Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Deutsche Physik

Die sogenannte Deutsche Physik, auch Arische Physik, war eine nationalsozialistisch geprägte Lehre, die einige deutsche Physiker in der ersten Hälfte des 20 …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kernidee und Bedeutung
  2. 2. Inhalte und Methoden
  3. 3. Historischer Hintergrund
  4. 4. Durchsetzung im Nationalsozialismus
  5. 5. Bewertung und Vertreter

Kernidee und Bedeutung

Die sogenannte Deutsche Physik, auch Arische Physik, war eine nationalsozialistisch geprägte, antisemitische Lehre einiger deutscher Physiker in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie vermischte Physik mit rassistischen Vorstellungen und richtete sich gegen die Moderne Physik, besonders gegen Albert Einsteins Relativitätstheorie und die Quantenmechanik. Diese Theorien wurden als zu mathematisch, zu theoretisch, zu wenig anschaulich und als „jüdisch“ abgelehnt.

Die Bewegung war weitgehend auf Deutschland begrenzt, unter maßgebenden Fachvertretern nicht sehr verbreitet und in Fachkreisen von Anfang an weitgehend isoliert. Ihr Beginn wird auf Philipp Lenards Werk „Große Naturforscher“ von 1929 datiert; sie endete mit dem Zusammenbruch des Dritten Reiches 1945. Für die Entwicklung der Physik hatte sie keine wissenschaftliche Bedeutung. Heute gilt sie als spezifisch nationalsozialistische Gegenentwicklung zur Modernen Physik.

„Deutsche Physik“ ist außerdem der Titel eines vierbändigen Lehrbuchs von Philipp Lenard aus dem Jahr 1936. Darin versuchte Lenard, Entwicklungen der Modernen Physik auf Grundlage der Klassischen Physik zu erklären, besonders mithilfe der Äthertheorie.

Inhalte und Methoden

Die Deutsche Physik hatte kein formales Programm. Sie entstand in Veröffentlichungen und Vorträgen als Reaktion auf die abstrakte Moderne Physik. Ihre Vertreter forderten eine anschauliche, mechanistische Erklärung der Natur und stellten das Experiment in den Mittelpunkt. Theoretische Überlegungen sollten nach Lenards Auffassung auf experimentellen Ergebnissen beruhen und „auf dem festen Boden der klassischen Physik“ beschrieben werden.

Als Grundlagen galten das „Postulat der mechanischen Begreifbarkeit“, das unmittelbare Erlebnis der Natur und das Experiment als methodische Grundlage. Mit „mechanischer Begreifbarkeit“ war gemeint, dass physikalische Vorgänge anschaulich und im Rahmen klassischer Begriffe verstanden werden sollten. Zentrale Begriffe waren Kraft, Energie, Mechanismus und Äther. Der „Mechanismus“ wurde als Anwendung mathematisch formulierbarer, quantitativ auswertbarer Vorstellungen verstanden, die eine anschauliche Entsprechung in Raum und Zeit erlauben. Der Äther sollte unter anderem den Aufbau des Atoms und das von Lenard anerkannte Relativitätsprinzip erklären.

Die klassischen Bereiche von Lenards Lehrbuch entsprachen im Wesentlichen der international akzeptierten Physik. Abgelehnt wurden jedoch Relativitätstheorie und Quantentheorie. Lenard entwickelte seit 1910 eine Äthertheorie, die auch das Michelson-Morley-Experiment und andere relativistisch interpretierte Experimente erklären sollte. Johannes Stark versuchte in der Atomphysik, mit einem klassischen Modell Phänomene zu erklären, die sonst quantentheoretisch behandelt wurden. Darüber hinaus entstanden innerhalb der Deutschen Physik kaum neue theoretische Konzepte.

Historischer Hintergrund

Anfang des 20. Jahrhunderts veränderte sich das klassische physikalische Weltbild stark. Zwei Entwicklungen waren besonders wichtig: Max Plancks Einführung des Energiequants und Albert Einsteins Spezielle Relativitätstheorie. Das Energiequant widersprach klassischen Wellen- und Äthervorstellungen vom Licht und passte nicht mehr zu herkömmlichen Begriffen von Kausalität und Determinismus. Einsteins Relativitätstheorie ließ Naturgesetze scheinbar vom Bewegungszustand des Beobachters abhängen, was Gegner als „allgemeinen Relativismus“ und „materialistisches Spiel ohne Werte“ deuteten.

In den 1920er Jahren führte dies zu einem Kulturkampf zwischen Befürwortern und Gegnern der Modernen Physik. Viele Physiker empfanden die zunehmende Mathematisierung als problematisch, etwa abstrakte Räume wie den Hilbertraum, Gruppentheorie oder die komplizierte Schreibweise der Einsteinschen Feldgleichungen. Die Deutsche Physik deutete diese Schwierigkeit ideologisch als „jüdisch“.

Viele Gegner der Modernen Physik gehörten zur älteren Generation von Naturforschern, die sich im untergegangenen Kaiserreich als kulturelle Elite verstanden. Dazu zählten Philipp Lenard und Johannes Stark. Beide hatten selbst wichtige Beiträge zur modernen Forschung geleistet: Lenard erhielt 1905 den Nobelpreis und trug durch Arbeiten zum lichtelektrischen Effekt und zur Phosphoreszenz zur Entwicklung des Quantenkonzepts bei. Stark wies den Stark-Effekt nach, also die Veränderung atomarer und molekularer Energieniveaus durch elektrische Felder, und war zunächst ebenfalls ein früher Vertreter des Quantenkonzepts. Nach dem Ersten Weltkrieg beziehungsweise gegen Kriegsbeginn wandten sie sich jedoch gegen diese modernen Konzepte.

Ein früher Höhepunkt der Auseinandersetzung war Lenards Auftritt bei der Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte in Bad Nauheim am 23. September 1920, bei der es zur öffentlichen Konfrontation mit Einstein kam. Lenards Haupteinwand war die angebliche Unanschaulichkeit der Allgemeinen Relativitätstheorie, die gegen den gesunden Menschenverstand verstoße.

Durchsetzung im Nationalsozialismus

Schon in den 1920er Jahren konstruierten Antisemiten im Streit um Einsteins Relativitätstheorie den Gegensatz zwischen einer angeblich abstrakten „jüdischen Physik“ und einer angeblich begreifbaren „Deutschen Physik“. Da viele wichtige Vertreter der modernen Physik jüdischer Abstammung waren, darunter Albert Einstein, Max Born und Wolfgang Pauli, konnte diese Hetze an antisemitische Vorstellungen anknüpfen. Nichtjüdische Unterstützer der Relativitäts- und Quantentheorie, etwa Werner Heisenberg, wurden später als „weiße Juden“ verunglimpft.

Das Jahr 1933 war eine Zäsur: Durch Gleichschaltung und die Entlassung jüdischer Wissenschaftler gewannen Vertreter der Deutschen Physik Machtpositionen. Johannes Stark wurde am 1. Mai 1933 Präsident der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt und 1934 Präsident der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft. Sein Versuch, auch den Vorsitz der Deutschen Physikalischen Gesellschaft zu übernehmen, scheiterte jedoch mit großer Mehrheit. Die Verleihung des Nobelpreises an Werner Heisenberg 1933 schwächte die Position der Deutschen Physik zusätzlich.

Philipp Lenard wirkte vor allem als Ideologe und Berater des Reichskultusministers Bernhard Rust. Johannes Stark war der wichtigste Organisator. Ein politischer Erfolg der Bewegung war 1939 die Besetzung des Münchner Sommerfeld-Lehrstuhls durch Wilhelm Müller, obwohl ursprünglich Werner Heisenberg vorgesehen war.

Trotz politischer Unterstützung verloren Lenards und Starks Anhänger an Einfluss, weil die Moderne Physik in vielen Forschungsprojekten des NS-Staates praktisch nützlich war, etwa im Uranprojekt. Im November 1940 kam es zum sogenannten Münchner Religionsgespräch zwischen Vertretern der Deutschen Physik und Vertretern der modernen Physik. In der schriftlichen Vereinbarung wurde festgehalten, dass theoretische Physik mit mathematischen Hilfsmitteln ein notwendiger Bestandteil der Gesamtphysik sei, dass die Erfahrungstatsachen der speziellen Relativitätstheorie zum festen Bestandteil der Physik gehörten und dass Quanten- und Wellenmechanik das einzige damals bekannte Hilfsmittel zur quantitativen Erfassung der Atomvorgänge seien. Lenard sah diese Erklärung als Verrat; Vertreter der modernen Physik konnten mit ihr leben.

Bewertung und Vertreter

Die Deutsche Physik wird als teilweise pseudowissenschaftliches Phänomen bewertet. Sie wird häufig als Versuch verstanden, Naturwissenschaften in die faschistische Gesellschaft einzugliedern. Ähnliche ideologische Bewegungen gab es etwa in der „Deutschen Mathematik“ von Ludwig Bieberbach und Theodor Vahlen oder in der „Deutschen Chemie“ Paul Waldens.

Ihre Besonderheit lag im vergleichsweise großen politischen Einfluss von Philipp Lenard und Johannes Stark, zwei Nobelpreisträgern, die ab 1933 leitende Positionen oder beratende Funktionen gegenüber der politischen Elite hatten. Inhaltlich entstand die Deutsche Physik nach dem Ersten Weltkrieg als Gegenpol zur Modernen Physik. Sie verlangte anschauliche Modelle und Experimente als Grundlage und wandte sich besonders gegen Einsteins Relativitätstheorie und die Quantentheorie. Lenards Versuche, das Relativitätsprinzip und die Quantentheorie mithilfe der Äthertheorie auf eine klassisch-anschauliche Grundlage zu stellen, verloren mit der weiteren Entwicklung der Physik und spätestens mit der Entdeckung der Kernspaltung jede Plausibilität.

Im Nationalsozialismus wandelte sich die Deutsche Physik endgültig zur rassistischen Arischen Physik. Gleichzeitig blieb die moderne Physik auch im NS-Staat für militärisch relevante Forschung wichtig. Nach der Aussprache von 1940 waren Lenard und Stark zunehmend isoliert.

Aktiv vertreten wurde die Deutsche Physik von etwa 30 Physikern durch Lehre, Publikationen und Vorträge. Zu den führenden Vertretern gehörten Philipp Lenard (1862–1947), Johannes Stark (1874–1957), Ludwig Glaser (1889–1945?), Ernst Gehrcke (1878–1960), Hugo Dingler (1881–1954), Wilhelm Müller (1880–1968), Rudolf Tomaschek (1895–1966), Alfons Bühl (1900–1988) und Ludwig Wesch (1909–1994). In den 1930er Jahren kamen jüngere Physiker hinzu, darunter Harald Volkmann, meist Schüler von Lenard und Stark.

Weiterlesen

Nationalsozialismus Seine Wurzeln hat er in der völkischen Bewegung, die sich etwa zu Beginn der 1880er Jahre im deutschen Kaiserreich und in Österreich-Ungarn entwickelte. Ab 1919 … Deutschland Deutschland (; Vollform des Staatsnamens: Bundesrepublik Deutschland) ist ein Bundesstaat in Mitteleuropa. Es besteht aus 16 Ländern und ist als … Physiker Physiker arbeiten nicht selten in Berufsfeldern, die dem eigentlichen Physikstudium fremd sind (vgl. z. B. diese Liste bekannter Physiker in anderen … Physik Die Arbeitsweise der Physik besteht in einem Zusammenwirken experimenteller Methoden und theoretischer Modellbildung. Physikalische Theorien bewähren sich in … Rassismus Rassismus oder Rassenideologie ist ein Komplex von Praktiken, Einstellungen und Strukturen, durch den Menschen aufgrund äußerlicher Merkmale oder negativer … Albert Einstein „Das Gedächtnis, die Kapazität, Neues zu versuchen und die Möglichkeit, mündlich zu kommunizieren ... Nach Albert Einstein benannt wurden das chemische Element … Relativitätstheorie Die spezielle Relativitätstheorie beschreibt das Verhalten von Raum und Zeit aus der Sicht von Beobachtern, die sich relativ zueinander bewegen, und die damit … Quantenmechanik Die Quantenmechanik ist eine physikalische Theorie, mit der die Eigenschaften und Gesetzmäßigkeiten von Zuständen und Vorgängen der Materie beschrieben … Welle-Teilchen-Dualismus Die Strahlen, die durch den Doppelspalt gelangen, treffen auf den Schirm und werden dort in geeigneter Weise registriert. Klassische Wellen. Bearbeiten. Erster Weltkrieg Der Erste Weltkrieg war ein bewaffneter Konflikt, der von 1914 bis 1918 in Europa, Vorderasien, Afrika, Ostasien und auf den Ozeanen geführt wurde. Weimarer Republik Die Weimarer Republik entstand im Zuge der Novemberrevolution. Diese Bezeichnung der ersten auf nationalstaatlicher Ebene verwirklichten deutschen Republik ist … Judentum Das jüdische Volk entstand ab etwa 1200 v. Chr. und entwickelte den JHWH-Monotheismus, aus dem später die weiteren abrahamitischen Religionen Christentum und …