Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Die Juden
Der Einakter Die Juden ist Gotthold Ephraim Lessings zweites Lustspiel. Er verfasste es 1749 in Berlin. Darin thematisiert er religiöse Toleranz und …
Inhalt6 Abschnitte
Werk, Thema und Bedeutung
Die Juden ist ein deutschsprachiges Lustspiel in einem Aufzug von Gotthold Ephraim Lessing. Er verfasste sein zweites Lustspiel 1749 in Berlin; es erschien 1754. Als Ort und Jahr der Uraufführung werden häufig Nürnberg 1766 genannt, doch das Datum ist umstritten: Eine angebliche Aufführung der Neuberschen Truppe 1749 in Leipzig ist nicht belegt.
Im Mittelpunkt stehen Antisemitismus, religiöse Toleranz und Humanität. Das Stück gilt als eines der frühesten projüdischen deutschen Dramen und entstand etwa 30 Jahre vor Lessings bekannterem Drama Nathan der Weise. Lessing wollte Tugend dort zeigen, wo das von Vorurteilen geprägte Publikum sie nicht erwartete. Der Titel ließ nach den Regeln damaliger Komödien eine verspottende Darstellung von Juden vermuten. Tatsächlich richtet sich der Spott gegen die nichtjüdischen Figuren und gegen die Vorurteile der Zuschauer.
Historischer Hintergrund
Das Stück orientiert sich an der Lage der Juden in Sachsen und Preußen im 17. und 18. Jahrhundert. Viele Städte wollten möglichst keine jüdischen Einwohner aufnehmen; geduldet wurden vor allem wohlhabende Juden. 1671 gewährte der Große Kurfürst ihnen durch ein Generalgeleit Aufenthaltsrecht und Handelsfreiheit, weil reiche jüdische Händler der staatlichen Wirtschaft nützen konnten. Friedrich I. behielt diese Regelung bei, verlangte jedoch höhere Steuern.
Unter Friedrich Wilhelm I. verschärften sich die Bedingungen ab 1713. Juden durften nur mit einem „Attest über tadellose Führung“ und einem bestätigten Vermögen von mindestens 10.000 Talern bleiben. Ihre Zahl wurde begrenzt, und pro Familie durfte nur ein Kind gegen ein jährliches „Schutzgeld“ heiraten. 1730 beschränkte der König aus Rücksicht auf christliche Händler ihre Handelsmöglichkeiten auf „Trödelkram und sonstige Kleinigkeiten“.
1750 trat unter Friedrich II. das Revidierte General-Privilegium und Reglement vor die Judenschaft in Kraft. Es schränkte die bürgerlichen Rechte fast aller Juden ein: Sie durften keine Staatsämter ausüben, Mischehen waren verboten und der Landerwerb unterlag Sonderregeln. „Ordentliche“ Schutzjuden hatten ein erbliches Wohnrecht; „außerordentliche“ Schutzjuden besaßen nur ein nicht übertragbares Wohnrecht und durften nicht heiraten. Juden war ausschließlich das Wohnen in Ghettos gestattet.
Handlung
Der Gutsverwalter Martin Krumm hat gemeinsam mit seinem Komplizen Michel Stich den Baron überfallen. Beide waren als Juden verkleidet, um den Verdacht auf Juden zu lenken. Ein unbekannter Reisender verhinderte den Überfall und übernachtet deshalb als Gast auf dem Gut. Krumm will sich an ihm rächen und seine Uhr stehlen, entwendet aber stattdessen eine silberne Tabaksdose.
Der Reisende möchte bald abreisen, damit er die Dankbarkeit des Barons nicht ausnutzt. Auf Bitten des Barons und seiner Tochter bleibt er noch einen Tag. Zwischen dem jungen Fräulein und dem Reisenden entsteht gegenseitiges Interesse. Weil der Baron seinen Gast nicht direkt ausfragen will, beauftragt er die Bedienstete Lisette, den Diener Christoph über Herkunft, Stand und Vermögen seines Herrn auszuhorchen.
Christoph kennt den Reisenden erst seit vier Wochen und weiß fast nichts über ihn. Lisette verspricht ihm die Tabaksdose, die sie zuvor von Krumm erhalten hat. Daraufhin erfindet Christoph eine Geschichte über seinen Herrn. Die dadurch entstehende Verwirrung und die wiedererkannte Dose führen schließlich zur Entlarvung Martin Krumms. Der Reisende bewahrt den Baron damit zum zweiten Mal vor Schaden.
Aus Dankbarkeit bietet der Baron dem Reisenden zunächst Reichtümer und dann die Hand seiner Tochter an. Der Reisende lehnt die Belohnung ab. Als bekannt wird, dass er Jude ist, kommt die geplante Verbindung mit der Tochter wegen des Verbots der Mischehe nicht zustande. Durch sein vorbildliches Verhalten kann der Reisende jedoch überzeugend verlangen, dass der Baron künftig weniger vorurteilsvoll über Juden urteilt.
Figuren und Gegensätze
Der Reisende ist die Hauptfigur. Er handelt hilfsbereit, vernünftig und bescheiden und erscheint als nahezu idealer Mensch. Seine jüdische Religionszugehörigkeit wird erst am Ende enthüllt. Dadurch widerlegt sein Verhalten die zuvor geäußerten antisemitischen Vorurteile.
Martin Krumm ist der Gutsverwalter des Barons und zugleich ein habgieriger, ungeschickter Dieb. Sein „sprechender Name“ verweist auf seinen schlechten Charakter. Obwohl er selbst als Jude verkleidet einen Überfall begeht und den Reisenden bestiehlt, beschuldigt er Juden pauschal der Kriminalität. Sein ähnlich habgieriger Komplize Michel Stich tritt nur am Anfang auf.
Der Baron ist ein wohlhabender Adliger und Kriegsveteran. Er zeigt große Dankbarkeit, besitzt aber aufgrund eines einzelnen früheren Erlebnisses Vorurteile gegen Juden. Nachdem er die Herkunft des Reisenden erfährt, muss er sein Urteil überprüfen. Seine Tochter ist selbstbewusst, etwas eitel und naiv. Als einzige Figur äußert sie zunächst keine Vorurteile gegen Juden; dies beruht jedoch eher auf Unwissenheit als auf bewusster Weltoffenheit.
Christoph ist der geschwätzige, oft respektlose und trinkfreudige Diener des Reisenden. Auch er hat Vorurteile gegenüber Juden und Frauen, lässt nach der Enthüllung aber wenigstens Ausnahmen gelten. Lisette, die Bedienstete des Barons, spielt mit ihren Verehrern Krumm und Christoph. Als Vermittlerin zwischen ihnen sorgt sie dafür, dass die gestohlene Tabaksdose weitergegeben und Krumm schließlich entlarvt wird. Am Ende heiraten Lisette und Christoph.
Aufbau und Sprache
Das Stück ist ein Einakter mit 23 Auftritten. Es wahrt die Einheiten von Zeit, Ort und Handlung. Es übernimmt typische Elemente der Typenkomödie: ungesittete Diener, eine Intrige um einen Gegenstand und ein glückliches Ende durch eine Hochzeit. Allerdings heiraten nicht der Reisende und das junge Fräulein, sondern ihre Bediensteten Christoph und Lisette. Die erwartete Verbindung der Herrschaften scheitert am Verbot der Mischehe.
Das Lustspiel ist in Prosa geschrieben. Die Sprache kennzeichnet den Bildungsstand der Figuren: Die Räuber und Christoph sprechen volkstümlich und teilweise derb, während der Reisende eine gewählte Sprache verwendet, die keinen Hinweis auf seine Religion gibt. Die Sätze sind meist kurz. Zu den wichtigen Stilmitteln gehören die Ellipse, also die Auslassung von Satzteilen, die Aposiopese, also das bewusste Abbrechen eines Satzes, und die Antilabe, bei der mehrere Figuren eine zusammenhängende Rede aufteilen. Besonders deutlich wird dies im 22. Auftritt, als der Reisende stockend erklärt: „Ich bin ein Jude“, worauf Baron, Christoph, Lisette und das Fräulein unmittelbar reagieren. Weitere Mittel sind Botenbericht, dramatische Ironie, Beiseitesprechen und Polyptoton, die Wiederholung desselben Wortstamms in verschiedenen Formen.
Aussage und Deutung
Das Lustspiel ist ein Beitrag zur im 18. Jahrhundert beginnenden deutschen Toleranzdiskussion. Es wird als „ernste Komödie“ verstanden, die antisemitische Vorurteile lockern und allmählich abbauen soll. Grundlage ist ein Humanismus, nach dem Nächstenliebe unabhängig von der Religion gelten muss. Die entscheidende Gemeinsamkeit ist das Menschsein; das Stück fragt nicht, ob Juden bessere oder schlechtere Menschen seien, sondern weist die Übertragung eines Urteils über einen Einzelnen auf eine ganze Gruppe zurück.
Die verschiedenen Reaktionen auf den Satz „Ich bin ein Jude“ zeigen unterschiedliche Stufen des Vorurteils. Martin Krumm verkörpert den ausgeprägten Antisemitismus des einfachen Volkes, obwohl er selbst kriminell handelt. Christoph hält an Vorurteilen fest, erkennt aber Ausnahmen an. Auch der Baron urteilt zunächst aufgrund eines einzelnen schlechten Erlebnisses über alle Juden. Seine Tochter ist noch weitgehend unbeeinflusst, wird jedoch bereits von Lisette in die Vorurteile der Erwachsenen eingeführt.
Der Baron legt seine Vorurteile schrittweise ab; sein Lernprozess soll zugleich den Lernprozess des Publikums anstoßen. Nicht der jüdische Reisende ist die lächerliche Figur, sondern die Menschen um ihn herum erweisen sich durch ihre Vorurteile als töricht. Damit verändert Lessing die damalige Komödientradition und bereitet Gedanken vor, die er später in Nathan der Weise umfassender gestaltet.