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Der Process
Gottfried von Einems Oper Der Prozess (1953) basiert auf Kafkas Romanfragment. · Eine freie Adaption des Stoffes ist Gunther Schullers Jazz-Oper The Visitation ( …
Inhalt5 Abschnitte
Werk und zentrale Handlung
Der Process, auch Der Proceß oder Der Prozeß genannt, ist neben Der Verschollene und Das Schloss einer von Franz Kafkas drei unvollendeten und erst nach seinem Tod veröffentlichten Romanen. Im Mittelpunkt steht Josef K., ein 30-jähriger Prokurist einer Bank. Am Morgen seines 30. Geburtstags wird er verhaftet, ohne zu erfahren, welcher Schuld er beschuldigt wird. Die Verhaftung schränkt seine Bewegungsfreiheit und Berufstätigkeit zunächst kaum ein. Gerade dadurch entsteht eine widersprüchliche Situation: K. ist offiziell angeklagt, kann aber weiterhin seinen Alltag fortsetzen.
K. versucht vergeblich, den Grund der Anklage und die Regeln des Verfahrens herauszufinden. Das Gericht bleibt eine anonyme, schwer zugängliche Macht. Seine Kanzleien befinden sich auf Dachböden ärmlicher Mietshäuser; ihre Hierarchien und Zuständigkeiten sind undurchschaubar. K. sucht Hilfe bei Frauen, Rechtsanwälten, einem Gerichtsmaler und verschiedenen Gerichtsangehörigen. Ihre Versprechen führen jedoch nicht zu einer wirklichen Lösung. Während K. den Prozess anfangs verdrängen will, bestimmt er immer stärker sein Denken und dringt zunehmend in sein Leben ein.
Die Handlung führt K. unter anderem zu einer ersten Untersuchung in einem Mietshaus. Dort hält er eine lange Rede gegen die Absurdität, Ungerechtigkeit und Bestechlichkeit des Gerichts, verliert aber die Aufmerksamkeit der Anwesenden. Bei einem späteren Besuch entdeckt er die ärmlichen Gerichtskanzleien und erleidet dort wegen der schlechten Luft einen Schwächeanfall. In einer Rumpelkammer seiner Bank sieht er die beiden Wächter Franz und Willem, die wegen seiner Beschwerde ausgepeitscht werden. Am nächsten Tag findet er dieselbe Szene unverändert vor.
K.s Onkel vermittelt ihm den Advokaten Huld. K. wird jedoch mit Hulds langsamer und quälender Verteidigung zunehmend unzufrieden. Der Gerichtsmaler Titorelli erklärt ihm, ein wirklicher Freispruch sei praktisch unerreichbar. Möglich seien nur eine „scheinbare Freisprechung“, die jederzeit widerrufen werden könne, oder eine „Verschleppung“, bei der das Verfahren dauerhaft auf der niedrigsten Stufe gehalten werde. K. kann sich für keine dieser Möglichkeiten entscheiden. Beim Advokaten begegnet er außerdem dem Kaufmann Block, dessen Prozess bereits länger als fünfeinhalb Jahre dauert und der sich vor Huld völlig erniedrigt.
Im Dom trifft K. statt des erwarteten italienischen Kunden den Gefängniskaplan. Dieser erzählt ihm die Parabel Vor dem Gesetz und spricht mit ihm über ihre verschiedenen Auslegungen. Eine eindeutige Erklärung für K.s Lage erhält er jedoch nicht. Am Vorabend seines 31. Geburtstags holen ihn zwei namenlose Herren ab. Sie führen ihn zu einem Steinbruch, wo einer ihn festhält und der andere ihn mit einem Fleischermesser ins Herz sticht. K.s letzte Worte lauten: „Wie ein Hund!“
Figuren und wichtige Beziehungen
Josef K. lebt allein und arbeitet als Bankprokurist. Zu seinen wenigen regelmäßigen Kontakten gehören seine Geliebte Elsa und eine Stammtischrunde. Sein Vater ist tot; seine Mutter erscheint nur in einem Fragment und ist ihm emotional nicht nahe.
Die Wächter Franz und Willem teilen K. seine Verhaftung mit. Ein Aufseher weist seine Einwände zurück, erklärt aber, dass K. weiter arbeiten und sich frei bewegen dürfe. Drei Bankkollegen begleiten ihn anschließend zur Arbeit. Frau Grubach ist K.s Vermieterin und bevorzugt ihn, weil er ihr Geld geliehen hat. Fräulein Bürstner, eine weitere Mieterin, interessiert sich für das Gericht, will nach K.s aufdringlichem Kuss jedoch keinen Kontakt mehr zu ihm. Ihre Freundin Fräulein Montag macht ihm dies deutlich.
Die Frau des Gerichtsdieners besitzt großen Einfluss auf Männer aus der Gerichtswelt. Ein Jurastudent und der Untersuchungsrichter begehren sie; auch K. fühlt sich von ihr angezogen. Sie erzählt ihm einiges über das Gericht, kann ihm aber nicht wirklich helfen. Advokat Huld ist krank und verteidigt seine Mandanten aus dem Bett. Seine langwierigen Ausführungen und seine Abhängigkeit von Gerichtsbeamten machen K. schließlich misstrauisch. Hulds Bedienstete Leni nähert sich K. erotisch und scheint über Informationen zum Gericht zu verfügen.
K.s Onkel, der je nach Stelle Karl oder Albert genannt wird, reist vom Land an, nachdem seine Tochter Erna von K.s Prozess berichtet hat. Er stellt den Kontakt zu Huld her und wirft K. vor, sich durch Leni von der wichtigen Besprechung ablenken zu lassen. Der Gerichtsmaler Titorelli kennt Richter und Beamte, hält einen echten Freispruch aber für unmöglich. Der Kaufmann Block zeigt, wie ein Angeklagter durch die Dauer des Verfahrens und seine Abhängigkeit vom Anwalt gedemütigt werden kann.
Der Gefängniskaplan erklärt K. die Parabel Vor dem Gesetz und weiß, dass der Prozess ungünstig enden wird. In K.s Bank stehen ihm der Direktor-Stellvertreter und der Direktor gegenüber. Der Stellvertreter wird für K. zunehmend bedrohlich, weil K. wegen des Prozesses seine berufliche Sorgfalt verliert. Der Direktor tritt dagegen wohlwollend und väterlich auf. Staatsanwalt Hasterer ist K.s Freund und protegiert ihn, doch diese Beziehung bleibt ein Fragment. Die beiden Vollstrecker am Ende führen K. zum Steinbruch und töten ihn.
Form, Sprache und zentrale Motive
Der Roman ist in einer sachlichen und nüchternen Sprache geschrieben und wird in der dritten Person erzählt. Das Erzählen ist überwiegend personal: Der Leser erfährt vor allem, was Josef K. wahrnimmt, denkt und weiß. Dadurch bleibt die Gerichtswelt ebenso rätselhaft wie für K. selbst. K.s Einschätzungen erweisen sich häufig als falsch, sodass auch der Wahrheitsgehalt seiner Deutungen unsicher bleibt. Der erste Satz kann zugleich als Aussage eines übergeordneten Erzählers und als Ausdruck von K.s eigener Unsicherheit verstanden werden.
Auffällig ist die Wiederholung oder Verdoppelung von Ereignissen. Zwei Wächter verkünden am Anfang die Verhaftung, zwei Herren vollstrecken am Ende das Urteil. Zwei Frauen aus der Gerichtswelt treten erotisch fordernd an K. heran, zweimal wird K. von der schlechten Luft in den Kanzleien krank, und zweimal entstehen Irritationen über eine Uhrzeit. Auch das Wort „Gurgel“ erscheint an entscheidenden Stellen: bei K.s Übergriff auf Fräulein Bürstner und bei seiner Hinrichtung.
Das Gericht erscheint als unbekannte, anonyme Macht mit vielen undurchdringbaren Hierarchien. K. erreicht nur die untersten Instanzen und kann das gesamte System nie überblicken. Hilfe suchende Menschen, Frauen, Anwälte und der Maler versprechen Einfluss, vertrösten ihn aber letztlich ähnlich wie der Türhüter in der Parabel Vor dem Gesetz.
Die Handlung besitzt zugleich eine traumhafte und teilweise humoristische Seite. Inneres und Äußeres vermischen sich, und K.s Arbeitswelt wird zunehmend von der Gerichts- und Traumwelt überlagert. Komische Details entstehen etwa dadurch, dass Richter pornografische Zeichnungen statt Gesetzesbücher betrachten, Henker wie alternde Schauspieler wirken oder ein Gerichtsraum ein Loch im Boden hat. Die düstere Grundsituation und die grotesken Einzelheiten bestehen nebeneinander.
Sexualität ist eng mit K.s Prozess verbunden. Frauen aus dem Umfeld des Gerichts wirken sirenenhaft, während Vertreter des Gerichts lüstern erscheinen. Auch K. selbst handelt Fräulein Bürstner gegenüber gierig und erliegt den Verlockungen Lenis und anderer Frauen.
Deutungen und literarische Bezüge
Eine eindeutige Interpretation ist nicht möglich. Der Artikel nennt fünf wichtige Richtungen: eine biographische Deutung, die Kafkas Lebenssituation berücksichtigt; eine historisch-kritische Deutung vor dem Hintergrund der Spannungen in Österreich-Ungarn und des Ersten Weltkriegs; eine religiöse Deutung im Zusammenhang mit Kafkas jüdischer Herkunft; eine psychoanalytische Deutung als Darstellung eines inneren Prozesses; sowie eine politische und soziologische Deutung als Kritik an unmenschlicher Bürokratie und fehlenden bürgerlichen Freiheits- und Prozessgrundrechten.
Viele Interpreten haben versucht, den Roman in ein umfassendes Deutungssystem einzuordnen. Spätere Arbeiten fordern stärker eine textimmanente Betrachtung, also eine Auslegung, die vor allem vom Text selbst ausgeht. Biographisch lässt sich unter anderem auf die Auflösung von Kafkas Verlobung mit Felice Bauer und auf die Ähnlichkeit der Initialen von Felice Bauer und Fräulein Bürstner verweisen. Elias Canetti betont die Verbindung mit Kafkas Arbeitswelt als Versicherungsjurist. Theodor W. Adorno deutet den Roman dagegen politisch-visionär als mögliche Vorwegnahme des Nazi-Terrors. Claus Hebell verbindet beide Sichtweisen mit den mangelhaften Rechtsverhältnissen der österreichisch-ungarischen Monarchie.
Eine psychoanalytische Lesart versteht K.s Geschichte als Angsttraum von Schuld, Straffantasien und Schuldgefühlen. K. und Gericht erscheinen dann nicht als völlig getrennte Gegenüber; vielmehr wird die Gerichtswelt zunehmend mit K.s Innerem verflochten. Das Gericht kann zugleich als reale, fantastische und allegorisch-psychologische Ebene gelesen werden.
Der Roman steht in Beziehung zu Kafkas Das Schloss: Beide Protagonisten bewegen sich durch ein Labyrinth, begegnen langatmig erklärenden kranken Männern und werden von erotisch auftretenden Frauen beeinflusst. In der Strafkolonie entstand zeitlich parallel. Auch dort kennt der Verurteilte das Gebot nicht, das er verletzt haben soll. Der spätere Text Der Schlag ans Hoftor erinnert in verkürzter Form an das Muster einer beiläufig erhobenen Klage, die in eine unentrinnbare Strafe führt.
Entstehung, Editionen und Überlieferung
Kafka arbeitete vom Sommer 1914 bis Januar 1915 am Process. In diese Zeit fielen die Auflösung seiner Verlobung mit Felice Bauer, die Kafka als eine Art „Gerichtshof“ empfand, der Beginn des Ersten Weltkriegs und sein erster längerer Aufenthalt außerhalb der elterlichen Wohnung. Zunächst schrieb er schnell; in etwa zwei Monaten entstanden rund 200 Manuskriptseiten. Danach kam die Arbeit zum Erliegen. Anfang 1915 brach Kafka den Roman ab und nahm ihn, abgesehen von einem kurzen Versuch 1916, nicht wieder auf.
Der Text entstand nicht in linearer Reihenfolge. Kafka schrieb zunächst das Eingangskapitel und das spätere Schlusskapitel, arbeitete daneben an weiteren Teilen und verwendete Hefte, aus denen er die zugehörigen Blätter später heraustrennte. Nach dem Abbruch lagen die Teile in 16 Konvoluten vor. Da Kafka keine endgültige Reihenfolge festlegte, ist jede spätere Anordnung bereits eine editorische und damit interpretierende Entscheidung. Besonders die Ausgaben von Max Brod und die Kritische Kafka-Ausgabe stellen den Fragmenten den Charakter eines abgeschlossenen Romans zu; Malcolm Pasley ordnet die unvollständigen Kapitel dagegen als Fragmente ein.
Die Erstausgabe erschien am 26. April 1925 im Berliner Verlag Die Schmiede unter dem Titel Der Prozess und wurde von Max Brod herausgegeben. Brod ordnete die Konvolute als Kapitel und berief sich dabei auch auf seine Erinnerung an Kafkas Vorlesen. Erweiterte Ausgaben von 1935 und 1946 enthielten zusätzliche unvollendete Kapitel und gestrichene Stellen. Die Kritische Kafka-Ausgabe veröffentlichte 1990 die leicht veränderte Fassung Der Proceß. Die Historisch-kritische Ausgabe von Roland Reuß und Peter Staengle erschien 1997 als Der Process. Sie gibt die 16 Konvolute einzeln in Heften wieder und stellt Faksimile und Umschrift gegenüber, ohne eine verbindliche Reihenfolge herzustellen. Eine weitere Ausgabe von Christian Eschweiler verändert die Kapitelfolge und betrachtet das Traum-Kapitel als Höhepunkt der Entwicklung.
Max Brod widersetzte sich Kafkas Bitte, seine Manuskripte zu vernichten. 1939 rettete er sie nach Palästina und schenkte sie 1945 seiner Sekretärin Ilse Ester Hoffe. Das Manuskript des Process wurde 1988 für 3,5 Millionen DM ersteigert und dem Deutschen Literaturarchiv überlassen. Es ist heute im Literaturmuseum der Moderne in Marbach ausgestellt.
Der Text wurde vielfach adaptiert, unter anderem als Hörspiel, Theaterstück, Film, Comic und Oper. Zu den bekannten Bearbeitungen gehören Orson Welles’ Film Der Prozeß von 1962, Gottfried von Einems Oper Der Prozess von 1953 sowie das 2010 veröffentlichte Hörspiel des Bayerischen Rundfunks. Die Rezeption wurde stark von Brods Vorstellung eines nahezu abgeschlossenen Romans geprägt; spätere Deutungen betonen dagegen stärker den fragmentarischen Charakter und die grundsätzliche Offenheit des Textes.