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Die schreckliche deutsche Sprache
Die schreckliche deutsche Sprache (englischer Originaltitel: The Awful German Language) oder auch Die Schrecken der deutschen Sprache ist ein kurzer …
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Gegenstand und Entstehung
Die schreckliche deutsche Sprache, im englischen Original The Awful German Language, ist ein kurzer humoristisch-satirischer Essay des US-amerikanischen Schriftstellers Mark Twain aus dem Jahr 1880. Twain beschreibt darin die Schwierigkeiten, die er beim Erlernen des Deutschen als Fremdsprache empfand. Im Mittelpunkt stehen aus seiner Sicht die Skurrilitäten, Widersprüche und scheinbaren Unregelmäßigkeiten der Sprache.
Das englische Original erschien zuerst als „Annex D“ in der Anthologie A Tramp Abroad. Die erste deutsche Übersetzung wurde 1891 in Band 6 der Werkausgabe Reisebilder und verschiedene Skizzen veröffentlicht. Danach erschien der Essay in Deutschland vielfach auch selbstständig und wurde bekannter als das Buch, in dem er ursprünglich enthalten war.
Der satirische Ton zeigt sich schon im angeblichen Eingangszitat „A little learning makes the whole world kin“. Als Quelle wird „Proverbs xxxii, 7“ beziehungsweise „Sprüche Salomonis XXXII, 7“ angegeben. Diese Bibelstelle gibt es jedoch nicht, weil das Buch der Sprüche nur 31 Kapitel besitzt. Anschließend erzählt Twain, dass ein Kurator im Heidelberger Schloss sein Deutsch für ein „Unikum“ gehalten und es gern in seiner Raritätensammlung ausgestellt hätte. Twain entgegnet scherzhaft, dass der Kauf jeden in den Ruin treiben würde, weil ihn das Erlernen der Sprache so viel Mühe gekostet habe.
Twains zentrale Kritikpunkte
Twain behauptet, keine andere Sprache sei so ungeordnet und unsystematisch wie die deutsche. Seiner Darstellung zufolge gebe es zu einer Regel meist mehr Ausnahmen als Beispiele. Besonders schwierig findet er die vier deutschen Fälle. Auch deutsche Zeitungssätze kritisiert er als übermäßig lang: Sie behandelten mehrere Themen gleichzeitig, seien durch zahlreiche Parenthesen, also eingeschobene Satzteile, unterbrochen und stellten das Verb häufig ans Satzende. In Büchern gebe es ebenfalls Parenthesen, doch in Zeitungen träten sie nach Twains Ansicht besonders stark auf. Was im Englischen als schlechtes Schreiben gelte, werde im Deutschen teilweise als Zeichen einer „routinierten Feder“ („practiced pen“) angesehen. Als Beispiel nennt Twain den Anfang eines Satzes aus E. Marlitts Roman Das Geheimnis der alten Mamsell.
Trennbare Verben erscheinen ihm ebenfalls problematisch. Die englische Übersetzung von „reiste ab“ zerlegt er scherzhaft in „de-“ am Satzanfang und „-parted“ am Satzende. Personalpronomen und Adjektive bezeichnet er als „wuchernde Plage“ („fruitful nuisance“). Das deutsche Wort „sie“ kann den englischen Wörtern „you“, „she“, „her“, „it“, „they“ oder „them“ entsprechen; dadurch sei die genaue Bedeutung oft schwer zu erkennen. Die Deklination der Adjektive vergleicht Twain mit den Schwierigkeiten des Lateins. Am Beispiel der englischen Wendung „my good friend(s)“ zeigt er die verschiedenen Formen in den vier deutschen Fällen und erklärt scherzhaft, man komme in Deutschland lieber ohne Freunde aus, als alle Formen auswendig zu lernen. Auch das Dativ-e kritisiert er, weil es leicht mit einer Pluralform verwechselt werden könne.
Besonders sinnlos erscheint Twain die Verteilung der grammatischen Geschlechter. Die weibliche „Rübe“ und das sächliche „Fräulein“ dienen ihm als Beispiele. Daraus leitet er spöttische Formulierungen wie „übertriebene Verehrung der Rübe“ („overwrought reverence for the turnip“) und „dickfellige Respektlosigkeit dem Fräulein gegenüber“ („callous disrespect for the girl“) ab. Auch bei Körperteilen gebe es männliche, weibliche und sächliche Substantive. In der Geschichte „Tale Of The Fishwife And Its Sad Fate“ führt Twain die daraus entstehenden Schwierigkeiten bei Personalpronomen vor.
Weitere Probleme sieht Twain in ähnlich klingenden Wörtern. Er verwechselt beispielsweise „vermählt“ mit „verschmäht“, „gemalt“ und „verdächtig“, räumt aber ein, dass solche Verwechslungen vermutlich beim Erlernen jeder fremden Sprache vorkommen können. Die Wörter „Schlag“ und „Zug“ hebt er wegen ihrer zahlreichen Bedeutungen hervor. „Schlag“ kann unter anderem „Stoß“, „Zeitmaß“, „Münzprägen“ und „Rasse“ bedeuten; „Zug“ kann für „Ruck“, „Luftstrom“, „Schachbewegung“, „Gespann“ und „Neigung“ stehen. Zusammen mit „also“, das Twain mit dem englischen „you know“ gleichsetzt, könnten diese Wörter einem Ausländer angeblich aus fast jeder sprachlichen Notlage helfen.
Zusammengesetzte Wörter nennt Twain „alphabetische Prozessionen“. Beispiele sind „Generalstaatsverordnetenversammlungen“, „Kinderbewahrungsanstalten“ und „Waffenstillstandsverhandlungen“. Ihre Bedeutung müsse man durch die einzelnen Bestandteile erschließen, die zunächst nachgeschlagen werden müssten. Auch englische Titel wie „Mrs. Assistant District Attorney“ („Frau Unterbezirksstaatsanwalt“) hält er für unnötig lang. Schließlich findet er, deutsche Wörter für laute oder gewaltsame Ereignisse klängen schwächer als englische Entsprechungen: „Ausbruch“ sei weniger kräftig als „explosion“, und „Schlacht“, „Gewitter“ und „Hölle“ seien schwächer als „battle“, „storm“ und „hell“.
Stärken und satirische Reformen
Trotz seiner Kritik nennt Twain einige positive Eigenschaften des Deutschen. Die Großschreibung der Substantive hält er für eine „gute Idee“, weil man dadurch häufig das Hauptwort eines Satzes direkt erkennen könne. Die Aussprache sei leicht zu lernen, da sie sich aus der Aussprache der einzelnen Buchstaben ableiten lasse. Darin sieht er einen Vorteil gegenüber dem Englischen, in dem das Wort „bow“ je nach Bedeutung – Bogen, Verbeugung oder Bug – unterschiedlich ausgesprochen wird.
Twain lobt außerdem die Ausdrucksstärke bestimmter deutscher Wörter, vor allem bei Themen wie Familienleben und Liebe, Natur, Untätigkeit und Ruhe sowie märchenhaften Vorstellungen. Manche deutschen Lieder könnten allein durch den Klang ihrer Wörter Menschen zum Weinen bringen, die kein Deutsch verstünden. Auch die Wiederholung desselben Wortes innerhalb eines Absatzes bewertet er positiv, weil englische Umschreibungen häufig nur ein bedeutungsähnliches, aber ungenaueres Wort verwendeten.
Seine Verbesserungsvorschläge greifen die Kritikpunkte bewusst übertrieben auf. Der Dativ solle abgeschafft werden, weil man angeblich nie wisse, wann man sich in ihm befinde und wie man wieder herauskomme. Das Verb solle weiter vorn im Satz stehen. Kräftige englische Wörter sollten ins Deutsche übernommen werden, weil „Verdammt“ und seine Varianten sowie „Ach! Gott!“ für Twain zu sanft klängen und nicht die Wirkung von „Goddamn“ erreichten. Die grammatischen Geschlechter sollten nach der angeblich vom Schöpfer vorgesehenen Ordnung neu verteilt werden.
Lange zusammengesetzte Wörter sollten verschwinden oder mit Pausen für Erfrischungen vorgetragen werden. Formulierungen wie „haben sind gewesen gehabt geworden seins“ am Ende einer Rede solle man unterlassen. Parenthesen sollten abgeschafft und ihre Verwendung scherzhaft sogar mit dem Tod bestraft werden. Als radikalste Lösung schlägt Twain vor, nur „Zug“ und „Schlag“ mit ihren Anhängseln zu behalten und das übrige Vokabular wegzuwerfen.
Resümee und Rede zum 4. Juli
Im Schlussvergleich erklärt Twain: „My philological studies have satisfied me that a gifted person ought to learn English (barring spelling and pronouncing) in thirty hours, French in thirty days, and German in thirty years.“ Die deutsche Fassung lautet: „Meine philologischen Studien haben mich davon überzeugt, dass ein begabter Mann Englisch (ausgenommen Rechtschreibung und Aussprache) in dreißig Stunden lernen kann, Französisch in dreißig Tagen und Deutsch in dreißig Jahren.“ Daraus folgert er, Deutsch müsse „gestutzt und ausgebessert“ werden. Falls es unverändert bleibe, solle man es „sanft und ehrerbietig bei den toten Sprachen absetzen“, denn nur die Toten hätten Zeit, es zu lernen. Diese Zahlen und die Forderung sind als humoristische Übertreibung des Essays zu verstehen.
An den Essay ist eine Rede zum 4. Juli angehängt, die Twain bei einem Bankett des Anglo-Amerikanischen Studentenclubs hielt. In einer Mischung aus Englisch und Deutsch lobt er die Freundschaft zwischen Amerikanern und Engländern, die vor hundert Jahren noch Feinde gewesen seien, und wünscht sich, dass diese Freundschaft dauerhaft fortbestehe. Nebenbei schildert er erneut seine Schwierigkeiten mit dem Deutschen.
Twains Verhältnis zum Deutschen und spätere Bewertung
Twains Beschäftigung mit dem Deutschen begann in seiner Jugend, als in Hannibal deutsche Einwanderer lebten. Als Lehrer wählte er einen deutschen Schuhmacher, dessen schlechte didaktische Fähigkeiten den Lernversuch scheitern ließen. 1853 arbeitete Twain in St. Louis, dessen Bevölkerung damals zu etwa 30 % deutschstämmig war, kurzzeitig für die deutschsprachige Zeitung Anzeiger des Westens. Nach seiner Heirat mit Olivia im Jahr 1870 beschäftigte die Familie deutsche Hausangestellte. 1877 stellte sie zur Vorbereitung auf eine Deutschlandreise ein deutsches Kindermädchen ein und begann systematischer Deutsch zu lernen.
Auf der Europareise im Frühjahr 1878 besuchte die Familie auch die Schweiz und Deutschland. Twains Frau, seine älteste Tochter und Clara Spaulding machten erhebliche Fortschritte; Twain selbst kam nach eigener Erklärung wegen Zeitmangels weniger voran. Aus diesem Aufenthalt entstand der halb-fiktive Reisebericht Bummel durch Europa, in dessen Appendix Die schreckliche deutsche Sprache und eine satirische Beschreibung deutscher Zeitungen enthalten waren. Deutsch blieb danach in Briefen, Notizbüchern und literarischen Werken präsent. 1888 veröffentlichte Twain das zweisprachige Stück Meisterschaft: In Three Acts; 1889 beschrieb er im Roman Ein Yankee am Hofe des Königs Artus die magische Wirkung langer deutscher Wörter.
Twain hielt sich 1891 und 1892 erneut in Deutschland und der Schweiz auf. Zwischen 1897 und 1899 lebte er 19 Monate in Wien. Dort hielt er am 31. Oktober 1897 auf Einladung der „Concordia“ den Vortrag Die Schrecken der deutschen Sprache. Er sprach weitgehend verständliches Deutsch, wechselte aber bei Schwierigkeiten ins Englische, warb für seine satirischen Reformen und bezeichnete sich als „den treuesten Freund der deutschen Sprache“. Seine Sympathie zeigte sich auch auf dem Grabstein seiner 1904 verstorbenen Frau Olivia mit dem Spruch „Gott sei Dir gnädig, O meine Wonne“.
Manfred Pfister nannte den Essay anlässlich von Twains 100. Todestag „einen köstlichen Text“ und einen der besten Texte über das Lernen einer Fremdsprache. Guy Deutscher weist darauf hin, dass Twain vor allem die Sprache kritisierte, die er selbst lernte; etwa die grammatischen Geschlechter gebe es auch im Französischen, Russischen und Lateinischen. Monika S. Schmid hält Twains Frustration für authentisch und seine Kritik an den vielen Ausnahmen in vielen Fällen für zutreffend.
Gunnar Magnusson bezeichnet den Essay als Twains berühmtesten philologischen Essay. Einige Probleme hätten sich seitdem verändert: Das Dativ-e sei bis auf wenige feste Redewendungen fast verschwunden, und durch Ausklammerungen stehe das Verb im gesprochenen Deutsch häufiger weiter vorn. Auch journalistische und wissenschaftliche Texte seien klarer und eleganter geworden. Zusammengesetzte Substantive blieben jedoch problematisch; ihre Verwendung sei seit 1900 stetig angestiegen. Die von Twain gelobte Großschreibung bewertet Magnusson kritisch, weil ihre Abschaffung viele deutsche Sätze wahrscheinlich vereinfachen würde.
Zu den ausgewählten deutschen Ausgaben gehören die Übersetzung in Reisebilder und verschiedene Skizzen von 1891, eine Ausgabe von etwa 1910, die Übersetzung von Ulrich Steindorff in Bummel durch Europa von 1922, die zweisprachige Ausgabe von Ulrich Steindorff Carrington aus dem Jahr 1996 sowie die von Holger Hanowell übersetzte und kommentierte Reclam-Ausgabe von 2018.