Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Das Bildnis des Dorian Gray
Das Bildnis des Dorian Gray (Originaltitel: The Picture of Dorian Gray) ist der einzige Roman des irischen Schriftstellers Oscar Wilde.
Inhalt5 Abschnitte
Werk und Grundidee
Das Bildnis des Dorian Gray (Originaltitel: The Picture of Dorian Gray) ist Oscar Wildes einziger Roman und gilt als sein Prosahauptwerk. Die erste Fassung erschien 1890 in Lippincott’s Monthly Magazine, die überarbeitete und erweiterte Buchfassung 1891 bei Ward, Lock and Co. Der damals als anrüchig geltende Roman wurde später auch im Unzuchtprozess gegen Wilde als Beweisstück verwendet.
Im Mittelpunkt steht der reiche, außergewöhnlich schöne Dorian Gray. Sein Porträt altert an seiner Stelle und nimmt die sichtbaren Spuren seiner Sünden auf, während Dorian äußerlich jung und makellos bleibt. Der Roman behandelt Sinnlichkeit, Hedonismus, Dekadenz der englischen Oberschicht und die Frage, ob Kunst und Schönheit von Moral getrennt werden können.
Handlung
Der Maler Basil Hallward hat ein Porträt Dorian Grays geschaffen, den er künstlerisch verehrt. Basil stellt Dorian seinem Freund Lord Henry Wotton vor, einem gebildeten Dandy. Lord Henry vertritt einen „neuen Hedonismus“: Der Mensch solle sich ohne Furcht vor moralischen Vorstellungen entfalten. Seine Worte über Jugend, Schönheit und körperlichen Verfall erschüttern Dorian. Dorian wünscht sich, das Bild solle statt seiner altern; Basil will es zerstören, doch Dorian verhindert dies.
Dorian verliebt sich in die 17-jährige Schauspielerin Sibyl Vane. Als sie wegen ihrer Liebe nicht mehr überzeugend spielen kann, weist er sie grausam zurück. Sibyl nimmt sich noch in derselben Nacht mit Blausäure oder Bleiweiß das Leben. Dorian entdeckt daraufhin einen Zug von Grausamkeit im Porträt. Er erkennt es als „Zauberspiegel“ seiner Seele und versteckt es auf dem Dachboden.
Unter Lord Henrys Einfluss und durch einen symbolistischen „französischen Roman“ lebt Dorian jahrelang skrupellos und dekadent. Er sammelt unter anderem Düfte, exotische Musik, Edelsteine, Alchemica, Stickereien und Wandteppiche. Sein Bild wird immer hässlicher, sein eigenes Gesicht bleibt jung.
Am Tag vor seinem 38. Geburtstag, dem 9. November, konfrontiert Basil ihn mit Gerüchten über sein Leben. Dorian zeigt ihm das entstellte Porträt und ersticht Basil. Er zwingt den Chemiker Alan Campbell durch Erpressung, die Leiche vermutlich mit Salpetersäure zu beseitigen. Später bedroht ihn James Vane, Sibyls Bruder, der Rache sucht. James erkennt Dorian wegen dessen jugendlichem Aussehen zunächst nicht; wenig später wird er bei einer Jagd versehentlich erschossen.
Dorian möchte sich ändern, erkennt aber im Bild weiterhin Heuchelei und Verderbtheit. Schließlich sticht er mit dem Mordmesser auf das Porträt ein, um das letzte Beweisstück zu vernichten. Die Dienerschaft findet eine kaum erkennbare alte, runzelige Leiche; das Gemälde zeigt dagegen wieder Dorians Jugend und Schönheit.
Aufbau, Stil und Deutungen
Der Roman lässt sich zweiteilig lesen; Kapitel 11 bildet die Achse. Kapitel 1–10 führen Dorian, Basil und Lord Henry ein, erzählen Sibyl Vanes Geschichte und deren Folgen. Kapitel 11 fasst ohne Dialoge 18 Jahre von Dorians Leben zusammen. In Kapitel 12–20 stehen Basils Ermordung, James Vanes Verfolgung und Dorians Ende im Zentrum.
Typisch sind geistreiche Dialoge, Bonmots, Aphorismen und Paradoxien. Der allwissende Er-Erzähler tritt meist hinter die szenische Darstellung zurück. Fantastische Elemente wie das magische Porträt verbinden den Roman mit dem Schauerroman. Zugleich bricht die moderne, von John Ruskin, Walter Pater und französischem Symbolismus beeinflusste Kunstauffassung mit dem Realismus des 19. Jahrhunderts.
Das Porträt ist ein Doppelgänger: Es trägt Dorians verdrängte Schuld. In der Analytischen Psychologie Carl Gustav Jungs kann es als Schattenarchetyp verstanden werden, also als Bild der verdrängten negativen Persönlichkeitszüge. Das 2000 benannte Dorian-Gray-Syndrom bezeichnet das Krankheitsbild, eigenes Altern und Reifen nicht akzeptieren zu können.
Der Roman enthält Bezüge etwa zu Shakespeare, dem Narziss-Mythos, Platon, Sueton und Joris-Karl Huysmans’ Gegen den Strich. Faust-Motive sind ebenfalls erkennbar: Dorian ähnelt einem Faust, Lord Henry einem Mephisto, und Dorians Wunsch nach ewiger Schönheit einem Pakt. Anders als im Fauststoff gibt es jedoch keinen unmittelbaren Teufelspakt, kein Streben nach Erkenntnis und keine Aussicht auf Erlösung.
Ästhetizismus, Dandytum und Homosexualität
Wildes Vorwort fordert für Kunst einen Bereich außerhalb der Moral: „So etwas wie ein moralisches oder ein unmoralisches Buch gibt es nicht. Bücher sind entweder gut oder schlecht geschrieben.“ Kunst sei zugleich „Oberfläche und Symbol“ und „völlig nutzlos“. Diese Haltung heißt Ästhetizismus oder „L’art pour l’art“: Kunst wird als eigenständiger Wert verstanden.
Basil, Dorian und besonders Lord Henry leben eine ästhetische Haltung des Dandytums. Ein Dandy kultiviert Schönheit, Kleidung, Umgangsformen, Pose, Provokation und Diskretion. Der Roman kann aber zugleich als Kritik daran gelesen werden: Die Figuren scheitern gerade daran, Kunst, Theaterrolle und wirkliches Leben zu verwechseln. Das zeigt sich besonders an Sibyl und Dorian.
Homoerotische und homosexuelle Anspielungen werden vor dem Hintergrund von Wildes Biografie häufig gesucht, ihre Deutung ist jedoch umstritten. Dazu zählen Basils und Lord Henrys Bewunderung für Dorian sowie Dorians Umgang mit schönen jungen Männern. Explizite homosexuelle Handlungen werden im Roman nicht beschrieben; im viktorianischen England waren Moralvorstellungen und Gesetzeslage dagegen gerichtet.
Entstehung, Fassungen und Wirkung
Zur Entstehung gibt es unterschiedliche Berichte: Nach Hesketh Pearson entstand die Idee 1884 in Basil Wards Atelier; nach der St. James’s Gazette wünschte Wilde 1887 bei einem eigenen Porträt, dessen Bild möge ewig jung bleiben. John Gray und Robert de Montesquiou werden als mögliche Vorbilder Dorians genannt, doch John Gray bestritt dies.
Die Zeitschriftenfassung vom 20. Juni 1890 hatte 13 Kapitel und 98 Seiten. Die Buchausgabe vom April 1891 umfasste mit Vorwort und Erweiterungen 20 Kapitel auf 337 Seiten. Homoerotische Passagen wurden dabei entschärft; Dorians Ausschweifungen, die Figur James Vane und deren Handlung wurden ausgebaut. Eine rekonstruierte deutsche „Urfassung“ erschien 2000, eine kommentierte englische unzensierte Ausgabe 2011.
Die erste Fassung wurde oft als unmoralisch und skandalös kritisiert. Die Fassung von 1891 fand mehr Anerkennung, unter anderem bei Walter Pater, Arthur Conan Doyle, William Butler Yeats und James Joyce. Heute ist der Roman trotz weiterhin genannter stilistischer und struktureller Mängel ein Klassiker der Weltliteratur. Er wurde vielfach für Theater, Ballett, Oper, Musical, Film, Hörspiel und Comic bearbeitet; besonders bekannt wurde Albert Lewins Film von 1945, der mit einem Oscar ausgezeichnet wurde.