Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
DJ Hell
DJ Hell oder auch Hell (bürgerlicher Name Helmut Josef Geier, * 6. September 1962 in Altenmarkt an der Alz) ist ein deutscher Techno-, House- und …
Inhalt6 Abschnitte
Einordnung und Bedeutung
DJ Hell, bürgerlich Helmut Josef Geier (* 6. September 1962 in Altenmarkt an der Alz), ist ein deutscher DJ, Produzent und Verleger elektronischer Musik. Seine Arbeitsfelder umfassen Techno, House und Electroclash. Außerdem gründete und besitzt er das Plattenlabel International Deejay Gigolos. Bekannt ist er sowohl für seine internationale Tätigkeit als DJ und Produzent als auch für seine Rolle als A&R-Manager, Art Director und Entdecker neuer Künstler.
Seine Bedeutung für die elektronische Musik beruht vor allem auf drei miteinander verbundenen Tätigkeiten: dem Auflegen und Kombinieren verschiedener Musikstile, der Produktion eigener Musik und der Veröffentlichung fremder Musik. Er prägte mit International Deejay Gigolos das internationale 1980er-Jahre-Revival der Clubszene und gilt als Miterfinder des Subgenres Electroclash. Das Label veröffentlichte neben Electroclash auch Electro, EBM, elektronischen Avantgarde House, Tech-House und Techno, häufig mit Einflüssen aus Popmusik der 1980er Jahre und Disco.
Musikalische Anfänge
DJ Hell ist seit 1978 als DJ tätig. Ab 1983 hatte er im Club Libella in Kirchweidach nahe seinem Heimatort seine erste Residency, also eine regelmäßige feste DJ-Tätigkeit in einem Club. In seinen zunächst eklektischen Sets verband er New Wave, Ska, Punk, Rockabilly, Hip-Hop und Disco.
Später arbeitete er regelmäßig im Münchner Park Café und im Tanzlokal Größenwahn. Dort gehörte er zu den ersten House-DJs in Deutschland, die regelmäßig House-Partys veranstalteten. 1987 organisierte er im Größenwahn die erste Acid-House-Party und legte dort bei der Aftershow-Party von Run-D.M.C. auf. Gegen Ende der 1980er Jahre entwickelte sich sein Stil in Münchner Clubs und Hallen von New Wave, EBM, Electro und Hip-Hop zunehmend in Richtung House und Techno. Seine musikalische Prägung beschrieb er selbst als Sozialisation durch die deutsche elektronische Musik der 1960er und 1970er Jahre, die er als experimentierfreudig und nicht an kommerziellen Ansprüchen orientiert darstellte.
Durchbruch und International Deejay Gigolos
Anfang der 1990er Jahre war DJ Hell Resident-DJ im Münchner Babalu Club, Deutschlands erstem Afterhour-Club. Ab 1991 war er am Aufbau von Peter Wachas Label Disko B beteiligt und bis 1996 maßgeblich als A&R-Manager tätig. A&R steht für die Auswahl, Betreuung und Entwicklung von Künstlern und Veröffentlichungen. Für Logic Records in Frankfurt am Main arbeitete er ab 1992 ebenfalls als A&R-Manager und stellte im selben Jahr die weltweit erste Trance-Kompilation Logic Trance zusammen.
Seine erste selbstproduzierte Single My Definition of House Music erschien 1992 bei R&S Records. Sie verkaufte sich über 100.000-mal, wurde ein Club-Hit und machte DJ Hell zu einem Vertreter der ersten Techno-DJ-Generation, die auch eigene Platten veröffentlichte. Weitere wichtige Stationen waren seine Residency im Ultraschall in München bis 1997, Auftritte im Berliner E-Werk, WMF und ab 1992 im Tresor. 1993 lebte er ein Jahr in New York und legte dort gemeinsam mit Jeff Mills im Limelight auf. 1994 zog er nach Berlin und arbeitete für den Plattenladen Hard Wax. Im selben Jahr erschien sein Debütalbum Geteert & gefedert bei Disko B. 1995 wurde er als einziger deutscher DJ zu einer John-Peel-Session mit Radio-Interview in London eingeladen; die Session erschien ebenfalls 1995 bei Disko B.
1996 gründete DJ Hell in München International Deejay Gigolos. Von Beginn an war er dort Mastermind, A&R und Art Director. Zusätzlich veranstaltete und kuratierte er mehr als 40 Bavarian Gigolo Nights mit internationalen DJs und Livebands. Zwischen 1996 und 2016 veröffentlichte er als A&R mehr als 300 Singles und Alben. Zu den auf dem Label vertretenen Künstlern gehörten unter anderem Jeff Mills, Miss Kittin & The Hacker, Dave Clarke, Tiga, Fischerspooner, Dopplereffekt, Vitalic und Laurent Garnier. Fischerspooner wurden von DJ Hell entdeckt und veröffentlichten ihr Debüt bei International Deejay Gigolos.
1998 erschien das Album Munich Machine bei Disko B und V2 Records. Der Guardian bezeichnete es als wichtig für die Entwicklung des Electroclash. 1999 verklagte Arnold Schwarzenegger das Label, weil sein Konterfei im Firmenlogo verwendet wurde. DJ Hell musste den Verkauf aller Schallplatten mit diesem Logo stoppen und 150.000 Euro Strafe zahlen.
Internationale Arbeit und Stilentwicklung
Von 2000 bis 2003 betrieb DJ Hell im bayerischen Traunstein die Villa Traunstein, die zugleich Diskothek und Nachtclub war. Er verantwortete dort ein internationales DJ-Booking; unter anderem traten WestBam, Sven Väth und Jeff Mills auf. 2003 lebte er erneut in New York und produzierte dort sein drittes Studioalbum NY Muscle. An den Aufnahmen wirkten unter anderem Alan Vega, Erlend Øye, James Murphy und Billie Ray Martin mit.
Seit 2005 wohnte DJ Hell abwechselnd in München und Berlin und verlegte das Labelbüro nach Berlin. Ab den frühen 2010er Jahren lebte er wieder überwiegend in München und Altenmarkt am Chiemsee. Von 2007 bis 2010 war er musikalischer Koordinator des Berliner Modedesigners Michael Michalsky. Er produzierte Musik für dessen Modenschauen und legte bei den Aftershow-Partys der StyleNite während der Berlin Fashion Week auf. Musik für Modenschauen, unter anderem von Hugo Boss, Raf Simons, Patrick Mohr, Dirk Schönberger und Donatella Versace, hatte er bereits seit Mitte der 1990er Jahre produziert.
DJ Hell arbeitete auch mit Modelabels zusammen und war an Designs für Wendy & Jim, Agent Provocateur, Magma und Freudenhaus beteiligt. Karl Lagerfeld fotografierte ihn 2004 für das V Magazine. Seine weltweiten Tourneen führten ihn unter anderem zur Loveparade und Mayday in Berlin, zum Fuji Rock Festival und Wire in Tokio, zum Montreux Jazz Festival und zum Time Warp Festival in Mannheim. 1997 legte er als erster Techno-DJ an der Universität von Havanna auf. Der Auftritt wurde gefilmt und 2000 im Kino gezeigt. 2002 drehte Romuald Karmakar ein Kapitel seines Films 196 BPM über einen Auftritt von DJ Hell im Berliner WMF.
2003 wurde DJ Hell vom GQ Magazine zum „Man of the Year“ in der Kategorie Musik gewählt. 2009 erschien das Doppelalbum Teufelswerk, an dem unter anderem Bryan Ferry, Peter Kruder, P. Diddy, Roberto Di Gioia, Mijk van Dijk, Christian Prommer und Billie Ray Martin beteiligt waren. Das Album ist in eine „Day“- und eine „Night“-Hälfte geteilt und erreichte Platz 59 der deutschen Media-Control-Charts, wo es sich zwei Wochen hielt. Inhaltlich orientierte sich DJ Hell dabei wieder stärker an der deutschen elektronischen Avantgarde und an psychedelischer beziehungsweise „Kosmischer“ Musik der 1970er Jahre. Seit 2009 unterstützt er mit DJ- und TV-Auftritten die feministische ukrainische Aktionsgruppe Femen.
Spätere Projekte und Veröffentlichungen
2013 stand DJ Hells Remix von Tim Deluxes Transformation neun Wochen auf Platz 1 der Beatport-Techno-Charts. Im selben Jahr spielte er eine einstündige Live-Session für Boiler Room TV; die Aufnahme wurde bis Juli 2024 auf YouTube fast 970.000-mal abgespielt. 2014 veröffentlichte er eine neu bearbeitete Version einer von Klaus Nomi 1982 interpretierten Komposition Henry Purcells als Single bei International Deejay Gigolos.
2015 hielt DJ Hell mit Sascha Arnold einen Vortrag über Clubarchitektur und Clubkultur in München während der 1970er und 1980er Jahre. Außerdem entstand eine Slices-Dokumentation über ihn. Für das Münchner Designhotel Flushing Meadows gestaltete er ein vollständig schwarzes Zimmer mit einer lebensgroßen Band aus Metallskeletten. 2017 erschien sein fünftes Album Zukunftsmusik, erneut mit Peter Kruder als Co-Produzent. Die erste Single I Want U wurde an Heiligabend 2016 veröffentlicht. Das von DJ Hell produzierte Video verwendet animierte Original-Gay-Comic-Artworks des 1991 verstorbenen finnischen Künstlers Tom of Finland. Bei den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen erhielt das vierminütige Video 2017 den zweiten Platz des MuVi-Preises. 2017 und 2018 produzierte DJ Hell außerdem DJ-Mixe für 3D-Art-Videos von Balenciaga und spielte auf deren Aftershowpartys. 2018 veröffentlichte er unter seinem Namen das Parfum DJ Hell „Techno“.
2019 komponierte DJ Hell den Soundtrack zum Film Yung von Henning Gronkowski. Der Film hatte bei den Münchner Filmtagen 2019 Weltpremiere; der Soundtrack erschien auf The DJ Hell Experience. 2020 gründete DJ Hell dieses neue Label, dessen Vertrieb der Hamburger Distributor wordandsound übernahm. Das erste Album House Music Box erhielt ein Coverbild von Jonathan Meese und wurde vom FAZEMAG zum „Album des Jahres 2020“ gewählt. Das Album Meese X Hell – Hab keine Angst, hab keine Angst, ich bin deine Angst erschien im März 2021 beim Hamburger Independent-Label Buback. DJ Hell schrieb außerdem ein persönliches Vorwort für das 2021 erschienene Buch Mensch – Maschinen – Musik. Das Gesamtkunstwerk Kraftwerk. 2021 erschien der Soft Cell – Tainted Love Remix 2021. Für die Ausstellung „Nachts. Clubkultur in München“ stellte er seine Plattensammlung in Aussicht. DJ Hell gehört zu den DFB-Botschaftern für die Fußball-Europameisterschaft 2024 und ist designierter Kurator des entstehenden Museum of Modern Electronic Music in Frankfurt am Main.
Diskografie, Filme und Auszeichnungen
Zu den zentralen Alben und Veröffentlichungen gehören Geteert & gefedert (1994), Munich Machine (1998), NY Muscle (2003), Teufelswerk (2009), Zukunftsmusik (2017) und House Music Box (2020). In den deutschen Charts erreichte Teufelswerk Platz 59 am 15. Mai 2009 und Hab keine Angst, hab keine Angst, ich bin deine Angst von Meese X Hell und Jonathan Meese Platz 12 am 26. März 2021. Die Single Copa erreichte 1999 Platz 82 der britischen Charts. Seine Diskografie umfasst außerdem zahlreiche Eigenproduktionen, Kompilationen und Remixe, unter anderem für Jeff Mills, Dave Clarke, Sven Väth, Laurent Garnier, P. Diddy, Pet Shop Boys, Grace Jones, Tocotronic, Peaches und Deichkind.
Als Kompilator veröffentlichte DJ Hell unter anderem Logic Trance Vol. 1 (1992), X-Mix 5 – Wildstyle (1995), mehrere Ausgaben der International-Deejay-Gigolos-Reihe, The Japanese Gigolo Inferno (2003), Electronic Body House Music (2002), Body Language Vol. 9 (2010) und Coming Home mixed by DJ Hell (2011).
Filme und Dokumentationen mit Bezug zu DJ Hell sind Musik ist Trumpf – Über die Gewalt des Zusammenhangs (1996), 196 bpm – Die Nacht der Raver (2002), Durch die Nacht mit… mit Bai Ling und DJ Hell (2005), Freak Show (2005) und Fürst Nachtleben – DJ Hell (2006). 2017 spielte er in Pottoriginale einen Auftragskiller; in der Fortsetzung Pottoriginale: Glanz, Gesocks & Gloria (2022) verkörperte er den Schlagersänger Helmut.
Zu seinen Auszeichnungen und Nominierungen zählen Most successful national A&R beim Dance Music Award 2001, Man of the Year des GQ Magazine 2003 und Best DJ beim Music and Machine Award 2004. Für die DJ Awards wurde er 2007 und 2008 als Best Techno DJ nominiert; 2009 folgten Echo-Nominierungen als Best German Act und für Best German Album. In den Groove-Magazine-Leserumfragen belegte er zwischen 1995 und 2004 regelmäßig vordere Plätze als nationaler DJ und mit seinem Label. Bei den Spex-Umfragen erreichte er mehrfach den zweiten Platz als bester DJ; Munich Machine, NY Muscle, Teufelswerk, Keep on Waiting und Electronic Germany wurden ebenfalls in den jeweiligen Jahresumfragen aufgeführt.