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Bibliotheken in Mesopotamien
Grundlage der Bibliotheken im alten Mesopotamien waren die in Keilschrift beschrifteten Tontafeln und die Palastarchive, die auf einer ausgeprägten …
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Grundlagen und Bedeutung
Die vermutlich ältesten Bibliotheken entstanden im Mesopotamien des sumerischen Zeitalters. Ihre Tradition setzte sich von der Akkadzeit bis zum Neubabylonischen Reich und darüber hinaus fort. Grundlage waren mit Keilschrift beschriftete Tontafeln sowie Palastarchive. Diese gingen vor allem aus der systematischen Erfassung von Steuern, Abgaben, Besitz, Lieferungen und Verwaltungsaufgaben hervor.
Bibliotheken und Archive bewahrten jedoch nicht nur Verwaltungsunterlagen. Durch das wiederholte Abschreiben überlieferten sie auch religiöse, wissenschaftliche und literarische Texte über sehr lange Zeiträume. Der Artikel weist allerdings darauf hin, dass zahlreiche Angaben nicht hinreichend belegt sind und dass die Forschung einzelne Befunde unterschiedlich deutet.
Entwicklung der Schriftkultur
Seit dem 4. Jahrtausend v. Chr. führte das Zählen, Auflisten und Erfassen in Sumer zur Ausbildung einer umfangreichen Bürokratie. Einen Höhepunkt erreichte sie während der III. Dynastie von Ur. In dieser Zeit wurden Verwaltung und Rechtsprechung neu geordnet sowie Zentralisierung und Bürokratisierung verstärkt. Zeugnisse dafür sind Katastertexte und der Codex Ur-Nammu.
Für das Bibliothekswesen war außerdem die dauerhafte Weitergabe von Texten wichtig. Alte Geschichten, Gedichte und Sammlungen wurden wiederholt kopiert und teilweise übersetzt. Eine Sprichwortsammlung lässt sich von einer altassyrischen Version um 2400 v. Chr. bis zu einer mittelassyrischen Übersetzung um 1100 v. Chr. verfolgen. Sumerische Lautgedichte aus der Zeit um 1800 v. Chr. wurden noch im 1. Jahrhundert v. Chr. unverändert abgeschrieben und mit akkadischen Übersetzungen versehen.
Schrift, Sprachen und Schreibmaterial
Keilschrift sowie die sumerische und akkadische Sprache ermöglichten eine gemeinsame Schriftkultur im Vorderen Orient. Akkadisch und Keilschrift dienten als Diplomaten- und Verwaltungsmittel und wurden von Palastschreibern noch mehr als 2000 Jahre gepflegt, nachdem sie aus dem Alltagsgebrauch verschwunden waren. Deshalb liegen Texte aus weit voneinander entfernten Gebieten, darunter Anatolien und Ägypten, häufig in derselben Schrift und Sprache vor. Keilschrift wurde außerdem auf andere Sprachen wie Assyrisch, Ägyptisch und Hethitisch angewandt.
Schreiber mussten Silben- und Zeichenlisten immer wieder kopieren. Besonders schwierig war, dass sich das Sumerische deutlich von den späteren semitischen Sprachen unterschied.
Das wichtigste Schreibmaterial war die Tontafel. Zeichen wurden mit einem keilförmigen Griffel in feuchten Ton gedrückt. Tafeln waren billig, fälschungssicher und feuerbeständig: Ungebrannte Tafeln wurden bei einem Brand gebrannt, bereits gebrannte blieben erhalten. Nicht mehr benötigte Exemplare konnten als Baumaterial oder Bodenunterlage dienen. Nachteile waren ihr Gewicht und ihre Zerbrechlichkeit; außerdem musste der Ton beim Schreiben feucht bleiben. In babylonischer Zeit verwendete man für wichtige Texte auch Holztafeln mit Wachsfüllung. Besonders wichtige Tontafeln konnten mit einer dünnen Tonhülle geschützt werden.
Inhalte und Textarten
Die frühesten Texte dienten hauptsächlich der Wirtschaft. Die zwischen 3200 und 3000 v. Chr. entstandenen Funde aus Uruk gehören zu einer sprachlich noch nicht eindeutig bestimmbaren Vorform der Keilschrift. Sie listen Waren, Leistungen, Orte und beteiligte Personen meist tabellarisch und ohne vollständige Sätze auf. Zahlzeichen entstanden offenbar besonders früh; die Uruktexte verwendeten bereits das Sexagesimalsystem, also ein Zahlensystem mit der Basis 60.
Später umfassten die Bestände zahlreiche Textarten:
• Verwaltungstexte und Listen, etwa über Beamte, Orte, Vögel, Herden oder Kriege • Rechtstexte wie der Codex Hammurapi, Erlasse und Testamente • diplomatische Staatsverträge und Korrespondenz • Annalen, Thronreden sowie Fest- und Kriegsbeschreibungen • astronomische und mathematische Berechnungen • ein- oder zweisprachige Wörterbücher • Orakelsprüche, Gebete und Beschwörungen • mythologische und epische Erzählungen wie das Gilgamesch-Epos
Damit entwickelten sich die Sammlungen von wirtschaftlichen Aufzeichnungen zu Speichern von Recht, Wissenschaft, Religion, Literatur und gesellschaftlicher Überlieferung.
Aufbewahrung, Ordnung und Zugang
Tontafeln wurden in Privathaushalten an Wände gelehnt, in Ecken gestellt oder in Keramikgefäßen aufbewahrt, teilweise in Tücher gehüllt. Größere Archive lagerten sie liegend, senkrecht in Fächern oder in Behältern. Meist stapelte man sie in kleinen Räumen auf Holzgestellen. Das nahezu unversehrt geborgene Archiv von Ebla lieferte seit den 1960er Jahren wichtige Erkenntnisse über diese Lagerung.
In Uruk sorgten vermutlich wasserführende Bodenrinnen für gleichmäßige Feuchtigkeit, damit ungebrannte Tafeln nicht zerbröselten. Weitere Behälter waren mit Pech verschlossene Tonkrüge, Holzkisten und Weidenkörbe. Die Archive von Girsu besaßen lange Bänke zum Ausbreiten der Tafeln; manche Räume waren möglicherweise versiegelt. Neben Palastarchiven bestanden zahlreiche Privat- und Familienarchive, besonders bei Fernhändlern. Sie konnten drei Generationen und bis zu 200 Jahre umfassen.
Archive waren meist nicht zentral organisiert. Jeder bewahrte die ihn betreffenden Unterlagen zu Hause auf, wobei Privates und Offizielles vermischt werden konnten. Von wichtiger ausgehender Korrespondenz fertigte man Duplikate an. Kleine Täfelchen mit Titeln oder Stichwörtern erschlossen die Bestände. In Lagaš wurden 180 solcher Kennzeichnungstäfelchen für Bastkörbe gefunden; insgesamt sind etwa 300 bekannt.
Ein Kolophon, also ein durch eine Linie abgetrennter Vermerk am Ende einer Tafel, konnte Zweck, Herkunft, Standort, Benutzungsbeschränkung, Schreiber und Erhaltungszustand nennen. Mehrteilige Werke bildeten Serien. In der Bibliothek Assurbanipals enthielt der Kolophon unter anderem den Anfang der nächsten Tafel, die Tafelnummer, den Serientitel, die benutzte Vorlage und die Archivangabe. Es gab Tafel- und Serienkataloge, offenbar aber keine Gesamtverzeichnisse. Ab dem 7. Jahrhundert v. Chr. erleichterten aramäische Kurzanmerkungen auf akkadischen Tafeln die Orientierung.
Über den Zugang ist wenig bekannt. Für Mari ist ein möglicherweise umständliches Genehmigungssystem überliefert, bei dem mehrere Personen zustimmen mussten; offenbar konnten nicht alle von ihnen lesen.
Forschungsfragen und wichtige Fundorte
Umstritten ist, wie Bibliothek und Archiv voneinander abzugrenzen sind, wie lange Tafeln bewusst benutzt wurden und ob die großen Bestände planmäßig bewahrtes Archivgut oder eher angesammelte Aktenberge waren. Für eine bewusste Archivierung spricht ihre Bedeutung in Diplomatie und Politik. Seit dem 2. Jahrtausend v. Chr. bewahrten Archive zunehmend Kult, Mythos und anderes gesellschaftliches Wissen; möglicherweise wurden sie damit zu Bibliotheken. Eine eindeutig planvolle Sammeltätigkeit zeigt sich spätestens bei Assurbanipal (669–627 v. Chr.).
Die Bibliothek Assurbanipals in Ninive gilt als wichtigste und besterforschte Palastbibliothek. Sie wurde bereits von Sanherib begonnen, 612 v. Chr. zerstört und 1850 wiederentdeckt. Schätzungen reichen bis zu 25.000 Tafeln; erhalten sind etwa 20.000 Fragmente. Andere Schätzungen gehen von 5.000 bis 10.000 Tafeln mit höchstens 1.500 verschiedenen Texten aus. Der Bestand umfasste Prophezeiungen, sumerisch-akkadische Zeichen- und Wortlisten, Zaubersprüche, Gebete, Beschwörungen, Fabeln, Sprichwörter und epische Literatur wie Gilgamesch, Etana und die Schöpfungsgeschichte.
In Ebla, dessen Blütezeit zwischen 2400 und 2250 v. Chr. lag, wurde die Bibliothek 1975 entdeckt. 1977 barg man aus einem Raum etwa 15.000 gut erhaltene Tafeln. Sie behandeln diplomatische und höfische Korrespondenz, Staatsverträge, Volkszählungen, Steuern, Lieferungen, Provinzverwaltung, Depotrechnungen, königliche Mahlzeiten, Opfertiere und Löhne.
Weitere bedeutende Funde sind etwa 70.000 Tafeln aus dem um 2350 v. Chr. entstandenen Palastarchiv von Lagaš und 50.000 sumerische Verwaltungsurkunden der Ur-III-Zeit aus Girsu. In Sippar fand man eine vollständige neubabylonische Tempelbibliothek mit 56 berechneten Fächern für ungefähr 2000 Tafeln. Ihre fast ausschließlich literarischen Texte umfassten Hymnen, Gebete, Prophezeiungen, astrologische Omen sowie astronomische, mathematische und lexikalische Werke. Die jüngste Tafel trägt das Jahr 529 v. Chr.
Zu den weiteren wichtigen Orten zählen Aššur, Dur Šarrukin, Nimrud, Mari, Ur, Ugarit und Ḫattuša. Die Keilschriftkorrespondenz von Tell el-Amarna dokumentiert den Austausch Amenophis’ III. und IV. Echnaton mit Herrschern von Palästina bis Mesopotamien. Außerhalb der Keilschrifttradition nennt der Artikel das Papyrusarchiv von Elephantine und die hebräischen und griechischen Pergament- und Papyrusrollen von Qumran. Assurbanipals Vorbild wirkte später auf bedeutende Bibliotheken der klassischen Antike wie Alexandria, Pergamon und die römischen Bibliotheken.
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