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Am Turme
Am Turme (Originalschreibweise Am Thurme) ist ein im Jahr 1842 erstmals erschienenes Gedicht von Annette von Droste-Hülshoff. Darin bringt das lyrische Ich …
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Kernaussage und Entstehung
„Am Turme“ (Originalschreibweise: „Am Thurme“) ist ein Gedicht von Annette von Droste-Hülshoff, das 1842 erstmals erschien. Das lyrische Ich wünscht sich dringend, ihm gesetzte Grenzen zu überschreiten und aktiv in die Welt einzugreifen. Es möchte mit dem Sturm ringen, ins Meer springen, jagen und ein Schiff steuern. Am Ende erkennt es jedoch, dass ihm diese Möglichkeiten versagt sind: Es darf nur heimlich sein Haar lösen und es im Wind flattern lassen.
Das Gedicht entstand während Drostes erstem Aufenthalt auf der Burg Meersburg am Bodensee, vom 30. September 1841 bis zum 29. Juli 1842. Sie besuchte dort ihre Schwester Jenny von Laßberg und bewohnte ein rundes Zimmer im Kapellenturm. Von alltäglichen Pflichten entlastet und durch den engen Austausch mit dem Schriftsteller Levin Schücking angeregt, schrieb sie in dieser Zeit rund 60 Gedichte. „Am Turme“ gehört neben „Die Taxuswand“, „Der Knabe im Moor“ und „Die Mergelgrube“ zu den wichtigen Texten dieser besonders produktiven Phase.
Veröffentlichung und Aufbau
Der Text muss bis Anfang Februar 1842 entstanden sein. Schücking sandte ihn mit neun weiteren Gedichten an das „Morgenblatt für gebildete Leser“; dort erschien „Am Turme“ am 25. August 1842 zunächst unter dem Titel „Am Thurm“. Für die große Gedichtausgabe von 1844 nahm Droste ihn in die Gruppe „Fels, Wald und See“ auf. Der Erstdruck war mit einem Motto aus William Shakespeares Drama „Heinrich VI.“ versehen: „My courage try, / And thou shalt find, that I exceed my sex“ („Prüfe meinen Mut, / Und du wirst sehen, dass ich mein Geschlecht übertreffe.“).
Das Gedicht hat vier Strophen mit jeweils acht Versen. Es verwendet durchgehend Kreuzreime, also die Reimfolge abab. Regelmäßig wechseln vier Hebungen mit männlicher Kadenz und drei Hebungen mit weiblicher Kadenz. Eine Hebung ist die betonte Einheit im Vers; eine männliche Kadenz endet betont, eine weibliche unbetont. Die Verse beginnen jeweils mit einem Auftakt und schließen überwiegend im Daktylus an, einer Folge aus einer betonten und zwei unbetonten Silben.
Die Strophen sind jeweils in zwei Sinnabschnitte gegliedert. In den mittleren Strophen beschreibt der erste Teil Wahrgenommenes, der zweite einen Wunsch. Räumlich bewegt sich der Blick von „auf hohem Balkone“ über „drunten“ in der Nähe zu „drüben“ in der Ferne. Dies unterstützt den Wunsch nach immer weiter ausgreifender Aktivität.
Sprache, Wünsche und Begrenzung
Inhaltlich folgen vier Aussagefelder aufeinander: Zuerst steht das Ich auf dem Balkon und möchte mit dem Sturm ringen. Dann will es in die Wellen springen und ein Walross jagen. Danach möchte es im kämpfenden Schiff das Steuerruder ergreifen. In der letzten Strophe nennt es Rollen, die solche Freiheit ermöglichen würden: Jäger, Soldat oder wenigstens Mann. Stattdessen „muß“ es „gleich einem artigen Kinde“ sitzen.
Die Sprache erzeugt starke Bewegung. Viele Verben stehen im Infinitiv, etwa „springen“, „jagen“ und „streifen“; Präsenspartizipien wie „spielende Doggen“, „tobende Meute“ und „brandende[s] Riff“ verstärken den Eindruck. Häufige gleiche Versanfänge beschleunigen die Eindrücke: Allein neun Verse beginnen mit „Und“. Jagdwörter wie „Meute“ und „Beute“ sowie Kriegswörter wie „Standarte“ und „Soldat“ verbinden die Bilder der zweiten und dritten Strophe mit den später genannten männlichen Rollen.
Die Wünsche bleiben jedoch Vorstellung. Das naturwidrige Bild, ein Walross durch einen Korallenwald zu jagen, unterstreicht das Unmögliche des Begehrens: Korallenwälder gibt es im warmen südlichen Meer, Walrosse im nördlichen Meer. Der Schluss nimmt die anfängliche Wildheit zurück: Aus der „Mänade“, einer begeistert-rauschhaften Frau, wird ein „artiges Kind“; aus „möcht’ ich“ werden „muß ich“ und „darf nur“; aus dem Sturm wird bloß „Winde“. Gegensätze wie „stehen/sitzen“, „oben/unten“, „Mann/Frau“, „aktiv/passiv“ und „Indikativ/Konjunktiv“ gestalten den Konflikt zwischen ersehnter Entgrenzung und tatsächlicher Begrenzung.
Deutungen, Wirkung und Erinnerung
Frühe Deutungen lasen das Gedicht vor allem biografisch als Ausdruck eines inneren Konflikts Drostes. Diese Sicht lässt sich durch ihren Aufenthalt im Kapellenturm der Meersburg anregen, doch ein genauer realer Schauplatz gilt in der Forschung als unzulässig: Walross und Korallen passen nicht zum Bodensee. Jochen Grywatsch betont deshalb allgemeinere Bezüge: den Willen zur Befreiung, Selbstbestimmung und handelnden Autonomie des Individuums.
Feministische Interpretationen richten den Blick auf die Geschlechterordnung. Elisabeth Gössmann sah 1961, dass intensive Freiheit im Gedicht den Männern zugeschrieben werde, während die Sprecherin ihr nur in der Sprache der Sehnsucht nahekommen könne. Ruth Klüger nannte den Text 1994 „das erste und vielleicht das beste feministische Gedicht in deutscher Sprache“. Der Wunsch, mit dem als „wilder Geselle“ angesprochenen Sturm zu ringen, kann als Verlangen nach Ebenbürtigkeit verstanden werden. Der „Himmel“ scheint dagegen Jägern, Soldaten und Männern zu raten. Dass diese Ordnung im Konjunktiv formuliert wird, zeigt nach Cornelia Blasberg zugleich, dass das Ich sie nicht übernimmt. Die Deutungen des Schlusses unterscheiden sich: Manche erkennen Resignation und Fügsamkeit, andere im heimlichen Lösen der Haare eine kleine Grenzüberschreitung oder eine Freiheit, die in der Poesie möglich wird.
Eine räumliche Lesart versteht die Verse 1–28 als „Erlebnisfiktion“: Die ersten drei Strophen wären dann ein Tagtraum, während das Ich erst mit „Nun muß ich sitzen“ und dem Lösen der Haare wirklich handelt. Der Turm steht dabei für eine Zwischenposition: Er ermöglicht den weiten Blick auf die Welt, schließt die Sprecherin aber zugleich von ihr aus. Das Gedicht zählt zum Kanon deutscher Gedichte und ist häufig in Anthologien vertreten. In einer Untersuchung von 13 allgemeinen Gedichtsammlungen des 20. und 21. Jahrhunderts erschien es 7-mal; in 5 von 9 Anthologien mit Gedichten von Frauen.
Zum 225. Geburtstag Drostes gab das Bundesfinanzministerium 2022 eine Sonderbriefmarke zu 70 Cent und eine Gedenkmünze zu 20 Euro heraus, die Motive aus dem Gedicht aufnehmen. Die Briefmarke erschien am 3. Januar 2022, die Münze am 24. Februar 2022. Beide stellen das vom Wind gelöste Haar als Zeichen der Befreiung aus engen Verhältnissen dar.