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Brechung der Zinsknechtschaft

Brechung der Zinsknechtschaft war der Titel einer geldreformerischen Streitschrift Gottfried Feders, der zum wirtschaftspolitischen Kernbegriff und Slogan …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Kernidee und ideologischer Zusammenhang
  2. 2. Feders geldpolitisches Konzept
  3. 3. Neun-Punkte-Programm
  4. 4. Aufnahme in das Programm der NSDAP
  5. 5. Abschwächung und tatsächliche Politik

Kernidee und ideologischer Zusammenhang

„Brechung der Zinsknechtschaft“ bezeichnete ein geldpolitisches Konzept Gottfried Feders und wurde zu einem wirtschaftspolitischen Kernbegriff und Slogan der NSDAP. Feder veröffentlichte 1919 sein Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft des Geldes und gründete im selben Jahr den Deutschen Kampfbund zur Brechung der Zinsknechtschaft.

Das Konzept wandte sich zugleich gegen Kapitalismus und Kommunismus und bezeichnete sich als sozialistisch im Sinne der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“. Es war antisemitisch geprägt und eng mit den Parolen „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ sowie der Unterscheidung zwischen angeblich „raffendem“ und „schaffendem Kapital“ verbunden. Als „raffend“ stellte die NS-Propaganda insbesondere Börsen-, Finanz- und Leihkapital dar und verband es mit dem Judentum; „schaffendes Kapital“ galt ihr dagegen als Ergebnis produktiver Arbeit. Diese Gegenüberstellung sollte antikapitalistische und sozialistische Erwartungen in der Bevölkerung auf den Antisemitismus der Nationalsozialisten umlenken.

Feders geldpolitisches Konzept

Der Begriff „Zinsknechtschaft“ wurde bereits 1913 von der Deutschen Arbeiterpartei in Böhmen verwendet. Der sudetendeutsche Politiker Rudolf Jung gebrauchte ihn im selben Jahr in einer Aufsatzreihe. Feder formulierte seine eigene Forderung nach eigenen Angaben Mitte November 1918 aus. Ob er sich dabei an der Freiwirtschaftslehre Silvio Gesells orientierte, ist wissenschaftlich umstritten. Beide begegneten sich im April 1919, bestritten aber Gemeinsamkeiten. Weitere geistige Wurzeln lagen in Wenzel Schobers und Josef Schlesingers Vorstellung eines ungedeckten „Volksgeldes“ ohne Bindung an Gold.

Ein wichtiger Hintergrund waren die Reparationszahlungen nach dem Versailler Vertrag, die 1919 etwa 80 % des Reichshaushalts ausmachten. Feder wollte eine von ihm behauptete überstaatliche Herrschaft des internationalen Großkapitals bekämpfen. Seine Bezeichnungen dafür dienten als antisemitische Codes für das Judentum, dem er Materialismus und eine allgemeine Entsittlichung zuschrieb.

Feder behauptete, durch die Abschaffung der Zinsabhängigkeit könnten alle direkten und indirekten Steuern entfallen. Große öffentliche Aufgaben sollten nicht durch verzinste Anleihen, sondern durch zinslose „Staatskassengutscheine“ finanziert werden. Geld verstand er als eine Anweisung auf bereits geleistete Arbeit. Im Mittelpunkt standen somit die staatliche Kontrolle des Geldwesens und die Möglichkeit staatlicher Geldschöpfung ohne Golddeckung.

Neun-Punkte-Programm

Feders Manifest verband seine Grundidee mit neun Forderungen:

• Schuldtitel des Deutschen Reiches und der deutschen Bundesstaaten sollten unter Aufhebung der Zinspflicht zum Nominalbetrag in gesetzliche Zahlungsmittel umgewandelt werden.

• Bei festverzinslichen Wertpapieren sollte an die Stelle der Zinspflicht eine Rückzahlungspflicht treten.

• Immobilienschulden und Hypotheken sollten in Raten zurückgezahlt werden.

• Das gesamte Geldwesen sollte der Zentralstaatskasse unterstellt werden; Privatbanken sollten ihr als Filialbetriebe angegliedert werden.

• Realkredite, also durch Sachwerte abgesicherte Kredite, sollten nur von der Staatsbank vergeben werden. Personal- und Warenkredite sollten Privatbankiers mit staatlicher Konzession überlassen bleiben.

• Dividendenwerte sollten wie festverzinsliche Papiere getilgt werden.

• Personen, die ihren Lebensunterhalt nicht selbst verdienen konnten, sollten ihre Wertpapiere abgeben und anstelle der bisherigen Zinserträge eine Leibrente erhalten.

• Kriegsanleihen und andere staatliche Schuldtitel sollten abhängig vom Vermögen ihrer Eigentümer eingezogen werden.

• Die Bevölkerung sollte darüber aufgeklärt werden, dass Geld nichts anderes als eine Anweisung auf geleistete Arbeit sein dürfe.

Aufnahme in das Programm der NSDAP

1920 übernahm das 25-Punkte-Programm der NSDAP Feders Vorstellungen. Punkt 11 verlangte die „Abschaffung des arbeits- und mühelosen Einkommens“; die folgenden Forderungen standen unter der hervorgehobenen Parole „Brechung der Zinsknechtschaft!“. Dies wurde aus dem in Punkt 10 formulierten Gemeinnutzprinzip abgeleitet: Jeder Staatsbürger müsse geistig oder körperlich arbeiten, und seine Tätigkeit müsse der Allgemeinheit dienen.

Die Punkte 12 bis 18 konkretisierten diese Ziele teilweise. Gefordert wurden die vollständige Einziehung aller Kriegsgewinne, die Verstaatlichung bereits vergesellschafteter Trustbetriebe, eine Gewinnbeteiligung an Großbetrieben und die Förderung eines „gesunden Mittelstandes“. Großwarenhäuser sollten kommunalisiert und günstig an kleine Gewerbetreibende vermietet werden. Hinzu kamen eine Bodenreform, die unentgeltliche Enteignung von Boden für gemeinnützige Zwecke, die Abschaffung des Bodenzinses und die Verhinderung von Bodenspekulation. Wer nach nationalsozialistischer Auffassung das „Gemein-Interesse“ schädigte, sollte bis hin zur Todesstrafe bekämpft werden.

Bis zur nationalsozialistischen Machtübernahme galt Feder als wichtiger Wirtschaftstheoretiker der NSDAP. Adolf Hitler lobte seine Schriften in Mein Kampf und übernahm die Unterscheidung zwischen Kapital als Ergebnis „schaffender Arbeit“ und angeblich ausschließlich auf Spekulation beruhendem Kapital. Joseph Goebbels erklärte 1925 im Kleinen Abc des Nationalsozialisten die Parole als Beseitigung der behaupteten „Geldgewalt der Börse“. Zugleich äußerte er zynisch, „brechen müsse höchstens der, der diesen Unsinn anhöre“. Dies zeigt, dass die Parole vor allem propagandisch wirkte und kein klar abgegrenztes wirtschaftspolitisches Programm bezeichnete.

Abschwächung und tatsächliche Politik

Als eine Regierungsübernahme der NSDAP wahrscheinlicher wurde, veränderte sich die Bedeutung der Forderung. Anfangs war noch die Abschaffung jeglicher Zinsen gemeint; später verlangte die Partei nur noch Zinssenkungen und einen „gerechten Zins“. Feder trat 1924 für die Enteignung jüdischen Besitzes und unprofitablen Großgrundbesitzes sowie für ein Einfrieren der Zinssätze ein. Entscheidend blieb für ihn die staatliche Währungshoheit und damit eine von der Golddeckung unabhängige staatliche Geldschöpfung.

Während der Weltwirtschaftskrise schlug Feder Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen vor, die mit staatlich geschaffenem Girogeld, also Buchgeld für den bargeldlosen Zahlungsverkehr, finanziert werden sollten. Er wollte dieses Mittel jedoch nur „in maßvoller Weise“ einsetzen. Hjalmar Schacht und Walther Funk, die später Reichswirtschaftsminister wurden, warnten Hitler, Feders Pläne würden die deutsche Wirtschaft endgültig ruinieren.

Nach der Machtübernahme 1933 spielten Feders Vorstellungen in der wirklichen Politik des NS-Regimes kaum eine Rolle. Er wurde zunächst Staatssekretär im Reichswirtschaftsministerium, anschließend aber auf immer unbedeutendere Stellen versetzt und zog sich schließlich aus der Politik zurück. Zur Verringerung der Verschuldung diente vor allem das Landwirtschaftliche Schuldenregelungsverfahren. Daneben senkte das Regime Zinsen, unter anderem durch das „Gesetz über die Hypothekenschulden“. Die durchschnittlichen Diskontsätze der Privatbanken fielen von 4,95 % im Jahr 1932 auf 2,91 % im Jahr 1937. Die nationalsozialistische Presse stellte diese begrenzten Maßnahmen als „Brechung der Zinsknechtschaft“ dar. Der Politikwissenschaftler Christoph H. Werth bewertet die Doktrin letztlich als inhaltsarme, materiell vereinfachte „Heilslehre“, die gerade wegen ihrer Unbestimmtheit zeitweilig Bedeutung gewinnen konnte.

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