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Gegenöffentlichkeit

Der Begriff Gegenöffentlichkeit beschreibt seit den 1970er-Jahren eine Form gesellschaftlicher Aktivität, die sich bewusst in den Gegensatz zur …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Grundidee
  2. 2. Theoretische Entwicklung
  3. 3. Protestbewegung und Alternativmedien
  4. 4. Ausweitung, Wandel und Ostblock
  5. 5. Medienformen und digitale Möglichkeiten

Begriff und Grundidee

Gegenöffentlichkeit bezeichnet seit den 1970er-Jahren gesellschaftliche Aktivitäten, die sich bewusst gegen die „herrschende“ Öffentlichkeit richten. Ihr Ziel ist, Themen, Probleme oder soziale Gruppen sichtbar zu machen, die in der allgemeinen Öffentlichkeit vernachlässigt, unterdrückt oder nur verfälscht dargestellt erscheinen. Sie steht wie Öffentlichkeit im Gegensatz zum Privaten: Es geht um die Besetzung öffentlicher Räume, in denen Menschen sich versammeln sowie sich gegenseitig und andere informieren können.

Gegenöffentlichkeit verbindet politische und mediale Praxis. Praktiken der Befreiung richten sich gegen Praktiken der Herrschaft. Entscheidend sind die verfügbaren Kommunikationsmittel, denn sie bestimmen, wie Informationen produziert und verbreitet werden können. Die Demonstration ist dabei das älteste weiterhin wichtige öffentliche Mittel: Botschaften werden ohne technisches Vermittlungsmedium etwa durch Rufe, Sprechchöre oder Plakate knapp vermittelt. Auch anwaltschaftlicher Journalismus versucht, in Massenmedien unterrepräsentierte Themen sichtbar zu machen.

Theoretische Entwicklung

Der Begriff entstand in den 1970er Jahren aus der Erfahrung, dass andere Auffassungen über Politik und Gesellschaft in der bestehenden Öffentlichkeit nicht, nur verfälscht oder nicht durchsetzbar vertreten waren. In der 68er-Bewegung zeigte sich nach Aktionen wie der Blockade der Auslieferung von Zeitungen des Axel-Springer-Verlags die begrenzte Wirkung eines direkten Zugriffs auf Medien. Daraus entstand die Idee, technische Medien für eigene Produktionen zu nutzen.

Ab Anfang der 1970er Jahre wurde Gegenöffentlichkeit theoretisch und historisch untersucht. Wichtig waren die neuen Massenmedien, besonders das Fernsehen. Prägend wurde 1972 das Werk „Öffentlichkeit und Erfahrung“ von Oskar Negt und Alexander Kluge. Es bezog sich auf Jürgen Habermas, der 1962 „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ veröffentlicht hatte.

Habermas verwendete den Begriff „plebejische Öffentlichkeit“ für Versuche gemischter städtischer Unterschichten in der Französischen Revolution, eine eigene Öffentlichkeit zu bilden. Negt und Kluge sprachen dagegen von „proletarischer Öffentlichkeit“. Sie sollte keine Variante der bürgerlichen Öffentlichkeit sein, sondern eine andere Auffassung des gesamtgesellschaftlichen Zusammenhangs. Ihr Interesse galt Widerspruchstendenzen in fortgeschrittenen kapitalistischen Gesellschaften und deren Bedeutung für die Entstehung von Gegenöffentlichkeit.

Für Negt und Kluge war Gegenöffentlichkeit nur eine „Vorform von proletarischer Öffentlichkeit“. Sie meinten damit nicht bloß Opposition oder die Darstellung gegensätzlicher Meinungen. Ziel war ein Transformationsprozess: gesellschaftliche Kräfte sollten bündnisfähig werden, um eine kommende Gesellschaft neu organisieren zu können. Diese Bedeutung setzte sich nicht dauerhaft durch; erhalten blieb vor allem der Begriff Gegenöffentlichkeit.

Protestbewegung und Alternativmedien

In der Bundesrepublik Deutschland und in West-Berlin entstanden erste entsprechende Aktivitäten während der 68er-Bewegung. Überregional bekannte Periodika waren „Agit 883“ und „Langer Marsch“. Das wichtigste Medium war das Flugblatt. Zeitschriften waren wegen fehlender einfacher Druck- und Kopierverfahren aufwendig herzustellen und meist an Institutionen oder Gewerkschaften gebunden. Ähnliches galt für audiovisuelle Medien und den 16-mm-Film. Dokumentationen entstanden vor allem an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) und am Institut für Filmgestaltung in Ulm; öffentliche Vorführungen organisierten die Produzierenden häufig selbst.

Die spätere Alternativbewegung produzierte Medien weniger agitatorisch und zunächst oft zur Selbstverständigung von Gruppen und Szenen. Neue, erschwinglichere Technik wie der Super-8-Film sowie Musikequipment erleichterte eigene Filme, Bands, Studios und Veranstaltungen. Die Unistreiks von 1976/1977 in Berlin und der Bundesrepublik führten zu einem Gründungsboom. Die „Unorganisierten“ konnten dabei durch ihre Überzahl und Erfahrung in Organisation und Öffentlichkeitsarbeit die Vorherrschaft der K-Gruppen brechen. Nach dem Tunix-Kongress 1978 verlagerten sich Aktivitäten von Universitäten in Stadtteile und den „Kiez“.

Es entstanden Stattzeitungen wie „Blatt“ in München, „Klenkes“ in Aachen und „De Schnüss“ in Bonn. Sie erreichten Auflagen bis zu 20.000 Exemplaren und boten Gruppen ein Forum, die in der Lokalpresse nicht vorkamen. Für die Zeit seit 1965 wurden 1974 etwa 250 Alternativzeitungen gezählt; das „Verzeichnis der Alternativpresse“ nannte 1986 etwa 600 mehr oder weniger regelmäßig erscheinende Zeitungen und Zeitschriften. Ein Beispiel für kulturell-politische Praxis war das sechswöchige Umweltfestival am Berliner Funkturm im Sommer 1978. Der Film der Medienwerkstatt Berlin „Wer keinen Mut zum Träumen hat, hat keine Kraft zum Kämpfen“ lief im Februar 1980 beim Internationalen Forum des Jungen Filmes der Berlinale.

Ausweitung, Wandel und Ostblock

Gegenöffentlichkeit weitete sich über die engere politische Bedeutung hinaus aus und umfasste kulturelle sowie fachorientierte Arbeit. Es entstanden Theater- und Kabarettgruppen; Themen reichten von Vergangenheitsbewältigung und Umweltschutz bis zur Anti-Atomkraft-Bewegung. Durch Spezialisierung entstanden eigene Zeitschriften der Frauenbewegung, von Mietervereinen sowie Umwelt- und Ökogruppen. Autonome Räume, etwa in Berlin-Kreuzberg, wurden besonders im Zusammenhang mit Hausbesetzungen genutzt und erweitert.

Nach dem Abflauen der Bewegungen richteten sich Projekte und Gegenmedien dauerhaft ein, schlossen sich zusammen oder lösten sich auf. Häufig war ihr Fortbestehen nur durch Kommerzialisierung möglich, etwa bei Stadtmagazinen wie „Ketchup“ aus Heidelberg, „Tip“ und „Zitty“ in Berlin. Dies beeinflusste auch die Inhalte. Mit dem Internet verlagerte sich Gegenöffentlichkeit ins Netz; der Begriff selbst kam jedoch außer Gebrauch und wird als historische Kategorie bezeichnet.

Im Ostblock bezeichnete „Samisdat“ (wörtlich „Selbstverlag“) die nichtoffizielle Verbreitung alternativer, nicht systemkonformer „grauer“ Literatur. Texte wurden beispielsweise per Hand oder Schreibmaschine abgeschrieben, fotokopiert und weitergegeben. Samisdat bestand in nennenswertem Umfang in der Sowjetunion, Polen, der DDR, der Tschechoslowakei und Ungarn.

Medienformen und digitale Möglichkeiten

Zu den bevorzugten Vermittlungsformen gehörten neben Demonstrationen Druckwerke wie Bücher, Broschüren, Zeitungen, Plakate und Flugblätter. Hinzu kamen audiovisuelle Produkte: Film, Video, Foto sowie Musik auf Schallplatte, Tonband und Cassette. Auch öffentliche Darbietungen wie Straßentheater, künstlerische oder politisch motivierte Auftritte, Musikdarbietungen und Konzerte stellten Gegenöffentlichkeit her.

In den 1980er Jahren wurden zusätzliche Medien für eine „Gegenöffentlichkeit von unten“ zugänglich. Alternative Radiosender wie Radio Dreyeckland und Radio Z in Nürnberg begannen zunächst illegal, später legal zu senden. Super-8- und Videotechnik ermöglichten kostengünstige eigene Filme. Es entstanden unter anderem der Super-8-Filmverleih Gegenlicht sowie die Medienwerkstatt Freiburg, das Medienpädagogik Zentrum Hamburg e. V. und die Autofocus videowerkstatt in Berlin.

Die deutschsprachige Mailbox-Szene ging zu großen Teilen aus den neuen sozialen Bewegungen hervor. Computer-Aktivisten setzten sich für freien Internetzugang und Datenschutz ein und entwickelten eine eigene Netzkultur. Mit dem Internet entstanden Bürgerjournalismus, die Selbstbezeichnung „Netizen“ und Regeln wie die Netiquette. Alexander Kluge beschreibt das Internet als revolutionäres Potenzial, weil Kommunikation im Unterschied zum von oben nach unten ausgestrahlten Programm auch von unten nach oben funktionieren könne. Dieses Potenzial sei nach Kluge jedoch noch nicht verwirklicht; YouTube zeige eine zerstreute, indirekte Öffentlichkeit ohne Programmdirektion.

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