Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Altarabische Gottheiten
Vorislamische Gottheiten · Allah ( الله ), auch ʾIlāh und Lāh „(der) Gott“. Er war schon bei den vorislamischen Arabern Hauptgott. · Ar-Rahmān ( الرحمن ) war eine …
Inhalt5 Abschnitte
Begriff und Quellenlage
Altarabische Gottheiten sind Göttinnen, Götter und Idole der arabischen Stämme vor deren Übertritt zum Islam. Nach islamischer Tradition waren die Araber zur Zeit Ibrahims und Ismails zunächst Monotheisten. Später hätten sie Gott andere Wesen „beigesellt“; dies heißt schirk (Polytheismus). Der Koran verwendet für Idole die Pluralformen aṣnām von ṣanam und auṯān von waṯan.
Die Quellenlage ist begrenzt. Archäologische und epigraphische Funde, meist Felsinschriften, nennen viele Gottheiten, sagen aber oft wenig über deren Funktion und Kult aus. Das älteste Zeugnis ist ein assyrischer Text Assarhaddons von 681–669 v. Chr.: Der qedaritische König Ḥazaʾil verlangte erbeutete Götterbilder zurück. Genannt werden Atarsamain, Dai, Nuhai, Ruldaiu, Abirilu und Atarquruma. Herodot erwähnte Orotalt und Alilat und verglich sie mit Dionysos beziehungsweise Aphrodite Urania.
Die wichtigste literarische Quelle ist Ibn al-Kalbis Kitāb al-aṣnām („Götzenbuch“), das Gottheiten und Kultbräuche überwiegend aus mündlichen Überlieferungen beschreibt. Die einzige bekannte Handschrift wurde 1912 von Ahmad Zaki Pascha öffentlich vorgestellt und 1914 ediert. Weitere wichtige Überlieferungen stehen in Ibn Ishāqs Prophetenbiographie, at-Ṭabarīs Universalgeschichte, al-Maqrīzīs Berichten über medinensische Idole und al-Azraqīs Stadtgeschichte Mekkas. Diese Quellen geben die vorislamische Religion meist aus islamisch-monotheistischer Sicht wieder; manche Ursprungsberichte sind daher legendenhaft und historisch nicht überprüfbar.
Heilige Orte, Steine und Bäume
Zentral für den Kult waren heilige Bezirke, ḥimā. In ihnen, häufig bei Quellen oder Brunnen, durfte man weder Bäume fällen noch Tiere töten. Weidende Tiere konnten der Gottheit verfallen. Solche Bezirke wurden mit Steinen abgegrenzt und galten als tabu, weil dort Götter und Dämonen wohnen sollten. Die Quraisch erklärten etwa eine Bergschlucht der al-ʿUzzā zum ḥimā. Der Islam übernahm den Brauch teilweise: Mohammed erklärte ein Weidegebiet zum ḥimā für Kamele und Pferde der Muslime; die Rechtsregel lautet: „kein Ḥimā außer für Gott und seinen Gesandten“.
Oft verehrte man zunächst unbearbeitete heilige Steine, Baityle. Sie hießen al-anṣāb, wurden berührt, geküsst, umkreist und bei Tieropfern mit Blut besprengt. Den Umlauf nannte man ṭawāf oder dawār. Später wurden solche Steine zunehmend durch geformte Statuen, aṣnām, ersetzt. In Mekka soll es am Vorabend des Islam kein Haus ohne Idol gegeben haben. Auch die Kaaba war bereits vorislamisch ein bedeutendes Heiligtum: Zu ihrem Bezirk gehörten der Schwarze Stein, Hubal aus rotem Karneol und der Brunnen Zamzam.
Neben Steinen waren außergewöhnliche Bäume und Quellen heilig. Al-ʿUzzā sollte in drei Samura-Bäumen leben. Eine Dattelpalme in Nadschran und Bäume bei Mekka wurden mit Kleidern, Waffen, Straußeneiern oder Stoffresten behängt. Solche geschmückten Bäume hießen Dhāt Anwāt. ʿUmar ibn al-Chaṭṭāb ließ einen später verehrten Baum bei al-Ḥudaibiya fällen, damit er nicht wie al-Lāt oder al-ʿUzzā zum Kultgegenstand wurde.
Rituale und Glaubensvorstellungen
An Kultorten wurden Eide und Gelübde abgelegt, etwa bei al-Lāt, Manāt, al-ʿUzzā, zwischen aṣ-Ṣafā und al-Marwa sowie an der Kaaba. Tiere wurden geopfert; bei manchen Kulten nutzte man Orakelpfeile, um Entscheidungen zu erfragen. Der ṭawāf um Heiligtümer wurde barfuß oder nackt vollzogen. Eigene Kleidung galt nach der Berührung mit dem Heiligen als tabu und musste im Heiligtum zurückbleiben. Der Islam behielt den ṭawāf als Bestandteil der Wallfahrt bei, verwarf aber die Nacktheit in Sure 7, Verse 28–31. Im März 631 wurde verkündet, dass nach diesem Jahr kein Polytheist mehr die Wallfahrt vollziehen oder die Kaaba nackt umkreisen dürfe.
Der Lauf zwischen aṣ-Ṣafā und al-Marwa blieb dagegen Teil des islamischen Wallfahrtsritus. Sure 2, Vers 158 erklärt beide Hügel zu „Kultsymbolen Gottes“. Die islamische Deutung verbindet den Lauf mit Hāǧar, der Mutter Ismails, auf der Suche nach Wasser und mit Zamzam. Auch der Schwarze Stein und der „glücklichere Stein“ (al-ḥaǧaru l-asʿad), der berührt, aber nicht geküsst wird, gelten als Spuren älterer Steinkulte innerhalb einer monotheistischen Deutung.
Neben Gottheiten wurden nach Koran und Überlieferung auch Dschinn verehrt. Sure 6, Vers 100 und Sure 37, Vers 158 kritisieren, dass Menschen sie zu Teilhabern Gottes machten. Die Überlieferung nennt die Banū Mulaih vom Stamm Chuzāʿa als Dschinnverehrer. Im Unterschied zu Göttern mied man die Wohnorte der Geister, während man Heiligtümer der Götter gezielt aufsuchte. Der Koran bestreitet nicht die Vorstellung solcher Wesen, sondern ihre göttliche Natur.
Wichtige Gottheiten und Idole
Allah, auch ʾIlāh oder Lāh, war bereits vorislamisch Hauptgott der Araber. Ar-Raḥmān war in al-Yamāma und Zentralarabien eine gleichrangige Bezeichnung für den Hauptgott. Zu den bekanntesten Göttinnen gehörten al-Lāt, al-ʿUzzā und Manāt. Al-Lāt wurde in aṭ-Ṭāʾif an einem weißen Granitblock verehrt; ihr ḥimā blieb nach ihrer Zerstörung islamisch anerkannt. Al-ʿUzzās Heiligtum in Suqām im Wadi Ḥurāḍ bestand aus drei Samura-Bäumen, einem heiligen Stein und einer Höhle für das Blut der Opfertiere. Manāt, deren Name „Schicksal“ bedeutet, war ein großer schwarzer Stein bei Qudayd zwischen Medina und Mekka geweiht.
Hubal wurde in der Kaaba verehrt und war Herr der sieben Orakelpfeile. Ibn al-Kalbi beschreibt ihn als menschenförmige Figur aus rotem Karneol mit einer von den Quraisch ersetzten goldenen rechten Hand. Isāf und Nāʾila galten als Pilgerpaar, das wegen Unzucht in der Kaaba versteinert worden sei; ihre Steine bei aṣ-Ṣafā und al-Marwa wurden später verehrt. Manāf soll nach at-Ṭabarī der vornehmste Gott Mekkas gewesen sein. Quzaḥ war ein Donnergott am Berg bei al-Muzdalifa.
Weitere Gottheiten waren Nuhay Šams, ein Sonnengott, Nuhm, Saʿd, al-Fals, Ruḍā, der nabatäische ḏū š-Šarā und ḏū l-Ḫalaṣa, ein weißer Stein bei Tabāla. Wadd und Nasr waren sabäische Gottheiten; Suwāʿ, Yaghūth und Yaʿūq werden zusammen mit ihnen in Sure 71, Verse 23–24 genannt. Eine Überlieferung erklärt diese fünf als ursprünglich fromme Menschen, deren Abbilder spätere Generationen immer stärker verehrten. Weitere erwähnte Idole sind al-Ḫamīs, Dhu l-kaffain, ʿĀʾim, ʾUmyanisu, al-Uqaiṣir und Suʿair. Viele Namen erscheinen auch in Personennamen wie ʿAbd Manāt oder ʿAbd Yaghūth; solche Namen heißen theophor, weil sie einen Gottesnamen enthalten.
Islamische Ablehnung des Götzenkults
Die islamische Geschichtsschreibung führt die Einführung des Götzenkults oft auf ʿAmr ibn Luḥayy vom Stamm Chuzāʿa zurück. Er soll die Religion Ismails verändert, Götzen nach Mekka gebracht und auch Hubal eingeführt haben. Seine Identität und Historizität sind jedoch nicht nachprüfbar. Nach Sure 3, Verse 96–97 war die Kaaba ursprünglich ein von Abraham und Ismael begründetes Zentrum des Monotheismus; die Idolatrie erscheint daher als spätere Verfälschung.
Hadithe lehnen Idole uneingeschränkt ab und untersagen unter anderem ihren Handel. Nach der koranischen Auslegung soll Sure 17, Vers 81 bei der Zerstörung der 360 Idole in und bei der Kaaba während der Eroberung Mekkas 630 gesprochen worden sein: Mit dem Islam sei die Wahrheit gekommen und „Lug und Trug“ verschwunden. Dieser Ausdruck wird dort mit schirk gleichgesetzt. Die vorislamische Anrufung einzelner Gottheiten wurde durch die Anrufung des einen Gottes ersetzt, des „Herrn aller Herren“ (rabbu l-arbāb).