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Bretonische Sprache
Die bretonische Sprache oder das Bretonische (bretonisch) ist eine keltische Sprache. Es gehört wie das Walisische, das Kornische und das ausgestorbene …
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Einordnung und Entwicklung
Bretonisch (Brezhoneg) ist eine keltische Sprache der britannischen Untergruppe. Es ist mit Walisisch, Kornisch und dem ausgestorbenen Kumbrisch verwandt und die einzige moderne keltische Sprache auf dem europäischen Festland. Es geht nicht auf das Gallische der antiken Bevölkerung Galliens zurück, sondern auf britische Flüchtlinge und Einwanderer aus Großbritannien, die vor der angelsächsischen Eroberung der britischen Inseln flohen.
Gesprochen wird es in der Bretagne bretonnante: in Finistère sowie im Westen von Côtes-d’Armor und Morbihan. Im östlichen Pays gallo wurde es früher teilweise gesprochen; bis in die Gegend um Nantes drang es jedoch nie vor. Besonders eng ist die Beziehung zum Kornischen. Bretonisch und Kornisch werden als südwestbritannische Sprachen zusammengefasst. Ein Kennzeichen ist der Wandel von urbritischem langem /ɔː/ zu /œː/, etwa urkeltisch māros „groß“ > altbretonisch mor > bretonisch meur /mœːʀ/; walisisch lautet mawr /maur/. Gegenseitiges Verständnis mit den verwandten Sprachen ist dennoch nicht ohne Weiteres möglich.
Die Entwicklung wird in Altbretonisch vor 1000, Mittelbretonisch bis ins 17. Jahrhundert und Neubretonisch eingeteilt. Altbretonisch ist nur schwach belegt: Erhalten sind vor allem Ortsnamen, kurze Glossen in lateinischen Texten sowie Urkundenabschriften. Seine Betonung lag, anders als später meist üblich, auf der letzten Silbe. Aus dem Mittelbretonischen sind vor allem religiöse Texte überliefert; das dreibändige Bretonisch-Französisch-Lateinisch-Lexikon Catholicon wurde 1499 gedruckt. Die neubretonische Zeit war durch Dialektzerfall und den Verlust der schriftsprachlichen Tradition geprägt. Erst im 20. Jahrhundert entstand wieder eine Standardvarietät.
Gefährdung, Förderung und neuer Standard
Die Sprecherzahl ist seit den 1950er-Jahren stark gesunken. Da Frankreich keine amtlichen Sprecherzahlen für die auf seinem Gebiet gesprochenen Sprachen erhebt, beruhen die Angaben auf Schätzungen. Für 1950 werden etwa 1.200.000 Bretonischkundige genannt. Eine Studie von Fañch Broudig von 1999 schätzte um die Jahrtausendwende 240.000 Sprecher; viele verwendeten die Sprache jedoch nicht täglich, etwa zwei Drittel waren über 60 Jahre alt. Der Verband der Diwan-Schulen schätzt bis zu 400.000 Menschen, die Bretonisch verstehen. Ein Forschungsbericht von Fañch Broudig vom März 2009 nennt etwa 150.000 bis 170.000 Sprecher. Umfragen können die tatsächliche Sprachkompetenz verzerren, weil Unterstützer ihre Kenntnisse überschätzen und ältere Muttersprachler sie aus Scham teilweise verneinen. Die UNESCO klassifiziert Bretonisch als „ernsthaft gefährdete Sprache“.
Der Sprachwechsel zum Französischen beschleunigte sich, als Familien ihre Kinder französischsprachig erzogen, um Diskriminierung in Schule und Beruf zu vermeiden. Bretonisch wurde im 19. und 20. Jahrhundert unter anderem in Schulen und im behördlichen Schriftverkehr systematisch unterdrückt; die aktive Unterdrückung durch öffentliche Stellen dauerte bis in die 1960er-Jahre. Zweisprachige Ortsschilder bestehen heute vielerorts, besonders westlich von Guingamp, aber offiziell anerkannt sind weiterhin nur die französischen Schreibungen.
Eine Regionalbewegung fördert die Sprache. Stand 2020 gab es 55 bretonischsprachige Diwan-Schulen. Teilweise bretonischsprachige Klassen gibt es auch an katholischen Privatschulen des Vereins Dihun und an öffentlichen Schulen des Vereins Div Yezh. Für 2005 nennt der Artikel 2.896 Diwan-Schüler, 3.659 Schüler katholischer Bretonischklassen und 3.851 Schüler zweisprachiger öffentlicher Klassen gegenüber 360.000 Schülern in rein französischsprachigen Klassen. Seit 1999 setzt sich das Ofis publik ar Brezhoneg für Sprache und Kultur ein. Die Regionalregierung kündigte im Dezember 2004 an, die Zahl der Plätze in Immersionsklassen auf 20.000 erhöhen zu wollen.
Das Neobretonische ist ein im 20. Jahrhundert von Philologen und Sprachliebhabern geschaffener Standard. Es sollte Dialekte zusammenführen und französische Lehnwörter ersetzen. Weil viele seiner Sprecher keine bretonischen Muttersprachler sind, ist seine Aussprache und teilweise auch seine Syntax oft stärker vom Französischen geprägt; zugleich wird der Wortschatz bewusst rekeltisiert. So steht etwa pellgomz statt des in vielen Dialekten üblichen telefon und trugarez vras statt mersi bras. Manche Dialektsprecher lehnen diese Variante daher als künstlich ab und bezeichnen sie pejorativ als Roazhoneg.
Dialekte und Betonung
Es gibt vier Dialekte: Kerneveg um Quimper mit 41 % der Sprecher, Leoneg im nördlichen Finistère mit 24,5 %, Tregerieg um Tréguier mit 18 % und Gwenedeg um Vannes mit 16 %. Kerneveg, Leoneg und Tregerieg werden als KLT-Dialekte zusammengefasst und sind einander vergleichsweise ähnlich. Gwenedeg unterscheidet sich deutlich stärker. Diese Unterschiede erschwerten die Entwicklung einer einheitlichen Schriftsprache.
Das verbreitetste Rechtschreibsystem ist Peurunvan, auch Zedacheg genannt. Kennzeichnend ist der Digraph zh: In den KLT-Dialekten wird er [z], im Gwenedeg [h] gesprochen. Auch die Betonung unterscheidet sich: In den KLT-Dialekten liegt sie normalerweise auf der vorletzten Silbe, im Gwenedeg meist auf der letzten; brezhoneg lautet beispielsweise KLT [breˈzonek], Gwenedeg [brehoˈnek]. Zusammensetzungen sind häufig Ausnahmen von der KLT-Regel.
Traditionelle Dialekte verlieren mit ihren Sprechern an Bedeutung. In Radio und Fernsehen bildet sich ein neuer, meist erlernter Standard heraus. Er verwendet weniger französische Wörter als die Dialekte, ist aber in seiner Lautstruktur stark französisch beeinflusst. Besonders französische Muttersprachler ersetzen häufig den bretonischen Wortakzent durch einen französischen Phrasenakzent auf der letzten Silbe eines Satzes.
Laute und Sandhi
Der wichtigste und produktivste lautliche Prozess ist Sandhi, also die Anpassung von Lauten über Wortgrenzen hinweg. Die grundlegende Einheit ist dabei nicht das einzelne Wort, sondern die Phrase. Ihr Ende wird durch Auslautverhärtung markiert. Innerhalb einer Phrase werden Konsonanten am Wortende vor einem vokalisch anlautenden Wort regelmäßig leniert, also erweicht: Emaon e Breizh „Ich befinde mich in der Bretagne“ wird [eˈmaon e ˈbrejs], aber E Breizh emaon [e ˈbrejz eˈmaon]. Daneben gibt es Provektion, also Entsonorisierung beziehungsweise Verhärtung, etwa Demat deocʼh! [deˈmateɔx] und Bennozh Doue! [ˌbɛnosˈtuːe].
Zum Konsonantensystem gehören unter anderem die Plosive p, b, t, d, k, g, die Nasale m, n, ɲ, die Frikative f, v, s, z, ʃ, ʒ, x, h, der Vibrant ʀ sowie j, ɥ, w, l und ʎ. Die Vokale können kurz oder lang sein. Unbetonte Vokale und Nasalvokale sind stets kurz; betonte Vokale vor stimmlosen Konsonanten und bestimmten Konsonantenfolgen ebenfalls. Sonst sind betonte Vokale lang. Es gibt außerdem die Diphthonge [aj], [aw], [ɛw] und [ɔw].
Die Phrasenintonation ist dialektabhängig. Im Tregerieg steigt die Tonhöhe bis zum Hauptakzent der Phrase an und fällt danach bis zum Phrasenende wieder ab.
Satzbau, Anlautmutation und Schreibung
Kennzeichen der bretonischen Grammatik sind Anlautmutation und die historisch überlieferte Stellung Verb–Subjekt–Objekt (VSO). Anlautmutationen heißen auf Bretonisch kemmadurioù und entstanden historisch aus Sandhi. Dabei verändert sich der Anfangskonsonant eines Wortes je nach vorausgehendem Wort. Beispiele der Lenition sind breur „Bruder“ > da vreur, dant „Zahn“ > da zant und ger „Wort“ > da cʼher. Bei Aspiration stehen etwa ki „Hund“ > ma cʼhi und penn „Kopf“ > ma fenn; bei Fortition breur > ho preur, dant > ho tant und ger > ho ker. Eine gemischte Mutation nach bestimmten Verbalpartikeln betrifft nur stimmhafte Konsonanten, zum Beispiel bezañ „sein“ > o vezañ und dougen „tragen“ > o tougen.
Im Neubretonischen entwickelt sich der Satzbau zur Verb-Zweitstellung: Das konjugierte Verb steht in fast allen Konstruktionen an zweiter Stelle. Ein vorangestelltes Satzglied ist ein Topik, also der hervorgehobene Gesprächsgegenstand. Me a zebr kalz bara bedeutet „Ich esse viel Brot“, Kalz bara a zebran „Ich esse VIEL BROT“. Dabei steht nach einem ausdrücklich genannten Subjekt eine „nicht konjugierte“ Verbform, die der dritten Person Singular entspricht; ohne explizites Subjekt erscheint die konjugierte Form. Die bretonische Verbalmorphologie ist grundsätzlich einfach, ihre Verwendung wird aber durch mehrere morphosyntaktische Regeln erschwert.
In der verbreiteten Peurunvan-Schreibung stehen ch für [ʃ], cʼh für [x], [ɣ] oder [h], gn für [ɲ], j für [ʒ], u für [y] und w für [w]. zh lautet in KLT [z], im Gwenedeg [h]. Am Wortende werden b, d, g, j, z und zh stimmlos gesprochen, sofern das nächste Wort nicht mit einem Vokal beginnt. Das zeigt hi zo bras [i zo braːs] „sie ist groß“ gegenüber bras eo [braːz e] „er/sie ist groß“: Dasselbe Wort bras hat je nach Stellung einen stimmlosen oder stimmhaften Auslaut.