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Rabenvögel

Rabenvögel sind mittelgroße bis sehr große Singvögel mit meist kräftigem Schnabel und robustem Körperbau, die im Laufe ihrer Entwicklungsgeschichte eine …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Einordnung und Kennzeichen
  2. 2. Bewegung und Verständigung
  3. 3. Verbreitung und Lebensräume
  4. 4. Ernährung, Vorräte und Zusammenleben
  5. 5. Verwandtschaft und Entwicklung

Einordnung und Kennzeichen

Rabenvögel (Corvidae; auch Corviden) sind eine Familie der Sperlingsvögel (Passeriformes) innerhalb der Singvögel. Sie umfasst rund 135 heute lebende Arten in 25 Gattungen. Die Familie reicht von mittelgroßen bis zu sehr großen, meist kräftig gebauten Singvögeln mit robusten Beinen und kräftigem Schnabel. Ihre hohe Anpassungsfähigkeit, vielseitige Ernährung, ausgeprägtes Sozialverhalten und im Vergleich zu fast allen anderen Vögeln überdurchschnittliche kognitive Fähigkeiten erklären ihren Erfolg in sehr unterschiedlichen Lebensräumen.

Der kleinste Vertreter ist der Zwerghäher (Cyanolyca nanus) mit rund 40 g Gewicht und 20–23 cm Körperlänge. Erzrabe (Corvus crassirostris) und Kolkrabe (Corvus corax) werden 60–70 cm lang und erreichen nachgewiesen 1,5 kg; sie sind damit die größten Sperlingsvögel. Weibchen sind meist etwas kleiner als Männchen, doch überlappen sich ihre Körpermaße. Bodenbewohnende Arten haben tendenziell längere Beine. Viele Arten nutzen auffällig helle Iris oder Nickhäute, eine zusätzliche Augenhaut, als Signal im Sozialverhalten, etwa bei Aggression.

Die Schnäbel sind je nach Nahrung verschieden: Saxaulhäher (Podoces) und Alpenkrähe (Pyrrhocorax pyrrhocorax) haben lange, schlanke, gebogene Schnäbel zum Stochern nach Insekten; fruchtfressende Baumelstern (Dendrocitta) eher kurze, sehr kräftige. Meist sind Schnäbel aber kräftig, länglich und wenig spezialisiert, mit leicht gebogenem First und Hakenspitze. Kehlsäcke oder stark erweiterbare Speiseröhren können Nahrung zwischenspeichern. Auch die Mägen sind angepasst: Fleisch- und Beerenfresser besitzen Weichfressermägen, Samenfresser und Allesfresser oft stark bemuskelte Körnerfressermägen.

Der Hirnschädelraum und damit die Hirnmasse sind im Verhältnis zum Körper größer als bei den meisten anderen Vögeln. Die Hälften des Kleinhirns sind unter allen lebenden Vögeln die größten. Typisch sind Nasalfedern, die den Oberschnabel unterschiedlich stark bedecken. Das Gefieder ist bei Männchen und Weibchen gleich, bei Jungvögeln meist nur etwas weicher, lockerer und gräulicher. Tropenwaldarten sind häufig rot, grün oder blau gefärbt, Arten offener Landschaften gemäßigter Breiten eher grau, braun oder schwarz; kleine auffällige Muster können gleichzeitig als soziale Signale und Tarnung wirken.

Bewegung und Verständigung

Rabenvögel bewegen sich in der Luft, im Geäst und auf dem Boden. Kleine Arten hüpfen am Boden häufig, größere schreiten öfter. Schnellere Bodenbewegungen erfolgen oft im asynchronen, leicht aus der Körperachse gedrehten „Polka-Schritt“. Die stark terrestrischen Saxaulhäher sind schnelle Läufer; viele tropische Arten sind dagegen vor allem im Gestrüpp und in Bäumen beweglich.

Der Flug ist meist zielstrebig, mit bedächtigen kräftigen Flügelschlägen. Langschwänzige Arten mit kurzen Flügeln fliegen eher angestrengt oder wellenförmig. Größere Arten können segeln und auf warmen Luftströmen kreisen; einige vollführen auch Kunstfiguren. Üblich sind zehn Handschwingen und zwölf Steuerfedern, während Piapia (Ptilostomus afer) und Rakettschwanzelstern (Crypsirina) nur zehn Steuerfedern haben.

Trotz ihrer Zugehörigkeit zu den Singvögeln haben Rabenvögel meist keinen melodischen Gesang. Sie besitzen jedoch ein breites, situationsabhängiges Rufrepertoire. Es sind 14 Rufe beim Azurblauraben (Cyanocorax caeruleus) und 80 beim Kolkraben bekannt; einzelne Kolkraben äußern etwa 20 verschiedene Laute. Raues, schrilles oder lautes Rufen signalisiert häufig Furcht, Aggression oder Verzweiflung. Beschwichtigende und werbende Laute sind weicher. Leise, wenig strukturierte Lautserien, Subsong oder Whisper Song, verbinden Rufe außerhalb ihres üblichen Zusammenhangs und werden oft außerhalb größerer Gruppen geäußert.

Viele Rabenvögel ahmen Tierlaute, Umweltgeräusche und auch menschliche Wörter nach und können sie teils passend zum Kontext einsetzen. Die Schmuckkitta (Urocissa ornata) imitiert den Besrasperber (Accipiter virgatus), um vor ihm zu warnen und ihn zu hassen. Von Menschen aufgezogene Raben und Krähen lernten Wörter und Phrasen als etwa Grußformeln zu verwenden. Die vielseitige Kommunikation hängt wahrscheinlich mit ihrer komplexen sozialen Organisation zusammen.

Verbreitung und Lebensräume

Rabenvögel kommen mit Ausnahme des südlichen Südamerika und der Antarktis fast weltweit vor. Ein Schwerpunkt ursprünglicherer Gruppen liegt vom südöstlichen Himalaya bis Südostasien, etwa bei Baumelstern und Kittas (Urocissa). Neuwelthäher leben von Zentralkanada bis Nordargentinien. Östlich der Wallace-Linie kommen außer Raben und Krähen (Corvus) keine Rabenvögel vor. Corvus breitete sich in die Paläarktis, das südliche Afrika und Australien aus, besiedelte auch die Subantarktis, Hawaii und Neuseeland und fehlt nur in Südamerika.

Die Familie bewohnt dichte Tropenwälder ebenso wie offene und halboffene Landschaften aller Klimazonen, Gebirge, Steilküsten, Tundra, Wüsten und menschliche Siedlungen. Saxaulhäher der zentralasiatischen Geröll- und Sandwüsten sowie der Akazienhäher (Zavattariornis stresemanni) des äthiopischen Hochlands nutzen Bäume oder Sträucher fast nur zum Brüten. Raben und Krähen sind besonders vielseitig, weil sie bei Nahrung wenig spezialisiert sind und durch ihre Intelligenz auch schwer erreichbare Nahrung nutzen. Die indische Glanzkrähe (Corvus splendens) lebt ausschließlich nahe menschlicher Siedlungen und verdrängt dort sogar größere Raben und Krähen.

Nur einige Arten der Nordhalbkugel ziehen saisonal; tropische und subtropische Arten sind meist Stand- oder Strichvögel. Adulte nordeuropäische Tannenhäher (Nucifraga caryocatactes) bleiben wegen ihrer Vorräte im Brutgebiet, während unverpaarte Jungvögel bei Nahrungs- oder Nistplatzmangel zu mehreren Tausend nach Südwesten ziehen können. Saatkrähen ziehen im Winter regelmäßig südwärts, ihre Zugdistanz hat in den letzten Jahrzehnten jedoch wohl wegen besseren Nahrungsangebots abgenommen. Der Kolkrabe kann im arktischen Winter an Grönlands Felsklippen ausharren. Alpendohlen (Pyrrhocorax graculus) führen in den europäischen Alpen Höhenwanderungen in wärmere, besiedelte Täler durch.

Anpassungen ermöglichen auch das Überleben unter extremen Bedingungen: Der Meisenhäher (Perisoreus infaustus) toleriert Hypothermie, also eine stark abgesenkte Körpertemperatur, bis zu 4,5 °C. So kann er ganzjährig in borealen Nadelwäldern leben, obwohl ihm um die Polarnacht nur vier bis sechs Stunden täglich zur Nahrungsaufnahme bleiben.

Ernährung, Vorräte und Zusammenleben

Fast alle Rabenvögel fressen sowohl tierische als auch pflanzliche Nahrung: Insekten, Früchte, Samen, Eier, Aas und kleine Wirbeltiere. Die genaue Nahrung ist jedoch je nach Art unterschiedlich. Der Nacktschnabelhäher (Gymnorhinus cyanocephalus) ist auf Samen weniger Kiefernarten spezialisiert, der Kolkrabe vor allem Fleisch- und Aasfresser, Saxaulhäher und Bergkrähen fressen überwiegend Insekten. Rabenvögel suchen meist die gerade verfügbare oder ergiebigste Nahrung und testen unbekannte Gegenstände auf Verwertbarkeit. Dennoch benötigen auch vielseitige Arten wie die Rabenkrähe (Corvus corone) ausgewogene, nährstoffreiche Nahrung.

Nahrung wird vom Boden, von Blättern und Zweigen aufgenommen, aus dem Boden gestochert oder gegraben. Kleine Wirbeltiere werden mit den Füßen gefangen und mit Schnabelhieben getötet. Beim „Zirkeln“ stecken sie den geschlossenen Schnabel in eine Öffnung und versuchen ihn dort kraftvoll zu öffnen, um an Nahrung zu gelangen. Manche Arten verwenden Werkzeuge: Grünhäher (Cyanocorax luxuosa) stocherten mit Zweigen unter Baumrinde nach Insekten. Die neukaledonische Geradschnabelkrähe (Corvus moneduloides) bearbeitet Blattstiele und zieht damit holzbewohnende Larven aus ihren Gängen. Kleptoparasitismus bedeutet das Erbeuten von Nahrung anderer Tiere; Amerikanerkrähen (Corvus brachyrhynchos) nehmen beispielsweise Grauhörnchen Futter ab.

Alle Rabenvögel besitzen einen Verstecktrieb und legen überschüssiges Futter in vielen einzelnen Lagern ab. Sie finden diese Lager selbst nach Monaten und unter tiefem Schnee offenbar mithilfe ihres räumlichen Gedächtnisses, nicht durch Geruch. Beobachtete Verstecke werden oft ausgeraubt; beraubte Vögel lernen daraus und verstecken Nahrung nicht mehr in Gegenwart von Artgenossen. Nicht jedes Versteck wird wiedergefunden, weshalb Rabenvögel zur Ausbreitung vieler Baumarten beitragen.

Alle Arten bilden Schwärme zum Schlafen, Fressen oder Ziehen, jedoch in unterschiedlichem Maß. Saatkrähen brüten und schlafen in großen Kolonien, Nacktschnabelhäher leben durchschnittlich in Schwärmen von 250 Vögeln, adulte Kolkraben meist paarweise. Hierarchien regeln Konflikte um Nahrung und Nistplätze, sind aber nicht zwingend transitiv. Neben Dominanz gibt es freundschaftliche Beziehungen sowie Fürsorge für kranke oder verletzte Artgenossen. Paare pflegen sich gegenseitig und verteidigen gemeinsam ihren Nistplatz.

Rabenvögel sind meist monogam und bilden lebenslange Brutpaare. Länger bestehende Paare haben höhere Ausflugraten ihrer Gelege. Die Brut wird entweder allein durch die Eltern aufgezogen, durch nichtbrütende Artgenossen unterstützt oder der Nachwuchs wird erst nach Monaten bis Jahren selbstständig. Bruthelfer sammeln Erfahrung und helfen außer beim Füttern auch beim Nestbau oder bei der Revierverteidigung. Große Rabenvögel haben wenige Fressfeinde; Kolkraben werden etwa von Wanderfalken erbeutet, können diese aber auch töten. Kleinere Arten fallen häufiger Habichten, Sperbern und anderen spezialisierten Vogeljägern zum Opfer.

Verwandtschaft und Entwicklung

Rabenvögel gelten als eher ursprüngliche Familie der Singvögel. Ihre wahrscheinlichste Schwesterfamilie sind die Eurocephalidae. Die gemeinsame Klade ist Schwestergruppe einer Klade aus Würgern (Lanidae) und Haubenhäher (Platylophidae); auch Paradiesvögel sind näher verwandt. Die Familie entwickelte sich wahrscheinlich in Südostasien. Als ältester bekannter Vertreter gilt Miocorvus larteti aus dem mittleren Miozän Frankreichs; weitere Fossilien sind Miopica paradoxa aus dem späten Miozän der Ukraine und Miocitta galbreathi aus dem oberen Miozän Colorados.

Eine 2023 veröffentlichte DNA-Studie von McCullough et al. bestätigte die Monophylie, also die Abstammung der untersuchten Rabenvögel von einem gemeinsamen Vorfahren, und zeigte grobe Entwicklungslinien. Bergkrähen (Pyrrhocorax; 2 Arten) sind die Schwestergruppe aller übrigen Corviden. Früh abgetrennte, südostasiatische Gruppen sind unter anderem Rakettschwanzelstern (Crypsirina; 2 Arten), Baumelstern (Dendrocitta; 7 Arten), Leiterschwanzelster (Temnurus temnurus), Trauerelstern (Platysmurus; 2 Arten), Grünelstern (Cissa; 4 Arten) und Kittas (Urocissa; 5 Arten).

Zu weiteren Linien gehören Blauelstern (Cyanopica; 2 Arten) und Unglückshäher (Perisoreus; 3 Arten), die Neuwelthäher sowie die Corvinae. Neuwelthäher entstanden, nachdem ihr gemeinsamer Vorfahr vor 8–10 Millionen Jahren über eine Landbrücke Nordamerika erreichte; ihr Kiefergelenk unterstützt Hämmern mit geöffnetem Schnabel. Die vergleichsweise junge Gruppe aus Echten Elstern (Pica; 7 Arten), Nussknackern (Nucifraga; 4 Arten), Dohlen (Coloeus; 2 Arten) sowie Raben und Krähen (Corvus; 48 Arten) enthält besonders erfolgreiche und weit verbreitete Formen. Die Zugehörigkeit des Haubenhähers (Platylophus galericulatus) zu den Rabenvögeln ist umstritten; viele jüngere Studien sehen ihn aufgrund osteologischer Merkmale und seines Verhaltens nicht als Rabenvogel an.

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