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Das Schloss
Das Schloss ist neben Der Verschollene (auch bekannt unter Amerika) und Der Process einer der drei unvollendeten Romane Franz Kafkas. Das 1922 entstandene …
Inhalt6 Abschnitte
Grundidee und Handlung
Das Schloss ist einer der drei unvollendeten Romane Franz Kafkas, neben Der Verschollene und Der Process. Kafka schrieb das Werk 1922; Max Brod veröffentlichte es 1926 postum. Im Mittelpunkt steht der Landvermesser K., der in einem winterlichen Dorf ankommt, das zur Herrschaft eines geheimnisvollen Schlosses gehört. Sein Ziel ist es, als beruflich bestellter Landvermesser anerkannt zu werden und damit auch eine gesicherte private Existenz zu bekommen. Der Roman schildert seinen vergeblichen Kampf um Zugang, Anerkennung und Verständigung.
K. erklärt bei seiner Ankunft, er sei vom Grafen Westwest als Landvermesser bestellt worden. Später zeigt sich im Gespräch mit dem Dorfvorsteher, dass eine solche Bestellung zwar einmal diskutiert wurde, aber ungeklärt bleibt, ob K. tatsächlich berufen wurde. Er darf im Dorf bleiben, erhält jedoch keine Arbeit als Landvermesser, sondern nur vorübergehend eine Stelle als Schuldiener.
Das Schloss und seine Verwaltung wirken wie ein riesiger, unüberschaubarer bürokratischer Apparat. Die Dorfbewohner fürchten die Macht des Schlosses und ordnen ihr Verhalten danach aus, obwohl im Roman keine klar erkennbaren Sanktionen vom Schloss ausgehen. K. versucht immer wieder, dem Schloss näherzukommen, besonders über Beamte wie Klamm. Alle Versuche scheitern. Am Ende nähert er sich zwar menschlich etwas den Dorfbewohnern an, bleibt aber erschöpft und erfolglos. Nach mehreren Gesprächen, besonders mit Frauen aus dem Dorf, bricht das Romanfragment ab.
Wichtige Stationen
Zu Beginn erreicht K. an einem Winterabend ein armes Dorf unterhalb eines gräflichen Schlosses. Im Wirtshaus Brückenhof wird er von einem Vertreter des Schlosses geweckt, weil man ohne Erlaubnis des Schlosses nicht im Dorf bleiben dürfe. K. nennt sich Landvermesser. Zwei Telefonate mit dem Schloss widersprechen sich: Erst wird seine Bestellung bestritten, dann scheinbar bestätigt. Am nächsten Morgen versucht K., zum Schloss zu gehen, kann sich ihm aber auf unerklärliche Weise nicht nähern.
Im Dorf wird K.s Versuch, seine Stellung bestätigen zu lassen, zu seinem einzigen Lebensinhalt. Das Schloss schickt ihm zwei Gehilfen, angeblich um ihn „aufzuheitern“. Der Bote Barnabas bringt ihm zwei wohlwollend klingende Briefe des hohen Beamten Klamm, die aber nicht zur tatsächlichen Lage passen. K. beginnt eine Beziehung mit Frieda, der angeblichen Geliebten Klamms, doch diese Beziehung löst sich später wieder auf.
Der Dorfvorsteher erklärt K. die chaotische Bürokratie des Schlosses: Sie wirkt gründlich und allumfassend, führt aber oft zu zufälligen oder absurden Ergebnissen. K.s Berufung könnte auf einen seit Jahren fehlgeleiteten Brief zurückgehen. Da man keinen Landvermesser braucht, wird K. gegen den Willen des Lehrers Schuldiener. In der Schule wohnt er kurz mit Frieda und den Gehilfen; dort kommt es zu grotesken, entwürdigenden Szenen.
Im Herrenhof, dem Gasthaus der Schlossbeamten, versucht K. Klamm zu treffen. Klamms Dorfsekretär Momus will ein Protokoll über K.s Verhalten aufnehmen, doch K. verweigert die Mitarbeit, als er erfährt, dass Klamm es sicher nicht lesen wird. Später wird K. nachts zu Erlanger gerufen, gerät aber versehentlich zu Bürgel, der zunächst hilfsbereit scheint. K. schläft vor Müdigkeit ein; außerdem zeigt sich später, dass Bürgel ohnehin keinen Einfluss hat. Eine besonders absurde Szene zeigt die Aktenverteilung um 5 Uhr morgens, bei der Akten verwechselt werden und Streit entsteht. Frieda verlässt K. und kehrt in den Herrenhof zurück; Pepi behauptet, Frieda habe K. nur benutzt.
Figuren und Machtverhältnisse
K. bleibt als Figur rätselhaft. Er behauptet, in der fernen Heimat Frau und Kind zurückgelassen zu haben, doch später, bei seinen Eheplänen mit Frieda, spielt das keine Rolle mehr. Ob er wirklich Landvermesser ist, bleibt offen; Max Brod nennt ihn im Nachwort den „angeblichen Landvermesser“. K. wirkt anfangs energisch, analytisch und selbstbewusst, später immer müder und deprimierter. Sein Wesen wird vor allem durch seinen Kampf bestimmt, vom Schloss anerkannt zu werden.
Die Dorfbewohner erscheinen arm, eingeschränkt und von Angst oder Resignation geprägt. Sie beobachten alles, was mit dem Schloss zusammenhängt, und deuten jede Einzelheit. Gleichzeitig sind tatsächliche Eingriffe des Schlosses kaum sichtbar. Besonders deutlich wird das an Amalia: Sie weist ein obszönes Angebot des Schlossbeamten Sortini zurück und zerreißt seinen Brief. Das Schloss reagiert nicht, aber die Dorfgemeinschaft isoliert Amalia und ihre Familie aus vorauseilendem Gehorsam.
Die Frauenfiguren spielen eine wichtige Rolle, weil K. in ihnen mögliche Zugänge zum Schloss sieht. Frieda, die Brückenhofwirtin Gardena, Pepi, Olga und Amalia geben Einblicke in die sozialen Regeln des Dorfes. Sie werden nicht nur über Schönheit beschrieben, sondern vor allem über mentale Stärke und ihre besondere Stellung im Verhältnis zum Schloss.
Das Schloss selbst ist kein prachtvoller Herrschaftssitz, sondern wirkt altertümlich, schäbig und verwirrend. Es besteht aus vielen Baukörpern, Gängen und Räumen. Die Beamten erscheinen nicht eindeutig böse; sie wirken eher bemüht, überarbeitet, lächerlich und zugleich durch die Aura des Schlosses mächtig. Die Verwaltung kontrolliert scheinbar alles, bleibt aber unzugänglich und ineffektiv. Zuständigkeiten sind unklar, Telefonate führen meist nur zu Summen oder Scherzantworten, und die bürokratischen Abläufe scheinen sich verselbstständigt zu haben.
Erzählweise und Aufbau
Der Roman ist in der Er-Form geschrieben, folgt aber besonders am Anfang weitgehend K.s Wahrnehmung. Trotzdem ist die Perspektive nicht einfach mit K.s Sicht identisch. K. verschweigt selbst manches, und der Text deutet wiederholt seine Zwielichtigkeit an. Dadurch entsteht eine ironisch gebrochene Erzählperspektive: Die Lesenden erleben K.s Suche mit, werden aber zunehmend von seiner Sicht distanziert.
Der Aufbau unterscheidet sich je nach Ausgabe. Die Fassung von Max Brod gliedert den Text in 20 unbetitelte Kapitel; nur das fünfzehnte Kapitel über Barnabas’ Familie ist untergliedert. Die Pasley-Ausgabe hat 25 Kapitel, von denen 19 betitelt wurden. Inhaltlich entwickelt sich nur zu Beginn eine deutliche Handlung. Danach bestimmen lange, kreisende Gespräche den Roman, und der kausale Ablauf verliert sich immer stärker.
Der Roman enthält bedrückende, aber auch skurrile und komische Szenen. Gerade diese Komik zeigt oft die Aussichtslosigkeit der Lage, weshalb das Werk auch als „schwarze Satire“ verstanden werden kann. Hinzu kommen surreale Elemente: Orte und Zeiten wirken unklar, Wege führen nicht ans Ziel, und Dinge erscheinen auf seltsame Weise verselbstständigt. Reiner Stach beschreibt den Stil als „umfassende Beschreibung einer unbegreiflichen Beharrlichkeit, die nicht zum Ziel führt“.
Entstehung, Ende und Ausgaben
Kafka begann Das Schloss vermutlich im Februar 1922 während eines Erholungsaufenthalts in Spindlermühle im Riesengebirge, nach jahrelangen Schreibschwierigkeiten und wahrscheinlich nach einem gesundheitlichen Zusammenbruch. Im März zeigte er Max Brod das Geschriebene. Im Sommer setzte er die Arbeit in Plan in Westböhmen fort. Am 1. Juli 1922 wurde Kafka endgültig pensioniert, weil eine Arbeitsfähigkeit nicht mehr zu erwarten war. Im Herbst verschlechterte sich seine Gesundheit weiter, und er legte das Romanfragment endgültig beiseite.
Ein von Kafka selbst geschriebener Schluss existiert nicht. Das Fragment endet mitten im Satz in einer Szene mit Gerstäckers Mutter: „Sie reichte K. die zitternde Hand und liess ihn neben sich niedersetzen, mühselig sprach sie, man hatte Mühe sie zu verstehn, aber was sie sagte“. Max Brod rekonstruierte aus Kafkas mündlichen Angaben einen möglichen Schluss: K. sollte am siebenten Tag an körperlicher und seelischer Erschöpfung sterben, während ihm das Schloss gleichzeitig aus Gnade ein Wohnrecht erteilt. Damit hätte K. einen begrenzten Teilsieg erreicht.
Die Erstausgabe erschien 1926 im Kurt Wolff Verlag, herausgegeben von Max Brod. Brod ließ darin umfangreiche Teile weg, damit der Roman abgeschlossener wirkte; es fehlten unter anderem die Bürgel-Szene, die Aktenverteilung und das Gespräch mit Pepi. 1951 erschien Brods dritte, ergänzte Ausgabe bei S. Fischer und machte den Text in größerem Umfang bekannt. 1982 veröffentlichte Malcolm Pasley eine kritische Ausgabe in der Fassung der Handschrift; sie unterscheidet sich in Einteilung und Textdetails von Brods Fassungen. 2018 erschien eine historisch-kritische Ausgabe von Roland Reuß und Peter Staengle mit Faksimiles und Umschrift aller Manuskriptseiten.
Deutungen und Wirkung
Eine eindeutige Gesamtdeutung von Das Schloss gilt als nicht möglich. Der Roman bietet viele Ansätze, weil das Schloss zugleich reale Verwaltung, Machtzentrum, psychisches System und unerreichbare letzte Instanz sein kann. K.s Blick „in die scheinbare Leere“ am Anfang wird zum Grundmotiv: Seine Bemühungen laufen immer wieder ins Leere. Das Schloss existiert, bleibt aber fern; ob es feindlich oder böse ist, bleibt unentscheidbar.
Albert Camus deutete K.s erfolglosen Versuch, sich dem Schloss zu nähern, existentialistisch: als berechtigte, aber erfolglose Sinnsuche des Menschen in einer sinnentleerten Welt. Andere Deutungen verstehen die Bürokratie als Bild für die Unmöglichkeit, Wirklichkeit vollständig rational zu erfassen. Graf Westwest, der nur am Anfang genannt wird, wurde wegen seines Namens auch mit Ende, Jenseits oder Todessphäre verbunden.
Zu den bekanntesten Deutungen gehören die von Max Brod und Theodor W. Adorno. Brod sah im Schloss ein theologisches Modell, nämlich den Ort göttlicher Gnade. Adorno interpretierte das Werk als Darstellung von Hierarchie- und Machtstrukturen, auch im Blick auf künftige totalitäre Systeme. Weitere Ansätze lesen den Roman als schwarze Satire auf Macht, Willkür und Überbürokratisierung oder psychoanalytisch als Welt der Väter, die der Sohn vergeblich zu erobern versucht.
Das Werk wurde vielfach rezipiert, wissenschaftlich kommentiert und künstlerisch bearbeitet. Es wurde in die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher aufgenommen. Es gibt mehrere Verfilmungen, darunter Fassungen von Rudolf Noelte 1968 und Michael Haneke 1997, außerdem Bühnen-, Hörspiel-, Opern- und Tanztheaterbearbeitungen.