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Bellingcat
Bellingcat (stilisierte Eigenschreibweise auch bell¿ngcat) mit Sitz in Amsterdam (NL) ist ein nicht-staatliches investigatives Recherchenetzwerk um den …
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Gegenstand und Arbeitsweise
Bellingcat ist ein nichtstaatliches investigatives Recherchenetzwerk mit Sitz in Amsterdam. Es wurde am 14. Juli 2014 von Eliot Higgins gegründet und konzentriert sich auf Faktenchecks und Open Source Intelligence (OSINT). OSINT bezeichnet die systematische Auswertung öffentlich zugänglicher Informationen, etwa aus sozialen Netzwerken, Internetvideos, Satellitenbildern und öffentlich verfügbaren Datenbanken. Schwerpunkte sind Menschenrechtsverletzungen, Kriegsverbrechen und Wirtschaftskriminalität.
Die Bedeutung Bellingcats liegt darin, dass das Netzwerk anhand solcher Quellen Ereignisse rekonstruiert, Bewegungen nachverfolgt und mutmaßliche Täter identifiziert. Die Ergebnisse sollen nachvollziehbar sein: Bellingcat legt seine Methoden und die verwendeten Daten möglichst offen. Gründer Eliot Higgins bezeichnete Glaubwürdigkeit als ein entscheidendes Element der Organisation.
Entstehung und Organisation
Eliot Higgins begann im März 2012 mit dem Brown Moses Blog, für den er Internetvideos aus dem syrischen Bürgerkrieg untersuchte. Er sichtete Hunderte kurze Videos, lokalisierte die Aufnahmen und analysierte die erkennbaren Waffen. Dadurch bestätigte er nach eigener Darstellung den Einsatz von Streubomben und chemischen Waffen durch das Baath-Regime. Im Juli 2014 gründete er Bellingcat mithilfe privater Beiträge aus einer Kickstarter-Kampagne.
2019 hatte Bellingcat neben Higgins 16 Angestellte und 60 freie Mitarbeiter. Im März 2021 gab es ungefähr 20 bezahlte Vollzeitstellen sowie zahlreiche Freiwillige, die regelmäßig oder gelegentlich mitarbeiteten. Der Hauptsitz lag zunächst in Leicester; seit 2018 befindet er sich in Amsterdam, ergänzt durch ein Büro in Berlin.
Bellingcat wird von Kritikern unter anderem aus dem Umfeld des russischen Staatsmediums RT, aus sogenannten alternativen Medien sowie von Teilen der Alt-Right und der extremen Linken angegriffen. Vorgeworfen wird dem Netzwerk, im Interesse westlicher Regierungen gegen Russland und Syrien zu recherchieren. Bellingcat weist solche Vorwürfe zurück und betont Transparenz und überprüfbare Quellen. Die Einschätzung seiner Arbeit ist daher politisch umstritten.
Finanzierung
Bellingcat bezeichnet sich als unabhängig und ursprünglich als Graswurzelbewegung. Nach eigenen Angaben betrugen die jährlichen Einnahmen 2021 etwa 500.000 Euro. Ein Drittel stammte aus Seminaren, zwei Drittel aus Spenden.
Zu den genannten Unterstützern gehören die Stiftungen Porticus Amsterdam, Adessium, Auxilium und die Stiftung von Sigrid Rausing, außerdem die Open Society Foundations von George Soros und das aus dem US-Bundeshaushalt finanzierte National Endowment for Democracy. Weitere Mittel kamen aus Zuschüssen der Europäischen Union, der niederländischen und schwedischen Postcode-Lotterie sowie über die Stiftung Civitates der Europäischen Kulturstiftung.
Bellingcat veröffentlicht auf seiner Website die Finanzierungsquellen und Geldgeber, nicht jedoch die Beträge der einzelnen Quellen. Eliot Higgins erklärte, der US-amerikanische Thinktank Atlantic Council gehöre nicht zu den Finanzierungsquellen, obwohl Bellingcat mit ihm zusammenarbeitete und Higgins dort Senior Fellow war.
Zentrale Untersuchungen
Im syrischen Bürgerkrieg speicherten Bellingcat-Freiwillige laut The Guardian 3,5 Millionen Datensätze, die später zur Untersuchung von Verbrechen verwendet werden könnten. Eine frühe Recherche betraf jugoslawische Waffen in Syrien, die offenbar durch Saudi-Arabien in das Bürgerkriegsland gelangt waren.
Besonders bekannt wurden die Untersuchungen zum Absturz des Passagierflugzeugs MH17 über der Ostukraine. Bellingcat wertete unter anderem Beiträge in sozialen Medien aus und kam zu dem Ergebnis, dass ein Buk-Raketensystem am Tag vor dem Absturz aus Russland in ein von Rebellen kontrolliertes Gebiet gebracht und am Tag danach nach Russland zurücktransportiert worden sei. Dies entsprach später der Schlussfolgerung der offiziellen Untersuchungskommission. 2015 untersuchte Bellingcat außerdem russische Luftbilder und erklärte, sie seien verändert oder falsch datiert worden. Nach Kritik durch den Bildforensiker Jens Kriese und die Website fotoforensics.com kaufte die Gruppe zusätzliche Satellitenbilder von DigitalGlobe und berichtete über gefundene Abweichungen. Im Dezember 2016 veröffentlichte sie eine Analyse zum Einsatz russischer Artillerie gegen ukrainische Ortschaften im Sommer 2014.
Im Zusammenhang mit dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 berichtete Bellingcat über Beweise für den Einsatz von Streumunition über zivilen Gebieten und dokumentierte Vorkommnisse in einer digitalen Karte. Im Juli 2022 stufte Russland Bellingcat als „unerwünschte Organisation“ ein.
Ermittlungen zu Anschlägen und mutmaßlichen Tätern
Im Fall Skripal arbeitete Bellingcat seit September 2018 gemeinsam mit der russischen Internetzeitung The Insider an der Identifizierung der beiden mutmaßlichen Hauptverdächtigen des Giftanschlags auf Sergei und Julija Skripal. Die Recherchen ergaben unter anderem, dass deren Pässe 2009 ausgestellt worden waren, obwohl die Personen zuvor in keiner Passdatenbank erschienen. Bellingcat identifizierte beide als Mitglieder des militärischen Geheimdienstes GRU. Nach Angaben des Rechercheleiters Christo Grosew wurden außerdem zwei weitere Mitglieder des russischen Einsatzkommandos identifiziert.
Beim Berliner Tiergartenmord von 2019 spielten Erkenntnisse Bellingcats ebenfalls eine Rolle. Grosew erklärte, Bellingcat habe mit Ermittlungsbehörden in den Niederlanden und Deutschland, nicht aber mit Geheimdiensten zusammengearbeitet. Informationen von Geheimdiensten seien aus seiner Sicht häufig nicht überprüfbar; Transparenz sei deshalb zentral.
Im Fall Alexei Nawalny, der im August 2020 mit dem Nervengift Nowitschok vergiftet wurde, soll Bellingcat die Beteiligung von Mitarbeitern des russischen Geheimdienstes FSB nachgewiesen haben. Die Recherchen sollen außerdem auf eine staatliche Mordserie gegen Oppositionelle hindeuten, zu der auch der Dichter Dmitri Bykow gezählt wird.
Im Dezember 2023 fanden der ARD-Podcaster und Investigativjournalist Khesrau Behroz sowie der kanadische Bellingcat-Journalist Michael Colborne mithilfe der Gesichtserkennungssoftware PimEyes Bilder von Frauen, die Daniela Klette oder ihr stark ähnelten, sowie ein Berliner Capoeira-Studio, in dem Klette vermutlich trainiert hatte.
Dokumentarfilm und Auszeichnungen
Der Dokumentarfilm Bellingcat – Truth in a Post-Truth World von Hans Pool erschien 2018. Er behandelt den Fall Skripal und den Absturz des Malaysia-Airlines-Flugs MH17 und erhielt 2019 den International Emmy Award in der Kategorie Dokumentarfilm.
2015 bekamen Eliot Higgins und Bellingcat den Sonderpreis des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises. 2017 erhielt der Mitarbeiter Christiaan Triebert den European Press Prize Innovation Award für die Rekonstruktion des Umsturzversuchs in der Türkei 2016. 2019 wurden Bellingcat und The Insider für die Identifizierung der mutmaßlichen Skripal-Attentäter mit dem Investigative Reporting Award des European Press Prize ausgezeichnet. Das Preisgeld von 500.000 Euro wurde zur Eröffnung eines Büros in Den Haag verwendet. Ebenfalls 2019 erhielten Bellingcat und das US-amerikanische Nachrichtennetzwerk Newsy den Scripps Howard Award für Innovationen im investigativen Journalismus über internationale Konflikte. 2020 folgte der Machiavelli-Preis für Qualitätsjournalismus der niederländischen Machiavelli-Stiftung, 2024 der Olof-Palme-Preis.