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Apokatastasis

Allversöhnung zu unterscheiden, die meist von einem neuen noch nicht da gewesenen Zustand der Harmonie zwischen Schöpfer und Geschöpf ausgeht. In der …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Begriffe
  2. 2. Biblische Deutungen und Abgrenzungen
  3. 3. Frühe Kirche und spätere Entwicklung
  4. 4. Streit um Freiheit, Allmacht und Mission
  5. 5. Gerechtigkeit, Gericht und Äon
  6. 6. Apokatastasis in der griechischen Philosophie

Grundidee und Begriffe

Apokatastasis (griechisch ἀποκατάστασις) bedeutet etwa „Wiederherstellung“, „Wiederbringung“ oder „Neuordnung“. Als theologische Lehre bezeichnet sie die Wiederherstellung aller Dinge am Ende der Zeiten. Ihr Geschichtsbild ist zyklisch und zugleich auf ein Ziel gerichtet: Geschaffene Wesen fallen durch Apostasis, den Abfall vom Schöpfer, aus einem ursprünglichen Zustand heraus und gelangen schließlich wieder zu Versöhnung und Einheit mit Gott.

Wenn dies alle gefallenen Wesen betrifft, heißt die Lehre auch apokatástasis pántōn, „Wiederbringung Aller“, oder restitutio omnium. Sie ist von späteren Lehren der Allaussöhnung beziehungsweise Allversöhnung zu unterscheiden: Diese erwarten meist einen neuen, bisher nicht dagewesenen Zustand der Harmonie zwischen Gott und Geschöpf. In der Religionswissenschaft wird „Universalismus“ gelegentlich synonym verwendet; konfessionell trat die Vorstellung besonders im nordamerikanischen Universalismus auf.

Außerhalb des Christentums meint das Wort allgemein die Wiederherstellung eines Zustands, etwa die Heilung in der Medizin. Im altägyptischen Kalender bezeichnete es im Sothis-Zyklus das Zusammentreffen des astronomischen und des bürgerlichen Neujahrs am 1. Achet I.

Biblische Deutungen und Abgrenzungen

Christliche Theologen beziehen sich besonders auf Apg 3,21a EU: Jesus bleibe im Himmel „bis zu den Zeiten der Wiederherstellung von allem“. Im engeren Verständnis ist damit die Wiederherstellung der Theokratie im Millennium gemeint, also Gottes offene Herrschaft ohne irdische Regierung. Weiter ausgelegt kann die Stelle den Zustand vor dem Sündenfall meinen.

Die Begriffe werden unterschiedlich verwendet: Allaussöhnung beruft sich auf Kol 1,20 EU, wonach Gott künftig „das All mit sich aussöhnen“ werde; Allerlösung betont dabei, dass Gottes Erlösen nicht von der menschlichen Reaktion abhänge. Allversöhnung kann Versöhnung als durch Jesu Tod bereits geschehen verstehen, etwa nach Röm 5,10 EU. Heilsuniversalismus meint enger die Ausweitung des Heils von einer Auswahl aus Israel und anderen Nationen auf alle Menschen. Die „Wiederbringung Aller“ aus Apg 3,21a wird von vielen Auslegern auf das Millennium bezogen, während die Verkündigung einer umfassenden Allaussöhnung bei Paulus gesehen wird.

Befürworter leiten aus 1 Kor 15,25–28 EU, Phil 2,11 EU, 1 Tim 2,4 EU, Röm 5,18 EU und 1 Kor 15,22 EU ab, dass sich letztlich alles Christus unterordne und Gott „alles in allen“ werde. Gottes Handeln sei dabei ausschlaggebend und umfasse auch menschlichen Widerstand (Röm 11,32 EU). Das letzte Gericht vor dem „großen weißen Thron“ (Offb 20,11–13 EU) deuten sie als Berichtigung oder Ausrichtung nach Gottes Recht. Der „Feuersee“, der zweite Tod (Offb 20,15 EU), gilt ihnen häufig als Bild von Gottes reinigender Gegenwart, nicht als endlose Hölle. Dieser Zustand dauere den letzten Äon; danach werde der Tod als letzter Feind unwirksam (1 Kor 15,26 EU).

Frühe Kirche und spätere Entwicklung

In Alexandria lehrten Clemens von Alexandria (um 150 – um 215 n. Chr.) und Origenes (185 – um 254) ausdrücklich Apokatastasis. Clemens verstand Gottes Züchtigung als auf das Wohl des Bestraften gerichtet, nicht als Rache. Origenes hielt es für unwahrscheinlich, dass ein von Sünde herrührendes Leiden der Seele von Gott nicht geheilt werden könne. Im Neuen Testament erscheint das Nomen nur in Apg 3,21; in der Septuaginta kommt das Verb an einer Stelle vor.

Gregor von Nyssa (um 335 – nach 394) wird von vielen als Vertreter angesehen, weil er Gottes Strafe als Trennung des Bösen vom Guten und als Hinführung zur Gemeinschaft verstand. Andere deuten ihn nur als Vertreter einer Hoffnung auf Allversöhnung, da er auch von ewiger Feuerstrafe schrieb. Didymus der Blinde, Diodor von Tarsus und Theodor von Mopsuestia vertraten die Lehre ebenfalls; durch Theodors Liturgie gelangte sie in die Assyrische Kirche des Ostens und erscheint dort weiterhin in liturgischen Texten.

Augustinus (354–430) prägte dagegen die allgemeine kirchliche Lehre von der ewigen Strafe. Für ihn war die äonische Strafe aus Mt 25,46 EU ebenso endlos wie das äonische Leben. Seine Erbsündenlehre besagt, dass alle Menschen durch Adams Sündenfall befleckt seien und ohne Gottes Gnade endlose Höllenstrafe erwarteten. Die Synode von Konstantinopel (543) und das Zweite Konzil von Konstantinopel (553) schränkten den Sinn von apokatastasis ein. Im Frühmittelalter blieb das Thema meist randständig; Johannes Scotus Eriugena vertrat im 9. Jahrhundert Origenes’ Lehre. Universalistische Gedanken traten nach der Aufklärung wieder stärker auf, später auch im nordamerikanischen Universalismus und in der Universalist Church of America (1793–1961).

Streit um Freiheit, Allmacht und Mission

Viele Kirchen verbinden den freien Willen mit der Möglichkeit, sich für oder gegen Gott und damit für Gemeinschaft mit Gott oder ewige Abwesenheit von ihm zu entscheiden. Ohne freien Willen seien persönliche Glaubensentscheidung, Verantwortung und Liebe gefährdet; außerdem könnte die Bekämpfung der Sünde fraglich werden. Diese Sicht vertritt auch der Arminianismus, der auf Arminius (geb. 1559 in Holland) zurückgeht, in veränderter Form auch die katholische Kirche.

Einige Vertreter der Allaussöhnung bestreiten einen freien menschlichen Willen: Alle Entscheidungen seien einem von Gott bestimmten Kausalgesetz unterworfen; allein Gott habe freien Willen. Wenn Gott wolle, dass alle Menschen gerettet werden (1 Tim 2,4 EU), werde jeder Jesus letztlich als Herrn erkennen. Andere Universalisten halten mit Origenes an Willensfreiheit fest, weil sie Sünde und aufrichtige Gottesliebe erklären soll. Sie meinen aber, jedes Wesen werde Gott eines Tages freiwillig wählen, weil nur Gott sein Bedürfnis nach Liebe und Göttlichkeit erfüllen könne.

Anhänger der Höllenlehre sehen in einer ausgeschlossenen endgültigen Verdammung eine Einschränkung von Gottes Freiheit und Allmacht. Anhänger der Allaussöhnung folgern umgekehrt aus Gottes Allmacht und seinem Heilswillen, dass Gott die Rettung aller tatsächlich erreichen werde. In der Missionsfrage befürchten Kritiker sinkende Motivation, falls niemand vor einer Hölle bewahrt werden müsse. Befürworter antworten, die Botschaft eines liebenden Gottes sei gerade deshalb zu verkündigen; Gegner betonen dagegen, Evangeliumsverkündigung sei ein Angebot Gottes und niemand werde zur Ewigkeit mit Gott gezwungen.

Gerechtigkeit, Gericht und Äon

Kritiker berufen sich unter anderem auf Mt 25,31–46 EU: Gerechte erhielten ewiges Leben, Ungerechte würden ewig beziehungsweise im Grundtext „äonisch“ bestraft. Sie vertreten die Lehre vom „doppelten Ausgang“, sehen keinen biblischen Beleg für Läuterung nach dem Tod und befürchten, dass Allaussöhnung Gottes Heiligkeit und Gerechtigkeit zurückdränge.

Befürworter finden dagegen keinen biblischen Anhaltspunkt für endlose menschliche Qualen im Hades (Sheol), in der Gehenna oder im Feuersee. Sie verstehen aionion als „äonisch“, also auf Weltzeitalter bezogen, und deuten das Gericht vor dem großen weißen Thron als Läuterung und Ausrichtung auf Gott. Ihrer Ansicht nach wäre eine endlose Strafe für Sünden eines begrenzten Menschenlebens nicht mit Gottes Gerechtigkeit vereinbar; Röm 5,18 EU stütze die kollektive Befreiung von der durch Adam bewirkten Sterblichkeit.

Kritiker halten diese Übersetzung von aionion für dem Kontext nicht angemessen: Der nächste Äon sei die von Gott neu geschaffene, vollkommene Welt und bestehe für immer. Außerdem hätten griechischsprachige Kirchenväter der ersten Jahrhunderte aionion im Sinn von „ewig“ ausgelegt.

Apokatastasis in der griechischen Philosophie

In der griechischen Philosophie bezeichnet Apokatastasis meist einen Kreislauf, in dem Ur- und Endzustand identisch sind. Oft berechnete man die Perioden astronomisch: Wenn alle Planeten ihre ursprüngliche Stellung erreicht haben, endet ein „großes Jahr“. Häufig zerstört ein Feuer die Welt, bevor derselbe Zyklus erneut beginnt.

Die Pythagoreer am Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr. kannten wahrscheinlich die Wiederkehr identischer Welten, jedoch ohne periodischen Weltuntergang. Heraklit (um 520–460 v. Chr.) lehrte einen Kreislauf von Urfeuer, Weltentstehung und Zerstörung durch Feuer. Die Stoiker entwickelten die Theorie weiter: Die Rückkehr der Planeten zur ursprünglichen Konstellation bewirke Zerstörung und Wiederherstellung völlig identischer Welten. Mark Aurel (121–180) nahm Wiedergeburt der Seelen an; Neuplatoniker des 3.–7. Jahrhunderts vertraten wegen einer begrenzten Zahl von Seelen-Urbildern eine Apokatastasis der Seelen.

Die jüdische Tradition übernahm den Gedanken, veränderte ihn aber zu einem einzigen Zyklus: Anfang und Ende bilden eine heile Welt, das Paradies; die Hoffnung ist vorwiegend diesseitig. Friedrich Nietzsche (1844–1900) erneuerte die Vorstellung einer immer gleich ablaufenden Weltperiode, weil die Welt für ihn weder Ziel noch Vermögen zu ewiger Neuheit habe.

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