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Demokratiebildung

Demokratiebildung, auch Demokratieerziehung oder Demokratiepädagogik, bezeichnet Formen der Erziehung und Politischen Bildung mit dem Anspruch, …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Bedeutung
  2. 2. Verhältnis zur Politischen Bildung und Ziele
  3. 3. Historische Entwicklung
  4. 4. Methoden und Beispiele
  5. 5. Kritik und kritische Ansätze

Begriff und Bedeutung

Demokratiebildung, auch Demokratieerziehung oder Demokratiepädagogik genannt, umfasst Formen der Erziehung und Politischen Bildung, die Demokratie fördern. Dabei kann der Bildungsprozess selbst demokratisch gestaltet werden. Zugleich sollen Lernende Demokratie als staatliche Regierungsweise und, weiter gefasst, als Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens verstehen und praktizieren. John Dewey bezeichnete dieses Verständnis als „Demokratie als Lebensform“.

Demokratiebildung vermittelt daher nicht nur Wissen über demokratische Institutionen und Verfahren. Sie übt auch demokratische Verhaltensweisen ein und versucht, Schulen oder sogar das gesamte Bildungssystem demokratisch zu gestalten.

Eine allgemein anerkannte Abgrenzung der Begriffe besteht nicht. Benedikt Widmaier kritisiert, dass Bezeichnungen wie Demokratielernen, Demokratiebildung, Demokratiedidaktik und Demokratieerziehung häufig nicht klar voneinander unterschieden werden und ihnen – mit Ausnahme der Demokratiepädagogik – keine vollständig ausgearbeiteten pädagogischen Konzepte zugrunde lägen. Der Begriff Demokratiepädagogik verbreitete sich besonders durch das Programm „Demokratie lernen und leben“.

Steve Kenner und Dirk Lange bestimmen Demokratiebildung vom Menschen als politischem Subjekt her, nicht vom bestehenden politischen System. Sie soll demokratiepädagogische Ansätze mit Konzepten der Politischen Bildung verbinden. Werner Friedrichs führt diesen Gedanken in der Radikalen Demokratiebildung weiter: Sie soll nicht von einem bereits fertig geformten politischen Subjekt ausgehen, sondern danach fragen, wie Subjektivität durch Äußerungen und Handlungen entsteht.

Verhältnis zur Politischen Bildung und Ziele

Demokratiebildung betrachtet Demokratie als Herrschaftsform, Gesellschaftsform und besonders als Lebensform in sämtlichen gesellschaftlichen Bereichen. Sie ist hauptsächlich in der Erziehungswissenschaft verankert. Die Politische Bildung stützt sich dagegen vor allem auf Politikdidaktik und Geschichtsdidaktik und richtet ihren Blick stärker auf das demokratische politische System.

Daraus ergeben sich gegenseitige Einwände: Demokratiepädagogen kritisieren die Politische Bildung teilweise als zu stark auf Institutionen ausgerichtet. Politikdidaktiker wenden ein, dass demokratiepädagogische Ansätze den politischen Gehalt eines Themas mitunter vernachlässigten. Demokratiepädagogik versteht sich zugleich als „Dachbegriff“ für pädagogische Bemühungen zur Erhaltung und Erneuerung der Demokratie. Politische Bildung findet in der Schule oft in bestimmten Fächern statt, während Demokratiepädagogik meist fächerübergreifend arbeitet und Lernen durch Handeln betont. Beide Ansätze verfolgen das Ziel, Demokratie zu stärken.

Ein zentrales Ziel ist die Demokratiefähigkeit oder Demokratiekompetenz. Sie umfasst drei Dimensionen:

  • die kognitive Dimension: politisches Wissen und gedankliches Verstehen;
  • die affektiv-motivationale Dimension: Gefühle, Einstellungen und Motivation;
  • die behaviorale Dimension: demokratisches Verhalten.

Die Demokratiepädagogik greift vielfach auf John Dewey und den Pragmatismus zurück, der Erkenntnis mit praktischer Erfahrung und Handeln verbindet. In den USA stehen sich dabei unterschiedliche Vorstellungen gegenüber. Nach einem liberalen und kontraktualistischen Staatsverständnis soll die Schule eine neutrale Institution sein, in der Schüler eigene Wertvorstellungen entwickeln und mitteilen können. Ein eher republikanisches Verständnis betont dagegen die Vermittlung von Fähigkeiten zum gemeinsamen Problemlösen und von Bürgertugenden.

Historische Entwicklung

John Deweys grundlegendes Buch „Demokratie und Erziehung“ erschien erstmals 1916 und wurde zu einem Klassiker der Pädagogik. Sein reformpädagogischer Ansatz, der vom Schulsystem der USA ausging, setzte vor allem auf das praktische Erleben von Demokratie.

In der Weimarer Republik wurden Gedanken zur schulischen Mitbestimmung besonders im Bund Entschiedener Schulreformer diskutiert und unter anderem durch Gustav Wyneken in die Schulordnung aufgenommen. Sie blieben jedoch auf staatsbezogene Maßnahmen wie Staatsbürgerkunde und begrenzte Schülermitsprache beschränkt. Gemäß Artikel 148 der Weimarer Verfassung führte die Republik erstmals das Unterrichtsfach Staatsbürgerkunde ein, um den demokratischen Gedanken zu verbreiten.

Der Nationalsozialismus bekämpfte Demokratie als „undeutsche“ Erscheinung. Einige reformpädagogische Projekte bestanden dennoch zumindest einige Jahre fort, unter anderem weil das Regime Anregungen für seine Eliteeinrichtungen, die Nationalpolitischen Erziehungsanstalten, suchte.

Nach 1945 wollten die USA in ihrer Besatzungszone eine demokratische Erziehung nach Deweys Vorbild zur Entnazifizierung verankern. Dies scheiterte am Widerstand der deutschen Schulverwaltung und von Interessenverbänden. Die Schulen der Westzonen und später der Bundesrepublik knüpften vielfach wieder an die Bildungspraxis der Weimarer Republik an. Seit den 1950er Jahren wurden demokratische Erziehungsstile bekannter; außerdem sollte das Fach Sozialkunde neben Geschichte zur Demokratieerziehung beitragen. In den 1970er Jahren rückten demokratische Ziele durch die Gesamtschulbewegung und die antiautoritäre Erziehung stärker in den Mittelpunkt. Die Bielefelder Laborschule machte eine weitreichende demokratische Erziehung zum Programm. International gelten Summerhill und die Sudbury Valley School als bekannte demokratische Schulen.

Als Reaktion auf zunehmenden Rechtsextremismus, besonders unter Jugendlichen, begann die Bund-Länder-Kommission 2002 das Programm „Demokratie lernen und leben“. Dreizehn Bundesländer und etwa 130 Schulen beteiligten sich. Das von Wolfgang Edelstein und Peter Fauser maßgeblich beeinflusste Programm knüpfte an die Civic Education an, die Menschen zu zivilgesellschaftlichem Handeln befähigen soll, und förderte eine demokratische Schulkultur.

2005 entstand die Deutsche Gesellschaft für Demokratiepädagogik. Die Kultusministerkonferenz beschloss 2009 eine Erklärung zur Stärkung der Demokratieerziehung und aktualisierte sie 2018. Ebenfalls 2009 fand in Potsdam eine Fachkonferenz der Bundesländer statt. Seit 2015 unterstützt das Programm „Demokratie Leben!“ des BMFSFJ zivilgesellschaftliche Projekte für Demokratie und Vielfalt sowie gegen Menschenfeindlichkeit, besonders für Kinder und Jugendliche.

Methoden und Beispiele

Demokratiebildung verbindet Wissensvermittlung, eigenes Handeln und Beteiligung. Zu ihren Methoden gehören:

  • Schulfächer wie Sozialkunde, Geschichte, Politische Weltkunde und Ethik. Sie vermitteln Wissen über soziale Institutionen und regen zur Reflexion über ethische, politische und historische Probleme an.
  • Medienpädagogik. Sie sensibilisiert für den Umgang mit Informationen, Propaganda und Werbung.
  • Schülermitspracherechte, etwa in der Schülervertretung. Schüler können ihre Meinung gegenüber der Schule äußern und bei bestimmten Fragen mitentscheiden.
  • Weitergehende Mitbestimmung in Demokratischen Schulen. Im Sudbury-Modell entscheidet die Schulversammlung demokratisch über sämtliche Angelegenheiten, beispielsweise über Regeln, die Verwendung des Schulbudgets sowie die Einstellung oder Entlassung von Mitarbeitern.
  • Öffnung der Schule und Lernen durch Engagement. Community Learning und Service Learning beziehen das Umfeld der Schule ein und sollen das Lernen mit der Lebenswirklichkeit der Schüler verbinden.
  • Mediationsverfahren wie das Streitschlichtertraining. Schüler übernehmen Verantwortung für Konfliktlösungen und befassen sich mit unterschiedlichen Wegen, Kompromisse zu finden.
  • Deliberationsforen und Klassenräte. Sie sollen das demokratische Sprechen und gemeinsame Beraten einüben.
  • Demokratietrainings als Seminare oder Fortbildungen. Dazu gehören Übungen zur demokratischen Konfliktlösung, beispielsweise Rollenspiele.

Typische Beispiele zeigen die unterschiedliche Reichweite der Beteiligung: Eine Schülervertretung ermöglicht begrenzte Mitsprache innerhalb bestehender Schulstrukturen. In einer Schule nach dem Sudbury-Modell entscheiden Schüler dagegen in der Schulversammlung sogar über Regeln, Finanzen und Personal.

Kritik und kritische Ansätze

Kritiker bemängeln, dass manche Formen der Demokratiepädagogik zu wenig politisch seien. Benedikt Widmaier spricht von einer antipolitischen Grundhaltung bei einigen ihrer Vertreter. Außerdem könne die Betonung praktischer Erfahrungen das notwendige kognitive Lernen vernachlässigen. Komplexe Vorgänge wie die Finanzkrise 2007 und die Auseinandersetzung über politische Lösungen ließen sich nicht allein durch Erfahrungen erschließen.

Ein weiterer Einwand betrifft den starken Bezug auf Lebenswelt und zwischenmenschliche Beziehungen. Dieser könne strukturelle Macht- und Herrschaftsverhältnisse verdecken. Studien legen nahe, dass Erfahrungen im direkten sozialen Umfeld nicht automatisch auf andere politische Ebenen übertragen werden. Nachbarschaftliches Engagement im Service Learning erweitert daher eher nicht die Fähigkeit, bei umfassenden gesellschaftlichen Konflikten wie der Nutzung von Atomkraft politisch zu handeln. Aus Sicht kritischer Erziehungswissenschaft besteht zudem die Gefahr, strukturelle Ungleichheit als persönliche Verantwortung darzustellen und eine bestätigende Selbstoptimierung zu fördern.

Kritisiert wird auch die Vorstellung eines Gemeinwohls, das durch Interessenausgleich erreicht werde. Ein solcher Politikbegriff könne grundlegende Konflikte übersehen oder als bloß destruktiv behandeln. Ebenso wird der Demokratiebegriff der Demokratiepädagogik als teilweise ungenau bezeichnet. Partizipation ist außerdem widersprüchlich, wenn sie von Autoritäten „von oben“ vorgeschrieben wird. Deshalb kann schon die Erziehung zur Demokratie als paradoxe Anforderung erscheinen.

Im Verlauf der Debatte haben sich Demokratiebildung und Politische Bildung angenähert. In der Demokratiebildung erhielten Reflexion und kognitives Lernen größeres Gewicht. Die Politische Bildung übernahm umgekehrt stärker erfahrungsbasiertes Lernen und befasst sich etwa mit dem Verhältnis von Emotionen und politischer Bildung.

Die Kritische Demokratiebildung geht über diese Annäherung hinaus. Sie wirft der herkömmlichen Demokratiepädagogik vor, vor allem bestehende demokratische Verhaltensmuster, staatsbürgerliche Tugenden und Beteiligung an vorhandenen Institutionen einzuüben, statt demokratische Teilhabe auszuweiten. Ihr eigener Demokratiebegriff beschränkt sich weder auf staatliche Stellen wie das Parlament noch auf Parteien, Wahlen und andere formale Verfahren.

Im Mittelpunkt steht unter anderem das strukturelle Spannungsverhältnis zwischen parlamentarischer Demokratie und Kapitalismus: Politisch bestehen gleiche Rechte, darunter das Wahlrecht für Staatsbürger, während ungleiche Eigentumsrechte in der Wirtschaft demokratische Mitbestimmung dort ausschließen. Demokratie gilt deshalb als theoretisch und praktisch umkämpfter politischer Prozess. Strittig ist, wer zum demos, also zum politisch entscheidenden Volk, gehört, wie Entscheidungen organisiert werden und auf welchen gesellschaftlichen Ebenen Meinungs- und Willensbildung stattfindet. Kritische Demokratiebildung will Bildungsprozesse anstoßen, die Möglichkeiten einer gesamtgesellschaftlichen Ausweitung von Demokratie und Teilhabe prüfen. Dazu behandelt sie soziale Demokratie, Wirtschaftsdemokratie beziehungsweise Demokratie in Betrieben und Rätedemokratie.

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