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Chormusik
Chormusik ist Vokalmusik, die als Chorlied von einem Chor gesungen wird. Chormusik kann einstimmig oder mehrstimmig sein, entweder mit instrumentaler …
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Begriff und Grundformen
Chormusik ist Vokalmusik, die als Chorlied von einem Chor gesungen wird. Sie kann einstimmig oder mehrstimmig sein, instrumental begleitet werden oder a cappella erklingen, also ohne eigenständige Instrumentalbegleitung. Große, häufig aus Laien bestehende Chöre im heutigen Sinn gibt es erst seit dem 19. Jahrhundert. Ältere Vokalmusik wurde nach heutigen Erkenntnissen meist solistisch aufgeführt, wird wegen ihrer späteren Aufführungstradition aber ebenfalls zur Chormusik gerechnet.
2014 nahm die Deutsche UNESCO-Kommission die Chormusik in Amateurchören in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes auf.
Vom Mittelalter zur Renaissance
In der Spätantike wurden bestimmte Texte der lateinischen Messe mit festen einstimmigen Melodien verbunden. Unter Papst Gregor I. wurden diese Gesänge gesammelt und als gregorianischer Choral kanonisiert. Im frühen Mittelalter entwickelte sich daraus die Mehrstimmigkeit: Zunächst wurde die Hauptmelodie in Oktaven, später auch in parallelen Quinten und Quarten begleitet. Diese Satzweise heißt Organum.
Mit der zunehmenden rhythmischen Selbstständigkeit der Stimmen entstanden genauere Notationssysteme. Auf ein an antiken Versmaßen orientiertes Modalsystem folgte gegen 1280 in der Ars antiqua ein Mensuralsystem, das die Verhältnisse der Notenwerte durch Zahlen ausdrückte. Im 14. Jahrhundert verfeinerte die Ars nova das metrische System und brachte neue Formen hervor. Die Ars subtilior steigerte diese Komplexität weiter, bis sich zu Beginn des 15. Jahrhunderts ein neuer Stil durchsetzte.
Die mittelalterliche Stimmordnung unterschied sich von der heutigen: Der Tenor war die Hauptstimme, ihm stand der Contratenor gegenüber; meist kam eine tiefere Bassstimme hinzu. Hohe Stimmen hießen Cantus oder Diskant(us). Alt(us) bezeichnete ursprünglich eine hohe Männerstimme.
In der Renaissance entstanden vollständig textierte mehrstimmige Sätze. Beispiele finden sich in der Sammlung Frische teutsche Liedlein (1539–1556), darunter Heinrich Isaacs Innsbruck, ich muss dich lassen. „A cappella“ bedeutete damals nicht zwingend den Ausschluss von Instrumenten, sondern dass alle Stimmen textiert waren und der Satz deshalb ohne Instrumente vollständig ausgeführt werden konnte. Bedeutende Vertreter waren Giovanni Pierluigi da Palestrina (1525–1594) und Orlando di Lasso (1534–1594); die Musik diente besonders der Gestaltung des Textes. Im 16. Jahrhundert eröffnete die Mehrchörigkeit durch räumlich getrennte Chöre neue Klangmöglichkeiten. Gegen Ende des Jahrhunderts erhielt der Chor zunehmend funktionale Aufgaben, besonders in der Oper.
Reformation, Barock und Klassik
In der Reformationszeit wirkte das ältere, instrumental begleitete Tenorlied fort. Es beruhte auf einer textierten Hauptmelodie, dem Cantus firmus, zu der ein tiefer Bass und zwei Oberstimmen als instrumentaler Kontrapunkt traten. Ludwig Senfl (1486–1543/44) war ein Meister dieser Form. Reformatorische Komponisten übernahmen das Prinzip für erbaulich-weltliche Gesänge, textierten nun aber sämtliche Stimmen. Ein Hauptvertreter war Johann Walter (1496–1570).
Der Barock wurde zu einem Höhepunkt der Vokalmusik, insbesondere der evangelischen Kirchenmusik. Im Früh- und Hochbarock standen die Vermittlung religiöser Inhalte und die Verbindung italienischer, französischer und anderer Nationalstile im Mittelpunkt. Zu den wichtigen Komponisten gehörten Heinrich Schütz, Michael Praetorius, Johann Hermann Schein und Claudio Monteverdi. Die Tonsprache veränderte sich grundlegend: Texte wurden nicht mehr nur symbolisch gedeutet; Wort-Ton-Figuren der musikalischen Rhetorik sollten ihren Affektgehalt, also ihre emotionale Aussage, unmittelbar verdeutlichen.
Im Hochbarock trat dem Vokalchor erstmals ein selbstständig handelndes Orchester gegenüber. Es entstanden Kantate und Oratorium, häufig mit umfangreichen solistischen Abschnitten, während die Motette an Bedeutung verlor. Besonders bekannte Vertreter sind Johann Sebastian Bach, Georg Philipp Telemann und Georg Friedrich Händel. Im Spätbarock festigte sich zugleich das moderne Verständnis eines festen Chorensembles. Diese Chöre waren noch klein; bei Bach sind etwa 12 Sänger überliefert.
In der Wiener Klassik trat weltliche Chormusik gegenüber der Instrumentalmusik des 18. Jahrhunderts zurück, auch wenn Chöre weiterhin in Opern eingesetzt wurden. Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart, Franz Schubert und Ludwig van Beethoven schufen anspruchsvolle, umfangreiche Messen und Oratorien für Chor und Orchester.
Romantik und Moderne
Die Romantik war vor allem durch Chorlied und Oratorium geprägt. Während Kirchenmusik an Bedeutung verlor, entstanden zahlreiche weltliche Chorlieder, die sich teilweise an der als natürlich und rein verstandenen Volksliedmelodik orientierten. Am Ende des 19. Jahrhunderts wurden massenhaft Gesangvereine gegründet. Bürgerliche gemischte Chorvereinigungen, beginnend mit der 1791 gegründeten Sing-Akademie zu Berlin, wurden zu Vorläufern der Philharmonischen Chöre und konnten gemeinsam mit den vergrößerten Sinfonieorchestern auftreten.
Die übliche Chorgröße stieg auf etwa 70 bis 120 Sänger. Besetzungen mit 300 bis 500 Sängern, etwa bei Gustav Mahler, Hector Berlioz, Felix Mendelssohn Bartholdy oder Arnold Schönberg, waren prominente, aber durchaus realistische Ausnahmen. Mit der Vergrößerung veränderte sich der Satz: Polyphonie, also die selbstständige Führung mehrerer Stimmen, trat zurück; ausgreifende Harmonik und extreme Dynamik gewannen an Gewicht. Stimmlagen wurden teilweise mehrfach besetzt, außerdem bildeten sich eigenständige Frauen- und Männerchöre heraus.
In der geistlichen Musik bestanden Werke für Chor und Orchester neben einer erneuerten A-cappella-Tradition, die häufig auf barocke Formen zurückgriff. Messkompositionen gingen insgesamt zurück, weil steigender technischer Aufwand und große Besetzungen ihre liturgische Verwendung erschwerten. Oratorien passten dagegen zum bürgerlichen Konzertbetrieb, da sie nicht konfessionell gebunden sein mussten. Typische Beispiele sind Mendelssohns Paulus und Elias sowie Brahms’ Deutsches Requiem. Chöre in Sinfonien blieben trotz Beethovens 9. Sinfonie op. 125 vergleichsweise selten. Der katholische Cäcilianismus suchte klarere, für die Liturgie geeignete Formen und orientierte sich an einem allerdings häufig falsch verstandenen „Palestrinastil“.
Nach dem Ersten Weltkrieg grenzten sich Komponisten auf zwei Wegen von der Romantik ab. Die Avantgarde arbeitete mit atonalen und zwölftonalen Verfahren, konnte sich im Chorbereich jedoch nicht allgemein durchsetzen. Daneben entstand der Neoklassizismus, der sich an Prinzipien früherer Jahrhunderte, unter anderem der Renaissance, orientierte. Die Rückkehr zu alten Satztechniken bestimmte diese Musik nicht allein; viele Werke gehören zu einer gemäßigten Moderne. Komponisten wie Igor Strawinski, Sergei Rachmaninow, Carl Orff, Leoš Janáček, Francis Poulenc und Maurice Duruflé verbanden jeweils ältere oder nationale Traditionen mit modernen musikalischen Mitteln.
Neuere Stilrichtungen und internationale Entwicklung
Seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert nähert sich Chormusik deutlich der populären Musik an. Neue Gattungen sind Gospel-, Pop- und Jazzchor. Wie Laienchöre diese Stilrichtungen authentisch darstellen können, ist nicht abschließend geklärt. Ein Ansatz verwendet technisch anspruchsvolle Arrangements; ein anderer beschränkt den Chor auf Backgroundgesang und ergänzt Solisten und Band, etwa im Contemporary Black Gospel. Chorische Vokalimprovisation wie Scat ist in Deutschland selten. In der Kirchenmusik werden besonders Swing und Jazz mit klassischen Elementen verbunden. Zugleich sind Chöre schwer von solistisch besetzten Vokalensembles in Barbershop, Comedy, Folklore, Musiktheater und Varieté abzugrenzen. Beide Bereiche zeigen zunehmende Spezialisierung und Kommerzialisierung.
Die Entwicklung im deutschsprachigen Raum prägte seit dem Frühbarock Mitteleuropa und wirkte bis nach Skandinavien und Amerika. Seit dem frühen 20. Jahrhundert verliefen die Entwicklungen stärker auseinander. Länder wie Frankreich, England und die USA entwickelten Nationalstile, die häufig folkloristische und populäre Elemente aufnahmen.
In England entstand ab der Mitte des 18. Jahrhunderts, gestützt auf die kontinuierliche Pflege des liturgischen Chorgesangs, die Gattung für Chor und Orgel. Der Chorpart kann schlicht und geringstimmig oder sinfonisch angelegt sein. Kennzeichnend ist ein umfangreicher, oft orchestral wirkender Orgelpart, der weit über eine Continuobegleitung hinausgeht. Englische Orgeln besitzen daher häufig ein eigenes Begleitmanual namens Choir. Daneben blieb die Tradition der Knaben- und Männerchöre lebendig.
In Frankreich leiteten Maurice Ravel, Gabriel Fauré und Claude Debussy ab der Mitte des 19. Jahrhunderts einen Wandel ein. Der Impressionismus prägte den Stil; die Weltausstellung Paris 1855 verstärkte Einflüsse russischer, arabischer und asiatischer Musik. In der Chormusik zeigten sich diese in neuen harmonischen Skalen sowie ungewöhnlicher Stimmbehandlung, etwa Vokalisen und perkussiven Elementen. Die Kirchenmusik des frühen und mittleren 20. Jahrhunderts verband eine Rückbesinnung auf die Gregorianik mit weiterentwickelter Harmonik.
Die Chormusik der USA blieb zunächst stark von europäischer Kunstmusik und besonders der Romantik geprägt. Versuche, eine eigenständige Musikkultur zu schaffen, führten mit George Gershwin, Leonard Bernstein und Duke Ellington etwa in den 1930er Jahren zum internationalen Durchbruch der amerikanischen Kunstmusik, beeinflussten die Chormusik zunächst aber nur indirekt. In den 1940er und 1950er Jahren entstand allmählich der Jazzchor, indem Kompositionstechniken der Bigband auf Stimmen übertragen wurden. Bei Arrangements für Jazz- und Popchöre gelten die USA weiterhin als führend.