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Club- und Diskothekensterben
Eine 2021 veröffentlichten Studie der Initiative Musik mit 1880 deutschen Musikspielstätten-Betreibern ergab, dass die Umsatzrentabilität von Musikbetrieben …
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Kernbegriff und Bedeutung
Mit Schlagwörtern wie „Clubsterben“, „Diskothekensterben“ oder „Discosterben“ wird beschrieben, dass Musikclubs, Diskotheken und andere Orte der Nachtkultur innerhalb kurzer Zeit vermehrt schließen. Gemeint sind also nicht einzelne normale Schließungen, sondern eine Entwicklung, die als Verlust von Kulturorten, Treffpunkten und Ausgehangeboten wahrgenommen wird.
Das Thema ist wichtig, weil Clubs nicht nur Orte für Tanz und Unterhaltung sind, sondern auch Teil städtischer Kultur, Musikszene und sozialer Begegnung. In Großstädten betrifft das besonders innerstädtische Viertel, in kleineren Städten und auf dem Land kann die Schließung von Clubs oder Diskotheken das lokale Kulturangebot deutlich verkleinern. Auf dem Land wird außerdem auch das „Kneipensterben“ als Problem genannt, weil Kneipen in kleinen Dörfern und Gemeinden oft zentrale Orte der Gemeinschaft sind.
Entwicklung in Deutschland
In Deutschland wird das Verschwinden von Clubs seit den 1990er Jahren unter dem Begriff „Clubsterben“ problematisiert. 1998 nannte Jens Michow, Verbandspräsident des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft, die angehobene Künstlersteuer als Ursache für ein beginnendes Clubsterben. 2001 verwendete Der Spiegel den Begriff im Zusammenhang mit der drohenden Verdrängung alternativer Clubs durch den Immobilienmarkt in Berlin.
2012 warnten Clubbetreiber, stark erhöhte Musiknutzungsgebühren könnten ein Clubsterben auslösen. Hintergrund war eine geplante Tarifreform der Verwertungsgesellschaft GEMA, die 2013 die Gebühren für Musikclubs drastisch erhöht hätte. 2015 wurde diskutiert, ob Ausgehkultur grundsätzlich wirtschaftlich schwierig sei und den sogenannten Easyjet-Tourismus begünstige.
2019 stellte das Goethe-Institut fest, dass in ganz Deutschland Clubs schließen mussten. Als Ursachen wurden unter anderem steigende Mieten, Verdrängungsprozesse und Anwohnerbeschwerden wegen fehlenden Lärmschutzes genannt. Im selben Jahr kam das Thema stärker in der Politik an: Im Bundestag wurde der Antrag „Clubsterben stoppen“ eingebracht, außerdem entstand ein parteiübergreifendes Parlamentarisches Forum Clubkultur. Eine Erhebung des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands ergab, dass die Anzahl der Clubs in Deutschland von 2010 bis 2017 um 22 Prozent gesunken sei.
Die frühen 2020er-Jahre waren besonders stark von Clubschließungen geprägt. Während der COVID-19-Pandemie führten Lockdowns 2020/21 zu Einnahmeverlusten, viele Betreiber mussten aufgeben. Auch nach Wiedereröffnungen blieben Publikum und Umsätze zunächst aus. Für die europäische Kulturwirtschaft wurde für Musikbetriebe ein Einnahmen-Rückgang von 71 % geschätzt. Als weiterer Faktor wird genannt, dass die Generation Z international angibt, weniger Alkohol zu konsumieren, was Medien als Grund für sinkendes Interesse am Clubbing sehen.
Mitte der 2020er Jahre blieb Clubsterben in deutschen Großstädten wie Berlin, Hamburg, München, Frankfurt am Main, Leipzig und Nürnberg ein wiederkehrendes Pressethema. 2025 brachte ein unbekanntes Kollektiv an mehreren Standorten ehemaliger Clubs Grabsteine an. Auch kleinere Städte und ländliche Regionen waren betroffen; besonders viele Großraumdiskotheken galten als bedroht. Kleine Diskotheken auf dem Land litten zusätzlich unter sinkenden Gästezahlen, weil frühere Ausgehkultur teilweise durch Kommunikation über soziale Medien ersetzt wurde.
Berlin als Beispiel
Berlin gilt im Artikel als exemplarischer Fall für Clubschließungen durch Verdrängung. Ein wichtiger Grund sind steigende Mieten. Das Watergate musste Ende 2024 schließen, weil der Mietvertrag nicht verlängert wurde. Die Wilde Renate hätte aus demselben Grund Ende 2025 schließen müssen, nachdem sich die Miete in zehn Jahren um 150 Prozent erhöht hatte; Anfang 2026 wurde der Mietvertrag aber doch verlängert, sodass Renate weiterhin offen ist.
Ein wiederkehrendes Muster ist, dass in traditionellen Ausgehvierteln neue Wohnungen entstehen. Danach klagen neue Anwohner gegen bestehende Clubs wegen Lärmbelästigung. Dies wird als Verstoß gegen das international diskutierte „Agent-of-Change“-Prinzip beschrieben. Dieses Prinzip bedeutet: Wer neu an einen bestehenden Kultur- oder Veranstaltungsort heranbaut, soll für nötigen Lärmschutz verantwortlich sein und die Belastung nicht nachträglich den Clubs aufbürden.
Betroffen sind auch bekannte Clubs. Der KitKatClub steht durch Neubebauung in der Nachbarschaft unter Druck. Der Knaack-Klub musste 2018 nach jahrzehntelangem Betrieb wegen Anwohnerbeschwerden und steigender Mieten schließen. Die Clubcommission Berlin dokumentierte 2024 in ihrem Club-Monitoring, dass die Zahl der Berliner Clubs kontinuierlich abnimmt und die durchschnittlichen Betriebskosten durch Miet-, Energie- und Personalkosten stark gestiegen sind.
Internationale Entwicklung
Club- und Diskothekensterben wird nicht nur in Deutschland diskutiert. In Österreich berichtete Die Presse bereits 1980, dass „nach dem Discofieber das Discosterben“ einsetze. Diskotheken mit Laserstrahlen und Seifenblasen hätten den Geschmack der Wiener verfehlt. Während der Corona-Krise wirkten sich in Österreich ähnliche Faktoren wie in Deutschland aus: Es kam zu einem massiven Diskothekensterben während der Pandemie, und verändertes Verhalten junger Menschen belastete die Branche auch danach.
In Italien ergab eine Studie der Zeitung La Repubblica, dass seit 1990 mit 2.100 Clubs die Hälfte aller italienischen Clubs schließen musste. Als einer der Hauptgründe wird das Schrumpfen der jungen Bevölkerung genannt. Auch in Südtirol wurde in den 1990er Jahren ein regionales Diskothekensterben in den Medien thematisiert.
In Helsinki, der Hauptstadt Finnlands, kämpfen Clubs mit Gentrifizierung, hohen Mieten und strengeren Auflagen. Die Ursachen ähneln den deutschen Erfahrungen: pandemiebedingter Besucherrückgang und kommerzielle Umnutzung innerstädtischer Flächen gehören dazu.
Im Vereinigten Königreich haben seit den 2000er-Jahren viele Clubs geschlossen. In London ging dadurch die Zahl der Live-Musikstandorte besonders in innenstädtischen Vierteln stark zurück. 2018 verankerte Großbritannien das „Agent-of-Change“-Prinzip gesetzlich: Immobilienentwickler müssen bei neuen Wohnungen neben bestehenden Clubs für Lärmschutz sorgen. Dieses Vorgehen gilt international als Modell. Die BBC berichtete im März 2025 über eine Studie der NTIA (Night Time Industry Association), nach der zwischen 2021 und 2025 rund 400 Clubs schließen mussten, also ein Drittel der gesamten Clublandschaft. Auch in den USA und Australien wird Clubsterben im Zusammenhang mit veränderten Konsuminteressen junger Menschen diskutiert.
Ursachen
Eine wichtige Ursache ist die geringe Wirtschaftlichkeit vieler Musikspielstätten. Eine 2021 veröffentlichte Studie der Initiative Musik mit 1880 deutschen Musikspielstätten-Betreibern ergab, dass die Umsatzrentabilität von Musikbetrieben bei 4,2 Prozent lag, während der bundesweite Durchschnitt 7,5 Prozent betrug. Umsatzrentabilität bedeutet hier: Wie viel Gewinn von jedem eingenommenen Euro übrig bleibt. Bei 4,2 Prozent sind das im Median 4,2 Cent Gewinn pro Euro. Im Vergleich mit Kleinstunternehmen anderer Branchen war der Unterschied noch größer, dort wurden 14 Prozent genannt.
Die Studie betonte außerdem, dass Umsätze „zu einem nicht zu vernachlässigenden Teil“ aus Fördermitteln, Sponsorings oder öffentlichen Mitteln bestehen. Ohne diese Mittel sinkt die Umsatzrentabilität auf 1,2 Prozent. Der Median-Gewinn von Musikspielstätten lag 2021 bei 8.000 Euro, was selten Rücklagen ermöglicht. Dadurch sind Clubs besonders anfällig für Krisen und Kostensteigerungen.
Weitere Ursachen sind Gentrifizierung, steigende Immobilienpreise, Investorenprojekte und neue Regelungen im Schallschutz. Gentrifizierung bezeichnet die Aufwertung eines Stadtteils, durch die Mieten steigen und frühere Nutzungen verdrängt werden können. Wenn neue Anwohner in ehemalige Industrie- oder Szeneviertel ziehen und wegen Lärm klagen, können Auflagen oder Schließungen folgen. Hinzu kommen höhere Mieten, Personal- und Energiekosten sowie Abgaben.
In den 2020er Jahren wird auch ein Wandel der Konsuminteressen der Generation Z genannt. Nach der Pandemie streben manche junge Menschen einen gesünderen Lebensstil mit weniger Alkohol an. Außerdem finden sie durch Internet-Angebote Unterhaltung und Gemeinschaft auch zu Hause. Musik-Festivals konkurrieren ebenfalls mit Clubs, weil sie musikalische Erfahrungen tagsüber anbieten, während Clubs oft vor allem nachts geöffnet sind. Eine 2024 durchgeführte Analyse der Financial Times mit Resident-Advisor-Daten ergab, dass in 13 von 15 Städten weltweit der Anteil der Clubs gesunken ist, die nach 3 Uhr noch geöffnete Tanzflächen haben.
Schutzmaßnahmen und Begriffskritik
Politik und Zivilgesellschaft haben verschiedene Gegenmaßnahmen entwickelt. Im Mai 2021 beschloss der Deutsche Bundestag, Musikclubs im Baurecht nicht mehr nur als Vergnügungsstätten, sondern als Anlagen kultureller Zwecke einzustufen. Dadurch stehen Clubs rechtlich näher bei Theatern oder Konzerthäusern und sollen besseren Bestands- und Planungsschutz erhalten. 2024 wurde die Berliner Technokultur in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der Deutschen UNESCO-Kommission aufgenommen.
Berlin richtete 2018 einen Lärmschutzfonds ein, der Clubs finanziell bei Schalldämmung unterstützt, zum Beispiel bei Schallschutzwänden und Schallschutztüren. Während der Corona-Krise halfen bundesweite Programme wie Neustart Kultur mit Nothilfen und Investitionszuschüssen. Verbände und Initiativen wie die Clubcommission Berlin oder die LiveMusikKommission (LiveKomm) setzen sich mit Demonstrationen, Petitionen und politischer Beratung für Lösungen ein, etwa Experimentierklauseln im Lärmschutzrecht oder Kulturschutz-Gebiete in Städten.
Der Begriff „Clubsterben“ ist jedoch nicht unumstritten. Einerseits zeigen Studien reale Risiken für Clubs. Andererseits gehört eine gewisse Fluktuation zur Clublandschaft, weil Clubs auch temporär entstehen können, etwa in Zwischennutzungen. Tobias Rapp schrieb 1998, es sei normal, „daß Clubs auf- und zumachen“, und kritisierte, das „vielbeschworene Clubsterben“ sei Teil einer Erzählung, in der alles immer schlimmer werde. Einige Stimmen betonen deshalb, dass längerfristige und systematische Untersuchungen nötig sind, um echte strukturelle Entwicklungen von vorübergehenden Häufungen von Schließungen zu unterscheiden. Zugleich wird der Begriff genutzt, um auf die fragile Lage von Club-Betrieben aufmerksam zu machen und Fördermittel oder Änderungen in Bereichen wie der Steuerpolitik zu fordern.