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Bernoulli-Verteilung

Ein Zufallsexperiment, dessen Ausgang durch eine Bernoulli-Variable beschrieben ist, heißt Bernoulli-Experiment oder Bernoulli-Versuch. Eine Folge von Bernoulli …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Definition
  2. 2. Lage, Streuung und Form
  3. 3. Momente und erzeugende Funktionen
  4. 4. Beziehungen zu anderen Verteilungen
  5. 5. Urnenmodell und Simulation

Grundidee und Definition

Die Bernoulli-Verteilung beschreibt Zufallsexperimente mit genau zwei möglichen Ausgängen. Meist heißt der eine Ausgang Erfolg und wird als 1 codiert, der andere heißt Misserfolg und wird als 0 codiert. Die Erfolgswahrscheinlichkeit ist p, die Misserfolgswahrscheinlichkeit q = 1 − p.

Eine diskrete Zufallsgröße X mit Werten in {0,1} ist Bernoulli-verteilt mit dem Parameter p ∈ (0,1), wenn

P(X = x) = 1 − p für x = 0, P(X = x) = p für x = 1, P(X = x) = 0 sonst.

Ihre Verteilungsfunktion F(x) = P(X ≤ x) lautet:

F(x) = 0 für x < 0, F(x) = 1 − p für 0 ≤ x < 1, F(x) = 1 für x ≥ 1.

Übliche Schreibweisen sind X ∼ B(p), X ∼ Ber(p) und X ∼ Berₚ. Eine solche Zufallsvariable heißt Bernoulli-Variable; das zugehörige Zufallsexperiment heißt Bernoulli-Experiment oder Bernoulli-Versuch. Eine Folge stochastisch unabhängiger, identisch verteilter Bernoulli-Versuche mit demselben Parameter heißt Bernoulli-Prozess oder bernoullisches Versuchsschema.

Für einige statistische Anwendungen wird der Parameterraum auf [0,1] erweitert. Bei p = 0 liegt sicher eine 0 vor, also P(X = 0) = 1. Bei p = 1 liegt sicher eine 1 vor, also P(X = 1) = 1. Die Verteilung ist dann jeweils zu einer Einpunktverteilung degeneriert.

Typische Beispiele sind ein Münzwurf mit Kopf als Erfolg, wobei p = 1/2 und q = 1/2 gilt, sowie ein Würfelwurf, bei dem nur eine 6 als Erfolg zählt: Dann ist p = 1/6 und q = 5/6.

Lage, Streuung und Form

Für X ∼ Ber(p) mit 0 < p < 1 ist der Erwartungswert, also der langfristige mittlere Wert,

E(X) = p.

Denn E(X) = P(X = 1) · 1 + P(X = 0) · 0 = p. Die Varianz, ein Maß für die Streuung, ist

Var(X) = p(1 − p) = pq.

Dabei gilt E(X²) = p und deshalb Var(X) = E(X²) − E(X)² = p − p² = pq. Die Standardabweichung ist σₓ = √(pq), der Variationskoeffizient ist VarK(X) = √(q/p).

Bei p = 1/2 ist die Verteilung symmetrisch um a = 1/2. Ihre Schiefe, die die Asymmetrie beschreibt, beträgt

v(X) = (1 − 2p)/√(pq) = (q − p)/√(pq).

Der Exzess ist γ(X) = (1 − 6pq)/(pq), die Wölbung β₂(X) = (1 − 3pq)/(pq).

Der Modus ist der wahrscheinlichste Wert: Er ist 0, wenn q > p, und 1, wenn q < p. Für q = p sind 0 und 1 beide Modi. Der Median ist 0 für q > p und 1 für q < p. Falls p = q gilt, ist jeder Wert im Intervall [0,1] ein Median.

Die Entropie als Maß für die Unsicherheit der Verteilung lautet, gemessen in Bit,

H = −q log₂(q) − p log₂(p).

Momente und erzeugende Funktionen

Alle k-ten Momente der Bernoulli-Verteilung sind gleich:

mₖ = E(Xᵏ) = p · 1ᵏ + q · 0ᵏ = p.

Die kumulantenerzeugende Funktion ist

gₓ(t) = ln(peᵗ + q).

Die ersten Kumulanten sind κ₁ = p und κ₂ = pq. Weitere Kumulanten erfüllen die Rekursionsgleichung

κₙ₊₁ = p(1 − p) · dκₙ/dp.

Die wahrscheinlichkeitserzeugende Funktion ist

mₓ(t) = 1 − p + pt.

Die charakteristische Funktion lautet

φₓ(t) = 1 − p + peⁱᵗ,

und die momenterzeugende Funktion ist

Mₓ(t) = 1 − p + peᵗ.

Beziehungen zu anderen Verteilungen

Die Bernoulli-Verteilung steht in enger Beziehung zu mehreren anderen diskreten Wahrscheinlichkeitsverteilungen:

  • Sie ist der Spezialfall n = 1 der Binomialverteilung. Die Summe von n unabhängigen Bernoulli-Variablen mit demselben Parameter p ist binomialverteilt. Entsprechend ist die Binomialverteilung die n-fache Faltung der Bernoulli-Verteilung bei gleichem p. Da eine solche Summe im Allgemeinen nicht wieder Bernoulli-verteilt ist, ist die Bernoulli-Verteilung nicht reproduktiv.

  • Haben n unabhängige Bernoulli-Variablen unterschiedliche Parameter pᵢ, so ist ihre Summe verallgemeinert binomialverteilt.

  • Für n → ∞, pₙ → 0 und limₙ→∞ npₙ = λ > 0 nähert sich die Verteilung der Summe einer Poisson-Verteilung mit dem Parameter λ. Dies folgt aus der Poisson-Approximation der Binomialverteilung.

  • Die Bernoulli-Verteilung ist ein Spezialfall der Zweipunktverteilung mit a = 0 und b = 1. Umgekehrt verallgemeinert die Zweipunktverteilung sie auf beliebige Mengen aus zwei Punkten.

  • Die Bernoulli-Verteilung mit p = q = 0,5 und die Rademacher-Verteilung können beide einen fairen Münzwurf oder eine faire Ja-Nein-Entscheidung modellieren. Sie unterscheiden sich lediglich in der Codierung der beiden Ergebnisse.

  • Bei wiederholten Bernoulli-Versuchen ist die Wartezeit bis zum ersten Erfolg – oder je nach Definition bis zum letzten Misserfolg – geometrisch verteilt.

  • Für p = q = 1/2 ist die Bernoulli-Verteilung zugleich die diskrete Gleichverteilung auf {0,1}.

Urnenmodell und Simulation

Ist p = k/n mit k,n ∈ ℕ, kann die Bernoulli-Verteilung durch ein Urnenmodell dargestellt werden. In einer Urne liegen n Kugeln, davon sind genau k rot. Beim einmaligen Ziehen wird eine rote Kugel als Erfolg gewertet. Die Erfolgswahrscheinlichkeit beträgt dann p = k/n.

Zur Computersimulation verwendet man eine stetig gleichverteilte Zufallsvariable U auf [0,1]. Die Variable

Y = 1_{ {U ≥ 1 − p} }

ist Bernoulli-verteilt mit dem Parameter p. Dabei ist die Indikatorvariable gleich 1, wenn die Bedingung erfüllt ist, und sonst gleich 0. Praktisch geht man so vor:

  • Erzeuge eine Standardzufallszahl uᵢ aus [0,1].
  • Falls uᵢ ≤ 1 − p gilt, gib 0 aus; ansonsten gib 1 aus.

Dieses Verfahren entspricht der Inversionsmethode. Weil sich Bernoulli-Variablen so einfach simulieren lassen, können durch Summieren unabhängiger simulierter Variablen auch binomialverteilte oder verallgemeinert binomialverteilte Zufallsvariablen erzeugt werden.

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