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Igel
Die Igel oder Erinaceidae bilden eine Familie von Säugetieren, deren in Europa bekannteste Vertreter die Arten Braunbrustigel (Erinaceus europaeus) und …
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Überblick und Einordnung
Igel (Erinaceidae) sind eine Familie kleiner bis mittelgroßer Säugetiere aus der Ordnung der Insektenfresser (Eulipotyphla). Die Familie umfasst 34 Arten in Eurasien und Afrika. In Europa sind besonders der Braunbrustigel (Erinaceus europaeus), der typischerweise in West- und Mitteleuropa vorkommt, und der Nördliche Weißbrustigel (Erinaceus roumanicus) bekannt. Ihre Verbreitungsgebiete überlappen sich in einem etwa 200 Kilometer breiten Gebiet vom westlichen Polen über Tschechien und Österreich bis zur norditalienischen Adriaküste.
Es gibt zwei äußerlich klar verschiedene Unterfamilien: die Stacheligel (Erinaceinae) mit Stacheln als Schutz und die stachellosen Ratten- oder Haarigel (Galericinae). Der Braunbrustigel wurde 2009 von der Schutzgemeinschaft Deutsches Wild und 2024 von der Deutschen Wildtier Stiftung zum Tier des Jahres gewählt.
Körper, Stacheln und Sinne
Je nach Art beträgt die Kopf-Rumpf-Länge 10 bis 45 Zentimeter. Der Große Rattenigel kann bis zu 2 Kilogramm wiegen, während der Kleine Rattenigel nur 20 bis 80 Gramm erreicht. Die Gliedmaßen sind kurz und unspezialisiert. Igel sind Sohlengänger; ihre Füße haben meist fünf Zehen mit scharfen Krallen. Nur Afrikanische Igel besitzen an den Hinterfüßen vier Zehen. Schien- und Wadenbein sind in der unteren Hälfte verschmolzen. Bei Rattenigeln sind die Hinterbeine etwas länger als die Vorderbeine und ermöglichen eine rasche Flucht.
Stacheligel besitzen am Rücken und an den Flanken umgewandelte, hohle Haare als Stacheln; ein Braunbrustigel hat etwa sechs- bis achttausend davon. Jeder Stachel hat einen Aufrichtemuskel (Musculus arrector pili). Bei Gefahr können Stacheligel den Körper zu einer Kugel einrollen: Der Musculus caudo-dorsalis richtet die Stacheln auf, während der Ringmuskel Musculus sphincter cuculli die Kugel geschlossen hält. Bauch, Gesicht und Gliedmaßen bleiben dabei fellbedeckt. Rattenigel haben keine Stacheln, ähneln oft Spitzmäusen und verteidigen sich durch Flucht.
Der Schädel ist langgestreckt und flach; geschlossenem Jochbogen und selbständigem Jochbein unterscheiden Igel von den meisten anderen Insektenfressern. Die bewegliche Schnauze trägt Tasthaare. Geruchssinn und Gehör sind für die Nahrungssuche besonders wichtig, das Sehen ist weniger bedeutend. Das Gehirn ist im Verhältnis zur Körpermasse klein und einfach gebaut, der Riechkolben aber gut entwickelt; auch das Jacobsonsche Organ wird genutzt. Die Zähne mit spitzen Höckern und scharfen Schmelzleisten sind an fleischliche Nahrung angepasst. Igel haben 36 bis 44 Zähne; bei einigen Arten ist die ursprüngliche Zahnzahl der Höheren Säugetiere von 44 erhalten. Der Verdauungstrakt ist einfach: Es gibt keinen Blinddarm, und der Darm ist kurz. Weibchen haben eine zweihörnige Gebärmutter, Männchen Hoden außerhalb der Bauchhöhle in Cremasterfalten.
Verbreitung, Lebensräume und Alltag
Igel kommen ausschließlich in der Alten Welt vor: in Europa, Afrika und Teilen Asiens, nicht aber in Amerika oder Australien. Stacheligel reichen von den Britischen Inseln und der Iberischen Halbinsel bis nach Südafrika sowie Korea und Indien. Rattenigel leben nur in Südostasien. Die nicht näher verwandten australischen Ameisenigel gehören zu den Kloakentieren; ihren Namen erhielten sie wegen äußerer Ähnlichkeiten wie Stachelkleid und Nahrungsspektrum.
Stacheligel bevorzugen eher trockene Lebensräume, etwa lichte Wälder, Grasländer und Kulturlandschaften. Wüsten- und Langohrigel sind an Steppe und Wüste angepasst. Rattenigel leben vor allem in feuchten Regenwäldern. Igel sind überwiegend bodenlebend. Manche können klettern, schwimmen oder legen Trampelpfade durch dichtes Unterholz an; der Große Rattenigel sucht auch im Wasser Nahrung. Stacheligel graben meist Baue mit versteckten Eingängen und trockener Vegetation als Nestmaterial. Rattenigel verstecken sich eher in Felsspalten, Wurzelwerk oder Erdlöchern.
Außerhalb der Paarungszeit leben Igel meist allein. Sie sind vor allem in der Dämmerung und nachts aktiv; einige Rattenigel suchen auch tagsüber Nahrung. In kühlen Regionen halten sie bei durchschnittlichen Temperaturen unter 5 °C Winterschlaf. Dabei sinkt die Körpertemperatur von normalerweise 36 °C auf bis zu etwa 2 °C. Arten heißer Gebiete können in Trockenzeiten in Torpor fallen, einen Starrezustand.
Nahrung und Fortpflanzung
Igel fressen hauptsächlich Wirbellose, zum Beispiel Insekten und ihre Larven, Ringelwürmer und Schnecken. Würmer und Schnecken dienen bei Nahrungsmangel nur als Notbehelf, weil sie Krankheitserreger übertragen können. Daneben jagen Igel kleine Wirbeltiere und fressen Aas. Pflanzliches Material wie Früchte wird gelegentlich versehentlich aufgenommen, kann aber nicht verdaut werden. Igel fressen daher keine Äpfel oder Pilze, sondern durchsuchen sie höchstens nach essbaren Tieren wie Maden. Auch die Vorstellung, sie lagerten Nahrung auf ihren Stacheln, ist falsch: Aufgespießte Blätter oder Früchte werden unabsichtlich aufgenommen und nicht als Vorrat genutzt.
Igel bekommen einmal jährlich Nachwuchs, in wärmeren Regionen auch zweimal. Nach einer Tragzeit von rund 30 bis 48 Tagen bringt das Weibchen ein bis elf Jungtiere zur Welt; bei europäischen Arten sind es durchschnittlich vier bis fünf. Neugeborene Stacheligel haben weiche Stacheln, damit der Geburtskanal nicht verletzt wird. Sie sind zunächst blind und hilflos, öffnen nach 12 bis 24 Tagen die Augen und werden nach sechs bis acht Wochen von der Muttermilch entwöhnt. Die Geschlechtsreife beginnt meist mit 6 bis 12 Monaten. Soweit bekannt, liegt die Lebenserwartung in freier Natur bei drei bis sieben Jahren.
Gefährdung und Systematik
Die Bestände von Igeln in Deutschland, Großbritannien und weiteren Ländern sind seit Mitte der 1990er Jahre oder früher deutlich zurückgegangen. Heiße, trockene Sommer fördern das Insektensterben und machen Böden trocken und hart. Wärmere Winter unterbrechen oder verkürzen den Winterschlaf; dann finden Igel wegen fehlender Insekten keine Nahrung. Auch Pestizide schaden ihnen. Veraltete Rasenmähroboter ohne Igelschutzfunktion können dämmerungs- oder nachtaktive, eingerollte Igel verletzen oder töten. Regenwaldbewohnende Rattenigel leiden unter der Abholzung tropischer Regenwälder; die IUCN stuft zwei Arten als „stark gefährdet“ (endangered) und eine als „gefährdet“ (vulnerable) ein.
Die genaue systematische Stellung ist umstritten. Traditionell gehören Igel zu den Insektenfressern. Molekulargenetische Untersuchungen seit Beginn des 21. Jahrhunderts ordneten sie teilweise als eigene Ordnung Erinaceomorpha an der Basis der Höheren Säugetiere ein. Diese Ergebnisse wurden kritisiert, weil mitochondriale DNA bei Igeln rasch evolviert und eine hohe Mutationsrate besitzt. Spätere Analysen nukleärer und mitochondrialer Gene stützen wieder die Zugehörigkeit zu den Insektenfressern; diese Auffassung gewinnt zwar an Evidenz, ist aber nicht völlig unumstritten. Als nächste Verwandte gelten dabei die Spitzmäuse.
Innerhalb der Familie gibt es 11 Gattungen und 34 Arten. Die Stacheligel umfassen Kleinohrigel (Erinaceus), Afrikanische Igel (Atelerix), Steppenigel (Mesechinus), Langohrigel (Hemiechinus) und Wüstenigel (Paraechinus). Zu den Rattenigeln zählen unter anderem Großer Rattenigel (Echinosorex), Kleine Rattenigel (Hylomys), Neohylomys, Spitzmausigel (Neotetracus), Langohr-Rattenigel (Otohylomys) und Philippinen-Rattenigel (Podogymnura). Die Trennung beider Unterfamilien begann im Unteren Eozän vor rund 53,4 Millionen Jahren. Deshalb schlugen Anna A. Bannikova und Kollegen 2014 vor, sie wegen ihrer genetischen und körperlichen Unterschiede zu Familien hochzustufen. Die Fossilgeschichte reicht bis ins Paläozän zurück; Litolestes aus Nordamerika gilt als ältester bekannter Vertreter. Im Pliozän dürften Igel in Amerika ausgestorben sein.