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Dol2day
dol2day erhebt den Anspruch, eine Demokratie-Simulation zu sein. Mitglieder haben die Möglichkeit, sich in virtuellen Parteien zusammenzuschließen. Durch „ …
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Grundidee und Bedeutung
dol2day ist eine seit dem 15. Mai 2000 bestehende deutschsprachige Politik-Community mit Sitz in Berlin. Der vollständige Name lautet „democracy online Today“. Die kostenlose Plattform verbindet ein überparteiliches Politikforum, ein soziales Netzwerk und ein politisches Rollenspiel. Ihre Mitglieder werden „Doler“ genannt. Sie können selbst gewählte, vor allem politische und gesellschaftliche Themen diskutieren, Umfragen durchführen und an Chats mit Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft teilnehmen.
dol2day versteht sich zugleich als Demokratie-Simulation. Mitglieder können sich in virtuellen Parteien und Initiativen zusammenschließen und alle vier Monate einen „Internetkanzler“ wählen. Dadurch sollen politische Diskussionen, Wahlen, Abstimmungen und organisierte Gruppenarbeit im Internet erlebbar werden. Die Plattform zählt zu den ältesten dauerhaft bestehenden sozialen Netzwerken im Internet und wurde mehrfach ausgezeichnet.
Zum persönlichen Benutzerprofil können Angaben wie Alter, Geschlecht und Kontaktdaten, eine Selbstvorstellung und ein politisches Statement gehören. Darüber lassen sich auch die Beiträge und Umfragen eines Nutzers aufrufen. Direkte Kommunikation ist über eine Mailfunktion möglich. Als Kontaktliste dient die sogenannte Vertrauensliste.
Institutionen und Selbstverwaltung
Die Community besitzt zahlreiche Institutionen und Regeln. Diese Komplexität und die Benutzerführung wurden kritisiert, weil neue Mitglieder die Strukturen nicht immer sofort verstehen.
Die Berliner Redaktion beziehungsweise die Betreiber sind für die technische Weiterentwicklung zuständig und behalten die Oberaufsicht über administrative und inhaltliche Fragen. Seit dem Betreiberwechsel 2012 besteht die Redaktion aus den zwei Gesellschaftern und zwei Community-Mitgliedern. Umstritten ist, dass die verantwortlichen Betreiber innerhalb der Simulation nicht der dort vorgesehenen Gewaltenteilung unterliegen. Der überwiegende Teil der Community akzeptiert dies jedoch als notwendige Voraussetzung für den Betrieb.
Der alle vier Monate gewählte Internetkanzler hat keine fest definierten Aufgaben. Kanzler und „Internetregierung“ organisieren je nach persönlichem Engagement beispielsweise Chats und entwickeln Regeln mithilfe von „Dolisziten“, also Volksabstimmungen innerhalb der Plattform, weiter. Nicht alle Abstimmungsergebnisse werden aus rechtlichen oder zeitlichen Gründen von der Redaktion umgesetzt. Wegen seiner begrenzten Macht wurde der Kanzler spöttisch auch „Internetkasper“ genannt. Später erhielt er grundsätzlich Zugriff auf ein monatliches Programmierbudget der Redaktion.
Zurzeit bestehen 16 virtuelle Parteien. Sie benötigen eine Mindestzahl von Mitgliedern. Neugründungen sind möglich, wenn sich genügend Unterstützer finden und das Programm nach Prüfung durch einen Kontrollrat nicht gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung verstößt. Grundsätzlich kann sich jeder Doler bewerben; über die Aufnahme entscheidet die jeweilige Partei nach ihren eigenen Regeln. Initiativen funktionieren dagegen wie virtuelle Vereine oder Gruppen. Sie können sich auch unpolitischen Interessen wie einem Fußballverein, Studienfach oder einer Heimatstadt widmen.
Seit 2003 erleichtert ein Tutorensystem die Orientierung. Neu angemeldeten Dolern wird ein Tutor zugeteilt; außerdem werden sie automatisch Mitglied einer entsprechenden Initiative. Beides kann jederzeit beendet werden. Ergänzend wurden 2008 eine Informationstour und eine Pinnwand eingerichtet. Seit 2000 sind zudem virtuelle verschieden- und gleichgeschlechtliche Ehen möglich.
Wahlen, Diskussionen und Spielelemente
Die Kanzlerkandidaten werden meist von Parteienbündnissen aufgestellt. Gewählt wird direkt durch die Doler nach dem Präferenzwahlsystem (PWS), bei dem Präferenzen für Kandidaten angegeben werden. Anfangs galt ein Mehrheitswahlsystem, gegebenenfalls mit Stichwahl. 2006 wurde einmalig ein „Dolament“, also ein virtuelles Parlament, mit der Kanzlerwahl betraut; anschließend ging das Wahlrecht zurück an die gesamte Community.
Den Kern des öffentlichen Austauschs bilden Umfragen und die zugehörigen Diskussionen. Andere Doler können Beiträge bewerten. Ein Rezensionssystem soll die Qualität neuer Umfragen sichern: Wer eine Umfrage veröffentlichen möchte, muss zuvor andere geplante Umfragen beurteilen. Pro Tag darf jeder Doler nur eine Umfrage stellen. Diese Begrenzung und die nicht immer funktionierende Qualitätssicherung wurden wiederholt kritisiert. Auch Parteien und Initiativen können intern diskutieren und abstimmen. Häufig wählen sie Vorstände oder Administratoren.
Für bestimmte Aktivitäten erhalten Mitglieder die virtuelle Währung „Bimbes“, etwa für Umfragen, Abstimmungen, Onlinezeiten, Logins sowie das Schreiben und Bewerten öffentlicher Diskussionsbeiträge. Aktivitäten in Parteien und Initiativen bringen kein Bimbes. Die Verwendungsmöglichkeiten sind stark begrenzt. Bimbes kann unter anderem für Vertrauen, Misstrauen sowie deren gesteigerte Formen Premiumvertrauen und Premiummisstrauen ausgegeben werden.
Tages-, Wochen- und Gesamthighscores messen die Aktivität in Umfragen und Diskussionen. Anfangs gab es einen starken Wettbewerb um gute Platzierungen, später verloren die Ranglisten erheblich an Bedeutung. Beim „Battle Of Parties“ fordern Parteien einander zu einem Thema heraus. Die Doler stimmen über die eingereichten Beiträge ab; die siegreiche Partei erhält im Parteienhighscore einen Punkt, die unterlegene verliert einen.
Weitere Kommunikationswege sind ein nach dem Einloggen sofort aktiver Instant Messenger, ein öffentlicher Chatraum mit gesonderter Anmeldung und das Kanzleramtsforum für Politik, Gesellschaft und interne Fragen. 2008 wurden auf Initiative von Mitgliedern die US-Präsidentschaftswahl und die Vorwahlen simuliert. Zur Bundestagswahl 2009 entstanden Kandidatenlisten aussichtsreicher Parteien; anschließend wurden eine Wahl und Koalitionsverhandlungen nachgespielt.
Gemeinschaft und politische Außenkontakte
Ein wichtiger Teil von dol2day entsteht durch das freiwillige Engagement der Mitglieder. Seit der Gründung werden örtliche, bundesweite und vereinzelt kontinentale Treffen im realen Leben organisiert. Dazu gehörten meist im Mai veranstaltete Geburtstagspartys, deren Organisation zuletzt jedoch scheiterte. Das virtuelle und persönliche Zusammentreffen unterschiedlicher politischer Richtungen ermöglichte Dialoge und gelegentlich gemeinsame Positionen, die ohne die Plattform möglicherweise nicht entstanden wären.
Seit Dezember 2008 gestalten Doler ein Internetradio, das von den Gesellschaftern betrieben wird. Es sendet nach einem in einer Initiative veröffentlichten Plan Musik, Interviews und Nachrichten aus der Community, darunter Ergebnisse der Kanzlerwahl. Parteien, einzelne Doler, die Redaktion und Regierungen konnten außerdem Beiträge in einem Community-Blog veröffentlichen. Wiederkehrende Aktionen umfassten eine Ostereiersuche sowie zwei Videowettbewerbe auf YouTube.
dol2day verbreitete Neuigkeiten, Chat-Termine und Wahlhinweise auch über Facebook, Google+ und Twitter. In Netzwerken wie Xing, studiVZ und Last.fm bestanden Gruppen für Mitglieder und Interessierte. 2002 warfen Doler der CDU-Politiksimulation „Wahlkreis 300“ wegen inhaltlicher und grafischer Ähnlichkeiten ein Plagiat vor. Eine überparteiliche Initiative von Dolern unterwanderte die inzwischen deaktivierte Plattform erfolgreich.
Für Chats wurden zahlreiche Politiker und andere Persönlichkeiten gewonnen, darunter Christian Wulff, Markus Söder, Franz Müntefering, Reinhard Bütikofer, Dirk Niebel, Gregor Gysi, Günter Verheugen, Bischof Gebhard Fürst und Egon Krenz. dol2day kooperierte außerdem mit politischen Internetprojekten und war 2005 sowie 2008 mit einem Stand beim Festival für junge Politik in Berlin vertreten.
Regelverstöße, Kontrolle und Streitfragen
Für Beschwerden über destruktives oder teilweise strafrechtlich relevantes Verhalten bestand zunächst ein von der Redaktion ernanntes „Gremium“. Es konnte Freisprüche, Verwarnungen oder befristete beziehungsweise dauerhafte Sperren empfehlen. Seine Entscheidungen waren politisch umstritten: Von rechts wurde ihm Linkslastigkeit, von links zu große Toleranz gegenüber rechten Positionen vorgeworfen. Die Mehrzahl der Sanktionen betraf allerdings dem rechten Spektrum zugeordnete Nutzer.
Anfang 2008 ersetzte das Schiedsgericht dieses Gremium. Für einen Fall werden jeweils 30 Community-Mitglieder nach nicht öffentlich einsehbaren Kriterien auf Grundlage eines Zufallsprinzips ausgewählt. Sie bewerten die Beschwerde und entscheiden über mögliche Sanktionen. Zusätzlich unterstützen seit Januar 2005 zehn von der Redaktion ernannte, ehrenamtliche Moderatoren die Verwaltung. Sie können rechtswidrige oder gegen die Diskussionskultur verstoßende Beiträge für andere unsichtbar machen, befristete Schreibsperren verhängen und gegen Spam vorgehen. Kritisiert wurde eine mangelnde Transparenz ihrer Entscheidungen. Internetkanzler und Vizekanzler gehören ebenfalls zum Moderatoren-Team.
Die Redaktion behält sich direkte Sperren und Löschungen außerhalb der demokratischen Strukturen vor. Mehrere rechtsgerichtete Parteien wurden wegen einer als radikal-nationalistisch und demokratiefeindlich bewerteten Ausrichtung gelöscht: die Nationale Liga Deutschlands im Juli 2002, „Freiheitlich Unabhängig National“ im Juni 2003 und „Freiheitlich Unabhängig Deutsch“ im November 2004. 2006 wurden Mitglieder der Deutschen Zentrumspartei gesperrt; die Partei löste sich nach dem anschließenden Streit selbst auf. Linke Parteien, deren Vereinbarkeit mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung bezweifelt wurde, waren bis dahin nicht Ziel politisch begründeter Löschungen.
Verboten sind auch „Doppelaccounts“, also mehrere Benutzerkonten derselben Person. Sie wurden zur Manipulation von Highscores, zur Unterwanderung von Parteien und zur Beeinflussung der Kanzlerwahl genutzt. Durch konsequentere Kontrollen, sinkende Mitgliederzahlen und den Bedeutungsverlust der Highscores nahm das Problem ab.
Entwicklung, Betrieb und Finanzierung
Nach starkem Zulauf, besonders aus politischen Jugendorganisationen, verlor dol2day viele Mitglieder und öffentliche Aufmerksamkeit. Die Erwartung einiger Nutzer, von der Plattform aus die reale deutsche Politik zu beeinflussen, erfüllte sich nicht. Umstritten blieb das Selbstverständnis: Eine Gruppe sah dol2day vor allem als leicht zugängliche politische Diskussionsplattform, eine zweite wollte die Demokratie-Simulation und Selbstverwaltung stärken, eine dritte betonte den Spiel- und Unterhaltungscharakter. Ein Konsens entstand nicht. Weil die Redaktion das Projekt nur in ihrer Freizeit betreibt, verlief die technische Weiterentwicklung langsam.
Bis Ende 2008 mussten bei der Anmeldung Name, Adresse, E-Mail-Adresse und Telefonnummer angegeben werden, um Doppelaccounts zu verhindern. Trotz der Angabe, dass die Redaktion die Daten weder missbrauchte noch weitergab, bestanden Datenschutzbedenken. Später genügten Name und E-Mail-Adresse. Im Dezember 2011 kündigten die bisherigen Betreiber ihren Rückzug an. Am 1. Juni 2012 übernahmen zwei langjährige Mitglieder den Betrieb. Wegen des Datenschutzes mussten die Doler der Übertragung ihrer Profile zustimmen; eine spätere Freischaltung war über ein Kontaktformular möglich.
Die politischen Funktionen wurden mit PHP programmiert; daneben kommt freie Software zum Einsatz. Die Datenbank erwies sich als Engpass, weshalb alte Datensätze ausgelagert und gelöscht wurden. Finanziert wurde die Plattform hauptsächlich durch Werbung, Spenden, staatliche projektbezogene Zuschüsse, Preisgelder und Beiträge des 2002 gegründeten „Vereins für multimediale Partizipation e. V.“.
2002 erhielten die Entwickler den Grimme Online Award für Medienkompetenz und den Dieter Baacke Preis. 2004 folgte der Prix Ars Electronica einschließlich einer mehrwöchigen Ausstellung im Gebäude der Vereinten Nationen in New York. Partnerschaften bestanden unter anderem mit trupoli.com, e-politik.de, politik-digital.de und iForia. Außerdem unterstützte dol2day mehrere Initiativen, darunter „Netz gegen Rechts“, „Gesicht zeigen!“ und „Mehr Demokratie e. V.“.