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Akadisches Französisch
Auch in der Phonologie unterscheidet sich das akadische Französisch vom Standardfranzösischen; so wird e [ɛ] zu a [a] oder [ɑ], wenn es vor r, l oder s steht.
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Verbreitung und Grundzüge
Akadisches Französisch (français acadien) ist ein Regiolekt, also eine regional geprägte Variante des Französischen. Es wird von Akadiern in den ostkanadischen Seeprovinzen gesprochen, außerdem in Québec in der Baie des Chaleurs, an der Basse-Côte-Nord und auf den Magdalenen-Inseln sowie in Maine, besonders im Saint-John-Flusstal. Die Varietät hat sich seit der französischen Kolonialisierung Amerikas eigenständig gegenüber dem europäischen Französisch entwickelt.
Sie ist kein einheitlicher Dialekt: Je nach weitläufigem Siedlungsgebiet, Generation und sozialer Gruppe unterscheiden sich die Sprechweisen. Sie enthält altertümliche Merkmale, Neuerungen und Übernahmen aus dem Englischen. Viele andere französischsprachige Muttersprachler verstehen sie anfangs nur schwer, weil sie außerhalb der Seeprovinzen selten zu hören ist.
Herkunft und regionale Prägung
Über die Ursprünge sind Linguisten uneinig. Die meisten Siedler kamen aus der westfranzösischen Gegend um Loudun. Deshalb beeinflussten westliche Oïl-Sprachen wie Angevin, Manceau und Tourangeau das Akadische stark, anders als das im 17. Jahrhundert vorherrschende Pariser Französisch. Dazu gehören das Zungenspitzen-r und die gesprochene Endsilbe -ent [ɑ̃] oder [ɔ̃] bei Verben auf -er in der 1. oder 3. Person Plural.
Das Akadische ist besonders mit dem Angevinischen verwandt. Kennzeichnend ist je für die 1. Person Plural: j’allons, je sons, j’avons statt nous allons, nous sommes, nous avons. Für die 1. Person Singular wird ebenfalls je verwendet; verbreiteter ist jedoch eche, e’je oder ej. Die Mundart der Gaspésie-Halbinsel ähnelt stark dem Jèrriais von Jersey: j’avons eu entspricht hochfranzösisch nous avons eu. Wittmann (1995, 1996) zeigte, dass Loudun bis 1789 zu Anjou gehörte und sein Dialekt zum angevinischen Sprachkreis zählt, nicht zum Poitevinischen.
Wörter mit scheinbar englischem Ursprung können auch alte französische Wörter sein, die das Englische selbst früher aus dem Französischen oder Anglo-Normannischen übernommen hatte.
Aussprache
Markant ist die Bewahrung des im Standardfranzösischen stummen h aspiré als [h]: haut, heurter und hurler werden etwa [ho], [hœrte], [hɔrle] gesprochen. Auch auslautendes [t] bleibt erhalten, etwa bout [but], lit [li:t] und vert [vart]. Zusätzlich kann ein [t] angehängt werden: ici [isit], aussi [osit], geschrieben etwa icitte oder aussite. Am Wortanfang wird ch- [ʃ] als [x] gesprochen, zum Beispiel champ [xaɔ̃w(p)].
Vor vorderen geschlossenen Vokalen oder Halbvokalen werden [t, d] und [k, g] palatalisiert, also weiter am harten Gaumen gebildet: qui [tʲi], cuire [tʲɥir]. c und qu können zu tch [tʃ] werden, etwa cœur [tʃœr], cul [tʃʏ] und tas [tʃɑ]. [g] und [dj] werden je nach Region [dʒ] oder [j], zum Beispiel gueule [dʒœl] beziehungsweise [jœl], diable [dʒɑb(l)] beziehungsweise [jɑb(l)]. [tj] wird meist [kj] oder [tʃ], etwa amitié [amikje] oder [amitʃe].
Weitere Unterschiede betreffen Vokale: [ɛ] wird vor r, l oder s zu [a] oder [ɑ], wie gouvernement [guvarnəmɔ̃w]. [ɛʀ] vor einem Konsonanten wird oft [a(r)] oder [ɑ(r)], beispielsweise chercher [ʃarʃe] und perdre [pɑrd(r)]. Vor r steht ein geschlossenes é [e], etwa prière [prijer]. Das r am Ende eines Infinitivs ist instabil und wird nicht gesprochen; besonders in -bre und -dre: libre [lib], arbre [ɑ(r)b], vendre [wɛ̃wd].
Nasalvokale können etwa [ᵃɔ̃], [ɔ̃w] oder [ɛ̃w] lauten, zum Beispiel pont [pᵃɔ̃]. -oi- und -oy- werden [o], [oe], [ue] oder [wɛ] ausgesprochen: oiseau [wɛzo]. Bei Doppelkonsonanten wird [ɔ] zu [u], etwa bonne [bun] und homme [(h)um].
Formenlehre und Satzbau
In der Morphologie, also der Formenlehre, bleiben Archaismen erhalten. Die 3. Person Plural kann auf -ont enden und wird auch so ausgesprochen: ils travaillont [i'travɑjɑ̃] oder [i'travɑjɔ̃] statt ils travaillent [il'tʀavaj]. Für die 1. Person Plural steht -ons mit je, zum Beispiel j’avons und je sons.
Avoir wird als Hilfsverb verallgemeinert: il a revenu statt standardfranzösisch il est revenu. Manche Linguisten bewerten dies als morphologischen Anglizismus. Unregelmäßige Verben werden oft regelmäßig gebeugt, etwa ils faisont, vous disez und ils avont statt ils font, vous dites und ils ont.
Auch englische Einflüsse kommen vor: Je vous phonérai back steht für Je vous rappelerai. Eine Lehnübersetzung ist appliquer pour qqch nach englisch (to) apply for sth. statt faire la demande de qqch. Ein altertümlicher Präpositionsgebrauch ist aider à qqn statt aider qqn, zum Beispiel Il faut leur aider statt Il faut les aider.
Wortschatz und Literatur
Der Wortschatz enthält Archaismen wie menterie „Lüge“ statt mensonge und bailler „geben“ statt donner. Anglizismen sind zum Beispiel watcher statt regarder. Daneben gibt es eigene Dialektwörter: Ein Fenster heißt châssis statt fenêtre; im Standardfranzösischen bedeutet châssis dabei nur „Fensterrahmen“.
Seit dem Aufschwung des akadischen Kulturlebens ab den 1960er Jahren und der Ergänzung des Amtssprachengesetzes 1987 wird Akadisch häufiger in der regionalen Literatur verwendet. Besonders auffällig ist Chiac aus dem Südosten von Nouveau-Brunswick, ein Amalgam aus Akadisch und Englisch. Antonine Maillet verwendete Akadisch in La Sagouine (1971), Gérald Leblanc in Cri de terre: Poemes (1972), Herménégilde Chiasson und Paul Bossé in Empreintes (2002). France Daigle schrieb mit Pour Sûr (2011) einen vollständig auf Chiac verfassten Roman.