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Die vier Jahreszeiten
2.1 La primavera – Der Frühling, Op. 8 Nr. 1, RV 269 · 2.2 L'estate – Der Sommer, Op. 8 Nr. 2, RV 315 · 2.3 L'autunno – Der Herbst, Op. 8 Nr. 3, RV 293 · 2.4 L' …
Inhalt5 Abschnitte
Werk und musikalisches Konzept
Die vier Jahreszeiten op. 8 (italienisch Le quattro stagioni) ist eine 1725 veröffentlichte Sammlung von vier Violinkonzerten und das wohl bekannteste Werk Antonio Vivaldis. Die Konzerte bilden den Anfang der Sammlung Il cimento dell’armonia e dell’inventione („Der Wettstreit von Harmonie und Erfindung“). Sie sind Programmmusik: Jedes Konzert stellt eine Jahreszeit und konkrete außermusikalische Vorgänge dar. Jedem Konzert ist in der Solostimme ein vermutlich von Vivaldi verfasstes Sonett vorangestellt. Passende Textstellen werden außerdem an den entsprechenden Stellen der Einzelstimmen zitiert.
Vivaldi setzt Naturerscheinungen wie sanfte Winde, Stürme und Gewitter musikalisch um. Daneben imitiert er Vogelstimmen, einen Hund sowie menschliche Tätigkeiten und Situationen: Jagd, Bauerntanz, Schlittschuhlaufen, Stolpern, Hinfallen und den schweren Schlaf eines Betrunkenen. Dabei nutzt er seine Erfahrung als virtuoser Geiger und Opernkomponist für wirkungsvolle Spieltechniken und dramatische Effekte.
Das Werk ist in Druckausgaben aus Amsterdam und Paris erhalten. Die fünf Stimmhefte heißen „Violino Principale“, „Violino Primo“, „Violino Secondo“, „Alto Viola“ und „Violoncello e organo“.
Aufbau und Form
Jedes Konzert besteht aus drei Sätzen, insgesamt umfasst der Zyklus also zwölf Sätze. Vivaldi verbindet ein dramatisches Programm mit den musikalischen Anforderungen an Proportion und Gleichgewicht.
Die ersten Sätze beruhen jeweils auf einem Ritornell, also einem wiederkehrenden Orchesterabschnitt. Es erscheint auf unterschiedlichen Tonstufen und oft stark verkürzt. Dazwischen stehen modulierende Solopassagen und längere Tuttipassagen, bei denen das gesamte Ensemble spielt. Das Programm zwingt Vivaldi zu ungewöhnlichen Lösungen: Im Sommer ersetzt er das ursprüngliche Ritornell im Verlauf durch völlig anderes Material; im Winter lässt er es erst allmählich entstehen.
Der zweite Satz ist gewöhnlich eine zweiteilige Arie. Der erste Teil moduliert meist in die Dominante oder in die parallele Durtonart; der ungefähr gleich lange zweite Teil wiederholt ihn verändert und führt zur Ausgangstonart zurück. Ein durchgehendes, vom Sonett angeregtes Orchestermotiv begleitet die Solomelodie.
Der Schlusssatz besitzt meist stilisierte tänzerische Züge und verwendet eine andere Taktart als der erste Satz, typischerweise einen Dreier- statt eines Vierertakts. Sein Ritornell erscheint auf weniger Tonstufen, teilweise rondoartig immer wieder in der Tonika. Diese Sätze sind meist weniger aufwendig und schildern eher eine Gesamtsituation wie Tanz oder Gewitter als viele Einzelheiten.
Typisch sind außerdem lange Orgelpunkte: Ein Ton bleibt liegen, sodass die Harmonie wie eingefroren wirkt, bevor sie sich plötzlich weiterbewegt. Dieser dramaturgische Effekt tritt besonders in Solopassagen aller vier Konzerte auf.
Frühling und Sommer
Der Frühling, Op. 8 Nr. 1, RV 269, steht in E-Dur beziehungsweise im Mittelsatz in cis-Moll:
• Allegro, 4/4, E-Dur • Largo e pianissimo sempre, 3/4, cis-Moll • Allegro, 12/8, E-Dur
Das bekannte Thema des ersten Satzes besteht aus zwei kurzen Abschnitten, die jeweils leise wiederholt werden. Im ersten Solo treten drei gleichberechtigte Violinen auf und stellen das Durcheinanderzwitschern verschiedener Vogelarten dar. Danach veranschaulicht das Orchester murmelnde Quellen und sanfte Winde. Plötzlich beginnt ein Frühlingssturm: Das ganze Orchester spielt den Donner, die Solovioline hochvirtuose Blitze. Anschließend kehren Vogelstimmen und schließlich das Ritornell zurück.
Der langsame zweite Satz porträtiert nach der barocken Schäferdichtung einen schlafenden Hirten. Die Violinen bilden das Rauschen von Blättern und Gräsern ab, während im Hintergrund der Hirtenhund müde bellt. Der Schlusssatz ist ein Hirtentanz von Nymphen und Schäfern. Dudelsackeffekte, chromatische Basslinien und Vorhalte in den Oberstimmen erzeugen eine traditionelle, zugleich emotional-rührende Wirkung.
Der Sommer, Op. 8 Nr. 2, RV 315, steht vollständig in g-Moll:
• Allegro non molto, 3/8 • Adagio, 4/4 • Presto, 3/4
Matte, schleppende Akkorde stellen im ersten Satz extreme Hitze dar. Ein plötzliches virtuoses Solo imitiert zunächst den Kuckuck, später Taube und Distelfink. Eine ruhende Harmonik vermittelt das lange Warten auf Abkühlung. Leichte Zephyrwinde kommen auf, bevor der eisige Nordwind Boréas unvermittelt losbricht. Der Hirte klagt über sein Schicksal, dann kehrt der Sturm zurück. Ungewöhnlicherweise führt Vivaldi etwa in der Satzmitte ein neues, stark kontrastierendes Ritornell ein und beendet den Satz damit. Dieses Motiv des vernichtenden Orkans prägt auch den Rest des Konzerts.
Im Adagio schläft jemand unruhig, von Mückenschwärmen geplagt und immer wieder vom drohenden Gewitter aufgeschreckt. Der Satz bleibt in g-Moll und wirkt dadurch wie eine Überleitung. Im Presto bricht das Gewitter endgültig los. Virtuose Tonleitern, Akkordbrechungen und Tonwiederholungen bilden das Tongemälde; nur in der Mitte entsteht kurz etwas Themenähnliches, das sofort wieder zerfällt.
Herbst
Der Herbst, Op. 8 Nr. 3, RV 293, steht in F-Dur beziehungsweise im Mittelsatz in d-Moll:
• Allegro, 4/4, F-Dur • Adagio, 3/4, d-Moll • Allegro, 3/8, F-Dur
Das Ritornell des ersten Satzes ähnelt dem Frühling, ist aber als schlicht harmonisiertes bäuerliches Trinklied gestaltet. Die Solovioline wiederholt es übermütig mit schwierigen Doppelgriffen. Mit zunehmendem Weingenuss werden ihre Sprünge größer, die Kunststücke schwieriger und die Einfälle unzusammenhängender. Das Trinklied bewahrt in verschiedenen Tonarten und Abwandlungen einen Rest von Ordnung. Schließlich bekommt der Solist Schluckauf und schläft bei der Anweisung piano e larghetto ein. Motivische und harmonische Bewegung kommen zum Stillstand; am Ende erscheint das Ritornell unverändert.
Im langsamen Satz gibt es keine Solopassagen. Aus einer groß angelegten, häufig überraschenden Akkordfolge entsteht allmählich eine fahle Melodie der ersten Violine. Nach dem Programm ist sie ein mildes Lüftchen, das die erschöpften Trinker im Schlaf umgibt.
Der Schlusssatz schildert eine Jagd. Ein stilisierter Dreiertakt erzeugt Hörnerklang. Vivaldi stellt Gewehrschüsse und ihr Echo sowie die aufgeregten Fluchtversuche des gejagten Tiers dar. Das Tier wird immer schwächer und bricht schließlich zusammen; ein triumphierendes Hornritornell beendet die Jagd.
Winter
Der Winter, Op. 8 Nr. 4, RV 297, steht in f-Moll beziehungsweise im Mittelsatz in Es-Dur:
• Allegro non molto, 4/4, f-Moll • Largo, 4/4, Es-Dur • Allegro, 3/8, f-Moll
Starre, wiederholte Staccatotöne eröffnen das Konzert und bilden sofort einen dissonanten Septakkord. So entsteht eine frierende und zitternde Atmosphäre. Die virtuose Solovioline unterbricht mit einem „erbarmungslosen“ Wind. Erst nach ungefähr einem Drittel formt sich ein eigentliches Ritornell, das Füßestampfen darstellt und am Ende wiederkehrt. Das ständig gegenwärtige Anfangsmotiv aus wiederholten Achteln beschleunigt sich zu Sechzehnteln und bildet Zähneklappern ab.
Der zweiteilige Mittelsatz zeigt Behaglichkeit und Wärme am Kamin. Gleichzeitig pocht draußen der Regen gegen die Scheibe, dargestellt durch das Pizzicato, also das Zupfen der Geigensaiten. Dadurch entsteht ein deutlicher Gegensatz zwischen dem geschützten Haus und der unwirtlichen Natur.
Im Schlusssatz zieht ein Eisläufer seine Kreise, während andere Menschen vorsichtig über das Eis gehen. Trotzdem fällt jemand hin. Der Eisläufer setzt seinen Lauf mit immer virtuoseren Figuren fort, bis das Eis bricht. Wieder im Haus hört man den Scirocco aus der Ferne durch die geschlossene Tür. Schließlich beginnt erneut ein Sturm: Scirocco und Boréas vereinigen sich und fegen alles hinweg. Das Sonett endet dennoch mit den Worten: „So ist der Winter. Doch bringt er auch Freude.“ Diese Freude stellt Vivaldi vor allem durch die heimelige, poetische Atmosphäre des zweiten Satzes dar.