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Bilanzanalyse
Liquiditätsanalyse. Bearbeiten · Deckungsgrad A · Deckungsgrad B · Liquidität 1.Grades · Liquidität 2.Grades · Liquidität 3.Grades · Cashflow. Vermögensanalyse.
Inhalt5 Abschnitte
Grundlagen und Ziel der Bilanzanalyse
Die Bilanzanalyse, auch Jahresabschlussanalyse genannt, untersucht die gegenwärtige und zukünftige wirtschaftliche Lage eines bilanzierenden Unternehmens. Grundlage ist der Jahresabschluss mit Bilanz, Gewinn- und Verlustrechnung (GuV) und Anhang; gegebenenfalls wird der Lagebericht ergänzt. Die Analyse kann intern durch das Unternehmen selbst oder extern durch Analysten erfolgen.
Aus den veröffentlichten Abschlussdaten werden betriebswirtschaftliche Kennzahlen und Kennzahlensysteme gebildet. Sie sollen insbesondere Auskunft darüber geben, ob das Unternehmen seine externen Verpflichtungen erfüllen kann, künftig Gewinne erzielen und wachsen kann. Formal wird außerdem geprüft, ob der Jahresabschluss ordnungsgemäß ist; materiell steht die wirtschaftliche Lage im Mittelpunkt.
Die zentrale Vorschrift im deutschen Recht ist § 264 Abs. 2 HGB: „Der Jahresabschluss der Kapitalgesellschaft hat unter Beachtung der Grundsätze ordnungsmäßiger Buchführung ein den tatsächlichen Verhältnissen entsprechendes Bild der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage der Kapitalgesellschaft zu vermitteln.“ Trotz gesetzlicher Vorgaben besitzt ein Unternehmen erhebliche Darstellungs- und Bewertungsspielräume. Diese ermöglichen Bilanzpolitik, darunter die Bilanzkosmetik, mit der sich ein Unternehmen im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten öffentlich günstiger darstellen kann. Bei einer externen Analyse können die tatsächlichen wirtschaftlichen Verhältnisse deshalb in der Regel nicht vollständig ermittelt werden.
Interessenten und Analyseanlässe
Zu den wichtigsten Interessenten gehören Gläubiger wie Kreditinstitute und Lieferanten, Eigenkapitalgeber wie Gesellschafter und Aktionäre, erfolgsbeteiligte Manager, Kreditversicherungen, Ratingagenturen, Auskunfteien, Unternehmensführung, Mitarbeiter, Kunden, Finanzamt, Konkurrenten sowie die Öffentlichkeit, etwa Gemeinde- oder Stadtrat, Presse und Bevölkerung.
Externe Interessenten untersuchen vor allem die gegenwärtige Ertragslage und die zukünftige Ertragskraft. Wegen fehlender interner Daten gewinnen sie jedoch meist nur einen groben Überblick. Die ermittelten Kennzahlen können Entscheidungen über Kredite, Versicherungen, Ratings oder andere wirtschaftliche Beziehungen unterstützen.
Eine interne Bilanzanalyse dient häufig als Vorstufe des internen Controllings, etwa zur Erfolgsspaltung. Möglich sind Zeitvergleiche, Soll-Ist-Vergleiche und Benchmarks. Außerdem kann die Analyse eine Unternehmensbewertung vorbereiten. Umfang, Art und Ausgestaltung richten sich jeweils nach dem Analysezweck; standardisierte Regeln gibt es nicht. Kreditinstitute, Versicherungen und Ratingagenturen können dafür eigene Bilanzanalysesysteme verwenden.
Qualitative Analyse und Aufbereitung
Die qualitative Bilanzanalyse ergänzt die mathematische Betrachtung von Bilanz und GuV durch eine verstärkte Auswertung von Anhang und Lagebericht. Dadurch soll die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage besser verständlich werden.
Bei der Bilanzierung wird geprüft, ob sich die Bilanzierung gegenüber dem Vorjahr verändert hat oder von einer üblichen beziehungsweise Normbilanzierung abweicht. Diese progressive Bilanzierung kann durch Bilanzierungswahlrechte und Ermessensspielräume bei Ansatz und Bewertung beeinflusst sein. Anschließend wird untersucht, ob solche Änderungen den Gewinn, andere Bilanzposten oder GuV-Positionen verändert haben.
Freiwillige Zusatzinformationen, beispielsweise zur Auftragsentwicklung, können positiv bewertet werden. Bei Pro-Forma-Kennzahlen ist Vorsicht geboten, weil sie häufig von den gewöhnlichen Definitionen abweichen. Die syntaktische Analyse untersucht bevorzugte Wortwahl und die Genauigkeit der Formulierungen. Unpräzise Aussagen wie „gute Umsatzentwicklung“ statt „Umsatzsteigerung von 30 Mio. auf 40 Mio.“ können auf eine Unternehmenskrise oder Verschleierung hindeuten. Die semantische Analyse zählt die Häufigkeit negativer Begriffe wie „Stagnation“ und „Verschlechterung“ sowie positiver Formulierungen wie „Stärkung“ und „Maximierung“.
Durch Aufbereitungsmaßnahmen entstehen Strukturbilanz und Struktur-GuV als Grundlage der quantitativen Analyse. Einzelne Abschlusspositionen werden saldiert, umgegliedert und neu sortiert, damit die wirtschaftliche Lage realitätsnäher als nach den rechtlichen Gliederungsvorschriften erscheint. So lassen sich beispielsweise Schuldendienstdeckungsfähigkeit und nachhaltige Ertragskraft besser beurteilen. Außerdem steigt die Vergleichbarkeit mit Unternehmen derselben Branche. Einflüsse aus bilanzpolitischen Spielräumen, Sondereinflüsse und steuerliche Verzerrungen sollen möglichst beseitigt werden.
Kennzahlen und Kennzahlensysteme
Die quantitative Bilanzanalyse befasst sich vor allem mit der Bildung von Kennzahlen. Da viele Kennzahlen mit unterschiedlichen Definitionen und Mindestgrenzen existieren, müssen zunächst die Ziele der Analyse festgelegt werden. Danach werden geeignete Kennzahlen ausgewählt. Ihre Anzahl sollte angemessen sein: Zu wenige können ein falsches Bild erzeugen, zu viele den Überblick erschweren. Für manche Kennzahlen werden zusätzliche Daten aus dem internen Rechnungswesen benötigt; die im Artikel genannten Kennzahlen können direkt aus dem Jahresabschluss ermittelt werden.
Zur Rentabilitätsanalyse gehören Eigenkapitalrentabilität, Cashflow-Rentabilität, Gesamtkapitalrentabilität vor und nach Steuern, Umsatzrentabilität, Kapitalumschlagshäufigkeit, RONA/ROCE und Kosten-Umsatz-Relation. Es gilt:
Cashflow-Rentabilität = (Jahresüberschuss + Abschreibungen) / Gesamtkapital.
Beim RONA (return on net assets) besteht der Nenner aus Anlagevermögen zuzüglich Working Capital. Beim ROCE (return on capital employed) setzt er sich aus dem Gesamtkapital zusammen. Daher bezeichnet RONA die Rendite des eingesetzten Vermögens, ROCE die Rendite des eingesetzten Kapitals:
RONA/ROCE = EBIT / gebundenes Vermögen bzw. gebundenes Kapital.
Die Liquiditätsanalyse umfasst Deckungsgrad A, Deckungsgrad B, Liquidität 1., 2. und 3. Grades sowie den Cashflow. Die Vermögensanalyse verwendet Vermögensintensität, Anlagenintensität, Umlaufintensität, Vorratsintensität, Sachanlagenbindung, Forderungsbindung, Debitorenziel und Kreditorenziel. Wichtige Formeln sind:
Vermögensintensität = Anlagevermögen / Umlaufvermögen. Umlaufintensität = Umlaufvermögen / Gesamtvermögen. Sachanlagenbindung = Anlagevermögen / Umsatzerlöse. Forderungsbindung = Forderungen aus Lieferungen und Leistungen / Umsatzerlöse.
Zur Finanzierungsanalyse gehören Eigenkapitalquote, statischer Verschuldungsgrad I und Selbstfinanzierungsgrad. Der Selbstfinanzierungsgrad lautet:
Selbstfinanzierungsgrad = Gewinnrücklagen / Eigenkapital.
Die Ergebnisanalyse betrachtet Personalintensität, Umsatz pro Mitarbeiter, Gewinn pro Mitarbeiter, Lohnniveau, Materialintensität, Herstellungsintensität, Forschungsintensität und Investitionsdeckung. Es gilt:
Umsatz pro Mitarbeiter = Umsatzerlöse / Mitarbeiterzahl. Gewinn pro Mitarbeiter = Betriebsergebnis / Mitarbeiterzahl. Lohnniveau = Personalaufwand / Mitarbeiterzahl. Herstellungsintensität = (Materialaufwand + Personalaufwand) / Umsatzerlöse.
Neben Einzelkennzahlen können das Du-Pont-Schema, das ZVEI-Kennzahlensystem, das RL-Kennzahlensystem und Umschlagskennzahlen eingesetzt werden. Der Economic Value Added prüft, ob das Nettoergebnis nach Steuern größer als die Kapitalkosten ist und das Unternehmen damit wertschaffend arbeitet.
Vergleich, Auswertung und Grenzen
Einzelne Kennzahlen haben nur eine begrenzte Aussagekraft. Erst durch Vergleiche lassen sich Ergebnisse einordnen. Beim Zeitvergleich werden statische Bilanzzahlen dynamisiert, um Trends und mögliche künftige Entwicklungen zu erkennen. Der Betriebsvergleich stellt ein Unternehmen anderen Unternehmen gegenüber. Dabei muss ein wirklich vergleichbares Unternehmen gefunden werden; selbst innerhalb einer Branche können große Unterschiede bestehen. Bei diversifizierten Unternehmen ist die Branchenzugehörigkeit möglicherweise nicht eindeutig. Zusätzlich sind Unterschiede in Rechtsform, Rechnungslegung und Besteuerung zu beachten. Beim Plan-, Soll- und Ist-Vergleich werden Planzahlen mit den tatsächlichen Zahlen verglichen.
Neben Kennzahlen müssen Zusatzinformationen wie Markttrends und mögliche künftige Produkterschwernisse berücksichtigt werden, beispielsweise neue Steuerpläne oder Verbote. Die Auswertung umfasst die Bewertung der wirtschaftlichen Verhältnisse und endet mit der Ermittlung eines Ratings.
Die Aussagekraft der Bilanzanalyse ist begrenzt. Sie beruht auf gesetzlichen Bilanzierungsvorschriften, wodurch dem Analysten wichtige Hintergrundinformationen aus dem Rechnungswesen verborgen bleiben. Außerdem beziehen sich die Abschlussdaten auf die Vergangenheit und geben nicht zwingend die aktuelle wirtschaftliche Lage wieder. Bei kleineren Unternehmen liegt zwischen Erstellung und Veröffentlichung häufig ein größerer Zeitraum; bei Großunternehmen können Quartalsberichte diese Aktualitätslücke teilweise überbrücken. Bilanz und GuV enthalten meist stark zusammengefasste Daten, sodass wichtige Einzelinformationen fehlen.
Darüber hinaus können Bilanzpolitik, insbesondere Bewertungswahlrechte und Ermessensspielräume nach dem Grundsatz der vernünftigen kaufmännischen Beurteilung, Bilanzpositionen und GuV erheblich beeinflussen. Deshalb muss stets untersucht werden, ob und in welchem Umfang das Unternehmen eine konservative oder progressive Bilanzpolitik verfolgt.