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Der Gott der kleinen Dinge
Der Gott der kleinen Dinge ist ein halb-autobiografisches Buch der indischen Schriftstellerin und politischen Aktivistin Arundhati Roy. Es ist ihr erster …
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Werk und Veröffentlichung
Der Gott der kleinen Dinge ist der erste, halb-autobiografische Roman der indischen Schriftstellerin und politischen Aktivistin Arundhati Roy. Die englische Originalfassung The God of Small Things erschien am 4. April 1997 in Neu-Delhi; im selben Jahr folgte die deutsche Übersetzung im Karl Blessing Verlag.
Der Roman verbindet eine Familiengeschichte mit sozialen, politischen und kulturellen Konflikten in Kerala, einem südwestindischen Bundesstaat. Im Mittelpunkt stehen die Zwillinge Rahel und Estha, deren persönliche Erfahrungen durch gesellschaftliche Regeln, das Kastensystem, Klassenverhältnisse, Geschlechterrollen und die koloniale Vergangenheit geprägt werden. Der Titel bezeichnet sinngemäß die kleinen, persönlichen und alltäglichen Dinge, die leicht verloren gehen und keine sichtbaren Spuren hinterlassen. Im Gegensatz dazu stehen die großen gesellschaftlichen Kräfte, die in das Leben der Menschen eindringen und es bestimmen.
Roy arbeitete fünf Jahre an dem Roman und erhielt dabei Unterstützung ihrer Familie und ihres Ehemanns Pradip Krishen. Im Juni 1996 schickte Pankaj Mishra das Manuskript an drei britische Verleger. David Godwin, einer der Empfänger, reiste nach Indien, um Roys erster Agent zu werden. Schließlich boten acht Verlagshäuser hohe Summen für die britischen und kontinental-europäischen Rechte. Bei der Vertragsunterzeichnung mit Random House erhielt Roy 500.000 Pfund Sterling für die internationalen Publikationsrechte in 21 Ländern. Bis Ende Oktober 1996 waren weltweit 400.000 Bücher vorbestellt; inzwischen wurde das Buch in 30 Ländern veröffentlicht.
Handlung und zentrale Figuren
Die Handlung spielt vor allem in Ayemenem, Roys Heimatstadt Aymanam, nahe Kottayam am östlichen Rand der Backwaters. Die Erzählung beginnt 1993 mit Rahels Rückkehr in das Haus ihrer Mehrgenerationenfamilie und springt immer wieder in den Dezember 1969 zurück. Damals sind Rahel und Estha sieben Jahre alt. Die wechselnde Zeitstruktur lässt die Hintergründe eines Unglücks erst nach und nach sichtbar werden; Malayalam-Begriffe und die kindliche Wahrnehmung der Zwillinge gehören ebenfalls zum Erzählstil.
Rahel und Estha sind zweieiige Zwillinge, die sich trotz äußerlicher Unterschiede seelisch als untrennbare Einheit erleben. Nach dem tragischen Tod zweier Menschen im Dezember 1969 werden sie getrennt: Rahel wächst bei der Familie ihrer Mutter in Ayemenem auf, Estha bei seinem Vater in Kalkutta, seit 2001 Kolkata. 1993 kehrt Estha zur Familie zurück. Rahel ist zu diesem Zeitpunkt 31 Jahre alt. Ihre Ehe mit dem Amerikaner Larry McCaslin ist gescheitert, weil er ihr Denken und Fühlen nicht verstehen konnte.
Die Zwillinge stammen aus einer syrisch-orthodoxen, anglophilen Familie der indischen Mittelschicht Keralas. Die Familie war früher im Besitz großer Ländereien, ist inzwischen verarmt und betreibt die von Mammachi gegründete Konservenfabrik Paradise Pickles & Konserven. Der entscheidende Besuch im Jahr 1969 ist der von Chackos englischer Ex-Frau Margaret und ihrer Tochter Sophie Mol. Margaret kommt nach dem Tod ihres zweiten Ehemanns Joe nach Ayemenem. Die Ereignisse der folgenden zwei Wochen zerstören die ohnehin belasteten Familienbeziehungen und kosten zwei Menschen an einem Tag das Leben.
Ammu, die geschiedene Mutter der Zwillinge, findet in ihrer Familie und in der Gesellschaft keinen anerkannten Platz. Sie war mit einem Hindu aus Bengalen verheiratet, der sie als Alkoholiker misshandelte. Ihre verbotene Beziehung zu Velutha überschreitet die Kastenschranken. Velutha gehört der Paravan-Dalit-Kaste an, arbeitet als Handwerker und Feldarbeiter und ist ein wichtiger Mitarbeiter der Familie. Für die Kinder wird er zum „Lehrer der kleinen Dinge“; im Zusammenhang mit den Ereignissen von 1969 wird er von der Polizei zu Tode geprügelt.
Weitere zentrale Figuren sind Chacko, Ammus Oxford-ausgebildeter Bruder und erfolgloser Leiter der Fabrik; Mammachi, die Matriarchin und Gründerin des Betriebs; Pappachi, ihr gewalttätiger, auf einen englischen Lebensstil bedachter Ehemann; Baby Kochamma, deren unerfüllte Liebe zu Pater Mulligan in Verbitterung umschlägt; sowie Genosse K. N. M. Pillai, Baby Kochamma und Inspektor Thomas Mathew, die durch ihr Verhalten zur Schuld an Veluthas Tod und Ammus Schicksal beitragen. Sophie Mol ist Chackos und Margarets Tochter und die zwei Jahre ältere englische Cousine der Zwillinge.
Große und kleine Dinge
Die kleinen Dinge sind die persönlichen Erlebnisse, Wahrnehmungen und Gegenstände, durch die Rahel und Estha die Welt verstehen. Die Handlung zeigt, wie gewöhnliche Ereignisse und scheinbar nebensächliche Entscheidungen in Verbindung mit gesellschaftlichen Regeln zu einer Katastrophe führen. Die „ungeschriebenen Gesetze, die festlegen, wer wie geliebt werden sollte“ bestimmen Beziehungen und legen fest, welche Menschen Anerkennung, Nähe oder Schutz erhalten.
Der Roman stellt diesen kleinen Erfahrungen die großen gesellschaftlichen Kräfte gegenüber. Dazu gehören:
- das Kastensystem und die Diskriminierung der Dalit;
- Kommunismus und Marxismus in Kerala, die Gewerkschaftsbewegung und die radikale Bewegung der Naxaliten;
- die Auswirkungen des Wahlsiegs von E. M. S. Namboodiripads Communist Party of India im Jahr 1957;
- soziale und religiöse Spannungen innerhalb und außerhalb der Familie;
- die syrisch-christliche Mittel- und Oberschicht, die 19,32 % der Bevölkerung Keralas ausmacht und überwiegend aus feudalistisch geprägten Großgrundbesitzern und Arbeitgebern besteht, gegenüber Hindus mit 57,38 % und Muslimen mit 23,33 % der Bevölkerung;
- sexuelle Ausbeutung, Pädophilie, Umweltzerstörung, der touristische „Ausverkauf der Heimat“ und der Verlust kultureller Identität.
Die Familie steht außerdem zwischen indischer Unabhängigkeit und fortbestehender Orientierung am Britischen Empire. Zwanzig Jahre nach der Unabhängigkeit fühlen sich Teile der Ober- und Mittelschicht weiterhin mit dem Empire verbunden und fürchten den Verlust ihrer Privilegien. Roy verbindet diese Konflikte mit der kulturellen und religiösen Vielfalt Keralas, in der Christentum, Hinduismus, Marxismus und Islam nebeneinander bestehen und sich gegenseitig beeinflussen.
Erzählweise und Einordnung
Roy erklärt, der Roman sei stark von ihren Erfahrungen beim Aufwachsen in Kerala geprägt. Sie habe zunächst nicht bewusst ein Buch geschrieben und fünf Jahre für The God of Small Things gebraucht. Für sie handelt der Roman nicht nur von Indien, sondern von der menschlichen Natur. Entscheidend sei weniger, was geschehen ist, als wie das Geschehen die Menschen verändert.
Die Erzählung ist episodenhaft, poetisch und bildreich, zugleich aber von Humor geprägt. Roy verwendet eine kindliche Perspektive, Vorausdeutungen, zeitliche Sprünge, wechselnde Erzählperspektiven und Begriffe aus dem Malayalam. Die Sprache wird auch grafisch gestaltet: Wörter werden getrennt oder miteinander verbunden, etwa „Later“ zu „Lay. Ter.“, „An owl“ zu „A Nowl“ und „sour metal smell“ zu „sourmetalsmell“. Wiederholungen sollen eine beruhigende, wiegende Wirkung haben und den Schock der Handlung abmildern.
Kritiken würdigen besonders die Analyse von Machtverhältnissen zwischen Klassen und Kasten, Frauen und Männern sowie Kolonialländern und ehemaligen Kolonien. Gelobt werden außerdem die poetische Sprache, die Naturbeschreibungen, die kindliche Wahrnehmung und die kunstvolle Verbindung vieler kleiner Episoden zu einer größeren Geschichte. Andere Besprechungen kritisieren die zeitlichen Sprünge, häufige Vorausahnungen, schwer erkennbare Perspektivwechsel, einzelne Längen und indische Spezialbegriffe. Mehrere Kritiken betonen, dass eine zweite Lektüre lohnend sein könne.
Auszeichnungen und Wirkung
Am 14. Oktober 1997 gewann Arundhati Roy als erste aus Indien stammende Autorin den Booker Prize. Der Roman war zugleich das erste mit diesem Preis ausgezeichnete Debütwerk und erhielt die Auszeichnung im 50. Jahr der Unabhängigkeit Indiens vom Britischen Empire. Der Booker Prize wird seit 1969 jährlich für den besten Roman einer Autorin oder eines Autors aus den Commonwealth-Staaten vergeben und zählt zu den wichtigsten internationalen Literaturpreisen.
Weitere Auszeichnungen waren 2001 der Große Preis der Welt-Akademie der Kulturen („Grand Prix“ der „Académie Universelle de la Culture“) in Paris und 2003 der Preis für kulturelle Freiheit („Prize for Cultural Freedom“) der Lannan Foundation. 2006 erhielt Roy den Literaturpreis der indischen Sahitya Akademi für ihr Sachbuch The Algebra of Infinite Justice; sie lehnte diesen Preis ab.
Seit dem Booker Prize nutzt Roy ihre Bekanntheit für soziale, ökologische und politische Anliegen. Das Booker-Preisgeld und die Tantiemen bestimmter indischer Ausgaben ihres Romans stellte sie der Bürgerrechtsbewegung gegen den Narmada-Staudamm zur Verfügung. Auch spätere Preisgelder stiftete sie mehrheitlich für soziale Anliegen und Projekte.