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Daniel Tammet
Er ist ein Rechenkünstler, hat enorme Fähigkeiten im Bereich Gedächtnis und kann in sehr kurzer Zeit eine neue Sprache lernen. Er lernte zehn Fremdsprachen …
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Person und Bedeutung
Daniel Paul Tammet, ursprünglich Daniel Paul Corney, wurde am 31. Januar 1979 in London geboren. Er ist ein britischer Schriftsteller und wird als „Savant“ beschrieben, also als Mensch mit außergewöhnlichen Inselbegabungen in einzelnen Bereichen. Bei ihm werden vor allem Kopfrechnen, Gedächtnisleistungen und schnelles Sprachenlernen genannt. Bekannt wurde er international 2005 durch die TV-Dokumentation Brainman, die in Großbritannien unter dem Titel The Boy with the Incredible Brain lief.
Tammet gilt als besonders interessant, weil er seine inneren Vorgänge sprachlich gut beschreiben kann. Das ist bei vielen Savants und Autisten nicht der Fall. Bei ihm wurde das Asperger-Syndrom diagnostiziert, eine hochfunktionale Form des Autismus. Zugleich berichtet er von Synästhesie: Zahlen und Wörter erscheinen ihm mit Farben, Formen oder anderen Sinneseindrücken verbunden.
Lebensweg
Tammet wuchs in London als ältestes von neun Kindern in einer Arbeiterfamilie auf. Mit vier Jahren erlitt er einen schweren epileptischen Anfall und wurde danach mit Carbamazepin behandelt. Nach drei Jahren konnte er die Behandlung absetzen. In der Schule war er schüchtern, introvertiert und galt als Einzelgänger. Zahlen faszinierten ihn schon früh; zugleich fiel ihm Kommunikation schwer, weil er nonverbale Signale schlecht deuten konnte.
Er las als Kind sehr viel, besonders Enzyklopädien und Autobiografien. 1995 legte er mit 16 Jahren die Prüfungen zum General Certificate of Secondary Education ab. In Geschichte erhielt er die Bestnote A*, in Englisch, Englischer Literatur, Französisch und Deutsch die Note A. In Mathematik bekam er trotz seiner Zahlenbegeisterung nur B, weil ihm Algebra nicht lag.
Nach der Schule ging er über Voluntary Services Overseas knapp ein Jahr nach Kaunas in Litauen und arbeitete dort ehrenamtlich als Englischlehrer. Später gab er Kindern Nachhilfe und kaufte sich von seinem ersten eigenen Einkommen einen Computer. 1999 nahm er noch unter dem Namen Daniel Corney an der Gedächtnisweltmeisterschaft in London teil und wurde Elfter, 2000 wurde er Vierter. 2001 änderte er seinen Nachnamen in Tammet, angeregt durch das estnische Wort tammed, das „Eichen“ bedeutet. 2002 startete er die Website Optimnem mit Sprach- und Mathematikkursen; sie war bis 2021 online.
Bekanntheit und Arbeit als Autor
Am Pi-Tag 2004, dem 14. März, stellte Tammet einen Europarekord im Pi-Sport auf: Er sagte 22.514 Nachkommastellen der Kreiszahl Pi aus dem Gedächtnis auf. Das waren 15 Nachkommastellen mehr als beim bisherigen Europarekord von 1998. Der Vortrag fand im Museum of the History of Science der Universität Oxford statt und dauerte fünf Stunden und neun Minuten, im Durchschnitt etwa 0,8 Sekunden pro Nachkommastelle.
Nach diesem Rekord wurde Tammet wissenschaftlich untersucht, unter anderem von V. S. Ramachandran, Simon Baron-Cohen und Forschern in Oxford. Baron-Cohen diagnostizierte bei ihm das Asperger-Syndrom. 2005 machte ihn die Dokumentation Brainman international bekannt; sie wurde in mehr als 40 Ländern ausgestrahlt. Tammet wurde außerdem in Sendungen wie 60 Minutes, Good Morning America und der Late Show with David Letterman vorgestellt.
2006 erschien seine Autobiografie Born on a Blue Day. A Memoir of Asperger’s and an Extraordinary Mind. Sie wurde ein Bestseller und in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Weitere Bücher waren Embracing the Wide Sky (2009) über Savant-Syndrom, Gedächtnis, Denken, Intelligenz und Autismus sowie Thinking in Numbers (2012) über Mathematik und Zahlen. Später veröffentlichte er auch den französischsprachigen Roman Mishenka (2016), einen zweisprachigen Gedichtband und Nine Minds (2024), ein Buch über neun Autisten mit herausragenden Fähigkeiten. 2016 schloss er ein Fernstudium an der Open University als Bachelor of Arts in Humanities mit Bestnote ab; 2023 erhielt er dort die Ehrendoktorwürde. Tammet lebt mit seinem Ehepartner Jérôme Tabet in Paris.
Besondere Fähigkeiten
Tammets Gedächtnisleistungen zeigten sich bei den Gedächtnisweltmeisterschaften 1999 und 2000 sowie beim Pi-Rekord 2004. Er sagte, das Auswendiglernen von 22.514 Nachkommastellen von Pi sei für ihn kein Problem gewesen; er habe nur einige Wochen gebraucht und kenne die Stellen vorwärts und rückwärts.
Als Rechenkünstler kann er schwierige Aufgaben im Kopf lösen. In der Dokumentation berechnete er zum Beispiel die vierte Potenz von 37: 37 × 37 × 37 × 37 = 1.874.161. Dafür brauchte er etwa 27 Sekunden. Auch die Division 13 durch 97 gab er auf 32 Nachkommastellen korrekt an. Weitere Aufgaben waren die siebte Potenz von 27 (= 10.460.353.203) und die sechste Potenz von 31 (= 887.503.681).
Tammet berichtet, Zahlen seien für ihn lange eine Art Hauptsprache gewesen, in der er dachte und fühlte. Später distanzierte er sich von diesem Bild, weil er nicht nur als Rechenkünstler oder „Superhirn“ wahrgenommen werden wollte, sondern als Autor. Im Bereich Sprachen gab er 2006 an, elf Sprachen zu sprechen: Englisch, Französisch, Finnisch, Estnisch, Spanisch, Deutsch, Litauisch, Esperanto, Rumänisch, Walisisch und Isländisch. In der TV-Dokumentation lernte er eine Woche lang Isländisch und gab danach ein Live-Interview im isländischen Fernsehen. Außerdem entwickelte er eine Kunstsprache namens Mänti.
Synästhesie, Autismus und Alltag
Synästhesie bedeutet, dass Sinneseindrücke oder geistige Inhalte miteinander verknüpft erlebt werden. Tammet beschreibt Zahlen als Gestalten mit Farben und ästhetischer Qualität. Einige Zahlen empfindet er als schön, zum Beispiel 333, andere als hässlich, zum Beispiel 289. Beim Multiplizieren erscheinen ihm angeblich zwei Zahlen als Gestalten, zwischen denen das Ergebnis als neue Gestalt entsteht. Auch Wörter nimmt er farbig wahr: Wörter mit G seien für ihn grün, das Wort Apfel wirke auf ihn rot.
Bei Tammet wurde das Asperger-Syndrom diagnostiziert. Das Asperger-Syndrom ist eine Form des Autismus, bei der Sprache und Intelligenz oft gut entwickelt sind, soziale Kommunikation aber schwierig sein kann. Als Kind hatte Tammet deutliche Schwierigkeiten mit Kommunikation und nonverbalen Signalen. Im Erwachsenenalter konnte er vieles davon weitgehend überwinden. Simon Baron-Cohen sagte laut Joshua Foer später, die Diagnose habe sich eher auf den jüngeren Tammet bezogen; der erwachsene Tammet habe sich sehr gut angepasst. Tammet selbst wollte die Diagnose behalten.
Wie viele Savants hat Tammet auch alltägliche Schwierigkeiten. Er gab 2004 an, links und rechts zu unterscheiden sei für ihn nicht leicht, und Tätigkeiten wie Schwimmen, Radfahren oder Autofahren seien „sehr schwierig“ zu lernen.
Kritik und Einordnung
An Tammets öffentlicher Darstellung gibt es Kritik. Der Wissenschaftsjournalist Joshua Foer bezweifelte in Moonwalking with Einstein, dass Tammets Gedächtnisleistungen so stark auf Synästhesie beruhen, wie Tammet es darstellt. Foer verwies darauf, dass Tammet unter dem Namen Daniel Corney erfolgreich an Gedächtnismeisterschaften teilgenommen hatte und früher selbst angegeben haben soll, mit bewährten Gedächtnistechniken trainiert zu haben. Foer fand außerdem Widersprüche in Tammets Beschreibungen der Zahl 9412 und in Tests zur Gesichtserkennung. Tammet entgegnete, bei ihm sei Synästhesie mit einem Test von David Eagleman festgestellt worden; unterschiedliche Beschreibungen erklärte er unter anderem damit, dass die Zahl mündlich statt visuell präsentiert worden sei.
Auch die Darstellung seiner Sprachleistungen wurde kritisiert. Deutsche Medien behaupteten 2009 sinngemäß, Tammet könne innerhalb einer Woche Deutsch lernen oder habe Deutsch mit wenigen Vorkenntnissen fast perfekt gelernt. Der Artikel weist darauf hin, dass dies irreführend war, weil Tammet jahrelang Deutsch in der Schule gelernt hatte und Deutsch eines seiner Hauptfächer in den letzten Schuljahren gewesen war. Bei späteren Auftritten sprach er Deutsch stockend und mit starkem Akzent, teilweise musste ein Übersetzer helfen. Kritiker sahen darin ein Beispiel dafür, dass Medien und Verlage sein Image als Genie mit aufrechterhielten oder übertrieben darstellten.