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Biedermann und die Brandstifter
Biedermann und die Brandstifter ist ein Drama des Schweizer Schriftstellers Max Frisch. Es handelt von einem Bürger namens Biedermann, der zwei Brandstifter …
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Gegenstand und Entstehung
Biedermann und die Brandstifter ist ein Drama des Schweizer Schriftstellers Max Frisch. Im Mittelpunkt steht der wohlhabende Bürger Gottlieb Biedermann, der zwei Brandstifter in sein Haus aufnimmt, obwohl sie von Anfang an erkennen lassen, dass sie es anzünden werden. Der Untertitel lautet „Ein Lehrstück ohne Lehre“.
Der Stoff entstand in mehreren Fassungen. Eine erste Prosaskizze mit dem Titel Burleske schrieb Frisch 1948 unter dem Eindruck der Machtübernahme der Kommunisten in der Tschechoslowakei. 1952 erhielt er vom Bayerischen Rundfunk den Auftrag für ein Hörspiel. Daraus entstand Herr Biedermann und die Brandstifter, das 1953 gesendet wurde. In dieser Fassung überlebt Biedermann den Brand und wird anschließend vom „Verfasser“ interviewt. Dieser erklärt, Biedermann habe den Brand ermöglicht, ohne ihn ausdrücklich zu verurteilen, und spricht vom „Herrn Biedermann in uns selbst“.
1957 arbeitete Frisch das Hörspiel zum Theaterstück um. Die Bühnenfassung Biedermann und die Brandstifter wurde am 29. März 1958 im Schauspielhaus Zürich unter der Regie von Oskar Wälterlin uraufgeführt. Weil die Aufnahme dort einseitig antikommunistisch ausfiel und Frisch seine Absicht missverstanden sah, schrieb er ein Nachspiel. Es wurde bei der deutschen Erstaufführung am 28. September 1958 an den Städtischen Bühnen Frankfurt erstmals aufgeführt. Das Stück gehört zu den bekanntesten Dramen Frischs und wird häufig im Deutschunterricht behandelt.
Handlung des Dramas
Gottlieb Biedermann, ein wohlhabender Haarwasserfabrikant und Hauseigentümer, liest von einer Serie von Brandstiftungen. Die Täter geben sich als harmlose Hausierer aus, nisten sich auf Dachböden ein und brennen die Häuser später nieder. Als der ehemalige Ringer und Obdachlose Josef Schmitz erscheint, bittet er um Unterkunft und beklagt, ständig für einen Brandstifter gehalten zu werden. Biedermann will als Menschenfreund erscheinen und lässt ihn auf dem Dachboden schlafen, obwohl er kurz zuvor seinen Angestellten Knechtling rücksichtslos entlassen hat.
Babettes Versuch, Schmitz am nächsten Morgen aus dem Haus zu weisen, scheitert. Schmitz beruft sich auf seine schwere Kindheit und gewinnt auch Biedermanns Frau für sich. Kurz darauf erscheint Wilhelm Maria Eisenring unter dem Vorwand, Vertreter der Feuerversicherung zu sein. Schmitz erkennt in ihm seinen Kumpanen. Beide verbringen die Nacht auf dem Dachboden. Dort entdeckt Biedermann schließlich mehrere Fässer mit Benzin. Als ein Polizist ihm mitteilt, Knechtling habe sich das Leben genommen, behauptet Biedermann auf Nachfrage, die Fässer enthielten „Haarwasser“. Gegenüber dem Chor spielt er den Arglosen und erklärt, man dürfe nicht von jedem Menschen nur das Schlechteste denken.
Biedermanns Verdacht und Angst wachsen. Um die Gäste nicht zu Feinden zu machen, lädt er sie zum Abendessen ein. Schmitz und Eisenring sprechen offen über Zündkapseln, brennbare Holzwolle und die Zündschnur, die sie mit Biedermanns Hilfe ausmessen. Eisenring erklärt, die „beste und sicherste Tarnung“ sei die „blanke und nackte Wahrheit“, weil niemand sie glaube. Dr. phil., ein Akademiker, tritt hinzu. Er ist ebenfalls Brandstifter, handelt jedoch aus ideologischen Motiven und nicht aus Freude am Feuer.
Beim Abendessen weist Biedermann die Witwe Knechtling ab, die wegen des Todes ihres Mannes zu ihm kommt. Schmitz parodiert später eine Szene aus Hugo von Hofmannsthals Jedermann, indem er mit einem Tischtuch als Geist auftritt und „Jedermann!“ zu „Biedermann!“ verändert. Als er sich als Knechtlings Geist bezeichnet, ist Biedermann kurz betroffen, singt aber bald wieder mit. Ferne Sirenen beruhigen ihn zunächst; Eisenring erklärt jedoch, die Feuerwehr werde stets vom Brandort weggelockt. Trotz aller Hinweise hält Biedermann an der Vorstellung fest, Schmitz und Eisenring seien seine Freunde. Er übergibt ihnen sogar heimlich die Streichhölzer. Danach geht sein Haus in Flammen auf, mehrere Gasometer explodieren. Dr. phil. verliest erst im letzten Moment eine Erklärung, in der er sich von der Verbrechenslust der anderen Brandstifter distanziert.
Figuren und ihre Funktionen
Gottlieb Biedermann ist ein ehrgeiziger Geschäftsmann, dem Ansehen und Beliebtheit wichtig sind. Er beherrscht die Verdrängung und möchte als „kein Unmensch“ gelten. Seine energische „Macher“- und „Herr im Haus“-Pose funktioniert nur gegenüber Menschen, die ihm gehorchen. Gegenüber den Brandstiftern ist er feige und ängstlich. Spätestens mit der Lüge, die Benzinfässer enthielten Haarwasser, macht er sich zu ihren Komplizen. Seine Unwahrhaftigkeit richtet sich auch gegen ihn selbst: Er biegt sich die Wirklichkeit so zurecht, dass „nicht sein kann, was nicht sein darf“.
Babette Biedermann ist eine pflichtbewusste Hausfrau. Sie erkennt die Gefahr teilweise früher als ihr Mann und versucht, Schmitz hinauszuweisen. Aus Angst, unhöflich zu wirken oder ihn zu kränken, leugnet sie ihre Absicht jedoch. Ihre Fragen machen Eisenrings Rolle als Brandstifter deutlicher, doch ihr fehlt die Energie, das Unheil aufzuhalten. Außerdem ist ihr Mann in der Ehe dominant.
Josef Schmitz, genannt Sepp, ist ein großer, stämmiger ehemaliger Schwergewichtringer. Er tritt dreist und bedrohlich auf, erweckt aber zugleich durch sentimentale Erzählungen Mitleid. Er drängt die Bewohner des Hauses in die Defensive und nutzt Biedermanns Misstrauen und schlechtes Gewissen aus. Seine scheinbare Ungebildetheit wird durch seinen intelligenten und kreativen Umgang mit dem Jedermann-Stoff in Frage gestellt.
Wilhelm Maria Eisenring, genannt Willi, ist ein ehemaliger Kellner. Er verschafft sich als angeblicher Versicherungsvertreter Zutritt zum Haus und organisiert die Brandvorbereitungen. Trotz höflicher Sprache ignoriert er Biedermanns Anweisungen und provoziert die Familie. Seine Äußerungen zeigen Ressentiments gegenüber Reichen und ein Rachebedürfnis.
Dr. phil. ist ein Akademiker aus gutem Haus. Er beteiligt sich an der Brandstiftung aus ideologischen Motiven, nicht aus Freude am Feuer. Seine Distanzierung von Schmitz und Eisenring erfolgt erst, als sie praktisch wirkungslos ist. Anna, das Dienstmädchen, macht als Statussymbol den Wohlstand der Biedermanns sichtbar. Gegen Ende regt sich in ihr Widerstand, doch auch sie gelangt im Nachspiel in die Hölle, weil sie ihre Arbeitgeberin bestohlen hat. Der Polizist lässt sich durch die Erklärung „Haarwasser“ täuschen. Die Witwe Knechtling bleibt während ihres Auftritts stumm und wird von Biedermann abgewiesen.
Chor und Nachspiel
Der aus Feuerwehrmännern bestehende Chor erinnert an den Chor der griechischen Tragödie. Er beschreibt und kommentiert Ereignisse, warnt das Publikum und ermahnt Biedermann. Zugleich symbolisiert er Weltwissen, Weltgewissen und möglicherweise Biedermanns bessere Einsicht. Die Feuerwehrleute sind jedoch nicht allwissend; sie sind auf Beobachtungen und Hinweise angewiesen.
Die Besetzung des Chores mit Feuerwehrmännern erzeugt einen Verfremdungseffekt. Ihre förmliche Sprache und die verwendeten Daktylen passen teilweise nicht zum Inhalt und verleihen den Chorpassagen ein parodistisches Element. Der Chor schafft Abstand zur Handlung und ermöglicht dem Publikum, vergangene, gegenwärtige und bevorstehende Ereignisse zu überdenken. Er sieht die Katastrophe von Anfang an voraus.
Im Nachspiel glauben Gottlieb und Babette zunächst, im Himmel zu sein, weil sie die Zehn Gebote befolgt hätten. Nach dem Auftreten der übrigen Figuren erkennen sie, dass sie sich in der Hölle befinden. Schmitz erscheint als Beelzebub, Eisenring als Teufel und Dr. phil. als Meerkatze, die Neuankömmlinge abfertigt. Biedermann behauptet weiterhin, am Brand der ganzen Stadt unschuldig zu sein, und verlangt sogar Entschädigung. Eisenring erklärt, der Himmel habe eine Amnestie für hochgestellte Persönlichkeiten ausgesprochen: Wer beim Töten eine Uniform trage, sei gerettet. In der Hölle landeten nur Biedermänner und Intellektuelle, Kleinkriminelle und Kriegsdienstverweigerer. Daraufhin tritt die Hölle in den Streik und schickt ihr Personal auf die Erde zurück. Biedermann und Babette halten dennoch an ihrem Glauben fest und erwarten ihre Rettung.
Deutung und politische Bezüge
Das Drama ist ein repräsentatives Werk der Nachkriegsliteratur und verbindet komische, groteske und makabre Elemente mit einem düsteren Ende. Es gilt nicht als Tragödie im klassischen Sinn, weil Biedermann die Katastrophe nicht bewusst für einen erhabenen Wert auf sich nimmt. Er scheitert aus Feigheit, Dummheit und Verblendung, obwohl sein Schicksal vermeidbar wäre. Die Spannung entsteht häufig aus der Diskrepanz zwischen dem, was offensichtlich zu erwarten ist, und dem, was die Figuren tatsächlich sagen.
Biedermann verkörpert die politische Dummheit und den bourgeoisen Opportunismus eines Bürgers, der gut erscheinen möchte, ohne etwas verändern zu müssen. Er ist daher kein eindeutiger Bösewicht, aber als Zeitgenosse gefährlich: Seine Selbsttäuschung ermöglicht den Brandstiftern, ihr Ziel zu erreichen. Der Name „Biedermann“ erinnert an „Gottlieb Biedermaier“ und damit an das Biedermeier, dessen bürgerliche Biederkeit, Kleinigkeit und unpolitische Haltung verspottet wurden. Biedermann möchte behaglich leben, seine Ruhe haben und der Obrigkeit nicht auffallen.
Die Anspielung auf Jedermann verdeutlicht, dass Biedermann wie Hofmannsthals Jedermann über sein Leben Rechenschaft ablegen müsste. Der Auftritt des „Geistes Knechtlings“ kündigt symbolisch sein Ende an. Biedermann bleibt jedoch verblendet. Deshalb ist das Stück ein „Lehrstück ohne Lehre“: Es liefert keine fertige moralische Lösung.
Wegen der Entstehung aus dem Jahr 1948 wurde das Drama häufig als Warnung vor dem Kommunismus verstanden. Das Nachspiel legte dagegen einen Bezug zur Machtergreifung der Nationalsozialisten nahe. Andere Interpretationen lehnen eine eindeutige politische Zuordnung ab. Nach dieser Sicht handeln Schmitz und Eisenring nicht zur Veränderung der Gesellschaft, sondern aus „purer Lust“ am Brandstiften. Frisch erklärte, die Brandstifter seien „aus Gottlieb Biedermann selbst“ entstanden, aus seiner Angst und Unwahrhaftigkeit. Die Parabel kann deshalb auf verschiedene Formen von Extremismus, Gewalt und gesellschaftlicher Duldung bezogen werden.
Der Begriff „Lehrstück“ verweist auf Bertolt Brecht und dessen gesellschaftskritische Dramaturgie. Der Zusatz „ohne Lehre“ kann bedeuten, dass Frisch auf eine dogmatische Ideologie und eine vorgegebene Lösung verzichtet. Das Ende führt zur Ausgangslage zurück: Die Brandstifter kehren auf die Erde zurück, sodass alles von vorn beginnen kann. Die Zuschauer sollen dadurch selbst über mögliche Antworten nachdenken.