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Brunnen als Motiv
Der Brunnen in der Bibel · Symbol der Liebe, des Trostes, der Verheißung und der Erfüllung · Brunnen als Streitanlass · Brunnen als Symbol der Geliebten · Brunnen …
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Grundbedeutung des Motivs
Der Brunnen ist ein häufiges Motiv in Literatur, Kunst, Mythologie, Märchen, Religion und Musik. Er kann sehr unterschiedliche Bedeutungen tragen: Er steht für lebenswichtiges Wasser, Liebe und Brautwerbung, Trost, Verheißung und Erfüllung, aber auch für Streit, Gefangenschaft, Demütigung, Abgrund, Tod, Schicksal und Erinnerung.
Die Vieldeutigkeit hängt mit dem Wort „Brunnen“ zusammen. Es konnte bis in die Neuzeit hinein eine frei fließende Quelle, eine eingefasste Quelle, einen Springbrunnen oder einen gegrabenen Ziehbrunnen bezeichnen. In Übersetzungen mediterraner Texte konnte es außerdem Zisternen und Viehtränken meinen. Deshalb überschneidet sich das Brunnenmotiv oft mit dem Quellenmotiv und mit Vorstellungen vom Wasser des ewigen Lebens oder Jungbrunnen. Schon im Altertum galten gefasste Brunnen, Quellen oder Zisternen teils als Wohnsitze von Göttern und erhielten symbolische Bedeutungen wie Auge oder Mund.
Biblische Bedeutungen
Im Alten Testament ist der Brunnen zunächst ein Ort, an dem Nomaden am Rand der Wüste lebenswichtiges und kostbares Wasser finden. Darüber hinaus wird er zu einem symbolischen Ort für Liebe, Trost, göttliche Führung, Verheißung und Erfüllung.
Im 1. Buch Mose begegnet Isaak seiner späteren Frau Rebecca erstmals am Brunnen von Lahai-Roi (Genesis 24, 62–67). Auch Hagar, die Magd und Nebenfrau Abrahams, trifft dort den Engel des Herrn (Genesis 16, 7–16). Sie erhält Trost und die Verheißung der Geburt Ismaels. Der Brunnen wird dadurch mit dem Namen El-Roi, „Gott des Schauens“, verbunden. Bei Rebecca spielt außerdem die Eignung als Ehefrau eine Rolle: Sie gibt nicht nur dem Knecht, sondern auch seinen Kamelen Wasser. Eine weitere Liebesgeschichte am Brunnen ist die Begegnung von Jakob und Rahel (Genesis 29, 1.14).
Der Brunnen kann aber auch Anlass für Streit sein. In Genesis 26,15 schütten die Philister Brunnen zu. Später kommt es zu Auseinandersetzungen um wieder ausgegrabene Brunnen. Zwei Brunnen erhalten die Namen Esek („Zank“) und Sitna („Feindschaft“), ein dritter heißt Rehobot („Weite“), weil er ohne Streit bleibt. Der Brunnen Be’er Scheva wird als „Schwurbrunnen“ gedeutet und steht für Frieden, Segen und anerkannte Auszeichnung. In anderen biblischen Texten wird der Brunnen oder die Zisterne zum Ort der Gefangenschaft und Erniedrigung: Joseph wird in eine Zisterne geworfen (Genesis 37, 18–30), Jeremia in eine schlammige Zisterne (Jeremia 38,6).
In der alttestamentlichen Poesie wird der Brunnen auch erotisch und ehelich gedeutet. Im Hohenlied steht der „versiegelte Quell“ für die zunächst sich entziehende Geliebte, später für Hingabe. Im Buch der Sprichwörter wird der eigene Brunnen zur Metapher für die Ehe: „Trinke Wasser aus deiner Zisterne und frischen Trunk aus dem eigenen Brunnen“ (Spr. 5,15) warnt vor Ehebruch.
Mythologie und Märchen
In der griechischen Mythologie verbindet sich der Brunnen oder die Quelle mit Reinigung, Weiblichkeit, Mondgottheiten und Gefahr. Hera nimmt jährlich ein reinigendes Bad zur Wiederherstellung. Artemis badet an Quellen; Aktaion, der sie beobachtet und damit prahlt, wird in einen Bock verwandelt und von Hunden zerrissen. Auch Hylas wird beim Wasserholen von Nymphen in den Brunnen gezogen. Hier wird der Brunnen zum Symbol eines tödlichen Abgrunds.
In der keltischen Mythologie erscheint der reinigende Brunnen gesteigert als Jungbrunnen. Ein Bad kann Jugend und Unsterblichkeit verleihen und hängt mit der Vorstellung eines rituellen Bades zusammen, das Sünden tilgt. Das Land Tir Nan Og, in dem sich ein solcher Brunnen befinden soll, wird als paradiesischer Ort ohne Leid beschrieben und später oft mit Avalon verbunden.
In der nordischen Mythologie haben Brunnen kosmische Bedeutung. Hvergelmir in Niflheim ist Quelle von zwölf Flüssen, aus denen der Eisriese Ymir entstanden sein soll. Der Brunnen Mimirs ist ein Born des Wissens und der Weisheit. Hvergelmir, Mimirs Quelle und der Urð-Brunnen speisen die Weltenesche Yggdrasil. Besonders der Urð-Brunnen steht für Leben und Schicksal. Dort sitzen die drei Nornen: Urðr bringt den Lebensfaden hervor, Verðandi flicht ihn, Skuld schneidet ihn am Todestag ab.
Im Märchen wird der Brunnen oft zur Schwelle in eine andere Welt. In Frau Holle fällt das Mädchen in den Brunnen, gelangt aber nicht einfach in den Tod, sondern in eine begehbare Unterwelt mit Wiese und Garten. Dort werden Fleiß und Ordnung belohnt, Faulheit wird bestraft. In Varianten kann der Brunnen auch Ort des Schreckens, der Reinigung, der Hilfe durch eine Nixe oder einer Verbindung zu mehreren Brunnen sein. Im Froschkönig und verwandten Märchen überschneiden sich Brunnenmotiv, Begegnung von weiblicher und männlicher Hauptfigur und das Motiv von lebensrettendem Wasser.
Mittelalter und Alchemie
In der mittelalterlichen Literatur erscheint der Brunnen häufig als magischer und gefährlicher Ort. In Hartmanns von Aue Iwein, nach Chrétien de Troyes’ Yvain ou Le Chevalier au lion, ist die Quelle der Ort der entscheidenden aventiure, also der Bewährungsprobe. Iwein erschlägt den Brunnenwächter Askalon und gewinnt dessen Frau Laudine. Die Quelle liegt in einem locus amoenus, einem schönen paradiesischen Ort mit Stein, Vogelgesang, Linde und Goldgefäß, wird aber durch das ausgelöste Gewitter auch als magischer und bedrohlicher Ort kenntlich.
Der Brunnen kann im Mittelalter auch allegorisch werden. Hugo von Trimberg spricht im Renner vom „Brunnen der Habgier“. Im Minne Born, einem allegorischen Gedicht des 14. Jahrhunderts, stehen vier Königinnen an einem Brunnen und verkörpern Minne, Hoffnung, Zweifel und Beständigkeit. Aus dem Brunnen der Liebe darf der Erzähler trinken, wird aber durch die Vorsicht vor Übermaß gewarnt.
Eine dunkle mittelalterliche Bedeutung erhält der Ausdruck „Brunnenvergifter“. Weil Brunnen als Orte des Lebens galten, war ihre Vergiftung ein schwerer Frevel. Seit den Pest-Pandemien ab dem 14. Jahrhundert wurde der Ausdruck antisemitisch verwendet und auf Menschen jüdischen Glaubens bezogen. Dieses Stereotyp erschien später auch in Propaganda vor Pogromen.
In der Alchemie ist der Mercurius-Brunnen ein wichtiges Bild. In der Tradition um Nicolas Flamel und im Rosarium Philosophorum verbindet er Reinheit, Ursprung und Verwandlung. Weißes Wasser und rotes Blut können die beiden alchemistischen „Wasser“ Mercurius und Sulphur symbolisieren, die als Grundbestandteile aller Metalle gelten. In alchemistischen Bildfolgen werden Bäder, die Vereinigung von Sol und Luna, der Hermaphrodit und die Gewinnung von Gold und Silber mit Brunnenmotiven verbunden.
Neuzeitliche Literatur, Kunst und Musik
In der Literatur der Neuzeit bleibt das Brunnenmotiv vielseitig. In Goethes Faust I von 1808 ist der Brunnen Schauplatz von Gretchens und Lieschens Gespräch über eine Bekannte. Theodor Storm greift in Ein Doppelgänger von 1887 Vorstellungen aus Frau Holle auf, wenn John Hansen in einen ungenutzten Brunnen fällt und verschwindet; der Brunnen wird hier mit sozialem Abgrund verbunden.
In der Lyrik erscheint der Brunnen häufig, etwa bei Wilhelm Müller, Conrad Ferdinand Meyer, Hugo von Hofmannsthal, Rainer Maria Rilke, Hans Carossa und Emanuel Bodman. Besonders wichtig ist Wilhelm Müllers Gedicht Der Lindenbaum von 1822, in dem Brunnen und Lindenbaum für wehmütige Sehnsucht nach einer heilen Vergangenheit stehen. Durch Franz Schuberts Vertonung in der Winterreise und später als Volkslied wurde es weltbekannt.
Thomas Mann verwendet das Motiv in Joseph und seine Brüder poetologisch und symbolisch. Der Satz „Tief ist der Brunnen der Vergangenheit“ macht den Brunnen zum Bild für Geschichte, Erinnerung, Unterwelt und das schwer Erforschbare der menschlichen Vergangenheit. Zugleich verbindet sich dieses Bild mit der Joseph-Erzählung: Der Brunnen bedeutet Gefangenschaft und Verschleppung, aber auch spätere Erhöhung und Versöhnung.
In der Malerei erscheint der Brunnen seit dem Mittelalter oft in christlichen Motiven wie Christus und die Samariterin oder Jakobsbrunnen. Jan van Eyck malte 1439 die Madonna am Springbrunnen; der Brunnen wird meist als Fons vitae, also Lebensbrunnen, gedeutet. Albrecht Altdorfer verlegte um 1510 die Ruhe auf der Flucht an einen großen Renaissancebrunnen. Lucas Cranach der Ältere zeigte 1546 im Jungbrunnen alte Frauen, die verjüngt aus dem Brunnen hervorgehen. In der Musik inspiriert besonders das fließende Wasser von Zierbrunnen Komponisten: Franz Liszt schrieb Les jeux d'eau à la Villa d'Este, Ottorino Respighi stellte 1916 in Le fontane di Roma Brunnen der Stadt Rom dar.
Psychologische Deutung
In der Analytischen Psychologie in der Tradition Carl Gustav Jungs gilt der Brunnen als Ausprägung des sogenannten Mutterarchetyps. Ein Archetyp ist dabei ein grundlegendes seelisches Bild oder Muster. Der Brunnen kann in dieser Deutung mit Ursprung, Tiefe, Leben, Geborgenheit, aber auch mit dem Unbewussten und einer gefährlichen Tiefe verbunden sein.