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Diversifikation (Wirtschaft)

Diversifikation (oder Diversifizierung) ist in der Betriebswirtschaftslehre eine Strategie von Unternehmen, durch Erweiterung oder Modifizierung der …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff, Zweck und Grundformen
  2. 2. Diversifikation in Unternehmen
  3. 3. Kapitalanlagen und Finanzwesen
  4. 4. Messung des Anlagerisikos
  5. 5. Energie und staatliche Diversifikation
  6. 6. Strategische Entscheidungen und wirtschaftliche Folgen

Begriff, Zweck und Grundformen

Diversifikation oder Diversifizierung bezeichnet in der Betriebswirtschaftslehre eine Strategie, bei der Unternehmen ihre Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsbereiche erweitern oder verändern beziehungsweise Risiken streuen. Ziel ist es, die Gewinnchancen zu verbessern und/oder Verlustrisiken zu vermindern. Der Gegensatz ist die Spezialisierung bis hin zur Monostruktur, also die starke Konzentration auf einen einzigen Bereich.

Auch Privathaushalte und Staaten können diversifizieren. Privathaushalte verteilen beispielsweise ihre Kapitalanlagen. Staaten können eine polystrukturelle Wirtschaftsstruktur fördern und einseitige Import- oder Exportabhängigkeiten vermeiden. Bei Unternehmen bezeichnet „echte Diversifizierung“ die bewusst verfolgte, gezielte Ausweitung des Leistungsprogramms.

Es werden drei zentrale Formen unterschieden:

  • Bei der horizontalen Diversifikation kommen Produkte hinzu, die mit den bisherigen Produkten zusammenhängen. Dadurch lassen sich etwa gleiche Produktionsverfahren, Rohstoffe, Technologien oder Vertriebswege nutzen.
  • Die vertikale Diversifikation erweitert das Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette um vorgelagerte Vorleistungsgüter oder nachgelagerte Verarbeitungsstufen. Sie erhöht damit die Fertigungstiefe und richtet sich auf neue Produkte für neue Märkte.
  • Die laterale oder diagonale Diversifikation führt ohne Verbindung zu vor- oder nachgelagerten Stufen neue Produkte auf neuen Märkten ein. Sie gilt als risikoreichste Form.

Die amerikanische Fachliteratur grenzt anders ab: Konzentrische Diversifizierung bietet technologisch nicht verwandte neue Produkte vorhandenen Kundengruppen an. Konglomerative Diversifikation betrifft neue Produkte auf neuen Märkten. Horizontale Diversifizierung bezeichnet dort neue Produkte für vorhandene Kundengruppen. Diese Einteilung stimmt nicht vollständig mit der deutschen Fachliteratur überein.

Diversifikation in Unternehmen

Unternehmen versuchen im Rahmen ihrer Risikopolitik, Polystrukturen aufzubauen. Diversifikation kann deshalb in Beschaffung, Produktion, Finanzierung und Vertrieb stattfinden.

In der Beschaffung verringert die Verteilung auf mehrere Lieferanten die Abhängigkeit von einem einzigen Zulieferer und das Risiko fehlender Redundanzen. Eine Rückwärtsintegration liegt beispielsweise vor, wenn ein Automobilhersteller einen Teilezulieferer kauft.

In der Produktion senkt der Übergang vom Einprodukt- zum Mehrproduktunternehmen das Produktionsrisiko. Dabei können Verbundeffekte entstehen: Die gemeinsame Herstellung zweier Produkte ist günstiger als deren getrennte Produktion. Ein zweites Produkt kann die Stückkosten beispielsweise durch gemeinsam verwendete Bauteile oder vermiedene zusätzliche Rüstkosten senken. Diversifikation ist der riskanteste Bestandteil der Produkt-Markt-Matrix nach Harry Igor Ansoff. Als mögliches Maß für ihren Umfang dient der Berry-Index.

Bei der Finanzierung wird der Kapitalbedarf oder Kapitalüberschuss auf mehrere Gläubiger beziehungsweise Schuldner verteilt. Eine Kapitalerhöhung kann die Abhängigkeit von einzelnen Fremdkapitalgebern vermindern; beim Fremdkapital ist eine Umschuldung auf viele Kreditgeber möglich.

Im Vertrieb können zusätzliche Kunden die Abhängigkeit von Großabnehmern verringern. Produkte lassen sich regional, national oder über verschiedene Exportmärkte verteilen, um Abhängigkeiten von einzelnen Importeuren oder Staaten und damit das Länderrisiko zu begrenzen. Bei einer Vorwärtsintegration baut ein Produzent beispielsweise eine eigene Absatzkette auf und löst sich dadurch von nachgelagerten Handelsstufen.

Kapitalanlagen und Finanzwesen

Bei Geld- und Kapitalmarktanlagen bedeutet Diversifikation, Vermögen auf unterschiedliche Anlageformen, Finanzdienstleister und Emittenten zu verteilen, möglicherweise auch auf verschiedene Länder. Zu den Anlageformen gehören etwa Aktien, Anleihen und Investmentfonds. Die Risikodiversifikation soll insbesondere verhindern, dass der Ausfall eines einzigen Finanzprodukts zu einem Totalverlust führt.

Entscheidend ist die Korrelation, also der statistische Gleichlauf verschiedener Wertpapiere. Werden mindestens zwei Wertpapiere mit niedriger Korrelation in einem Portfolio kombiniert, kann dessen Gesamtrisiko geringer sein als das Risiko der einzelnen Papiere. Voraussetzung ist, dass die Wertpapiere nicht zu 100 % positiv korreliert sind, ihr Korrelationskoeffizient also kleiner als 1 ist. Sind alle Wertpapiere zu 100 % korreliert, wird in einem varianzminimalen Portfolio das Wertpapier mit dem kleineren Risiko stärker gewichtet. Rendite und Risiko stehen nach der Portfoliotheorie in wechselseitiger Abhängigkeit; vereinfacht zeigt sich dies im Aktien-Renten-Verhältnis eines Depots.

Ein Beispiel ist die Aufteilung eines Anlagebetrags auf Aktien eines Sonnen- und eines Regenschirmherstellers. Unterschiedliches Wetter wirkt sich verschieden auf beide Unternehmen aus, sodass nicht das gesamte Vermögen von derselben Entwicklung abhängt. Auch Investmentfonds und Hedgefonds arbeiten auf diese Weise.

Kreditinstitute diversifizieren unter anderem durch Finanzinnovationen. Im Kreditgeschäft werden Klumpenrisiken, also starke Konzentrationen auf einzelne Schuldner oder Risikogruppen, durch ein granulares Kreditportfolio mit vielen Einzelrisiken verringert. Risiken können außerdem durch Kredithandel, Credit Default Swaps oder Verbriefung übertragen beziehungsweise abgesichert werden. Universalbanken sind stärker diversifiziert als Spezialbanken, weil sie viele Bankgeschäftsarten mehreren Zielgruppen anbieten.

Investmentgesellschaften und Kapitalanlagegesellschaften müssen Mittel nach dem Grundsatz der Risikomischung anlegen (§ 214 und § 243 KAGB). Versicherer diversifizieren über Versicherungsarten und Vertriebswege, etwa Makler, Vermittler, Allfinanz mit Kreditinstituten oder Direktvertrieb. Gemäß § 124 Abs. 1 Nr. 7 und 8 VAG müssen sie Anlagen so mischen und streuen, dass keine übermäßige Abhängigkeit von bestimmten Vermögenswerten, Emittenten, Unternehmensgruppen oder geographischen Räumen und keine übermäßige Risikokonzentration entsteht.

Messung des Anlagerisikos

Als Risiko eines Wertpapiers oder Portfolios gelten in der Portfoliotheorie vor allem Varianz und Standardabweichung. Ein übliches Maß für das Kursrisiko börsennotierter Wertpapiere ist die Volatilität, ausgedrückt als Standardabweichung. Sie bildet das zweite Moment der Wahrscheinlichkeitsverteilung.

Auch höhere Momente können als Risikomaße dienen. Die Schiefe als drittes Moment misst die Abweichung vom Erwartungswert der Normalverteilung; unterschieden werden Rechts- und Linksschiefe. Die Kurtosis als viertes Moment erfasst die Werte an den Enden der Normalverteilungskurve. Solche Maße gewinnen durch Hedgefonds an Bedeutung, weil deren Renditeverteilungen mit traditionellen Risikomaßen häufig nur unzureichend erfasst werden.

Auf der Volatilität beruht das Short-fall-Risiko, das die Gewinn- beziehungsweise Verlustwahrscheinlichkeit angibt. In ausgeprägten Haussephasen oder bei Marktanomalien kann dieses Maß die tatsächliche Entwicklung verfehlen: Ein erwarteter Gewinn bleibt aus oder es entstehen erhebliche Verluste, weil das Risikomaß zu kurz greift.

Anlageberater sollen Anlegern entsprechend ihrer objektiven oder subjektiven Risikoeinstellung beziehungsweise Risikoklasse eine geeignete Mischung verschiedener Assetklassen anbieten. Damit soll langfristig eine angemessene Wertentwicklung des investierten Kapitals erreicht werden.

Energie und staatliche Diversifikation

Die Energiesicherheit eines Staates hängt auch von der Energiediversifikation ab, also von den Anteilen einzelner Energieträger an der gesamten Energieerzeugung. Dabei müssen sowohl verschiedene Primärenergiearten als auch unterschiedliche Importquellen berücksichtigt werden.

Deutschland verfügt nur über geringe eigene Energiereserven und ist deshalb stark auf Einfuhren angewiesen. 2017 betrug die Importabhängigkeit etwa 70 %. Bei Erdöl lag sie bei 98 %, bei Erdgas bei 93 %. Erneuerbare Energien und Braunkohle stammten dagegen jeweils zu 100 % aus dem Inland; nur hier bestand Autarkie mit hohem Selbstversorgungsgrad.

Die Rohöleinfuhren kamen 2017 zu 49 % aus Osteuropa/Asien, zu 23 % aus West- und Mitteleuropa, überwiegend aus der Nordsee, zu 19 % aus Afrika, zu 7 % aus dem Nahen Osten und zu 2 % aus Amerika. Aufgabe der Energiepolitik ist es, den Energiemix weiter zu diversifizieren und dadurch die hohe Abhängigkeit von Erdgas- und Erdöllieferanten zu verringern.

Staaten können außerdem landwirtschaftliche Monokulturen diversifizieren, indem sie mehrere Agrarprodukte erzeugen und damit auch ihre Exporte verbreitern. Eine Diversifikation der Anbausysteme fördert zudem insgesamt die Ökosystemdienstleistungen.

Strategische Entscheidungen und wirtschaftliche Folgen

Edith Penrose unterschied 1959 bei der Diversifikation die drei Dimensionen Produkt, Technologie und Markt. Daraus ergeben sich vier Kombinationen: mehr Produktarten mit gleicher Technologie auf vorhandenen Märkten; neue Produkte mit gleicher Technologie auf neuen Märkten; neue Produkte mit unterschiedlichen Technologien auf vorhandenen Märkten; oder neue Produkte mit unterschiedlichen Technologien auf neuen Märkten. In dieser Reihenfolge wachsen die möglichen Chancen, zugleich aber auch die Risiken. Besonders unsicher ist, ob neue Produkte auf Grundlage neuer Technologien in neuen Märkten auf ausreichende Nachfrage und damit Marktpotenzial treffen.

Harry Igor Ansoff verstand unter Diversifikation zunächst nur den Absatz neuer Produkte auf neuen Märkten. 1965 erweiterte er den Begriff unter anderem um die Produktentwicklung. Seine Produkt-Markt-Matrix unterscheidet vier Strategien:

  • bestehende Produkte auf bestehenden Märkten: Marktdurchdringung;
  • neue Produkte auf bestehenden Märkten: Produktentwicklung;
  • bestehende Produkte auf neuen Märkten: Marktentwicklung;
  • neue Produkte auf neuen Märkten: Diversifikation.

Wirtschaftlich ist eine Diversifizierung erst erfolgreich, wenn die Grenzerlöse mindestens die Grenzkosten decken. Zu den zusätzlichen Kosten gehören insbesondere höhere Personalkosten, Herstellungskosten durch Investitionen in neue Technologien, Forschungs- und Entwicklungskosten sowie Werbungskosten. Diese Ausgaben müssen durch die Vermarktung wieder erwirtschaftet werden. Mit zunehmender Diversifizierung steigt außerdem die Wahrscheinlichkeit, dass ein Unternehmen sein Kerngeschäft verlässt. Der Eintritt in neue Bereiche kann zusätzlich an Markteintrittsbarrieren scheitern.

Diversifikation kann Unternehmen weniger anfällig für Rezessionen, Strukturwandel sowie Angebots- oder Bedarfsverschiebungen machen. Mehrere Produkte sprechen verschiedene Käuferschichten an und werden auf unterschiedlichen Märkten angeboten, die von Veränderungen nicht zwingend gleichzeitig betroffen sind. Außerdem sinken einseitige Abhängigkeiten von Lieferanten, Gläubigern, Schuldnern, Importeuren oder Kunden.

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