Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Brahma Kumaris
Gelehrt wird Raja Yoga, die liebevolle Verbindung zwischen Mensch und Gott. „BK“ ist die Abkürzung für die Anhänger und bisweilen für die Organisation. Sie …
Inhalt5 Abschnitte
Glaubensgemeinschaft und Raja Yoga
Brahma Kumaris ist die Kurzform der Brahma Kumaris World Spiritual University (BKWSU), einer religiös-spirituellen Gemeinschaft aus Indien mit mehreren hunderttausend Mitgliedern. Im Mittelpunkt steht Raja Yoga, verstanden als „königliche Verbindung“ beziehungsweise liebevolle Verbindung zwischen Mensch und Gott. Die Gemeinschaft hat weltweit meist von Frauen geleitete Zentren; ihr Hauptsitz ist ein großer Ashram-Komplex in Mount Abu (Rajasthan, Indien).
Der Raja Yoga der Brahma Kumaris ist eine geistige Schulung und Lebensweise, nicht vor allem eine körperliche Übung. Er wird von anderen indischen Yogaformen abgegrenzt, etwa Bhakti-Yoga (Hingabe an eine Gottheit) oder Karma-Yoga (freies Handeln). Die Ausbildung umfasst vier Fächer:
- Gyan: Wissen, also Lehre und Philosophie.
- Yoga: Verbindung mit Gott.
- Dharna: Verinnerlichung guter Eigenschaften und Arbeit am eigenen Charakter.
- Seva: Unterstützung und Handeln zum Wohle anderer.
Diese vier Bereiche sollen zusammenwirken: Wissen ermöglicht die Verbindung mit Gott; Reflexion und Übung führen zu Erkenntnis und Verhaltensänderung; daraus soll ein hilfreiches Handeln für andere entstehen. Ziel ist eine „Befreiung im Leben“ (Jīvan Mukti), also innere Freiheit und ein stärkeres Seelenbewusstsein im Alltag.
Entstehung und weltweite Entwicklung
Die Bewegung geht auf den indischen Juwelenhändler Lekhraj Kripalani (15. Dezember 1884–18. Januar 1969) zurück, der später Brahma Baba genannt wurde. Um 1936/1937 erlebte er Visionen mit Glücksgefühlen, aber auch apokalyptischen Bildern, und deutete sie als deutliche Gotteserfahrung. Er zog sich aus dem Geschäftsleben zurück und widmete sein Vermögen dem Aufbau einer spirituellen Schule. Um ihn sammelten sich zunächst vor allem Frauen und Kinder, aber auch einige Männer.
Die frühe Gemeinschaft hieß Om Mandali. Von etwa 1937 bis 1950 lebten viele Anhänger in einem klösterlichen Rückzug. Die Gemeinschaft stieß deshalb auf teilweise gewaltsamen Widerstand von Familien und Ehemännern. Nach der Teilung Britisch-Indiens 1947 musste sie aus Sindh, das nun zu Pakistan gehörte, nach Indien umziehen. Seit 1950 befindet sich der Hauptsitz auf dem Mount Abu, den die Mitglieder Madhuban nennen.
In den 1950er Jahren war das Vermögen weitgehend aufgebraucht; Spenden sicherten das Überleben. Die Bewegung bezeichnet diese Zeit als „Bettlerperiode“. Die Zahl der Anhänger sank ungefähr von 400 auf 100. Gleichzeitig entstanden Zweigstellen, die sogenannten Center. Bis Ende der 1960er Jahre war die Bewegung in ganz Indien präsent. Brahma Baba starb am 18. Januar 1969.
Die weltweite Expansion begann etwa 1970. Neue Zentren entstanden unter anderem 1971 in London und Hongkong. Nach Angaben des Artikels ist die BKWSU inzwischen in 110 Ländern mit mehr als 8.500 Raja-Yoga-Schulen vertreten, besonders stark in Indien. Das erste deutsche Zentrum wurde 1974 in Frankfurt am Main gegründet. In den 1980er und 1990er Jahren gab es im deutschsprachigen Raum Verwerfungen und Rückschläge.
Die Bewegung veranstaltet Kurse, Vorträge, Retreats und internationale Projekte, unter anderem zu Frieden, Gesundheit, Medien, Umweltschutz und Sozialarbeit. Sie ist als Nichtregierungsorganisation bei den Vereinten Nationen engagiert. Bei Mount Abu gibt es Vortragshallen, Herbergen, Verwaltungsgebäude, gemeinnützige Krankenhäuser seit 1989 sowie Radio- und Fernsehangebote. Seit Mitte der 1990er Jahre erforscht der World Renewal Spiritual Trust erneuerbare Energien, besonders Solarenergie; daraus entstand das Solarkraftwerk India One mit deutsch-indischen Fördergeldern. Die Angebote werden durch Spenden finanziert, sind kostenlos oder werden zum Selbstkostenpreis angeboten, und die Mitarbeit ist ehrenamtlich.
Menschenbild, Gott und zentrale Lehre
Nach der Lehre besteht der Mensch aus Körper und Seele. Die Seele ist ein unerschaffener, bewusster Lichtpunkt, der als „drittes Auge“ in der Mitte der Stirn vorgestellt wird. Der Körper gehört zur stofflichen, bewusstseinslosen Welt (Prakŗiti) und wird durch die Seele lebendig. Die Seele besitzt drei Grundvermögen: Man beziehungsweise Manas zum Denken, Fühlen und Wahrnehmen, Buddhi als urteilenden Verstand sowie Sanskāras als teilweise unterbewusste Gewohnheiten und Prägungen. Denken, Fühlen, Entscheiden und Handeln bilden einen fortlaufenden Kreislauf. Die Aufgabe des Menschen besteht darin, den Verstand auf richtige Entscheidungen auszurichten und ein klares Bewusstsein des eigenen wahren Selbst zu entwickeln.
Gott trägt den Namen Shiva beziehungsweise ShivBaba und wird als Höchste Seele (Param Ātmā) bezeichnet. Auch er ist ein lebendiger weißer Lichtpunkt, besitzt jedoch keinen eigenen Körper, ist geschlechtslos und von Materie getrennt. Shiva nimmt keine Wiedergeburt und unterliegt nicht dem Gesetz von Ursache und Wirkung. Er gilt als immer liebevoll, barmherzig, selbstlos und unabhängig, als liebender statt strafender Gott. Er steht jenseits von Raum, Zeit und Materie, ist nicht allgegenwärtig, aber für alle Menschen erreichbar. Seine Heimat ist die jenseitige Lichtwelt Paramdham, ein Bereich ewigen gold-roten Lichts, des Friedens und der Stille.
Shiva benötigt einen menschlichen Körper, um durch Sprache und menschliche Persönlichkeit zu lehren. Dieser Körper ist Brahma, ursprünglich Lekhraj Kripalani. Shiva lehrt nach Überzeugung der Bewegung seit 1936/37 durch Brahma. Beide werden als BapDada bezeichnet, also als Vater und älterer Bruder beziehungsweise Großvater oder Onkel. Brahma ist dabei eine spirituelle Vaterfigur. Brahma und Shiva werden ausdrücklich nicht mit den gleichnamigen Hindu-Gottheiten gleichgesetzt; die Mitglieder heißen Brahmanen, sind aber nicht mit der Brahmanen-Kaste identisch.
Die Lehre wird in den Murlis, den Lehrreden, weitergegeben. Bis 1969 gab es Sakar Murlis, die von Brahma und ShivBaba gesprochen wurden. Seit Brahmas Tod soll er sich in einem Lichtkörper befinden; gemeinsam sprechen ShivBaba und Brahma als Avyakt BapDada durch das Trance-Medium Dadi Gulzar die Avyakt Murlis, in Indien meist Avyakt Vanis genannt. Die Sakar Murlis richten sich sprachlich stärker an hinduistische Zuhörer, während die späteren Avyakt Murlis komplexer und psychologisch ausgerichtet sind. Weltweit wird normalerweise an sechs Tagen pro Woche dieselbe Sakar Murli gelesen. Es gibt etwa 1.850 Sakar Murlis, die alle fünf Jahre wiederholt werden, sowie ungefähr 500 Avyakt Murlis, die meist sonntags und ohne feste Reihenfolge gelesen werden.
Alltag, Ethik und Wiedergeburt
Interessierte beginnen mit einem Sieben-Tages-Kurs, der die wesentlichen theologischen Inhalte vermittelt. Danach können sie an der morgendlichen Murli und an Meditationen teilnehmen und die Verhaltensempfehlungen, den Shrīmat, anwenden. Empfohlen werden tägliches Murli-Studium, Meditation mit geöffneten Augen, vegetarische Ernährung und Zölibat beziehungsweise Keuschheit. Die sexuelle und allgemeine körperliche Reinheit soll eine ungestörte Verbindung mit Gott ermöglichen.
Der ideale Tagesablauf beginnt gegen 4 Uhr mit der privaten Meditation Amritvela, der „Nektarzeit“. In vielen Schulen folgt ab 6 Uhr eine gemeinsame Meditation und um 6.30 Uhr die Murli-Lesung. Danach gehen die Yogis ihren beruflichen und familiären Aufgaben nach; eine Abendmeditation schließt den Tag ab. Einweihungen gibt es nicht, Rituale haben eine untergeordnete Bedeutung. Der 18. Januar, Brahma Babas Todestag, gilt als einziger spezifischer Brahmanen-Feiertag. Insgesamt soll Spiritualität in den normalen Alltag integriert werden.
Die Beziehung zu ShivBaba soll in Meditation und Alltag als Kommunikation und emotionale Nähe erfahren werden. Gott kann als Vater, Mutter, Kind, Lehrer, Freund oder geliebter Partner erlebt werden. Der Yogi arbeitet an fünf Grundschwächen, den Pānch Vikār: Habgier, Arroganz, sinnlich-sexuelle Begierden, Zorn sowie emotionale Abhängigkeit von Menschen und Dingen. Māyā bedeutet in diesem Zusammenhang Täuschung oder Illusion; sie wird allegorisch als Person dargestellt, ist aber kein eigenständiges Böses. Gemeint sind eigene Fehler und negative Einflüsse.
Karma und Wiedergeburt sind untrennbar verbunden. Das Karma-Gesetz wird als Gesetz von Ursache und Wirkung sowie als Gesetz des Ausgleichs verstanden: Jeder Mensch ist für sich verantwortlich, und das nächste Leben ergibt sich aus der Qualität des vorherigen. Daraus folgt Verantwortung für Gedanken und Handlungen. Ziel ist der Zustand karmātīt, die Befreiung von tief sitzenden karmischen Wirkungen vieler Leben. Die Seele kann nur als Mensch auf der Erde wiedergeboren werden, weil sie menschliche Erfahrungen und Emotionen in sich trägt.
Weltkreislauf und religionswissenschaftliche Einordnung
Das Geschichtsbild der Brahma Kumaris beschreibt die Menschheitsgeschichte als ewigen, identischen Kreislauf, den die Yogis Drama nennen. Ein Zyklus dauert ungefähr 5000 Jahre. Er umfasst vier gleich lange Zeitalter sowie ein kurzes Übergangs-Zeitalter. Die Menschheit befindet sich nach dieser Lehre derzeit in diesem Übergang zwischen dem Eisernen und dem Goldenen Zeitalter. Vorherbestimmung und Willensfreiheit bestehen gleichzeitig: Die Wiederholung wird erst im Rückblick sichtbar, während die Zukunft nicht erkennbar ist.
Im Goldenen Zeitalter (Sat Yuga) herrscht eine friedliche, paradiesische Welt mit dem Königspaar Lakshmī und Nārāyana. Die Gesellschaft lebt in einem geeinten Königreich ohne Polizei und Armee, mit minimaler Verwaltung, ohne Armut, Krankheit oder vorzeitigen Tod. Die Menschen werden bis zu 150 Jahre alt. Das Gebiet entspricht dem heutigen Nordindien und hat anfangs knapp eine Million Einwohner. Nach 1250 Jahren folgt das Silberne Zeitalter (Tretā Yuga); die innere Kraft, die Fruchtbarkeit der Natur und die Lebensspanne nehmen allmählich ab, letztere auf etwa 125 Jahre. Kriege gibt es bis zum Ende dieser Epoche nicht.
Im Kupfernen Zeitalter (Dvāpara Yuga) beginnt die zweite Kreislaufhälfte. Die seelische Kraft schwindet, Körperbewusstsein, Besitzdenken, Bedürftigkeit, Leid und Konflikte nehmen zu. Nach einer umfassenden Umwälzung der Erde mit Naturkatastrophen, gekippter Erdachse und veränderten Kontinenten entsteht die bekannte Welt. Religionen und Anbetung treten auf; die großen Weltreligionen entstehen nach der Darstellung der Brahma Kumaris erst seit etwa 2500 Jahren. Im Eisernen Zeitalter (Kali Yuga) erreicht die Welt ihr niedrigstes geistiges und energetisches Niveau (tamopradhan).
Das Übergangs-Zeitalter (Sangam Yuga) ist eine kurze, intensive Heilszeit. Es soll um 1936/37 mit Shivas Eintritt in Brahmas Körper begonnen haben und mit der Krönung von Lakshmī und Nārāyana enden; seine genaue Dauer ist unklar, möglicherweise beträgt sie etwa hundert Jahre. Durch Wissen, Meditation und Charakterveränderung können Menschen ihr Bewusstsein verändern und am Wiederaufbau einer paradiesischen Welt mitwirken. Erwartet wird außerdem eine kurze Endzeitkatastrophe, die mit dem Mahābhārata-Krieg der indischen Mythen verglichen wird. Der Planet soll jedoch nicht vernichtet werden.
Die Lehre wird religionswissenschaftlich meist den Neuen Religiösen Bewegungen zugeordnet. Sie hat hinduistische Wurzeln und verwendet indische Begriffe, Symbole und Metaphern, verändert aber unter anderem das Guru-Schüler-Verhältnis und lehnt das Kastensystem als diskriminierend ab. Die Führung durch Frauen ist ein Bruch mit indischer Tradition. 95–98 % der Mitglieder sind nach dem Artikel Inder oder im Ausland lebende Inder; Nicht-Inder bilden seit 1970 etwa 2–5 %. Die kurze Dauer des Kreislaufs und seine identische Wiederholung widersprechen anerkannten naturwissenschaftlichen Erklärungen wie Evolution und Urknall; empirische Beweise für das Modell liegen nicht vor. Ob die Organisation als Sekte einzustufen ist, bleibt umstritten. Genannt werden mögliche Merkmale wie autoritäre Führung, Rückzug, strenge Regeln und Elitebewusstsein, zugleich aber auch lockere Mitgliedschaft, freiwilliges Engagement und Entscheidungsspielräume. Eine eindeutige Bewertung soll vorurteilsfrei und möglichst objektiv erfolgen.