Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Blindschleiche
In Mitteleuropa gehört sie zu den am häufigsten vorkommenden Reptilien. Mit ihrem beinlosen, langgestreckten Körper gleicht sie einer Schlange und wird auch …
Inhalt6 Abschnitte
Einordnung und Kennzeichen
Die Blindschleiche, genauer Westliche Blindschleiche (Anguis fragilis), ist keine Schlange, sondern eine beinlose Echsenart aus der Familie der Schleichen (Anguidae). Sie gehört in Mitteleuropa zu den häufigsten Reptilien. Von Schlangen unterscheidet sie sich unter anderem durch bewegliche Augenlider, verdeckte äußere Gehöröffnungen und die Fähigkeit, den Schwanz an Sollbruchstellen abzuwerfen. Blind ist sie trotz ihres Namens nicht.
Nach neueren molekularbiologischen Untersuchungen werden fünf Arten unterschieden, die früher gemeinsam als Anguis fragilis galten: die Westliche, Östliche, Italienische, Griechische und Peloponnes-Blindschleiche. Tiere aus dem deutschsprachigen Raum gehören grundsätzlich zur westlichen Art; im Schweizer Tessin kommt dagegen die Italienische Blindschleiche vor.
Körperbau, Färbung und Geschlecht
Der langgestreckte, im Querschnitt runde Körper besitzt keine äußeren Gliedmaßen. Blindschleichen werden bis zu 57,5 cm lang, erwachsene Tiere meist 40 bis 45 cm. Der Schwanz ist häufig etwas länger als der Kopf-Rumpf-Abschnitt, kann aber durch Autotomie, also selbstständiges Abwerfen, verloren gehen. Er wächst nicht vollständig nach; es entsteht lediglich ein kurzer, halbkugeliger Stumpf. Deshalb wird bei Untersuchungen bevorzugt die Kopf-Rumpf-Länge von der Schnauzenspitze bis zur Kloake gemessen.
Die glatten, glänzenden Hornschuppen überlagern sich dachziegelartig. Unter ihnen liegen Knochenplättchen, sogenannte Osteoderme. Dadurch bewegt sich die Blindschleiche steifer und weniger geschmeidig als eine Schlange. Ihre kleinen Augen haben runde Pupillen und verschließbare Lider. Zum Züngeln und damit zur Aufnahme von Geruchsstoffen muss sie das Maul etwas öffnen. Die nach hinten gebogenen Zähne helfen beim Festhalten glitschiger Beute. Von den Gliedmaßen bleiben bei erwachsenen Tieren nur kleine Teile des Schulter- und Beckengürtels erhalten.
Jungtiere besitzen meist eine silberweiße oder goldgelbe Oberseite mit einer schwarzen Rückenlinie, dem „Aalstrich“. Flanken und Bauch sind schwarz. Erwachsene Tiere können braun, grau, gelb, bronze- oder kupferfarben sein und Punkte, Linien oder keine deutliche Zeichnung tragen. Blau getüpfelte Tiere sind fast immer ältere Männchen. Männchen haben zwei ausstülpbare Hemipenes und meist einen etwas breiteren Kopf. Weibchen sind unter den größten und schwersten Tieren häufiger vertreten und behalten oft die kontrastreiche Jugendzeichnung. Eine sichere Unterscheidung allein anhand äußerer Merkmale ist jedoch nicht immer möglich.
Verbreitung und Lebensraum
Das Verbreitungsgebiet der Westlichen Blindschleiche reicht vom Norden der Iberischen Halbinsel über Frankreich und Deutschland bis ins östliche Mitteleuropa und auf den Balkan. Im Norden kommt sie in Großbritannien, Dänemark, im äußersten Süden Norwegens sowie in Süd- und Teilen Mittelschwedens vor. Die Übergangszone zur Östlichen Blindschleiche verläuft ungefähr von Kaliningrad nach Süden. Frühere Angaben aus Nordwestafrika werden angezweifelt. Größere europäische Verbreitungslücken bestehen unter anderem in Irland, im Süden der Iberischen Halbinsel, auf Mittelmeerinseln und in Nordskandinavien.
Die Art lebt vom Tiefland bis ins Hochgebirge: In Graubünden wurde sie bis 2100 Meter, in den österreichischen Alpen bis 2400 Meter Höhe nachgewiesen. In Deutschland ist sie fast überall verbreitet und gilt als häufigstes Reptil; sie fehlt jedoch auf den meisten Nordseeinseln und in küstennahen Marschgebieten.
Die Blindschleiche ist eurytop, kann also viele unterschiedliche Lebensräume nutzen. Dazu gehören Laubwälder und Waldränder, Hecken, Moore, Heidegebiete, Brachen, Wiesen, Bahndämme, Wegränder, Parks und naturnahe Gärten. Sie bevorzugt dichte, deckungsreiche Pflanzenbestände, eine gewisse Bodenfeuchte sowie nahe beieinanderliegende Sonnenplätze und Verstecke. Als Unterschlupf dienen beispielsweise Erdlöcher, Wurzelräume, Totholz, Steine, Felsspalten, Moospolster, Laub- und Komposthaufen oder Brennholzstapel. An günstigen Plätzen können mehrere Tiere zusammen vorkommen.
Aktivität, Ernährung und Überwinterung
Blindschleichen leben überwiegend verborgen und sind vor allem morgens von 4 bis etwa 10 Uhr sowie abends von 18 bis 21 Uhr aktiv. Bei feucht-mildem Wetter, warmem Nieselregen oder vor Gewittern können sie auch tagsüber außerhalb ihrer Verstecke erscheinen. Zum Aufwärmen nutzen sie unter anderem Totholz, dunklen Boden sowie sonnenwarme Wege und Straßen.
Ihre Hauptnahrung besteht aus Nacktschnecken, Regenwürmern und unbehaarten Raupen. Außerdem fressen sie unter anderem Asseln, Saftkugler, Heuschrecken, Käfer und deren Larven, Blattläuse, Zikaden, Ameisen und kleinere Spinnen. Die Beute wird mit den Kiefern festgehalten und im Ganzen verschluckt; bei einem großen Regenwurm kann dies bis zu einer halben Stunde dauern. Die Sehleistung ist eingeschränkt, und Blindschleichen sind farbenblind. Für Orientierung und Jagd sind daher Geruchs- und Tastsinn besonders wichtig.
Den Winter verbringen die Tiere in Kältestarre beziehungsweise Ruhe in frostsicheren Verstecken. Sie können selbst unterirdische Gänge von 15 bis 100 cm Länge anlegen und deren Öffnungen mit Erde oder Moos verschließen. Oft überwintern 5 bis 30 Tiere gemeinsam, ausnahmsweise mehr als 100. In Mitteleuropa ziehen sich die meisten im Oktober zurück und erscheinen im Tiefland gewöhnlich ab März oder Anfang April wieder.
Fortpflanzung und Feinde
Die Paarungszeit liegt in Mitteleuropa meist zwischen Ende April und Juni. Männchen tragen Kommentkämpfe aus, bei denen sie sich beißen, umschlingen und zu Boden drücken. Bei der Paarung beißt das Männchen das Weibchen in Kopf oder Nacken; die Kopulation kann mehrere Stunden dauern. Nach 11 bis 14 Wochen Tragzeit bringen die Weibchen meist zwischen Mitte Juli und Ende August acht bis zwölf Junge zur Welt; bekannte Extremwerte liegen bei 2 bis 28.
Blindschleichen sind ovovivipar: Die Jungtiere entwickeln sich in Eihüllen im Mutterkörper und werden in einer sehr dünnen, durchsichtigen Hülle geboren, die sie sofort durchstoßen. Sie sind dann 7 bis 10 cm lang und wiegen weniger als ein Gramm. Geschlechtsreif werden sie im Alter von drei bis fünf Jahren bei 12,5 bis 25 cm Gesamtlänge. Während der Aktivitätszeit häuten sie sich jährlich drei- bis viermal. In Gefangenschaft ist ein Alter von 46 Jahren belegt; auch 54 Jahre werden genannt. In freier Natur sind solche Alter wegen Fressfeinden und menschlicher Gefahren sehr unwahrscheinlich.
Zu den natürlichen Feinden gehören besonders Schlingnattern, außerdem Füchse, Dachse, Iltisse, Hermeline, Igel, Wildschweine, Ratten und zahlreiche Vogelarten. Jungtiere werden zusätzlich etwa von Drosseln, Spitzmäusen, großen Laufkäfern, Erdkröten und Eidechsen gefressen. In Siedlungen bedrohen sie vor allem Katzen, Hunde und Hühner. Bei Gefahr windet sich die Blindschleiche, gibt mitunter Harn und Kot ab und kann ein Schwanzstück abwerfen. Der noch minutenlang zuckende Schwanz lenkt Angreifer ab.
Gefährdung und Schutz
Die Blindschleiche profitierte als Kulturfolger zunächst von strukturreichen, halboffenen Landschaften, die durch menschliche Nutzung entstanden. Heute verliert sie jedoch Lebensräume und Tiere durch intensive Land- und Forstwirtschaft, Flurbereinigung, Entwässerung, Bebauung, Straßenverkehr, starke Mäharbeiten und die Beseitigung von Verstecken. Pestizide wie Schneckenkorn können sie vergiften. Viele Tiere werden auf warmen Straßen und Wegen überfahren. Weitere Verluste entstehen durch Hauskatzen sowie dadurch, dass Menschen die harmlose Echse für eine Schlange halten und töten.
Trotz dieser Belastungen ist die Art in Mitteleuropa noch häufig. In Deutschland und der Schweiz gilt sie als nicht gefährdet; in Österreich steht sie als NT auf der Vorwarnliste. In der Schweiz wird allerdings ein Bestandsrückgang im Mittelland und in den Tieflagen der Täler festgestellt. Die Art ist in Deutschland nach Bundesnaturschutzgesetz und Bundesartenschutzverordnung besonders geschützt, wird aber nicht in der FFH-Richtlinie aufgeführt. Sie darf nicht gefangen oder verletzt werden. Blindschleichen sollten insbesondere niemals am hinteren Körperteil festgehalten werden, weil dies den Schwanzabwurf auslösen kann und das Tier dauerhaft verstümmelt bleibt.