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Englische Romantik
Der als englische Romantik (romanticism oder romantic age) bezeichnete Abschnitt der englischen Literaturgeschichte umfasst einen relativ kurzen Zeitraum im …
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Einordnung und Bedeutung
Die englische Romantik (romanticism oder romantic age) ist ein Abschnitt der englischen Literaturgeschichte, der im Wesentlichen die Jahre 1798 bis 1832–1837 umfasst. Die Grenzen sind fließend. Als Beginn gilt häufig die Veröffentlichung der von William Wordsworth und Samuel Taylor Coleridge herausgegebenen Lyrical Ballads (1798); als Endpunkt wird oft der Tod Walter Scotts 1832 genannt.
Geprägt wurde die Epoche vor allem durch die „great six“: William Blake, William Wordsworth, Samuel Taylor Coleridge, John Keats, Percy Bysshe Shelley und George Gordon Byron. Ihre zunächst vom breiten zeitgenössischen Publikum kaum wahrgenommene Hochkultur wandte sich gegen die regelgebundene Literatur des Klassizismus sowie gegen eine von Vernunft und Wissenschaft bestimmte Weltanschauung. Als Vorläufer gelten James Macpherson, Edward Young und Thomas Gray.
Anders als die deutsche Romantik war die englische Romantik keine geschlossene, alle Künste umfassende Bewegung mit festem Programm. Zeitgenössisch meinte romantic meist eine Dichtung mit besonderem Interesse an Natur: entweder an wilder, unberührter und erhabener Natur oder an friedlicher, weltabgewandter Landschaft. Neben der romantischen Lyrik existierten weiterhin aufklärerische Werke und realistisch erzählte Romane, etwa von Jane Austen. Die spätere Literaturgeschichtsschreibung fasste die sehr unterschiedlichen romantischen Werke erst nachträglich als gemeinsame Epoche zusammen.
Gesellschaftlicher Wandel um 1800
Nach der französischen und der industriellen Revolution beschleunigte sich um 1800 der Wandel in England. Die traditionelle feudale Ordnung löste sich auf. Mehr Wissen, technische und wirtschaftliche Nutzung von Wissen sowie bessere Bildungsinstitutionen – etwa die Gründung der Universität London 1836 – sollten politische und religiöse Bevormundung überwinden und einen modernen Nationalstaat ermöglichen. Die Zeit wurde als age of revolution, age of science, age of improvement oder industry and empire beschrieben, war aber zugleich von Verunsicherung geprägt.
Eisenbahn und Telegrafie veränderten die Erfahrung von Zeit und Raum. Zukunft erschien als offener Möglichkeitsraum; zugleich wurde Geschichte zunehmend als einmaliger, unumkehrbarer Prozess verstanden. Politisch standen Forderungen nach Freiheit und Gleichheit, etwa von William Godwin, Thomas Paine und Jeremy Bentham, konservativen Gegenpositionen gegenüber. Edmund Burke kritisierte 1790 in Reflections on the Revolution in France abstraktes revolutionäres Systemdenken. Reformen setzten sich dennoch teilweise durch: Katholiken erhielten ab 1829 Wahlrecht und Zugang zu Ämtern, 1832 wurde das Wahlsystem durch die Reform Bill angepasst und 1833 die Sklaverei im britischen Reich abgeschafft.
Die Industrialisierung, besonders in Textilindustrie sowie Kohle- und Stahlgewinnung, schuf jedoch harte Arbeits- und Lebensbedingungen. Die Chartisten scheiterten 1839 und 1842 mit ihren Forderungen nach freiem, geheimem und allgemeinem Wahlrecht. Die Modernisierung verschärfte Gegensätze zwischen Besitzbürgern und Arbeitern, Wissenschaft und Religion sowie Kunst und bürgerlicher Kultur. London erschien vielen Schriftstellern als bedrohliches Labyrinth; Kindheit, Landleben, traditionelle Kultur und ein verklärtes Mittelalter wurden häufig zu Schutz- und Fluchträumen.
Poetischer Individualismus und Imagination
Die englische Romantik entwickelte symbolische Antworten auf die Spannungen der Modernisierung. Literatur verstand sich nicht mehr als Ausdruck der herrschenden Gesellschaft, sondern als deren Gegenpol oder Alternative. Gegen die als entfremdend empfundene Metropole London wurde die Verbindung von Mensch, Natur und Landschaft gestellt. Gegen mechanische Welterklärung, Kausalität und Rationalisierung setzten die Romantiker schöpferische Imagination und symbolisches Sehen. Imagination ist dabei nicht bloß Nachahmung der Außenwelt, sondern gestaltet deren Bild zu einer inneren Vision um.
Im Zentrum steht der poetische Individualismus. Er meint nicht vor allem politische oder wirtschaftliche Freiheitsrechte, sondern die eigene Seele, das Gefühl und die einzigartige Wahrnehmung des Individuums. Jean-Jacques Rousseau war dafür ein wichtiges Vorbild. In Wordsworths The Prelude (1805/1850) und Byrons Childe Herold’s Pilgrimage (1812/1816/1818) wird das Ich des Dichters zur Quelle der Wahrheit. Die Romantik löst sich damit von festen klassischen Ordnungen und von rhetorischen Sprachformeln. Alltagssprache und Naturerfahrung werden durch Metaphern, Reim, Wiederholung und Rhythmus poetisch gestaltet.
Natur kann dem lyrischen Ich Harmonie, Selbstheilung und eine Versöhnung von Mensch, Natur und Gott ermöglichen. Der Dichter erscheint deshalb als Barde und Prophet. Bei Blake führt die Imagination zu einer mythologisch geprägten Spiritualisierung der Natur; Coleridge betont schöpferische Vitalität statt mechanistischer Philosophie. Die romantische Betonung des Subjektiven bleibt aber widersprüchlich: Sie verspricht eine Überwindung der modernen Zersplitterung, spiegelt durch die Autonomie des Kunstwerks jedoch zugleich deren Differenzierung. Auch Rückzug, Verlust der Identität und bis zum Todeswunsch reichende Regression sind Motive, etwa bei Keats.
Viele Romantiker sympathisierten zeitweise mit der französischen Revolution und englischen Radikalen. Der gewaltsame Verlauf der Revolution führte besonders Wordsworth und Coleridge später zu konservativeren und patriotischen Haltungen, ohne dass sie ihren Individualismus aufgaben. Neuere Debatten weisen darauf hin, dass der traditionelle Romantik-Kanon Themen wie Frauenfrage, Sklaverei, Kapitalismus, politische Ökonomie und Wissenschaftsentwicklung nur begrenzt erfasst. Gedichte von Autorinnen wie Felicia Hemans, Charlotte Turner Smith, Anna Lætitia Barbauld und Joanna Baillie werden heute häufiger in Anthologien aufgenommen; Barbaulds Eighteen Hundred and Eleven (1812) wird wegen seiner heroic couplets und Allegorien jedoch dem Klassizismus zugeordnet.
Geschichte und Natur als Gegenwelten
Die Hinwendung zur Geschichte und zur Natur eröffnete neue Gegenstandsbereiche. Geschichte war für romantische Autoren nicht nur Forschungsgegenstand, sondern ein Zufluchtsort und eine Rückversicherung für Gegenwart und Zukunft. Robert Southey schrieb historisierende Verserzählungen wie Thalaba the destroyer (1801). Walter Scott belebte die schottische Vergangenheit in Versromanzen und sammelte ältere Literaturzeugnisse, etwa in Minstrelsy of the Scottish border (1802/1803). Byron verband Geschichtsmystik, Naturerlebnis und Reiseeindrücke; Childe Harold’s pilgrimage (1812–1818) war ein großer Erfolg. Der „byronische“ Held verkörpert eine Stimmung zwischen Revolte und Resignation. Scotts Arbeiten begründeten zudem den historischen Roman. Die patriotische Verklärung der Nationalgeschichte wurde im 19. Jahrhundert zu einer Quelle ideologischen Nationalismus.
Noch wichtiger war die Natur. Sie wurde nicht mehr nur beschrieben, sondern als Quelle poetischer Inspiration, als Gegenüber des Menschen und als Vision des Vollkommenen verstanden. Die Landschaftsmalerei von William Turner und John Constable bildet eine Parallele dazu. In Wordsworths Lines composed a few miles above Tintern Abbey wird die Natur zum Fluchtpunkt aus einer selbstentfremdeten Fortschrittsgesellschaft und zum Weg zu sich selbst. Auch das Kind galt in Rousseaus Nachfolge als Bild unverstellter Natürlichkeit und Spontaneität.
Die Naturlyrik kann bei Wordsworth quasi-philosophische und mystische Dimensionen annehmen. Das subjektive Erleben wird zur letzten Wirklichkeit: Literatur ist nicht mehr überwiegend mimetisch, also Nachahmung einer unabhängig gedachten Realität, sondern expressiv, also Ausdruck eines autonomen Individuums. Gewaltige Naturformen wie Meer und Alpen wurden durch die Ästhetik des Erhabenen (the sublime) darstellbar: Das Erhabene bezeichnet eine überwältigende, Grenzen überschreitende Naturerfahrung.
Wichtige Gattungen und Werke
Die Lyrik war die bevorzugte und erfolgreichste Form der englischen Romantik. Besonders das kurze Gedicht und subjektivistisch-expressive Formen eigneten sich für die Darstellung persönlicher Krisen, Gefühle und Imagination. Auch traditionelle Formen wie Sonett, Ode, Hymne und Elegie wurden hierfür genutzt. Bedeutende Beispiele sind Wordsworths Ode: Intimations of immortality, Shelleys Ode to the West wind, Keats’ Ode on a Grecian urn und Coleridges Dejection. An ode.
Das Epos, eine traditionelle umfangreiche Versdichtung, blieb als Ideal wichtig; John Miltons Paradise Lost war das maßgebliche Vorbild. Coleridge beschrieb 1815 gegenüber Wordsworth ein romantisches Weltpanorama als höchstes dichterisches Ziel. Ein solches geschlossenes Weltbild gelang jedoch keinem Romantiker. Zwei bedeutende epische Gedichte entstanden trotzdem: Wordsworths The prelude, or, growth of a poet’s mind, begonnen 1798/99 und posthum 1850 veröffentlicht, sowie Byrons Don Juan (1819–1824). Beide entwerfen in autobiografischer Gestaltung umfassende individuelle Welten.
Auch der Roman gehört zur Epoche. Walter Scott wird wegen seiner historischen Romane der Romantik zugerechnet. Mary Shelleys Frankenstein nutzt romantische Motive wie Wissenschaftskritik, Doppelgängermotiv sowie das Erhabene und Schreckliche und gilt heute als bedeutendes Werk der phantastischen Literatur. Jane Austens große, nahezu gleichzeitig entstandene Romane gehören dagegen weder nach Thematik noch nach Intention zur Romantik; sie zeigen bereits den Übergang zum Realismus des 19. Jahrhunderts.