Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Carl Joseph Gauß
Carl Joseph Gauß (* 29. Oktober 1875 auf Rittergut Lohne bei Isernhagen, Hannover (Land und Provinz); † 11. Februar 1957 in Bad Kissingen, Unterfranken) war …
Inhalt5 Abschnitte
Überblick und Ausbildung
Carl Joseph Gauß (* 29. Oktober 1875 auf Rittergut Lohne bei Isernhagen; † 11. Februar 1957 in Bad Kissingen) war ein deutscher Gynäkologe, Geburtshelfer und Hochschullehrer. Er war ein Urenkel des Mathematikers Carl Friedrich Gauß.
Er studierte Medizin in Tübingen, Erlangen, Kiel, Würzburg und München. In München promovierte er 1898 und legte 1899 das Staatsexamen ab. Nach dem Militärdienst arbeitete er zunächst als Schiffsarzt. Seine fachliche Qualifikation in Gynäkologie und Geburtshilfe erwarb er in Freiburg, Göttingen und Berlin. 1909 habilitierte er sich in Freiburg; 1912 wurde er dort außerordentlicher Professor. Bereits in dieser Zeit baute er die Bestrahlung der Eierstöcke mit Röntgenstrahlen aus und beschrieb 1909 den „Röntgenkater“ beziehungsweise Strahlenkater.
Im Ersten Weltkrieg war Gauß an der Westfront eingesetzt und erhielt das Eiserne Kreuz II. Klasse sowie den „Orden vom Zähringer Löwen“.
Medizinische Arbeit und Hochschullehre
1921 übernahm Gauß die Leitung der Gynäkologischen Abteilung des Diakonissenkrankenhauses in Freiburg. 1923 wurde er ordentlicher Professor für Gynäkologie und Geburtshilfe an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg sowie Direktor der Frauenklinik und Hebammenschule.
Zu seinen medizinischen Arbeitsgebieten gehörten Geburtshilfe, Strahlenheilkunde und Narkoseverfahren. Er führte den Dämmerschlaf in der Geburtshilfe ein, insbesondere den Scopolamindämmerschlaf. Gemeinsam mit dem Pharmakologen Hermann Wieland wirkte er 1925 an der Entwicklung des mit Acetylen beziehungsweise Ethin (Narcylen) betriebenen Dräger-Narcylen-Narkoseapparates mit. Die ungewöhnlich starke Beweglichkeit der Gebärmutter im Isthmus, dem inneren Muttermund, wurde als Schwangerschaftszeichen nach ihm benannt.
Gauß setzte Strahlentherapie bei bösartigen und gutartigen Tumoren ein. Ab 1928 gab er mit Hermann Wieland, Ernst von der Porten und Behrend Behrens die Fachzeitschrift Der Schmerz heraus. Sie erschien bis 1942 und war die erste deutschsprachige anästhesiologische Fachzeitschrift. Die Deutsche Gesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie ernannte ihn zum Ehrenmitglied, die Paracelsusgesellschaft zum Ehrenpräsidenten.
Klinikneubau und Nähe zum NS-Regime
In Gauß’ Zeit als Würzburger Klinikdirektor entstand von 1932 bis 1934 die neue Universitäts-Frauenklinik in Grombühl, ausgelegt für 280 Patientinnen. Er trieb den Neubau nachdrücklich voran und beschäftigte sich sowohl mit der medizinisch-technischen als auch mit der künstlerischen Ausstattung. Die Presse bezeichnete die Klinik als „modernste Frauenklinik Deutschlands“.
Die Gestaltung entsprach laut Artikel erkennbar dem Zeitgeist des neuen Regimes. Auf Gauß’ Veranlassung stand im Eingangsbereich eine Hitler-Büste; in den ersten drei Tagen nach der Einweihung erhielt jedes dort geborene Kind eine Hitler-Bronzebüste. Auch die Benennung von Krankenzimmern nach deutschen Städten, die nach dem Ersten Weltkrieg dem Reich genommen worden waren, hatte politische Bedeutung.
Gauß vertrat eine patriotische und nationalkonservative Gesinnung, wählte 1932 die DNVP, ohne ihr anzugehören, und war Mitglied mehrerer deutschnationaler Organisationen. Zum 1. Mai 1933 trat er der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 3.135.230) und später weiteren Parteiorganisationen bei, darunter NSKK, NSFK, NSV, NS-Ärztebund und NS-Lehrerbund.
Zwangssterilisationen und Schwangerschaftsabbrüche
Die nationalsozialistische Rassenpolitik wollte eine als „rassisch hochwertig“ bezeichnete Nachkommenschaft fördern und als „minderwertig“ eingestuften Nachwuchs verhindern oder beseitigen. Das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom 14. Juli 1933 ermöglichte Zwangssterilisationen von Menschen mit bestimmten Erbkrankheiten. Bei betroffenen Frauen war ein Jahr später außerdem ein Schwangerschaftsabbruch bis zum 6. Monat zulässig.
Im Einzugsbereich Würzburgs wurden die angeordneten Zwangssterilisationen an der von Gauß geleiteten Universitäts-Frauenklinik durchgeführt. Am 14. Juli 1934 wurde dort erstmals eine junge Frau mit der Diagnose Schizophrenie zwangssterilisiert. Bis 1945 gab es 994 sogenannte „amtliche Sterilisationen“ an Mädchen und Frauen im Alter von 13 bis 47 Jahren; 1935/36 starben dabei vier Frauen.
Gauß hatte Hitler bereits am 5. August 1930 Entwürfe zur eugenischen Sterilisation durch Bestrahlung vorgestellt. Seine Abhandlung „Strahlenmenolyse bei der Unfruchtbarmachung der Frau“ von 1935 führte zu einem Disziplinarverfahren. Er verwies darin zu seiner Rechtfertigung auf seinen Einsatz für eugenische Sterilisation seit 1925. Das Verfahren wurde eingestellt, seine vorzeitige Veröffentlichung aber als schädlich für die Akzeptanz der Sterilisationsgesetzgebung kritisiert. Bis 1943 veröffentlichte er 13 Arbeiten zur Sterilisation.
Auf Grundlage einer Anordnung vom 11. März 1943 wurden an der Klinik 1943 bis 1945 148 Schwangerschaftsabbrüche im 3. bis 7. Schwangerschaftsmonat bei Ostarbeiterinnen durchgeführt. Der Artikel betont, dass deren Lage meist keine freiwillige Entscheidung zuließ. Die Eingriffe erfolgten in der Regel als Kaiserschnitte; anschließend wurden die Frauen meist mit einer von Gauß entwickelten Methode sterilisiert.
Krieg, Entnazifizierung und letzte Jahre
Im Zweiten Weltkrieg war Gauß zweimal in der Sanitätsabteilung Würzburg eingesetzt und erhielt das Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse. Beim Bombenangriff auf Würzburg am 16. März 1945 wurden Teile der Frauenklinik und das seit 1934 von ihm bewohnte Direktorenhaus zerstört.
Die amerikanische Militärbehörde setzte ihn am 31. Juli 1945 ab. Im Entnazifizierungsverfahren stufte die Spruchkammer Bad Kissingen ihn am 30. Oktober 1946 als „Mitläufer“ ein und verhängte 2.000 RM Geldbuße sowie 7.500 RM Prozesskosten. Seine Ruhestandsversetzung erfolgte zum 25. Oktober 1947; die ordentliche Emeritierung erst 1950 im Rahmen einer bundeseinheitlichen Amnestieregelung.
Seit dem 1. Februar 1947 arbeitete Gauß in Bad Kissingen wieder als Frauenarzt mit eigener Praxis und leitete später die gynäkologische Abteilung des Elisabethenkrankenhauses bis zu seinem 80. Geburtstag. Er starb im Alter von 82 Jahren. Der Artikel hält sowohl seine Verdienste in Geburtshilfe, Strahlentherapie und Schmerzlinderung als auch seine Beteiligung an den Maßnahmen der nationalsozialistischen Rassenpolitik fest.