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Deutsche Rechtschreibung im späten 19. Jahrhundert

... Apostroph nicht. am, beim, unterm, zum, ans, aufs, ins. Bei Eigennamen ist es nicht erforderlich, das s des Genitivs durch einen Apostroph abzutrennen. Ciceros …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Einordnung und Bedeutung
  2. 2. Abweichende Buchstabenschreibungen
  3. 3. S-Laute und lange s-Form
  4. 4. Zusammensetzung und Worttrennung
  5. 5. Zeichen: Bindestrich, Apostroph und Trema
  6. 6. Kommasetzung

Einordnung und Bedeutung

Im 19. Jahrhundert gab es noch keine für den gesamten deutschen Sprachraum verbindliche deutsche Rechtschreibung. Die I. Orthographische Konferenz von 1876 fasste wichtige Beschlüsse zur Reform und Vereinheitlichung, doch ihre Umsetzung blieb schwierig. Ein Grund war prominenter Widerstand, unter anderem durch Reichskanzler Otto von Bismarck. Außerdem unterschieden sich die Schulverordnungen in Österreich, Bayern und Preußen deutlich voneinander.

Das ab 1880 in mehreren Auflagen erschienene Wörterbuch von Konrad Duden machte die 1876 bevorzugten Schreibweisen in der Öffentlichkeit bekannter. Dadurch konnte die Orthographische Konferenz von 1901 vielen Beschlüssen von 1876 allgemeine Gültigkeit verschaffen und teilweise noch darüber hinausgehen. Die vierte Auflage des Duden von 1893 zeigt daher einen Übergangszustand: Viele Schreibweisen waren schon vereinheitlicht, andere schwankten noch oder unterschieden sich regional.

Abweichende Buchstabenschreibungen

In der vierten Auflage des Duden von 1893 wurden einige Schreibungen verwendet, die heute ungewohnt wirken. Sie betreffen vor allem th, ph, c/k/z und einzelne Wörter.

Sieben ursprünglich deutsche Wörter mussten mit „th“ geschrieben werden: Thal, Thon, Thor (der und das), Thran, Thräne, thun und Thür. Auch Ableitungen dieser Wörter wurden so geschrieben, zum Beispiel Thaler, thönern, thöricht, thranig, thränen, thätig und Unterthan. Bei anderen Wörtern waren beide Schreibweisen erlaubt, wobei die Schreibung mit „t“ bevorzugt wurde: Thau/Tau, Thee/Tee, Theer/Teer, Theil/Teil, theuer/teuer, Thibet/Tibet und Thier/Tier.

Auch der F-Laut konnte in einzelnen ursprünglich deutschen Wörtern mit „ph“ geschrieben werden, etwa Epheu, Rudolph und Westphalen. In „vollständig eingebürgerten“ Fremdwörtern stand ebenfalls ph, zum Beispiel Elephant, Elphenbein, Phasan und Sopha. Diese Schreibweisen waren aber schon 1895 veraltet und wurden nur noch teilweise im Duden aufgenommen.

Der Buchstabe C wurde in vielen Fremdwörtern verwendet, aber nicht einheitlich. Beispiele sind Accent, Accord, Accusativ, cedieren, Centimeter, Cession, Citat und Cylinder. Andere Fremdwörter wurden mit K geschrieben, etwa Adjektiv, Kommerz, Kommission und Korrektur. Bei manchen Wörtern waren zwei Formen möglich, zum Beispiel Casus/Kasus, Cement/Zement, Censur/Zensur, Centrum/Zentrum, Concept/Konzept, Concert/Konzert und Corpus/Korpus.

Weitere wichtige abweichende Schreibungen waren Litteratur, in Bayern jedoch Literatur, sowie Wage für das heutige Waage.

S-Laute und lange s-Form

Die Rechtschreibung unterschied zwischen dem gewöhnlichen s und dem langen ſ. Wo ein einfaches oder doppeltes s verlangt wurde, also kein ß, schrieb man in der Regel ſ. Beispiele sind ſehen, Vaſe, wachſen, Erbſe sowie Waſſer und ich laſſ’. Am Wort- und Silbenauslaut schrieb man dagegen s, etwa in das, was, Haus, Wachs, Dresden, Potsdam und Weihnachtsmann.

Vor t und p stand in der Regel ſ, zum Beispiel in faſten, Knoſpe, Kiſte, Pfoſten, Haſt, Luſt, Roſt, er lieſt, reiſt, toſt, Haſpe, Weſpe, Riſpe und knuſpern. Das galt auch in Fremdwörtern wie Diſtanz und Deſpot. Wenn jedoch bei Zusammensetzungen der erste Teil auf s endete und klar als selbständiger Bestandteil erkennbar war, blieb dieses s auch vor t und p erhalten. Beispiele sind distribuieren, disputieren und transportieren. Dagegen schrieb man abſtrakt, abſtrus, Abſtinenz und Aſphalt.

In Verbindung mit einem zweiten s stand immer ſſ, sofern kein ß verwendet werden musste, etwa in weſſen und Diſſonanz. Ein s konnte nach dieser Regel niemals doppelt auftreten. Bei der Worttrennung am Zeilenende blieb ſ erhalten, zum Beispiel Waſ-ſer und weſ-ſen.

Vor anderen Konsonanten als p, ſ und t gehörte der S-Laut in der Regel zur ersten Silbe und wurde deshalb mit s geschrieben, etwa in Maske, Boskett, Rekonvalescent und Diskus. Wenn aber aus Etymologie oder Lautgesetzen erkennbar war, dass der S-Laut zur zweiten Silbe gehörte, schrieb man ſ, zum Beispiel proſkribieren und obſkur.

Zusammensetzung und Worttrennung

Bei drei gleichen Konsonanten in Zusammensetzungen gab es unterschiedliche Regeln. Nach der preußischen Regel schrieb man dennoch, Dritteil, Mittag, Brennessel und Schiffahrt. In allen übrigen Wörtern, in denen durch Zusammensetzung drei gleiche Konsonanten zusammentrafen, blieben alle drei erhalten, zum Beispiel Betttuch und Schwimmmeister. Das bayerische Regelbuch verlangte dagegen, dass in allen solchen Zusammensetzungen einer der drei gleichen Konsonanten ausgelassen wird, etwa Schalloch, Bettuch und Kammacher. Bei Rückkehr und Schutzzoll galt das nicht.

Für die Worttrennung am Zeilenende galt als Hauptregel: Man trennt nach Sprechsilben, also nach der Aussprache, nicht nach der Ableitung. Daher schrieb man lie-ben und En-dung, nicht lieb-en oder End-ung. Zusammengesetzte Wörter wurden abweichend davon nach ihren Bestandteilen getrennt, auch wenn das nicht der Aussprache entsprach, zum Beispiel war-um, vor-aus, her-ein, be-ob-ach-ten, voll-enden, Inter-esse, Atmo-sphäre, Mikro-skop, Di-stinktion und Dis-put.

Stand nur ein Konsonant zwischen zwei Vokalen, kam er auf die zweite Zeile, etwa tre-ten, le-sen, nä-hen und bü-ßen. Lautverbindungen, die nur einen Laut bezeichnen, wurden nicht getrennt: ch, sch, ph und th blieben zusammen, zum Beispiel Bräu-che, lö-schen und Or-thogra-phie. Auch dt wurde so behandelt, wenn es nur einen Laut bildete, etwa Stä-dte und Verwan-dte.

Bei mehreren Konsonanten im Wortinneren kam der letzte auf die zweite Zeile, zum Beispiel här-ten, Las-ten, Was-ser, klop-fen, Ach-sel, An-ker, Fin-ger und Hoffnun-gen. ck wurde in k-k aufgelöst, wie in hak-ken. Bei pf nach r oder m gehörte pf zur zweiten Zeile, etwa däm-pfen und Kar-pfen. Nach vorhergehenden Konsonanten stand st ebenfalls auf der zweiten Zeile, zum Beispiel Für-sten, gün-stig und schwül-stig. Bayern und Württemberg hatten Sonderregeln: Sie ließen pf stets ungetrennt auf die zweite Zeile treten; Bayern tat dies auch bei sp, st, ck und ß. Beide ließen ng stets ungetrennt auf der ersten Zeile, zum Beispiel Fing-er und Hoffnung-en.

Zeichen: Bindestrich, Apostroph und Trema

Der Bindestrich wurde nach dem preußischen Regelbuch verwendet, wenn ein Wortglied zu mehreren aufeinanderfolgenden Zusammensetzungen gehörte, aber nur einmal gesetzt wurde. An den anderen Stellen trat dann ein Bindestrich ein, zum Beispiel Feld- und Gartenfrüchte oder Vokallänge und -kürze. In Zusammensetzungen von Eigennamen und davon gebildeten Adjektiven wurde ebenfalls ein Bindestrich gesetzt, etwa Jung-Stilling, Reuß-Greiz und niederschlesisch-märkische Eisenbahn. Außerdem konnte er unübersichtliche Zusammensetzungen gliedern, zum Beispiel Oberlandesgerichts-Präsident, Staatsschuldentilgungs-Kommission und das Für-sich-selbst-sein. Auch zur Verdeutlichung war der Bindestrich möglich, etwa in Schluss-s, Dehnungs-h oder Erd-Rücken zur Unterscheidung von Erdrücken.

Der Apostroph zeigte an, dass Laute ausgelassen wurden, die normalerweise geschrieben würden: Ich lieb’ ihn, Das leid’ ich nicht, Heil’ge. In gewöhnlicher Prosa sollte eine solche Verstümmelung der Wortform vermieden werden, außer etwa beim Pronomen „es“, wie in ist’s und geht’s. Bei Verschmelzungen von Präposition und Artikel wurde kein Apostroph gesetzt: am, beim, unterm, zum, ans, aufs und ins. Bei Eigennamen musste das Genitiv-s nicht mit Apostroph abgetrennt werden, zum Beispiel Ciceros Briefe, Schillers Gedichte und Homers Ilias. Wenn Eigennamen den Genitiv auf s nicht bilden konnten, wurde das Verhältnis mit Apostroph bezeichnet, etwa Voß’ Louise und Demosthenes’ Reden.

Beim Trema, also zwei Punkten über einem Vokal zur Aussprachehilfe, galt: Ä, Ö, Ü ersetzten Ae, Oe, Ue. Tremata wurden in der deutschen Schrift nur vereinzelt angewendet und waren nur zulässig, um Missverständnisse zu vermeiden. Sie sollten nicht zur Trennung zwischen a und e, o und e oder u und e dienen, auch nicht am Anfang großgeschriebener Wörter. Nach den amtlichen Regelbüchern wurde der Umlaut nur noch durch Ä, Ö, Ü bezeichnet; Ae, Oe und Ue mussten zweisilbig gelesen werden, sodass Aeronaut nur viersilbig gelesen werden konnte. Sonst verwendete man das Trema nur zur Vermeidung falscher Aussprache, etwa in Aï oder Alëuten, nicht aber bei Rhomboid oder Atheist. In amtlichen Regelbüchern wurde das Trema nicht geregelt.

Kommasetzung

Der Duden von 1893 machte keine Aussage zu Kommaregeln. Da die Kommaregeln in der Reform der deutschen Rechtschreibung von 1901 aber nicht geändert wurden, können dafür die Regeln aus dem Duden von 1919 herangezogen werden. Der Artikel nennt an dieser Stelle keine einzelnen Kommaregeln, sondern nur diese Einordnung.

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