Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Lieutenant Gustl

Der Text ist fast gänzlich als innerer Monolog gestaltet, was als Neuheit in der deutschsprachigen Literaturgeschichte gewürdigt wird; er stellt die Ängste …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Werk und Erzählweise
  2. 2. Handlung
  3. 3. Ehrenkodex und Figurenkritik
  4. 4. Entstehung
  5. 5. Reaktion und literaturgeschichtliche Bedeutung
  6. 6. Verfilmung und Ausgaben

Werk und Erzählweise

„Lieutenant Gustl“ (in späteren Ausgaben: „Leutnant Gustl“) ist eine Novelle von Arthur Schnitzler. Sie wurde am 23. November 1900 in Breslau öffentlich vorgelesen, am 25. Dezember 1900 erstmals in der Weihnachtsbeilage der Wiener Neuen Freien Presse gedruckt und erschien 1901 als Buch im S. Fischer Verlag in Berlin, illustriert von Moritz Coschell.

Die Novelle besteht fast vollständig aus einem inneren Monolog: Die Lesenden verfolgen unmittelbar Gustls Gedanken, Ängste, Obsessionen und Neurosen. Es gibt keinen Erzähler, der die Ereignisse bewertet oder wichtige Punkte besonders hervorhebt; deshalb müssen Lesende Gustls Denken selbst beurteilen.

Handlung

Nach einem Konzert, das ihn gelangweilt hat, streitet der junge k.u.k.-Offizier Gustl an der Garderobe mit dem Bäckermeister Habetswallner. Anlass ist eine Nichtigkeit. Habetswallner droht, Gustls Säbel zu ziehen und zu zerbrechen, und nennt ihn einen „dummer Bub“.

Für Gustl ist es unerträglich, von einem gesellschaftlich niedriger stehenden Bäckermeister beleidigt worden zu sein, ohne angemessen reagiert zu haben. Weil er dem Ehrenkodex des Militärs verpflichtet ist, beschließt er, am nächsten Morgen um sieben Uhr Selbstmord zu begehen. Dies will er tun, unabhängig davon, ob Habetswallner den Vorfall bekannt macht.

Auf dem Weg nach Hause geht Gustl durch den Wiener Prater. Der Duft der ersten Frühlingsblumen, die Erinnerung an seine Mutter, seine Schwester sowie frühere und gegenwärtige Geliebte lassen ihn am Selbstmord zweifeln und wecken Lebenslust. Dennoch redet er sich ein, als österreichischer Offizier zum Suizid verpflichtet zu sein, um seine vermeintlich verletzte Ehre zu retten.

Er schläft auf einer Parkbank ein. Früh am Morgen besucht er vor der geplanten Rückkehr nach Hause sein Stammkaffeehaus. Kellner Rudolf teilt ihm mit, dass Habetswallner nachts unerwartet an einem Schlaganfall gestorben sei. Gustl gibt seine Suizidabsicht sofort erleichtert auf. Stattdessen denkt er an bevorstehende Unternehmungen und an ein Duell am selben Nachmittag. Der Text endet mit seinem Gedanken an den Gegner: „Dich hau' ich zu Krenfleisch!“

Ehrenkodex und Figurenkritik

Gustl gewinnt sein Selbstwertgefühl allein aus seiner Uniform. Er bedauert, keinen Krieg erlebt zu haben, und verachtet Nichtmilitärs. Als Habetswallner seine Autorität erschüttert, hält Gustl scheinbar konsequent an seinen Ehrvorstellungen fest. Die sofortige Erleichterung nach Habetswallners Tod zeigt jedoch, dass sein Ehrbegriff äußerlich, hohl und selbstgerecht dargestellt wird.

Der militärische Ehrenkodex in Österreich-Ungarn verlangte bis 1911 von jedem Offizier, einer Duellforderung unbedingt nachzukommen. Als „satisfaktionsfähig“, also durch ein Duell mit Waffen zur Rechenschaft zu ziehen, galten aber nur Adlige, Militärs und Akademiker. Ein Bäckermeister gehörte nicht dazu. Gustl kann seine Ehre daher nicht durch ein Duell wiederherstellen und glaubt, nur der Suizid könne seine Würde retten.

Die Novelle zeigt zudem, dass bürgerliche Zivilisten den Respekt vor einem jungen Leutnant bereits gefahrlos verlieren können. Damit erscheint das militärische Selbstbild brüchig. Gustls Gedanken über Frauen zeigen sein Überlegenheitsgefühl: Er hält sich für sehr attraktiv, lehnt aber dauerhafte Beziehungen ab, weil die Frauen für ihn nicht gesellschaftsfähig seien. Zugleich vertritt er einen rüden Antisemitismus gegenüber Juden im Zivilleben und im Militär; als zeitlicher Bezugspunkt wird die Dreyfus-Affäre in Frankreich genannt.

Entstehung

Schnitzler beschrieb seinen Arbeitsansatz so: Zuerst sei ein Einfall da, dann trete eine Gestalt hinzu, die ihn verdeutliche; im Verlauf der Arbeit könne der Einfall hinter der Gestalt zurücktreten. Für „Leutnant Gustl“ nannte er als Grundlage zum Teil eine tatsächlich vorgefallene Geschichte: Sie sei einem Bekannten von Felix Salten, einem Herrn Lasky (?), im Foyer des Musikvereinssaals passiert.

Nach Schnitzlers Nachlassnotiz schrieb er die Novelle im Sommer 1900 in Reichenau im Kurhaus. Sein Tagebuch hält fest, dass er die „Lieutenantgesch“ am 27. Mai 1900 skizzierte, am 17. Juli daran arbeitete und „Ltn. Gustl“ am 19. Juli vollendete.

Reaktion und literaturgeschichtliche Bedeutung

Die Novelle wurde kurz nach ihrem Erscheinen als offene Anklage des Militarismus und des Bildes vom kaiserlichen Offizier scharf kritisiert, besonders vom Militär. Sie galt als Angriff auf die Ehre der kaiserlichen und königlichen Armee und damit auf ein Fundament der Doppelmonarchie. In der Debatte wurden der jüdische Autor Schnitzler und die als „Judenpresse“ bezeichnete Neue Freie Presse antisemitisch angegriffen.

Schnitzler war Oberarzt und Leutnant der Reserve. Ein Ehrengericht enthob ihn deshalb aus dem Offiziersstand; danach galt er nur noch als gewöhnlicher Soldat. Später verfasste er die satirische kurze Fassung „Leutnant Gustl. Parodie“, die den Antisemitismus seiner Kritiker aufgreift.

Literaturgeschichtlich gilt die erzähltechnische Ausweitung des inneren Monologs als besondere Leistung. Hartmut Scheible begründet ihre Bedeutung damit, dass sie eine kritische Darstellung der „Einheit von Seelen- und Gesellschaftsleben“ ermögliche. Schnitzler habe diese Technik in die deutschsprachige Literatur eingeführt und in „Lieutenant Gustl“ besonders wirkungsvoll eingesetzt.

Verfilmung und Ausgaben

1962 wurde die Novelle verfilmt: Peter Weck spielte Gustl, Hans Moser den Bäckermeister Johann Habetswallner und Christiane Hörbiger wirkte ebenfalls mit.

Als Schulausgaben beziehungsweise kommentierte Ausgaben werden unter anderem genannt: Ursula Renners „Lieutenant Gustl. Text und Kommentar“ in der Suhrkamp BasisBibliothek, Band 33 (2., verbesserte Auflage 2010; 7. Auflage 2024, ISBN 978-3-518-18833-0), sowie Wolfgang Pützs „Leutnant Gustl. Traumnovelle. Text, Kommentar und Materialien“ (Oldenbourg 2011, ISBN 978-3-637-01299-8).

Weiterlesen