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Deutscher Sprachpurismus

Unter deutschem Sprachpurismus (auch: Sprachreinigung) versteht man Bestrebungen, die deutsche Sprache von Fremd- und Lehnwörtern zu befreien, indem man …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff, Ziel und Hintergrund
  2. 2. Sprachreinigung im 17. und 18. Jahrhundert
  3. 3. Campes Wortschöpfungen und die Grenzen des Purismus
  4. 4. Institutionalisierung, Nationalismus und Nationalsozialismus
  5. 5. Heutiger Umgang mit Fremdwörtern

Begriff, Ziel und Hintergrund

Deutscher Sprachpurismus, auch Sprachreinigung genannt, bezeichnet Bestrebungen, Fremd- und Lehnwörter aus der deutschen Sprache zu entfernen. Sie sollen durch bereits vorhandene, passend erscheinende deutsche Wörter oder durch neu gebildete Wörter ersetzt werden. Fremdwörter stammen erkennbar aus einer anderen Sprache; Lehnwörter wurden aus einer anderen Sprache übernommen und in unterschiedlichem Maß an das Deutsche angepasst.

Nach Peter von Polenz passt die Bezeichnung Sprachpurismus besonders zu den sprachpflegerischen Bemühungen des 17. und 18. Jahrhunderts. Diese richteten sich nicht nur gegen Einflüsse anderer Sprachen, sondern befassten sich auch mit der Gestaltung innerhalb des Deutschen. Ein wichtiger gesellschaftlicher Hintergrund war, dass der Adel vor der Französischen Revolution von 1789 bis 1799 häufig Französisch sprach. Das aufkommende Bürgertum und Intellektuelle ahmten diese als vornehm geltende Sprechweise nach.

Im 19. und frühen 20. Jahrhundert verbanden Sprachpflegevereine ihre Liebe zur deutschen Muttersprache häufig mit einer mehr oder weniger stark national geprägten Haltung. Sprachpurismus hatte damit je nach Epoche sowohl sprachpflegerische als auch gesellschaftliche und politische Motive.

Sprachreinigung im 17. und 18. Jahrhundert

Die 1617 gegründete Fruchtbringende Gesellschaft war die erste deutsche Sprachgesellschaft, die Fremdwörtern entgegenwirken wollte. Weitere Gesellschaften mit ähnlichen Zielen folgten. Die satirische Flugschrift „Teutscher Michel“ von etwa 1638 kritisierte anschaulich, dass Deutsche ihre Muttersprache gering achteten und ihre Rede mit lateinischen, französischen und anderen fremdsprachigen Ausdrücken vermischten.

In der Folge entstanden zahlreiche Eindeutschungen, besonders für lateinische und französische Begriffe. Der Schriftsteller Philipp von Zesen (1619–1689) prägte unter anderem „Abstand“ für Distanz, „Bücherei“ für Bibliothek oder Liberey, „Augenblick“ für Moment, „Leidenschaft“ für Passion, „Entwurf“ für Projekt, „Anschrift“ für Adresse, „Briefwechsel“ für Korrespondenz, „Lustspiel“ für Komödie, „Mundart“ für Dialekt, „Rechtschreibung“ für Orthographie, „Tagebuch“ für Journal und „Verfasser“ für Autor. Viele dieser Wörter wurden dauerhaft Teil der deutschen Sprache. Andere Vorschläge wie „Zeugemutter“ für Natur, „Entgliederer“ für Anatom, „Jungfernzwinger“ für Nonnenkloster und „Meuchelpuffer“ für Pistole setzten sich nicht durch und wurden bereits von Zeitgenossen verspottet.

Der Philosoph Christian Wolff (1679–1754) verdeutschte lateinische Fachbegriffe und schuf damit eine Grundlage für den Aufschwung der deutschsprachigen Philosophie im 18. Jahrhundert. Auch das Wort „Grundlage“ selbst bildete Wolff als Entsprechung zum lateinischen „fundamentum“.

Campes Wortschöpfungen und die Grenzen des Purismus

Der Schriftsteller, Pädagoge und Verleger Joachim Heinrich Campe (1746–1818) schuf zahlreiche deutsche Ersatzwörter. Zu seinen erfolgreichen Bildungen zählen „Altertum“ für Antike, „Erdgeschoss“ für Parterre, „tatsächlich“, „Feingefühl“ für Delikatesse oder Takt, „Hochschule“ für Universität, „Stelldichein“ für Rendezvous, „Schreckensherrschaft“ für Terrorismus, „Zerrbild“ für Karikatur, „Mannweib“ für Amazone und „Randbemerkung“ für Marginalie. Für grammatische Fachbegriffe bildete er unter anderem „Einzahl“, „Mehrzahl“, „Nachsilbe“, „Schaltsatz“ und „Verhältniswort“.

Andere Vorschläge Campes blieben erfolglos, darunter „Geistesanbau“ für Kultur, „Zwischenstille“ für Pause, „Dörrleiche“ für Mumie, „Polsterbett“ für Sofa, „Kunsthöhle“ für Grotte, „Schalksernst“ für Ironie und „Zwangsgläubige“ für Katholiken. Beim berühmten „Gesichtserker“ für Nase ist unklar, ob er jemals ernsthaft vorgeschlagen wurde oder eine Satire auf den Sprachpurismus war.

Häufig bestehen das Fremdwort und die Eindeutschung bis heute nebeneinander, etwa „Fundament“ und „Grundlage“. Zwischen solchen Wörtern können Bedeutungsunterschiede sowie Unterschiede in regionaler Verbreitung, Gebrauch oder Alter bestehen.

Johann Wolfgang von Goethe kritisierte einen starren Purismus. In einem gemeinsam mit Friedrich Schiller verfassten Xenion verspottete er die Schwierigkeit, selbst das Wort „Pedant“ einzudeutschen. Zugleich erklärte er: „Die Muttersprache zugleich reinigen und bereichern, ist das Geschäft der besten Köpfe.“ Er befürwortete damit, unbrauchbare Wörter zu entfernen, nützliche Wörter jedoch auch aus anderen Sprachen aufzunehmen.

Institutionalisierung, Nationalismus und Nationalsozialismus

Im 19. Jahrhundert wurde die Sprachreinigung stärker organisiert und teilweise staatlich unterstützt. Der Germanist Hermann von Pfister-Schwaighusen (1836–1916) schlug 1875 „völkisch“ als Ersatz für „national“ vor. 1885 entstand der Allgemeine Deutsche Sprachverein.

Der Generalpostdirektor Heinrich von Stephan ersetzte französische Fachausdrücke der Post durch deutsche Bezeichnungen. Zu seinen Beispielen gehören „postlagernd“ für „poste restante“ und „Anschrift“ für Adresse. Manche seiner Bildungen blieben jedoch auf den amtlichen Postgebrauch beschränkt: Im Alltag sagte man weiterhin „frankieren“ statt „freimachen“ und „Telefon“ statt „Fernsprecher“.

Für die Eisenbahn übernahm der Ingenieur Otto Sarrazin eine vergleichbare Rolle. Er engagierte sich im Allgemeinen Deutschen Sprachverein und veröffentlichte 1886 ein Verdeutschungswörterbuch. Er schlug „Abteil“ statt Coupé, „Bahnsteig“ statt Perron, „Fahrkarte“ statt Billet und „Rückfahrkarte“ statt Retourbillet vor. Im Rahmen der damaligen nationalistischen Politik unterstützte der Staat diese Bestrebungen; die Eisenbahn schrieb die deutschen Begriffe vor. Das angeblich für „Explosionsmotor“ geschaffene Wort „Zerknalltreibling“ wird gelegentlich als lächerliches Beispiel des damaligen Purismus genannt.

In der Zeit des Nationalsozialismus bestand die Tradition fort, doch die Führung fürchtete, übertriebener Purismus könne rückständig wirken. Ein Erlass vom 19. November 1940 missbilligte ausdrücklich „die künstliche Ersetzung längst ins Deutsche eingebürgerter Fremdworte“. Hitler kritisierte in „Mein Kampf“ das Verwenden besonders altgermanischer Ausdrücke, die nicht zur Gegenwart passten oder nichts Bestimmtes bezeichneten. Nach der NS-Zeit löste sich der Allgemeine Deutsche Sprachverein auf.

Victor Klemperer zeigte in „LTI – Notizbuch eines Philologen“, dass die nationalsozialistische Sprache Fremdwörter auch zur Verschleierung nutzte. So wirke „Garant“ bedeutsamer als „Bürge“ und „diffamieren“ eindrucksvoller als „schlechtmachen“; außerdem konnten unverständliche Fremdwörter gerade deshalb eine starke Wirkung entfalten. Sprachpurismus und nationalsozialistische Sprachpolitik sind daher nicht gleichzusetzen, auch wenn manche Menschen sie miteinander verbinden.

Heutiger Umgang mit Fremdwörtern

In der Gegenwart bekennt sich kaum jemand ausdrücklich zum Sprachpurismus; die Bezeichnung gilt als Anachronismus, also als nicht mehr zeitgemäß. Bemühungen um ein fremdwortarmes Deutsch werden heute eher als Sprachkritik oder Sprachpflege bezeichnet. Mehrere Sprachvereine widmen sich diesen Aufgaben.

Solche Vereine wenden sich besonders gegen den häufigen Gebrauch von Anglizismen, also aus dem Englischen übernommene Wörter, und bieten Verdeutschungswörterbücher oder Ersatzlisten an. Ein Beispiel ist „Weltnetz“ für „Internet“, eine Bezeichnung, die vor allem in rechtsextremen Kreisen verbreitet war.

Die tatsächliche Sprachentwicklung folgt keinem einheitlichen Muster. Viele Originalwörter bleiben bestehen, etwa „CD“ und „Internet“. Daneben entstehen Scheinanglizismen: Das sind englisch wirkende deutsche Bildungen, die im Englischen nicht in derselben Bedeutung gebraucht werden; Beispiele sind „Handy“, „Oldtimer“, „Talkmaster“ und „Happy End“. Manchmal verdrängt ein Anglizismus eine vorhandene deutsche Bezeichnung, etwa „CD-Player“ statt „CD-Spieler“. In anderen Fällen setzt sich eine Verdeutschung erfolgreich durch, beispielsweise „herunterladen“ für das englische „download“.

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