Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Das Lied von der Glocke

Das Lied von der Glocke ist ein im Jahr 1799 von Friedrich Schiller veröffentlichtes Gedicht. Es gehörte lange Zeit zum Kanon der deutschen Literatur und …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Werk, Entstehung und Grundidee
  2. 2. Aufbau, Form und Motto
  3. 3. Der Glockenguss
  4. 4. Lebenslauf und Gesellschaftsbild
  5. 5. Bedeutung, Kritik und Weiterwirken

Werk, Entstehung und Grundidee

„Das Lied von der Glocke“ ist ein 1799 veröffentlichtes Gedicht von Friedrich Schiller. Es verbindet die sachkundige Darstellung eines Glockengusses mit Betrachtungen über das menschliche Leben, gesellschaftliche Ordnung und die Gefahren von Naturgewalt und politischem Umsturz. Das Werk gehörte lange zum Kanon der deutschen Literatur und zählt zu den bekanntesten, meistzitierten und meistparodierten deutschen Gedichten.

Schiller beschäftigte sich mehr als zehn Jahre mit dem Stoff. Er kannte das Glockengießerhandwerk bereits aus seiner Jugend in Ludwigsburg und besuchte 1788 mehrfach die Glockengießerei Mayer in Rudolstadt. Konkrete Formen nahm das Vorhaben 1797 an. Als wichtigste schriftliche Quelle diente die 1788 in Brünn erschienene „Oeconomische Encyclopädie“ von Johann Georg Krünitz. Ihr entnahm Schiller Arbeitsabläufe, Fachbegriffe wie „Schwalch“, „Glockenspeise“ und „Damm“ sowie das Motto. Eine weitere Anregung war die Schilderung des Perseus-Gusses in Benvenuto Cellinis Autobiographie.

Nachdem Schiller das Vorhaben 1797 und 1798 nicht vollenden konnte, nahm er es im September 1799 wieder auf und schloss es rasch ab. Der ursprüngliche Titel lautete „Glockengießerlied“; den Namen „Das Lied von der Glocke“ erhielt das Gedicht bei seinem Erscheinen im „Musenalmanach“.

Aufbau, Form und Motto

Das Gedicht besteht aus 19 Strophen zweier Arten, die einander abwechseln:

• Zehn Meister- oder Arbeitsstrophen beschreiben die einzelnen Schritte des Glockengusses. Sie umfassen jeweils acht Verse und werden vom Meister gesprochen. Die ersten fünf führen von den Vorbereitungen bis zum Beginn des Gusses, die letzten fünf behandeln die Arbeiten nach dem Guss. Sie bestehen aus vierfüßigen Trochäen; jeweils vier Verse weisen gekreuzte und vier parallele Reime auf.

• Neun unterschiedlich lange Reflexions- oder Betrachtungsstrophen übertragen die Arbeitsschritte auf das menschliche Leben. Sie behandeln Kindheit, Liebe, Ehe, Familie, Unglück, Tod, Arbeit, bürgerliche Ordnung und Revolution. Die ersten vier Betrachtungsstrophen erhalten durch den Jambus einen ruhigen Charakter.

Dem Gedicht ist das lateinische Motto „Vivos voco. Mortuos plango. Fulgura frango.“ vorangestellt: „Die Lebenden ruf’ ich. Die Toten beklag’ ich. Die Blitze brech’ ich.“ Es fasst die Aufgaben der Glocke zusammen. Der letzte Teil beruht auf dem alten Volksglauben, Glockengeläut könne Blitze vertreiben.

Die Verbindung beider Strophenarten ist das zentrale Gestaltungsprinzip: Ein konkreter Vorgang aus dem Handwerk löst jeweils weiterführende Gedanken aus. So steht die Vereinigung von sprödem Kupfer und weichem Zinn für die Verbindung zweier Menschen, das der Erde anvertraute Metall führt zum Gedanken an Saat und Bestattung, und das kontrollierte Feuer wird der zerstörerischen Feuersbrunst gegenübergestellt.

Der Glockenguss

Zu Beginn steht die aus Lehm gebrannte Form fest in der Dammgrube. Verwendet wird das Mantelabhebeverfahren, ein Verfahren mit „verlorener Form“: Modell und Form werden im Arbeitsprozess zerstört. Die einleitende Betrachtung fordert, eine Arbeit nicht gedankenlos, sondern mit Ernst und innerer Beteiligung auszuführen: „Soll das Werk den Meister loben! / Doch der Segen kommt von oben.“

Zur Herstellung der „Glockenspeise“, also der Metalllegierung, wird zunächst Kupfer geschmolzen. Danach kommt das bereits bei 232 Grad schmelzende Zinn hinzu. Das Mischungsverhältnis beträgt drei Teile Kupfer zu einem Teil Zinn. Der erwähnte „Schwalch“ oder „Schwalg“ ist die Öffnung des Schmelzofens, durch die die Flamme über das Metall streicht. Ein Fichtenstamm dient vor allem als Rührwerkzeug für das flüssige Metall. Ist die Mischung flüssig, entsteht weißlicher Schaum, in dem sich Verunreinigungen sammeln; Pottasche beschleunigt diesen Vorgang.

Nach etwa zwölf Stunden wird das Gemisch geprüft. Dazu taucht der Meister ein Stäbchen in die Schmelze. Erscheint es wie mit Glasur überzogen, haben sich Kupfer und Zinn verbunden. Zusätzlich wird eine kleine Metallprobe in einen warmen Stein gegossen, abgekühlt und zerbrochen. An den Zacken der Bruchfläche erkennt der Meister die Zusammensetzung: Bei zu kleinen Zacken muss Kupfer, bei zu großen Zacken Zinn ergänzt werden.

Vor dem Guss wird ein Gebet gesprochen. Dann stößt man einen kegelförmigen Zapfen nach innen. Das Metall fließt durch das Zapfenloch über eine Rinne in die Form. Nach der Füllung bleibt zunächst ungewiss, ob das Werk gelungen ist. Große Glocken können mehrere Wochen auskühlen. Anschließend wird der gebrannte Lehmmantel mit dem Hammer zerschlagen: „Wenn die Glock’ soll auferstehen / Muß die Form in Stücken gehen.“ Die fertige Glocke tritt mit ihren Verzierungen hervor. Schließlich wird sie getauft, aus der Grube gezogen und für ihren Dienst im Turm emporgehoben.

Lebenslauf und Gesellschaftsbild

Die Glocke begleitet nach Schillers Darstellung die entscheidenden Stationen des Lebens. Als Taufglocke begrüßt sie das Kind, dessen ungewisse Zukunft zunächst von der Mutter behütet wird. Der heranwachsende Knabe verlässt seine vertraute Umgebung, zieht in die Welt und begegnet nach seiner Rückkehr der ersten Liebe. Deren Vergänglichkeit beschreibt das Gedicht als „der ersten Liebe goldne Zeit“.

Die Hochzeitsglocke leitet zu Ehe und Familienleben über. Berühmt wurden die Verse: „Drum prüfe, wer sich ewig bindet, / Ob sich das Herz zum Herzen findet! / Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang.“ Dabei zeichnet Schiller ein traditionelles Rollenbild: Der Mann geht „hinaus ins feindliche Leben“, während im Haus „die züchtige Hausfrau“ wirkt.

Das Feuer erscheint zugleich als nützliche und zerstörerische Kraft. Beherrscht ermöglicht es menschliche Arbeit; außer Kontrolle vernichtet es ein Haus. Dem Familienvater bleibt nach dem Brand nur der Trost, dass alle Angehörigen gerettet sind: „Er zählt die Häupter seiner Lieben / Und sieh! ihm fehlt kein theures Haupt.“ Später ertönt die Glocke als Grabgeläut beim Tod der Ehefrau und Mutter. Die Bestattung wird mit der Aussaat verglichen, aus der neues Leben entstehen soll.

Ein friedlicher Feierabend in einer geordneten Stadt zeigt Herden, Erntewagen, Tanz, das geschlossene Stadttor und den Nachtwächter als „Auge des Gesetzes“. Arbeit, Recht, Sicherheit und bürgerliche Freiheit bilden die Grundlage dieser „heiligen Ordnung“. Sie besteht jedoch nur im Frieden. Der Sturmglocke wird die Französische Revolution von 1789 zugeordnet. Schiller verurteilt besonders die jakobinischen Gewaltexzesse und warnt vor dem Menschen, der im politischen Wahn jede Ordnung zerstört: „Jedoch der schrecklichste der Schrecken / Das ist der Mensch in seinem Wahn.“

Die Glocke erhält den Namen „Concordia“, lateinisch für Eintracht. Sie soll die Gemeinschaft zu ewigen und ernsten Dingen rufen. Beim Emporziehen erfüllt sich ihre Bestimmung; das Gedicht endet mit dem Wunsch: „Freude dieser Stadt bedeute, / Friede sei ihr erst Geläute.“

Bedeutung, Kritik und Weiterwirken

Das Gedicht wurde zunächst überwiegend begeistert aufgenommen. Wilhelm von Humboldt lobte seinen weiten poetischen Kreis und die Darstellung der wichtigsten Lebensabschnitte, Caroline von Wolzogen nannte es 1830 ein „Lieblingsgedicht der Deutschen“, und Jacob Grimm erhob es 1859 zum nationalen Symbol der Einheit. Bis etwa 1950 gehörte es fest zum Unterricht an Gymnasien und wurde häufig auswendig gelernt. Zahlreiche Verse gingen als „geflügelte Worte“ in den allgemeinen Sprachgebrauch ein, darunter „Von der Stirne heiß rinnen muß der Schweiß“, „Doch der Segen kommt von oben“, „Denn das Auge des Gesetzes wacht“, „Wo rohe Kräfte sinnlos walten“ und „Wehe, wenn sie losgelassen!“

Schon 1799 verspottete Caroline Schlegel das Werk; August Wilhelm und Friedrich Schlegel kritisierten seine Ausführlichkeit und seine Verbindung von Moral und Alltäglichkeit. Hans Magnus Enzensberger unterschied 1966 zwischen den für ihn gelungenen, sachkundigen Arbeitsstrophen und den aus seiner Sicht sprachlich plakativen, ideologisch unverbindlichen Betrachtungsstrophen. Andere Kritiker, darunter Marcel Reich-Ranicki, hielten das Werk unabhängig von seiner Bewertung für so bedeutend, dass es weiterhin gelesen und neu geprüft werden müsse. Auch das konservative Frauenbild wurde später kritisiert.

Das Gedicht wurde vielfach auf der Bühne dargestellt. Kurz nach Schillers Tod ließ Goethe es bei einer Gedächtnisfeier mit verteilten Rollen, einer Glockengießerwerkstatt und einem von ihm verfassten Epilog aufführen. Im 19. Jahrhundert folgten besonders an Schulen und Theatern Inszenierungen als „Lebende Bilder“.

Mehr als 100 Parodien sind nachweisbar. Viele übernehmen die Form und ersetzen den Inhalt, etwa durch Darstellungen von Kaffee, Kuchen oder politischen Ereignissen. Eine bekannte Kurzfassung lautet: „Loch in Erde, / Bronze rin. / Glocke fertig, / bim, bim, bim.“ Mehrere Parodien greifen außerdem auf, dass Schiller den Klöppel kaum behandelt. Bertolt Brecht orientierte sein Langgedicht „Die Erziehung der Hirse“ an Schillers Vorlage und konzipierte es als Gegenstück für die DDR.

Das Werk wurde in viele Sprachen übersetzt; bereits 1877 waren unter anderem französische, norwegische, englische, italienische, lettische, ungarische, hebräische, tschechische, dänische, polnische, russische, spanische, schwedische, slowenische, niederländische und rumänische Fassungen nachgewiesen. Hinzu kamen lateinische und deutsche mundartliche Übertragungen. Vertonungen schufen unter anderem Andreas Romberg mit „Das Lied von der Glocke“ op. 25 von 1808, Carl Haslinger, Max Bruch mit op. 45, Vincent d’Indy und Johannes Brahms. Franz Hofer lehnte 1917 das Stummfilmmelodram „Die Glocke“ an das Gedicht an.

Weiterlesen

Friedrich Schiller Johann Christoph Friedrich Schiller, ab 1802 von Schiller (* 10. November 1759 in Marbach am Neckar; † 9. Mai 1805 in Weimar), war ein deutscher Dichter, … Odyssee Die Odyssee (altgriechisch ἡ Ὀδύσσεια hē Odýsseia) ist neben der Ilias das zweite traditionell dem griechischen Dichter Homer zugeschriebene Epos. Ilias Die Ilias beruht auf frühgeschichtlichen Mythen und Erzählungen und wird traditionell Homer zugeschrieben (zur Verfasserschaft, auch hinsichtlich der Odyssee, … Gottfried August Bürger Gottfried August Bürger (* 31. Dezember 1747 in Molmerswende; † 8. Juni 1794 in Göttingen) war ein deutscher Dichter in der Zeit der Aufklärung, … Latein Verben ; Perfekt- stamm · 2. Person Singular Perfekt Konjunktiv Aktiv, du habest geliebt, amāv-, -eri- ; Perfekt- stamm · 3. Person Plural Plusquamperfekt Indikativ … Jambus Nach Gottfried August Bürger ist der Jambus „das einzige, wahre, echte, natürliche, heroische Metrum unserer Sprache“, ein kerndeutscher Versfuß also … Auferstehung Das Urchristentum bezog die weltbezogene jüdische Auferstehungshoffnung auf Jesus Christus: An ihm habe der Gott Israels das Endgericht schon vorweggenommen, um … Französische Revolution Die Französische Revolution (1789–1799) gehört zu den folgenreichsten Ereignissen der neuzeitlichen europäischen Geschichte. Jakobiner Die Jakobiner (franz: les Jacobins) waren im formellen Sinn die Mitglieder eines politischen Klubs während der Französischen Revolution. Terrorherrschaft Die Terrorherrschaft war ein Element der Diktatur des zwölfköpfigen Wohlfahrtsausschusses, der zuerst von Georges Danton und dann von Maximilien de Robespierre … Thomas Mann Dem 1901 erschienenen ersten Roman Buddenbrooks folgten Novellen und Erzählungen wie Tonio Kröger, Tristan und Der Tod in Venedig. ... Diese Merkmale prägen auch … Kalter Krieg Als Dauer des Kalten Krieges gilt im Allgemeinen die Nachkriegszeit von 1945 bis zum Zerfall der Sowjetunion 1991. Michail Gorbatschow bezeichnet in seinen …