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Wandermotiv

Das Wandermotiv ist ein literarisches und bildnerisches Motiv der Romantik, einer europäischen Kunst- und Stilepoche zwischen 1795 und 1848.

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Kern des Wandermotivs
  2. 2. Freiheit und Gefährdung
  3. 3. Suche, Reifung und Abenteuer
  4. 4. Typische Darstellungen und Werke

Kern des Wandermotivs

Das Wandermotiv ist ein literarisches und bildnerisches Motiv der Romantik, einer europäischen Kunst- und Stilepoche zwischen 1795 und 1848. Der Wanderer verlässt seine vertraute Umgebung und bewegt sich durch eine fremde Welt. Dabei schwankt er häufig zwischen Fernweh, also dem Verlangen nach der Ferne, und Heimweh, der Sehnsucht nach der Heimat.

Das Wandern steht oft für die Ablehnung gesellschaftlicher Konventionen und des gewöhnlichen Lebens zu Hause. Zugleich begegnet der Wanderer der von der Zivilisation unberührten Natur, die sich in eine Märchenwelt verwandeln kann. Häufig wird er außerdem auf unterschiedliche Weise mit dem christlichen Mittelalter konfrontiert. Typische begleitende Motive sind die Blaue Blume, Fabelwesen wie Feen und Gespenster sowie Sehnsucht und Fernweh.

Freiheit und Gefährdung

Das Wandermotiv besitzt eine Polarstruktur, verbindet also zwei entgegengesetzte Bedeutungen. Einerseits steht die Wanderung für ein positiv empfundenes Verlangen nach Freiheit. Andererseits warnt sie vor den Gefahren des ruhelosen Schweifens in der Ferne.

Das Motiv ist unlösbar mit Figuren wie Ahasver, Kain und Odysseus verbunden. Der Wanderer kann freiwillig aufbrechen, aber auch zur Wanderung gezwungen werden. In beiden Fällen bedeutet das Verlassen der Heimat, dass vertraute Sicherheiten aufgegeben werden und eine Neuorientierung notwendig wird.

Suche, Reifung und Abenteuer

Als Suche unterstreicht die Wanderung die weltoffene Haltung einzelner Figuren auf einer Bildungsreise. Eine Bildungsreise dient dem Lernen und der persönlichen Entwicklung. Ihre einzelnen Stationen können zugleich als Stationen der Lebensfahrt erscheinen. Dadurch wird das Wandern zu einer Darstellung von Selbstverwirklichung, Erfahrungssuche und Reifung.

Eng damit verbunden ist das Abenteuer. Innere Ruhelosigkeit und die Suche nach einer göttlichen Ordnung treten häufig gemeinsam mit dem Wanderer auf. Der Artikel stellt diese Suche in den Zusammenhang mit der Enttäuschung des Volkes über das politische System der Französischen Revolution.

Ritterliche Helden, religiöse Sucher und Spaziergänger können unterwegs einen Überblick über das gesamte Dasein gewinnen. Andere Wanderer werden vor allem vom Widerspruchsgeist gegen das konventionelle Leben zu Hause angetrieben. Ihre Gestalten verbinden unterschiedliche und teilweise gegensätzliche Eigenschaften: Sie erscheinen als reine Idealisten oder Toren, als Abenteurer oder Denker, als sehnsüchtige Taugenichtse oder revolutionäre Welterneuerer.

Typische Darstellungen und Werke

Eine Wanderung kann erzwungen sein. Dann irrt der Wanderer heimatlos und suchend umher. In Shakespeares „King Lear“ wird die Hauptfigur in die Fremde gestoßen und sucht vergeblich nach Obdach. Dieses Ausgesetztsein verlangt eine Neuorientierung und entspricht einer „Vertreibung aus dem Paradies“. Die Wanderung wird dadurch zu einer Prüfung, die den Menschen stählt und läutert.

In der Romantik ist die Darstellung des Wanderns besonders stark auf Gefühle bezogen. Die Sehnsucht nach dem Unbekannten treibt den Wanderer in die Ferne. Er lässt zweckorientierte Vorstellungen der Heimat zurück, erlebt verschiedene Abenteuer, betrachtet die Schönheit der Natur und versteht schließlich das gesamte Dasein als fortgesetzte Wanderung. Als Vergleich wird J. R. R. Tolkiens „Der Hobbit“ genannt.

Das Motiv erscheint auch in Caspar David Friedrichs Gemälde „Der Wanderer über dem Nebelmeer“. Ludwig Tiecks Roman „Franz Sternbalds Wanderungen“ gilt als wichtiges Dokument des Motivs in der deutschen Frühromantik. In Gustav Mahlers vierteiligem Liederzyklus „Lieder eines fahrenden Gesellen“ geht ein Geselle auf Wanderschaft und lässt eine unerfüllte Liebe in seiner Heimat zurück. Eine zentrale Stellung besitzt das Motiv außerdem in Joseph von Eichendorffs „Aus dem Leben eines Taugenichts“.

Franz Schubert griff das Wandermotiv mehrfach musikalisch auf, unter anderem im Liederzyklus „Winterreise“ sowie in den Liedern „Der Wanderer“ und „Der Wanderer an den Mond“.

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