Krieg unbeschädigt überstanden.
Nach der friedlichen Revolution in der DDR und der deutschen Wiedervereinigung wurden die Frauenkirche, das Residenzschloss, große Teile des Neumarkts sowie Gebäude und Fassaden der Rampischen Straße und Landhausstraße rekonstruiert. In der Inneren Neustadt blieb im Barockviertel Königstraße besonders viel Originalsubstanz erhalten, darunter Treppenhäuser, Höfe, Passagen, Türen und Fenster. Zugleich warten einzelne Schlösser weiterhin auf Rettung. Die weitgehend erhaltenen Kunstsammlungen werden vor allem in der Gemäldegalerie, im Residenzschloss und im Zwinger gezeigt.
Prägende Künstler und Zusammenarbeit der Künste
Der Dresdner Barock war nicht nur Architektur, sondern das Zusammenwirken vieler Kunstformen. Wolf Caspar von Klengel gilt als Begründer des sächsischen Barock, Johann Georg Starcke schuf mit dem Palais im Großen Garten den ersten großen Dresdner Barockbau. Pöppelmann prägte als Architekt unter anderem Zwinger, Moritzburg und Pillnitz; Permoser gestaltete bedeutenden plastischen Schmuck. Bähr entwarf die Frauenkirche, Chiaveri die Katholische Hofkirche, Knöffel wurde zum wichtigsten Vertreter des sächsischen Rokoko.
Zum Gesamtbild gehörten außerdem Dinglingers Goldschmiedearbeiten, die Porzellankunst Johann Friedrich Böttgers und Johann Joachim Kändlers, Silbermanns Orgeln sowie die Malerei Bernardo Bellottos, genannt Canaletto. Musiker wie Johann Sebastian Bach, Jan Dismas Zelenka und Johann Adolph Hasse zeigen, dass sich die kulturelle Blüte nicht auf Bauwerke beschränkte. Kennzeichnend war gerade die enge Zusammenarbeit von Herrschern, Verwaltungsbeamten, Architekten, Bildhauern, Malern, Handwerkern und Musikern.