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Buddhismus in Kalmückien
Der Buddhismus ist in Kalmückien seit der Migration der heutigen Kalmücken an die untere Wolga im 17. Jahrhundert die prägende Religion der Region,
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Bedeutung und religiische Grundlagen
Der Buddhismus prägt Kalmückien seit der Migration der heutigen Kalmücken, die von westmongolischen Oiraten abstammen, an die untere Wolga im 17. Jahrhundert. Er ist besonders für ethnische Kalmücken wichtig und gilt heute auch für viele Nichtreligiöse als zentraler Identitätsmarker. Die Kalmücken folgen traditionell der Gelug-Schule des tibetischen Buddhismus. Politische Umstände bestimmten jedoch oft, ob Kontakte zu buddhistischen Zentren in Tibet und später in Indien möglich waren.
Zentrale religiöse Orte heißen churul (kalmückisch „Versammlung“; auch xurul oder khurul). Der Begriff bezeichnet heute Tempel, Klöster und buddhistische Zentren, wird aber auch für ältere religiöse Stätten verwendet. Die Oiraten hatten zunächst schamanistische Traditionen. Ab dem 13. Jahrhundert wirkten unter anderem nestorianisches Christentum, Manichäismus und über die Uiguren der Buddhismus auf sie ein. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts kamen sie mit der Kagyü-Schule des tibetischen Buddhismus in Berührung. Wegen der schwierigen Quellenlage ist die weitere Entwicklung bis ins 17. Jahrhundert nur begrenzt rekonstruierbar. Allgemein wird angenommen, dass die oiratische Herrschaftselite etwa im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts die Gelug-Schule annahm.
Zaya Pandita (1599–1662) war für die Verbreitung besonders bedeutsam: Er schuf 1624 die Klarschrift für die oiratische Sprache und übersetzte 183 Werke aus dem Tibetischen ins oiratische Mongolisch. Klöster und Tempel waren lange die einzigen Orte, an denen diese Schrift erlernt werden konnte. Der Buddhismus erreichte zunächst vor allem höhere Gesellschaftsschichten; bis ins frühe 19. Jahrhundert blieben schamanistische Praktiken weit verbreitet. Zugleich übernahm der Buddhismus einzelne ältere Praktiken, etwa die Verehrung heiliger Orte oder schamanistischer Gottheiten.
Die Verbindung zu Tibet war religiös und politisch. Gushri Khan (1582–1655) unterstützte den 5. Dalai Lama Ngawang Lobsang Gyatsho bei dessen geistlicher und politischer Machterweiterung in Tibet. Die aus Tibet übernommenen Ordensregeln, Vinaya genannt, beeinflussten bis ins 19. Jahrhundert auch weltliche kalmückische Gesetze.
Khanat, russische Kontrolle und Isolation
Ein Teil der Oiraten zog zu Beginn des 17. Jahrhunderts aus der Dsungarei westwärts und blieb ab Ende der 1630er beziehungsweise Anfang der 1640er Jahre dauerhaft im Gebiet an Wolga und Kaspischem Meer. Die Kalmücken bewahrten eine nomadische oder halbnomadische Lebensweise. Dazu gehörten mobile churul in Jurten, die aufgebaut und wieder abgebaut werden konnten. Sie bestanden noch bis ins frühe 20. Jahrhundert, wurden aber im 19. Jahrhundert zunehmend durch feste Tempel ersetzt.
Die Kalmücken blieben überwiegend buddhistisch und standen in engem Austausch mit tibetischen Klöstern. Anfang des 18. Jahrhunderts gab es eigene kalmückische Gemeinschaften in den drei großen Gelug-Klöstern Drepung, Sera und Ganden. Nomadische churul wurden nach Osten, in Richtung Lhasa, ausgerichtet. 1729 brachte eine Delegation unter Leitung eines Mönchs höchsten Ranges die Asche von Ayuki Khan (reg. 1669–1724) nach Lhasa; auf dem Rückweg schlossen sich tibetische Mönche der kalmückischen Geistlichkeit an. Konversionen zur russisch-orthodoxen Kirche sind ab den 1670er Jahren belegt. Konvertierte wurden direkte Untertanen des Zaren und zogen grundsätzlich weg. Auch westliche Missionierungsversuche ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts blieben weitgehend erfolglos.
Russische Landnahme, Versuche zur Sesshaftmachung, die Forderung von 20.000 Reitern für den russisch-osmanischen Krieg (1768–1774) und die Angst vor Zwangskonversionen veranlassten Ubashi Khan (reg. 1761–1771) zur Rückwanderung in die Dsungarei. Im Januar 1771 brachen etwa drei Viertel der Kalmücken, ungefähr 150.000 Menschen, nach Osten auf. Viele starben unterwegs; die Überlebenden kehrten nicht nach Kalmückien zurück. Katharina die Große schaffte daraufhin 1771 das Kalmückische Khanat ab. Die an der Wolga verbliebenen Kalmücken wurden in das Zarenreich eingegliedert und verloren die Möglichkeit, ihre Religion frei zu entwickeln. Der Austausch mit Tibet kam weitgehend zum Erliegen, weil keine Reisepässe mehr ausgegeben wurden.
Einschränkungen und Zerstörung im 19. und 20. Jahrhundert
Im Zarenreich versuchten Regierung und orthodoxe Kirche, den Einfluss Tibets und des Buddhismus zu begrenzen. Erlasse von 1834 sollten die Zahl der Mönche im Gouvernement Astrachan auf 2.650 in 76 Klöstern beschränken. Schon 1836 wurden jedoch 5.270 Mönche in 105 Klöstern gezählt. Als Erklärung nennt der Artikel die Flucht verarmter Menschen aus weltlichen Abhängigkeiten in die vom Kriegsdienst befreiten Klöster. 1847 wurden alle Mönche und Geistlichen einem einzelnen Lama unterstellt, der künftig Wahl und Weihe der Mönche verantwortete. Klöster durften höchstens 100 Mönche haben. Der Begriff churul wurde deshalb auch auf Gebetshäuser ausgeweitet. Anfang des 19. Jahrhunderts wurden etwa 200 churul gezählt; ihre Zahl sank später wegen des Verlusts von Weideland an russische Kolonisten.
Feste Tempel gewannen an Bedeutung. Der zwischen 1814 und 1818 in Rechnoje errichtete Choscheutowskij Churul war erst der vierte nicht-mobile churul Kalmückiens und zeitweise ein Zentrum mit bis zu 670 Mönchen. Für 1872 sind sechs buddhistische Gebäude aus Stein und 151 aus Holz belegt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts finanzierte die russische Regierung einzelne Pilgerreisen kalmückischer Delegationen nach Tibet, um Informationen über Tibet zu gewinnen; freie Reisen blieben jedoch nicht erlaubt.
1917 gab es 92 churuls, darunter 28 größere Klöster, und insgesamt 2.090 Mönche. In den 1920er Jahren waren mehr als 100 churuls registriert, doch bis 1939 wurden alle zerstört, die Religionsausübung wurde verboten. Riten konnten nur heimlich im häuslichen Bereich weitergeführt werden; jüngere Menschen wurden antireligiös erzogen. Während der deutschen Besetzung eines Teils der kalmückischen Gebiete von August 1942 bis Januar 1943 wurde in Elista kurzzeitig ein Tempel eröffnet. Am 27. Dezember 1943 löste die Sowjetunion die Kalmückische ASSR auf und deportierte alle Kalmücken nach Sibirien und Zentralasien. Etwa ein Drittel starb unterwegs oder im Exil.
Religiöse Gegenstände wurden versteckt oder mitgenommen. Mönche wurden teils zur Heirat und damit zum Bruch ihres Zölibats gezwungen. Wissen wurde teilweise mündlich an ältere Frauen weitergegeben. Nach Stalins Tod durften Kalmücken 1956–1957 zurückkehren; am 29. Juli 1958 entstand erneut eine Kalmückische ASSR. Der Buddhismus blieb offiziell verboten, wurde aber heimlich praktiziert. Wohnungen früherer Mönche dienten bis in die 1980er Jahre als religiöse Zentren. Tügmed Gavdj in Zagan Aman hielt bis zu seinem Tod 1980 Feste ab, pflegte eine buddhistische Bibliothek, übersetzte aus dem Tibetischen ins Kalmückische und bot Heilung nach tibetischer Medizin an.
Diaspora und Wiederbelebung seit 1989
Während die Tradition in Kalmückien fast ausgelöscht wurde, blieb sie in der kleinen Diaspora erhalten. Nach dem russischen Bürgerkrieg flohen Kalmücken, die auf Seiten der Weißen Armee gekämpft hatten, in die Tschechoslowakei, nach Frankreich und besonders nach Jugoslawien. Der Tempel in Belgrad bestand von 1929 bis 1944, bot etwa 100 bis 150 Menschen Platz und gilt als einer der ersten buddhistischen Tempel Europas außerhalb Russlands. Eine zweite Gruppe kam 1943 mit dem Rückzug der Wehrmacht nach Westeuropa. In Ludwigsfeld bei München entstand Anfang der 1950er Jahre ein bis heute bestehender Tempel. Von 847 Kalmücken in Deutschland und Österreich übersiedelten 560 zwischen November 1951 und April 1952 in die USA, vor allem nach Philadelphia und Howell, New Jersey. Dort gründeten sie einen beziehungsweise drei Tempel. Die US-Gemeinde gab später wichtige Impulse für Kalmückien.
Mit der Perestroika begann die offizielle Rückkehr des Buddhismus: 1988 wurde die erste Gemeinschaft registriert, 1989 ein Haus in Elista zum ersten churul seit den 1940er Jahren umgebaut. Die Kalmückische Buddhistische Union gründete sich 1991 unabhängig von der zentralen buddhistischen Organisation der UdSSR. Der 14. Dalai Lama Tenzin Gyatso besuchte Kalmückien 1991, 1992 und 2004; seit 2004 lehnte die russische Regierung Visa für ihn ab. Pilgerfahrten führten nach 1989 vor allem nach Dharamsala in Indien, dem Exilort des Dalai Lama. Auch die Schriften von Geshe Wangyal (1901–1983), der später in den USA einen Tempel gründete, beeinflussten die Wiederbelebung nach ihrer Übersetzung ins Russische.
Es fehlte zunächst an ausgebildeten Geistlichen: Am Ende der Sowjetzeit lebten nur drei alte Mönche mit vollständiger Klosterausbildung in Kalmückien. Burjatische und tuwinische Mönche unterstützten den Wiederaufbau; ihr teils verheirateter Status stieß bei älteren Kalmücken auf Kritik. Nach Protesten von 17 Novizen 1992 wurde Telo Tulku Rinpoche, bürgerlich Erdne Ombadykov, Shajin Lama, also Oberhaupt der Kalmückischen Buddhistischen Union. Er heiratete 1995 und widerrief seine Mönchsgelübde, blieb aber im Amt. Nach seiner Kritik am russischen Krieg gegen die Ukraine wurde er im Januar 2023 als „feindlicher Agent“ bezeichnet und trat zurück. Im Februar 2023 wurde Tenzin Choedak, Abt von Saküsn Süm, ernannt.
Der Klosterkomplex Geden Sheddup Choi Korling am Rand von Elista wurde 1996 eröffnet. Seine Mönche folgen dem Vinaya und sollen zölibatär leben sowie keinen größeren Besitz haben. Der 2005 eröffnete, 46 Meter hohe Goldene Tempel Burkhn Bagshin Altn Süm im Stadtzentrum ist dagegen vor allem ein Bildungszentrum für Laien mit Vorträgen, Meditations- und Yogakursen, Museum und Bibliothek. Die monastische Tradition bleibt schwach: 2013 gab es nur sechs vollordinierte kalmückische Mönche mit 253 Gelübden.
Andere Schulen, Laienpraxis und Volksbuddhismus
Seit dem Ende der Sowjetunion ist der Buddhismus nicht mehr ausschließlich auf die Gelug-Schule ausgerichtet. 1993 entstand in Elista ein Zentrum der Karma-Kagyü-Schule durch Ole Nydahl; auch Nyingmapa-Zentren wurden gegründet. Ein Dharma-Zentrum in Elista eröffnete 1991, um nicht-monastischen Laienbuddhismus zu verbreiten, und bot Kurse in Tibetisch und buddhistischer Logik an. Es lud Lehrende verschiedener Schulen ein. 2017 wurden ungefähr 25 der 30 neu begründeten buddhistischen Gemeinden von Laien geleitet. Viele dieser Personen haben keine vollständige Mönchsausbildung oder haben zölibatäre Gelübde widerrufen. Manche verbinden Lehren verschiedener tibetisch-buddhistischer Schulen. Religiöse Texte werden zunehmend ins Kalmückische übersetzt, das sich neben Tibetisch zu einer rituellen Sprache entwickelt.
Einige Aktivisten führen gezielt kalmückische Elemente ein. In den 2010er Jahren wurden mithilfe des Terma-Konzepts, also „verborgener Schätze“, zwei lokale Gottheiten in das buddhistische Pantheon aufgenommen. Namkha Drime aus der Nyingma-Schule erklärte sie als wiederentdeckte Terma. Vor der Sowjetzeit waren dieses Konzept und die damit verbundenen anerkannten Reinkarnationen von Lehrmeistern in Kalmückien nicht gebräuchlich. Jungar Dralha ist eine berittene Kriegsgottheit, wird dem Gefolge Gesars zugerechnet und mit dem Helden Dschangar verbunden. Zagan Aava, der „alte Weiße“, hat Wurzeln in vorbuddhistischen Praktiken und wird teils als besonderer Beschützer der Kalmücken und der kalmückischen Steppe verstanden.
Als narodnij buddizm, „Volksbuddhismus“, werden selbsternannte Heilerinnen und Heiler bezeichnet, die sich auf buddhistische Gottheiten berufen. Traditionell ausgebildete Mönche betrachten diese Praktiken nicht als buddhistisch und nennen sie teils abwertend babuschka buddizm. Sie lehnen ebenso Tieropfer bei Hochzeiten und religiösen Festtagen als unbuddhistisch ab. Tibetische Mönche in Kalmückien sehen Zagan Aava nicht als Gottheit, sondern als lokalen unerleuchteten Geist.