Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Deutsche Überseewanderung
Push- und Pullfaktoren ... Die Wirtschaftsentwicklung in den USA lief jedoch parallel, weshalb die Pull-Faktoren des Ziellandes hier nicht greifen.
Inhalt5 Abschnitte
Begriff und Entwicklung bis 1945
Deutsche Überseewanderung bezeichnet die Emigration von Deutschen in Gebiete außerhalb des eurasischen Kontinents. Sie hing im 19. und frühen 20. Jahrhundert eng mit dem demographischen Übergang zusammen: Landwirtschaftliche Produktivität, Industrialisierung sowie medizinischer und sanitärer Fortschritt senkten die Sterblichkeit und ließen die Bevölkerung wachsen. Hohe Auswanderungsquoten folgten in Europa den natürlichen Zuwachsraten mit etwa 20 bis 25 Jahren Abstand.
Frühe Beispiele sind Franz Daniel Pastorius, der 1683 für deutsche Siedler die Einwanderung nach Pennsylvania erreichte und mit Krefelder Familien Germantown gründete, sowie mehr als 10.000 Pfälzer, die 1709 wegen religiöser Unterdrückung und Hungersnot Nordamerika erreichten. Seit der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde die Amerika-Auswanderung besonders im Südwesten Deutschlands dauerhaft; im 19. Jahrhundert weitete sie sich über Westen, Norden und Nordosten aus.
Nach 1820 nahm die Auswanderung stark zu. Gründe waren Geburtenüberschüsse, schnellere und weniger gefährliche Überfahrten durch Dampfschiffe, die gesicherte Auswanderungsfreiheit nach den Napoleonischen Kriegen und Werbung durch Landeigner, Reeder und Kapitäne. Bei der Kettenmigration holten Ausgewanderte Angehörige und Freunde nach. Als Anziehungspunkte galten freier Boden, Freiheit, nationale Sicherheit, wirtschaftliche Unabhängigkeit und die Industrialisierung im Zielland.
Ziele, Schwankungen und Zusammensetzung
Wirtschaftliche und politische Krisen beeinflussten die Wanderung zusätzlich. Missernten 1846/47 verstärkten sie, der Amerikanische Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 hemmte sie. Während der gründerzeitlichen Blüte ging sie ab 1872 vorübergehend stark zurück. Um 1900 nahm die Überseewanderung endgültig ab, weil die freie Landnahme in den USA endete und die deutsche Industrie seit den 1870er Jahren aufstieg. Über Hamburg, Bremen, Antwerpen und ab 1874 auch Stettin wurden 1871 75.912, 1872 125.650 und 1878 24.217 Auswanderer aus dem Deutschen Reich erfasst.
Die USA waren das Hauptziel. Von 5,9 Millionen Menschen, die 1820 bis 1928 nach Übersee gingen, wanderten 5,3 Millionen in die USA. Es folgten Brasilien mit 200.000, Kanada mit 145.000 und Argentinien mit 120.000 Personen; nach Australien und Südafrika gingen jeweils weniger als 50.000. In deutsche Kolonien kamen bis 1913 nur rund 24.000 Menschen, gut die Hälfte davon nach Deutsch-Südwestafrika. US-Gesetze von 1921 und 1924 begrenzten die Zuwanderung nach Nationalitäten; 1927 überstieg die Zahl europäischer Wanderer mit Ziel in Europa erstmals die Zahl der transozeanischen Wanderer.
Bis etwa 1865 überwog die Familienauswanderung selbständiger Kleinbauern und Kleinhandwerker. Etwa 60 % waren Männer, aber rund 20 % Kinder unter zehn Jahren; dies weist auf viele Familien hin. Von 1865 bis 1895 stieg die Einzelwanderung unterbäuerlicher und unterbürgerlicher Schichten aus Norddeutschland, während der Kinderanteil sank. Seit etwa 1890 stellte sie den Hauptteil. Von 1895 bis 1914 wurde aus Siedlungswanderung zunehmend Arbeitswanderung von Industriearbeitern. Zwischen 1921 und 1928 waren zwei Drittel der Emigranten Einzelpersonen, darunter 38 % Frauen.
Push- und Pullfaktoren vor 1945
Push-Faktoren waren Gründe, die Menschen zum Weggehen drängten. Im Südwesten führte Realerbteilung, also die gleichmäßige Aufteilung eines Familienbesitzes unter die Erbberechtigten, zu immer kleineren Parzellen. Mit der Auflösung der Grundherrschaft stiegen Verschuldung und wirtschaftlicher Druck; besonders nach Missernten mussten Kleinbauern Höfe verkaufen. In Gebieten mit Anerbenrecht erbte nur eine Person, während andere abgefunden wurden. Nach dem Wegfall von Nebenerwerben wie Leinweberei oder Hollandgängerei waren viele dieser unterbäuerlichen Schichten zur Auswanderung gezwungen.
Im Nordosten bewirkten Bauernbefreiung und Separation zunächst einen Ausbau und eine Intensivierung der Landwirtschaft. Die Überbevölkerung trat dort erst in den 1860er und 1870er Jahren auf, besonders in Westpreußen, Pommern und Posen. Die Auswanderer waren nun überwiegend unverheiratete landwirtschaftliche Arbeiter statt Kleinbauernfamilien. Auch der Rückgang des Heimgewerbes und die Überbesetzung des Handwerks verstärkten die Auswanderung. Später nahm die deutsche Industrie mehr Arbeitskräfte auf und schwächte die Auswanderungsneigung.
Nach der Machtübernahme der NSDAP 1933 wurden Juden und Oppositionelle verfolgt. Menschen mit ausreichenden Mitteln flohen, darunter Politiker, Künstler und Wissenschaftler. Jüdische Auswanderer waren mit 500.000 Personen die bei weitem größte Gruppe der Auswanderer im Dritten Reich. Die USA boten Schutz vor politischer Verfolgung und Möglichkeiten freier Äußerung.
Nachkriegswanderung und Zielgebiete
Nach dem Zweiten Weltkrieg waren politische und wirtschaftliche Strukturen zerstört. Vertriebene aus den Ostgebieten, Lebensmittelknappheit, fehlende Agrargebiete, knapper Wohnraum – etwa ein Viertel war zerstört – und mangelnde Erwerbsmöglichkeiten förderten Auswanderungswünsche. Die Besatzungsmächte verboten zunächst die Auswanderung, um die Flucht von Kriegsverbrechern und Nationalsozialisten zu verhindern und Arbeitskräfte für den Wiederaufbau zu behalten; im Juli 1950 wurde das Verbot aufgehoben.
Seit 1947 erlaubten die USA wieder deutschen Einwanderern die Einreise. In den 1950er Jahren wanderten 503.096 Personen dorthin aus, darunter viele Ostdeutsche, Industriearbeiter und Handwerker. Schlechte wirtschaftliche Bedingungen im Osten wirkten als Push-Faktor, Beschäftigungsaussichten in den USA als Pull-Faktor. Ein US-Gesetz von 1950 finanzierte Volksdeutschen, also heimatvertriebenen Flüchtlingen, die Überfahrt.
In den 1960er Jahren sank die Zahl der Auswanderer in die USA auf 284.349. Das Einwanderungsgesetz von 1965 begrenzte die Einwanderung auf höchstens 20.000 Personen je Land und Jahr. 1969 wurden 9.289 Amerikaauswanderer gezählt, 1975 mit 5.154 der Tiefpunkt; in den 1970er Jahren lag der Durchschnitt bei etwa 6.700 jährlich. Auch Kanada und Australien verloren an Bedeutung: Nach Kanada gingen in den 1950ern 208.300, in den 1960ern rund 56.500 und in den 1970ern rund 20.100 Deutsche; nach Australien 64.000, rund 38.500 und rund 18.200. Die starke wirtschaftliche Lage der Bundesrepublik verringerte ebenfalls den Anreiz zur Auswanderung.
Geschlecht, Alter und Berufe nach 1945
Der Frauenanteil unter den Auswanderern lag stets bei mindestens 60 bis über 70 %. Bis 1969 war etwa ein Viertel der Frauen mit US-Staatsbürgern verheiratet; sie wurden als „einwandernde Ehefrauen“ bezeichnet. Nach dem Einwanderungsgesetz von 1965 nahm der Anteil einwandernder Ehepartner stark zu, da Familienzusammenführung gefördert wurde. Die zahlenmäßig nicht limitierte Einwanderung von Angehörigen US-amerikanischer Bürger stieg von 26,7 % im Jahr 1966 auf 54,2 % im Folgejahr und später auf weit über 70 %. Bis heute bilden einwandernde Ehepartner 50 % der deutschen Immigranten.
Die meisten Frauen waren 20 bis 29 Jahre alt; zwischen 1954 und 1979 waren 81,4 bis 91,9 % höchstens 39 Jahre alt. Bei den Männern waren 80,5 bis 91,8 % unter 40 Jahre alt. Den stärksten Anteil an allen Auswanderern hatten Kinder bis neun Jahre mit durchschnittlich 30,8 %.
61,9 % der Einwanderer übten keinen Beruf aus. Unter den Erwerbstätigen waren Facharbeiter und Handwerker am häufigsten. Durchschnittlich 9,1 % kamen aus theologischen Berufen, die bis 1965 außerhalb der Quote einwandern konnten. Nach 1965 wurden besonders Facharbeiter und Spezialisten bevorzugt; zugleich wuchs die Gruppe von Managern, Beamten und Vermögenden.